1200 Jahrfeier Ein Prosit auf Weigenheim Festpredigt mit Zeitsprüngen

21.8.2022 Zeltgottesdienst in Weigenheim

Liebe Festgemeinde, liebe Weigenheimer( und wenn ich das so sage, sind immer die Weigenheimerinnen mitgemeint)!

 1200 Jahre Weigenheim! Dieses Jubiläum geht zurück auf das Jahr 822, als Weigenheim mit einer bischöflichen Urkunde verschenkt wurde. Einfach so! Wie hat es denn eigentlich mit Weigenheim angefangen? Natürlich hat es Weigenheim schon vor 822 gegeben.

Ich mache ich mit Euch eine Zeitreise. Ich sehe durch meine Leselupe und schwupp sind wir im 6.Jahrhundert. Aha, ich sehe einen Dorfältesten, Wigo heißt er. Der Wigo war wohl schon Christ, als er sich in Weigenheim mit seiner Sippe angesiedelt hat. Ich sehe einen Ortspfarrer, dem der Wigo Land und Wiese zur Verfügung gestellt hat.

Damals war es halt so, dass die Sippe das geglaubt hat, was der Sippenältester geglaubt hat. Und der Sippenältester hat den Glauben seiner Vorfahren übernommen. Seinen Vorfahren hatte irgendwann irische Mönche vom neuen Glauben erzählt. Der damalige Sippenälteste hatte den neuen Glauben übernommen und die Sippe machte es ihm nach.

Ich sehe, wie 742 Weigenheim zusammen mit Gollhofen vom Bistum in Würzburg übernommen wird. Auch wieder ein Geschenk. Klöster waren damals wichtig für die Christianisierung und Bildung in unserem Land. Irische Mönche wie der Kilian sind damals in der Frühzeit zu uns Franken gekommen und haben unseren Vorfahren den christlichen Glauben nahegebracht.

Ich sehe durch meine Leselupe und mache einen Zeitsprung ins Jahr 822.

822 schenkt also der Würzburger Bischof dann das Dorf Weigenheim dem Grafen Wickbold. Eine Urkunde besiegelt es. Das kommt öfters vor. Das Dorf Weigenheim samt Einwohnern wird als Pfand verliehen, verschenkt, dann wieder zurückgenommen und immer mussten dann die Weigenheimer tun und handeln wie es die neuen Herren vorgaben: die Hohenloher, dann das Kloster Heilsbronn, dann die Herren von Schwarzenberg. Es ist in dieser Zeit eines ganz selbstverständlich: Der Glaube der Weigenheimer hat zu katholisch zu sein. Alle sind in dieser Zeit katholisch, also auch ihr Weigenheimer. Die jeweiligen Herren haben auch ganz schön profitiert von dem Dorf. Kein Wunder wenn das Dorf immer wieder hin und hergeschenkt worden ist. Ah, in der Zeit, als Weigenheim zum Kloster Heilsbronn gehört, gibt es in Weigenheim zwar kein Kloster, aber ein paar Mönche gibt es schon. Diese Mönche sorgen dafür, dass der gute Weigenheimer Wein nach Heilsbronn ins Kloster kommt.

Ein Prosit auf Weigenheim (Weinglas)

Machen wir nun einen Zeitsprung von ein paar Jahrhunderten, einen Sprung ins mittelalterliche Weigenheim. Ich schaue uns mal an, wie meisten Weigenheimer  evangelisch geworden sind

Wie es im Mittelalter so üblich war, gab es ein paar wenige freie Herren und viele Leibeigene, die diesen Herren gehörten. Nicht anders ist es auch in Weigenheim. Die Weigenheimer gehören lange Zeit den Herren von Schwarzenberg.

 Anfangs wurden die Schwarzenberger Grafen evangelisch und die Untertanen mit ihnen ebenso. Die ersten beiden evangelischen Pfarrer sind Georg Sandritter 1558 und 1604 Valentin Conradi. Letzterer haben sie im Alter von 70 Jahren aus Weigenheim vertrieben, als die Herren von Schwarzenberg auf einmal katholisch wurden. Die Weigenheimer sollen auch wieder zum katholischen Glauben zurückkehren, weigern sich standhaft. Ich sehe eine Leerstelle, was die Pfarrstellen angeht: Von 1627 bis 1664 haben die Weigenheimer keinen evangelischen Pfarrer, 37 Jahre lang. Die Weigenheimer besuchen die evangelischen Gottesdienste in Geckenheim und Ulsenheim. Ich sehe, wie alle vier Wochen der katholische Pfarrer aus Hüttenheim kommt und einen katholischen Gottesdienst hält mit einer einzigen katholischen Familie. Der einzige Katholik ist der Schwarzenbergsche Förster. Später sehe ich, wie der katholische Pfarrer , der Arme, ganz ohne Teilnehmer aus Weigenheim in der Kirche seine Messe hält. Auch die Taufen finden 37 Jahre lang nicht in Weigenheim statt. Erst 1665 wird dann der dritte evangelische Pfarrer in Weigenheim nach 37 Jahren Leerstand installiert. Caspar Seyfarth, verstorben 1701 in Weigenheim. Ich selbst bin, wenn ich mich nicht verzählt habe, der 26. evangelische Pfarrer hier in Weigenheim seit der Reformation.

Mich als evangelischer Pfarrer beeindrucken diese 37 Jahre Gemeindeleben ohne evangelischen Pfarrer. Den Weigenheimern ist der evangelische Glaube wichtig. Sie wechseln nicht einfach ihren liebgewordenen evangelischen Glauben wie das Hemd. 37 Jahre sind sie ohne evangelischen Pfarrer ausgekommen. Es wird auch nicht so einfach gewesen sein, alle 4 Wochen den katholischen Pfarrer aus Hüttenheim zu einem Gottesdienst ohne Besucher erdulden zu müssen. Auch für den katholischen Pfarrer ist das sicher nicht schön.

Trinken wir auf die Weigenheimer Evangelischen! Prost

Ich sehe durch meine Leselupe und sehe, es gibt eine weitere Besonderheit im Laufe der Kirchengeschichte in Weigenheim: Machen wir deshalb einen weiteren Zeitsprung ins 1705 herum. Es gibt über Jahrhunderte auch jüdisches Leben in Weigenheim. Die Herren von Schwarzenberg hatten das Privileg, sogenannte Schutzjuden in ihrem Herrschaftsgebiet ansiedeln zulassen, auch in Weigenheim. Die ersten Weigenheimer Juden sind 1705 belegt, es gibt eine alte und eine neue Synagoge 1849 fertiggestellt. Diese wurde in der Nazizeit glücklicherweise nicht vernichtet, weil sie vorher schon lange vor der Nazizeit von der jüdischen Gemeinde verkauft worden ist. Pauline Rotschildt gehört zu ein paar Weigenheimer, die während der Nazizeit aus Weigenheim vertrieben und in den KZs verstorben sind.

Gedenken wir kurz an unsere jüdischen Weigenheimer.

Halten wir fest: Es gibt heute noch in Weigenheim eine Synagoge, in der jüdische Weigenheimer früher jüdische Gottesdienste gefeiert hatten. Es gab ein Nebeneinander und Miteinander und vereinzelt auch ein gewalttätiges Gegeneinander von evangelischen, jüdischen und vereinzelt auch katholischen Weigenheimern. Das gehört zur 1200 Jahre Weigenheimer Geschichte dazu: Der christliche Glaube wird auf unterschiedliche Weise gelebt, katholisch,  evangelisch, und auch jüdisch gelebt. Manchmal hat man sich deswegen auch die Köpfe eingeschlagen.

So, genug gesehen, springen wir in das 20.Jahrhundert. Es gab in den Jahrhunderten vorher sicherlich etliche Katastrophen, Kriegseinwirkungen, für die ich jetzt keine Zeit zum Zeitsprung habe. Wenn ich zur Neuzeit komme, komme ich nicht an einem Ereignis vorbei, an das wir heuer durch den Krieg in der Ukraine schmerzlich erinnert werden. Heute werden immer noch Dörfer und Städte in der Ukraine zerschossen. Heute brennen auch Kirchen und Kirchtürmer in der Ukraine, aber nicht nur Kirchen, sondern auch Krankenhäuser, Kindergärten, Wohnhäuser. Ähnlich wurden wurden von 1939 bis 1945 in Europa Gebäude zerbombt und Kirchtürmer in Brand geschossen. So auch am 10.4.1945 der Kirchturm in Weigenheim. Springen wir zu dem 10. April 1945:

Zeitzeuge Fritz Gall schreibt: Gleich darauf kam Frau Hahn, unsere Pfarrfrau, angerannt. Sie sagte, dass das Pfarrhaus brenne und bat mich beim Löschen zu helfen. Ich rannte mit ihr zum Brandort. Die angebaute Pfarrscheune war bereits abgebrannt, der Ostgiebel des Hauses war offen, und die Bücher brannten lichterloh. Mit Eimern trugen wir das Wasser vom Webersbrunnen an der brennenden Kirche vorbei zum Pfarrhaus. Die Saemanns Paula pumpte unermüdlich Wasser. Die Pfarrerseheleute und der Schmieds Fritz halfen noch bei den Löscharbeiten. Gemeinsam konnten wir das Pfarrhaus retten. Allerdings war es schon bereits Nacht. Die Glocke der Kirche stürzte vom Turm, das Gebälk krachte in sich zusammen, denn das Gotteshaus brannte schon am frühen Morgen. Langsam brannte der Turm wie eine Fackel. Kein Mensch kümmerte sich um die Kirche.

Wir denken kurz der Opfer der Weltkriege und auch des Krieges in der Ukraine.

1950 wird die Kirche feierlich eingeweiht. Man sieht es heute der Kirche nicht mehr an, dass sie einst fast abgebrannt hatte. Nur die Farbe des Kirchturmes fängt wieder an abzublättern, vielleicht weil 1945 beim Brand die Sandsteine ausgeglüht sind.

So jetzt springen wir zu dem heutigen Tag, 21.8.2022. Leselupe schauen. Die Kirche steht da, relativ neu hergerichtet. Ich sehe die vielen Gäste und Weigenheimer und freue mich, mit euch Zeitsprünge über 1200 Jahre Weigenheim gemacht zu haben.

Wir waren zu Anfang des christlichen Glaubens in Weigenheim. Über Jahrhunderte waren die Weigenheimer katholisch. Wir sahen Mönche den guten Wein bis nach Heilsbronn transportieren. Wir waren in der Zeit von Reformation und Gegenreformation mit der Besonderheit konfrontiert, dass die Weigenheimer 37 Jahre keine evangelischen Pfarrer gehabt hatten. Wir sahen neben den dann überwiegend evangelischen Weigenheimern gab es Jahrhundertelange auch jüdische Weigenheimer. Sie wohnten friedlich nebeneinander, bis sie dann in der Nazizeit deportiert worden sind. Wir landeten 10.4.1945 bei der niederbrennenden Kirche. Warum diese Zeitsprünge, warum erzähle ich das alles?

Die Weigenheimer Geschichte von mehr als 1200 Jahren ist auch eure Geschichte als Weigenheimer und ehemalige Weigenheimer. Für vieles, was in der Geschichte geschehen ist, können wir nichts. Wir wissen es nicht einmal, wann genau der christliche Glaube bei euch Weigenheimern angefangen hat. Ihr Weigenheimer habt eine stolze Glaubensgeschichte. Eure Väter und Mütter haben so manches alles ausgehalten und durchgemacht. Es ist nicht nur die evangelische Geschichte, auch katholische Vorgeschichte und die jüdische Geschichte eurer Vorfahren, die euch prägt. Für die nächsten sechs Jahr bin ich stolz, Weigenheimer auf Zeit zu sein. Gleichzeitig brauchten wir uns auch nicht zu viel darauf einbilden, weil keiner von uns von sich aus sagen kann: Mein Glaube ist der Beste! Unser Glaube hat eine Vorgeschichte und wir haben es letztlich nicht in der Hand, warum die einen evangelisch, andere wieder katholisch und wieder andere jüdisch geboren werden. Achtet eure Vorfahren, eure Geschichte. Christsein heute bedeutet nicht, genauso zu glauben, wie die ersten Weigenheimer geglaubt haben, auch nicht unbedingt genauso katholisch, evangelisch oder auch jüdisch zu glauben, wie früher Weigenheimer geglaubt haben.

Heute führe ich euch zur Frage: Wie ist es denn mit eurem Glauben bestellt? Euer Glaube ist eingebettet in eurer Familien- und Dorfgeschichte. Aber du darfst heute frei und selbstverantwortlich deinen Glauben leben, sogar deinen Unglauben oder nicht mehr Glauben können. Das ist ein großes Privileg gegenüber den früheren Zeiten.

Drei Kriterien für einen guten Glauben heute 2022:

1.Engagiert euch als Christen für den Frieden. Engagiert euch. Es dürfen keine Angriffskriege wie 1939 von Deutschland ausgehen. Der Angriffskrieg  2022 gegen die Ukraine muss beendet werden. Christlicher Glaube setzt sich für den Völkerfrieden ein und lässt sich auf keinen Fall vereinnahmen von den jeweiligen Herren und Tyrannen. Der Einsatz für den Frieden kann auch der wehrhafte Einsatz gegen einen Feind, der andere Völker und Menschen unterdrückt und auslöscht.

2. Moderner christlicher Glaube akzeptiert den Glauben anderer: Heute begegnen wir in unserer global vernetzten Welt neben dem katholischen Glauben auch dem orthodoxen Glauben (ukrainisch, russisch, griechisch- orthodox in allen Schattierungen.) Wir begegnen im heutigen Deutschland Gott sei Dank dem jüdischen Glauben. Und auch der muslimische Glaube gehört auch zur Glaubenswelt in Deutschland. Und immer mehr begegnen wir in Deutschland, die mit traditionellen religiösen Glauben gar nichts am Hut haben und gar nichts glauben können.

Man muss nicht alles gutheißen, was andere glauben oder nicht glauben, aber wir leben nebeneinander und miteinander friedlich in einer Demokratie, in der Konflikte und Probleme nicht mehr gelöst werden, dass man den anderen erschlägt. Darum setzt euch für ein tolerantes Menschenbild in unserer Gesellschaft ein, das die anderen als Bereicherung empfindet.

3. Nehmt euch eure Vorfahren zum Vorbild. Sie standen treu zu ihrem Glauben und haben sich doch immer auch angepasst und verändert. Mich hatte beeindruckt, dass die Weigenheimer 37 Jahre ohne evangelischen Pfarrer zu ihrem Glauben gestanden sind. Wir leben heute in Zeiten, wo Pfarrhäuser vermietet und verkauft werden, nicht mehr alle Kirchen erhalten werden können und es nicht mehr sicher ist, dass jede Gemeinde auch weiterhin ihren Pfarrer haben wird. Schon in den Jahrhunderten vorher hat sich Kirche immer gewandelt und Veränderungen kommen auch auf uns zu. Aber vertraut darauf, Gott hat eine Geschichte auch mit Euch Weigenheimern. Der Glaube vor Ort und weltweit wird sich verändern. Das ist auch gut so. Aber euer Glaube wird auch weitergehen, wenn er euch Weigenheimern wichtig ist. Gebt das, was euch in euer Glaubensgeschichte wichtig geworden ist, was euch geprägt  hat, weiter an eure Kinder und Kinderkinder. Dann wird eurer Glaube euch auch weiterhin Kraft und Mut geben, die Herausforderungen und Krisen dieser Welt zu bewältigen. Amen.

Prosit auf die Weigenheimer!

II. Manche Menschen wissen nicht…

Manche Menschen wissen nicht,

wie wichtig es ist,

dass ich da bin.

Manche Menschen wissen nicht,

wie gut es tut,

mich zu sehen.

Manche Menschen wissen nicht,

wie tröstlich

mein Lächeln wirkt.

Manche Menschen wissen nicht,

wie wohltuend

meine Nähe ist.

Manche Menschen wissen nicht,

dass ich ein Geschenk des Himmels bin.

Oft genug habe ich es sie wissen lassen

Aber nun ist es genug.

Ich gestehe es ihnen zu,

dass sie sich nicht für mich interessieren.

Es ist gut,

ich komme auch

gut

ohne sie aus.

Wichtig ist, dass ich weiß,

dass ich da bin.

Wichtig ist, dass ich weiß,

wie gut es mir tut,

mich zu sehen.

Wichtig ist, dass ich weiß,

wie ich mich selbst

trösten kann.

Wichtig ist, dass ich weiß,

wie wohltuend

meine Nähe ist

und ich mit mir selbst befreundet bin.

Wichtig ist, dass ich weiß,

dass ich für mich selbst ein Geschenk des Himmels bin.

Denn in meinem Universum

bin

ich

der wichtigste Mensch.

Und das ist nicht egoistisch,

sondern menschlich.

Manfred Lehnert eine Abänderung zu Paul Celan

I. Manche Menschen wissen nicht…

Manche Menschen wissen nicht,

                                                       wie wichtig es ist,

                                                    dass sie einfach da sind.

                                                Manche Menschen wissen nicht,

                                                        wie gut es tut,

                                                       sie nur zu sehen.

                                                Manche Menschen wissen nicht,

                                                         wie tröstlich

                                                    ihr gütiges Lächeln wirkt.

                                                Manche Menschen wissen nicht,

                                                        wie wohltuend

                                                         ihre Nähe ist.

                                                Manche Menschen wissen nicht,

                                            dass sie ein Geschenk des Himmels sind.

                                                       Sie wüssten es,

                                                   würden wir es ihnen sagen.

                                                          Paul Celan

die freiheit ein mensch zu sein

als ich geboren wurde

hat mich keiner gefragt

wann und wie ich sterben werde

liegt auch nicht in meiner hand

und zwischendrin

mein leben

auch nicht

ich bin mensch

und ich bin frei

frei mich

dem Leben anzuvertrauen

die einen werden 94 oder 100

alt und lebenssatt

oder alt und lebensüberdrüssig

die anderen sterben

mit 40 – 30 – 20  oder früher mit 18

jung und lebenshungrig

oder jung und lebensüberdrüssig

ich bin mensch

und ich bin frei davon

 über meine lebensspanne entscheiden zu müssen

nicht eine Sekunde                

bestimme ich darüber

das macht mich frei

die einen hängen am besitz und geld

möchten am liebsten darüber bestimmen

über ihren tod hinaus

die anderen haben keines und hätte es gerne

und sterben am ende auch

ich bin mensch

und ich bin frei davon

am besitz zu kleben

oder nach besitz zu streben

wieder andere gieren nach macht

zetteln deswegen kriege an

haben angst um ihre macht

und verlieren sie am ende

ich bin mensch

und ich kann mich frei machen von macht und gier

nichts davon muss mich einzwängen

andere leiden unter den von anderen angezettelten kriegen

und haben keine macht

hätten aber gerne

und sterben am ende auch

ich bin mensch

und ich bin frei

für andere dazu sein

ohne die welt retten

oder erlösen zu müssen.

So bin ich frei

ein mensch zu sein

Über sieben Brücken

„Über sieben Brücken musst du gehn,

sieben dunkle Jahre überstehn,

sieben mal wirst du die Asche sein,

aber einmal auch der helle Schein.“

Helmut Richter 

Ein heller Schein sein –

darunter stelle ich mir einen Menschen vor,

der seinen inneren Frieden gefunden hat,

der ausgesöhnt ist mit sich selbst,

der im Einklang lebt mit Gott

im Einklang mit  seinen Mitmenschen und mit der ganzen Mitschöpfung.

Über sieben Brücken musst du gehen,

um im Einklang mit

dir,

der Welt

und Gott

zu sein:

Über die Brücke

des Glaubens,

musst du gehen.

Manchmal mit dem Glauben

allen Unglauben, Zweifel, Kritik

überbrücken.

Darum vertrau dem Leben!

„Über sieben Brücken musst du gehn,

sieben dunkle Jahre überstehn,

siebenmal wirst du die Asche sein,

aber einmal auch der helle Schein.“

Über die Brücke

der Liebe

musst du gehen

Diese Brücke ist die wichtigste.

Darauf kommt es im Leben an,

diese Brücke zu überschreiten,

liebe dein Leben leidenschaftlich!

„Über sieben Brücken musst du gehn,

sieben dunkle Jahre überstehn,

siebenmal wirst du die Asche sein,

aber einmal auch der helle Schein.“

Über die Brücke

der Hoffnung

musst du gehen.

Manchmal gerade dann,

wenn alles hoffnungslos ist.

Darum gib niemals auf!

Hoffe stets das Beste!

„Über sieben Brücken musst du gehn,

sieben dunkle Jahre überstehn,

siebenmal wirst du die Asche sein,

aber einmal auch der helle Schein.“

Über die Brücke

der Weisheit

musst du gehen.

Spätestens am Ende deines Lebens weißt du:

Alles, was ist, ist vergänglich, weißt du.

Darum unterscheide,

was wichtig und was weniger wichtig ist!

„Über sieben Brücken musst du gehn,

sieben dunkle Jahre überstehn,

sieben mal wirst du die Asche sein,

aber einmal auch der helle Schein.“

Über die Brücke  

der Gerechtigkeit

musst du gehen.

Frieden wächst,

wo auf darauf geachtet wird,

dass es fair und gerecht zugeht.

Darum setze dich mit Herzblut ein für die Schwachen!

„Über sieben Brücken musst du gehn,

sieben dunkle Jahre überstehn,

sieben mal wirst du die Asche sein,

aber einmal auch der helle Schein.“

Über die Brücke 

der Tapferkeit

musst du gehen.

Tapferkeit ist der Mut,

der die Angst kennt, sie aber überwindet.

Darum sei tapfer, sei mutig, sei wahrhaftig!

„Über sieben Brücken musst du gehn,

sieben dunkle Jahre überstehn,

sieben mal wirst du die Asche sein,

aber einmal auch der helle Schein.“

Über die Brücke 

der Mäßigung

musst du gehen.

Im Leben „Maß halten“,

nicht zu viel und nicht zu wenig

Darum sei maßvoll, nicht maßlos!

Lass es dir genügen!

„Über sieben Brücken musst du gehn,

sieben dunkle Jahre überstehn,

sieben mal wirst du die Asche sein,

aber einmal auch der helle Schein.“

Mein Mut und mein Trost in dieser Welt

Gott ist da.

Es ist nicht so,

dass nichts passieren kann.

Es ist so, dass,

wenn etwas Schlimmes in meinem Leben

oder in unserer Welt passiert,

es jemand gibt,

der mir Mut machen kann:

Gott.

Das gibt mir Mut.

Das tröstet mich.

Bin ich von einem anderen Stern?

Was mache ich hier auf dieser Erde eigentlich?
Manchmal komme mir vor wie von einem anderen Stern!
Warum ist diese Gesellschaft so verrückt und gespalten?
Warum zerstören die Menschen die Natur, die doch Grundlage aller ist?
Warum gibt es Krieg? Warum Hass und Gewalt?

Warum gibt es so viel Leid?
Warum machen wir uns das Leben so schwer?
Warum verstehen die Menschen sich nicht?
Bin ich etwa der Einzige, der sich solche Gedanken macht?

Wir sind doch alle miteinander verbunden,

global vernetzt,

spirituell vernetzt,

von dem, was wir „Gott“ nennen,

aufgefangen, umwoben.

Abschiedspredigt vom 16.1.22

Micha 6,8  Bezugnahme auf Antrittspredigt 14.10.18 Trautskirchen

und Abschiedspredigt am 16.1.22 Trautskirchen

So fing ich am 14.10. 2018 an:

„Liebe Trautskirchener Gemeindeglieder, liebe Festgemeinde!

Ich sehe in viele Gesichter. Erwartungsvolle, neugierige Gesichter. Was ist das für einer, der sich nach Trautskirchen traut?“   

Und an der Stelle lachten viele. Der sich nach Trautskirchen traut. Das Lachen verriet mir, dass es  nicht so einfach werden würde.

Ich bin der Pfarrer, der sich vor drei Jahren nach Trautskirchen getraut hat

Und ich bin der, der sich traut, schon nach drei Jahren wieder wegzuziehen. Es war für mich in der Tat beides ein mutiger Schritt, beides eine freie Entscheidung, beides auch mit alternativen Möglichkeiten.

Ich sprach damals davon, dass man auch einen Pfarrer oder eine Gemeinde auf Zeit haben kann Ich sagte damals: „Ich bin auf Zeit da, vielleicht zehn Jahre, vielleicht auch weniger.“ Und ahnte nicht, dass es nur drei Jahre sein würden. Ich sagte damals: “Wir haben uns immer nur auf Zeit. Deshalb sollten wir achtsam leben und diese Zeit miteinander hier in Trautskirchen als Geschenk begreifen.

Ich hatte dann über den damaligen Wochenspruch aus Micha gepredigt.

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist…

So fängt er an. Und ich sagte damals: „Ich will gemeinsam mit euch überlegen, was gut ist für uns in Trautskirchen und die andern Menschen.“

Was ist gut?

Gut ist, was nützlich ist. Und zwar nicht nur gut für den einzelnen Menschen, sondern auch gut für eine Gemeinschaft – sogar gut  für die ganze Menschheit. Gut ist also alles, was uns Menschen nützt.

Was ist „gut“?

Heute verstehe ich das so: Das Gute tun ist immer auch im Blick auf die Gemeinschaft. Was der Gemeinschaft oder Gesellschaft nützt, das tut, z.B. Lasst euch impfen. Dann tut ihr euch und eurer Gesellschaft etwas Gutes!

Aber was ist das Gute?

Gottes Wort halten. Martin Luthers Übersetzung ist hier nicht wirklich gut.

Das trifft es nicht ganz. Das ist keine gute Übersetzung. Richtig: Recht tun.

8 Es wurde dir gesagt, Mensch, was gut ist

das Rechte tun,

1. Was ist gut? Gut ist: Wenn wir darauf achten, das Rechte zu tun.  Gut ist, wenn wir für benachteiligte Menschen eintreten, für die Schwachen der Gesellschaft.

Glaubwürdig ist das nur, wenn wir es in die Praxis umsetzen. Glaubwürdig ist das nur, wenn wir Recht tun. Nicht nur davon reden.“

Ich sagte dann:

„Daran sollt ihr mich ruhig messen. Ich möchte recht tun, glaubwürdig sein und werbe darum, mir als Pfarrer zu vertrauen.“

Ich hatte damals auch die Situation in Trautskirchen vor Augen. Damals ahnte ich nicht, wie schlimm die Situation tatsächlich war.

Recht tun, ist nicht einfach, wenn in einer Gemeinde vielen Menschen augenscheinlich Unrecht über Jahre angetan worden ist. Recht tun ist schwer bis unmöglich, wenn viele Menschen schlichtweg die Nase voll haben von Kirche und kirchlichen Vorbildern.

Eine für mich wichtige Erfahrung war für mich als Pfarrer in diesen drei Jahren: Ich habe Einblick bekommen, wie in Konfliktfällen von den Kirchenoberen  eher zugedeckt als aufgedeckt wird, wie Unrecht eher unter den Teppich gekehrt wird, statt aufgearbeitet.

Ich verstehe inzwischen, warum Menschen von Kirche die Nase voll haben, warum sie aus der Kirche austreten oder sich nicht mehr am Leben der Gemeinden beteiligen. Ich staune inzwischen darüber, wie Menschen trotz allem, was in Kirche an Unrecht geschieht, dran bleiben, drin bleiben, sich engagieren. Hier mein Dank an die Mitglieder des Kirchenvorstandes, die mir den Rücken gestärkt haben. Wir haben nicht aufgegeben, dass Unrecht als Unrecht benannt wird. Und ich habe den Menschen zugehört. Mehr ging manchmal einfach nicht.


„2. Was ist gut? Liebe üben. So übersetzt Luther. Auch nicht ganz richtig.

Was wirklich gut ist, einander freundlich begegnen.


In den drei Jahren sind mir viele Menschen freundlich begegnet. Ja, es gab viele gute zwischenmenschlichen Begegnungen, bei denen mir das Herz aufgegangen ist, und auch das Herz der anderen.

Ja, ich habe auch Menschen kennengelernt,

die aus welchen Gründen auch immer mir nicht so freundlich begegnet sind. Ich hatte mich darauf eingestellt. Und war nicht überrascht.

Hier und da werden Menschen ihren Frust mit der Kirche auf mich als Pfarrer projiziert haben.

Hier und da haben sie wohl mich selbst gemeint, mit meinen eigenen Fehlern und Unvollkommenheiten. Natürlich habe ich in den drei Jahren auch Fehler gemacht. Natürlich war ich nicht vollkommen, nicht perfekt, hier und da war ich auch meinen eigenen Ängsten und Launen ausgesetzt. Wo das dir widerfahren ist und du dich über mich geärgert hast, bitte ich dich um Entschuldigung. Auch ich kann nicht immer freundlich sein.

Ich habe mich gerade während der Coronazeit darüber gefreut, manchmal danach gelechzt , wenn mir Menschen freundlich begegnet sind.

Es ist ja nicht so einfach, in dieser Coronazeit, dass wir einander freundlich begegnen konnten. Zuviel Abstand, zu viel Masken, es Zeiten, da konnten wir uns nicht einmal sehen. Gerade in dieser Coronazeit ist mir immer wieder bewusst geworden: Wir Menschen leben von freundlichen Worten, freundlichen Gesten, freundlichen Blicken.

Ich sagte damals:

„Freundlichkeit ist so etwas wie der Kitt in der Gesellschaft.“

Ich ahnte damals nicht, dass das Querdenken von Menschen sowas, wie der Spaltpilz in unserer Gesellschaft sein würde. Wer querdenkt, denkt in der Regel nicht an seine Mitmenschen. Aber dem Spaltpilz können wir den Kitt entgegensetzen: Freundlich sein, selbst wenn es den anderen wurscht ist. Freundlichkeiten sind der Kitt, der alles zusammenhält. Freundlichkeit bereichert auf jeden Fall unser Leben ist einfach gut.

Heute lese ich mit der Basisbibel: E ists noch einfacher

Manchmal sind Freundlichkeiten schon zu viel verlangt. Manchmal langt es, wenn wir es uns so sagen lassen: Es wurde dir gesagt, Mensch, was gut ist: Habe einfach

Nachsicht mit den anderen. Du machst Fehler, die anderen machen Fehler. Also, sei nachsichtig. Das ist gut.


3. Und nun das Dritte: Luther übersetzt Demütig sein vor Gott.   Damals sagte ich:

Demütig sein vor Gott. Heißt für mich:  Geh behutsam mit deinem Gott.“


Mit der Betonung auf „Gehe“. Gehe mit Gott. Vertraue nicht nur darauf, dass Gott deine Wege mitgeht.

Gehe deinen Weg mit Gott behutsam– warum behutsam?
Gut ist ein Glaube an Gott, gut ist ein mit Gott gehen, das mich selbst und meine Mitmenschen nachkommen lässt. Wer kann schon mit Gott Schritt halten? Gott ist viel langsamer, behutsamer als wir in unserem pausenlosen Schnellgang.“

Das waren damals meine Worte, so hatte ich damals Demut vor Gott verstanden.

Heute lese ich in der BB:

Gehe bewusst den Weg mit deinem Gott.“

Ich gehe bewusst den Weg mit meinem Gott. Es ist nicht unbedingt mein Weg, den ich mir in den Kopf gesetzt habe. Ich gehe den Weg mit meinem Gott, egal wo es hingeht.

Hingekommen bin ich, sind wir in eine der schlimmsten Zeiten von Corona. Ich hoffe, dass wir sie bald durchschritten hab en. Aber es ist für mich eine Gotteserfahrung, die ich während der Coronazeit gemacht habe, machen durfte und ich durfte sie mit ein paar wenigen teilen.

Und ich habe diese Gotteserfahrung in den Zeiten gemacht, in der alles zu war, keine Gottesdienste, keine Kirchen, keine kirchlichen Traditionen wie Konfirmation, Nichts!

Als nichts los war,

als nichts war,

war nicht nichts!

Als nichts los war,

als nichts war,

war nicht nicht Gott,

Gott war da.

Das war meine persönliche Gotteserfahrung.

Gott war da, als ich keine Gottesdienste besuchen, geschweige denn halten konnte.

Gott war da, als in unseren Gemeinden alles zum Stillstand gekommen ist.

Gott war da für mich, obwohl ich mir sage: Mich braucht wohl keiner mehr, nicht zu den Gottesdiensten, nicht zu Seelsorgegespräche, nicht zu Besuchen. Es war eine fast ebenso tiefe Erfahrung: Nicht gebraucht zu werden. Aber die Gotteserfahrung war tiefer: Auch wenn ich von den Menschen und selbst von Gott nicht mehr gebraucht werde, finde ich doch ein Ja zu mir in den tiefsten Tiefen meines Seins. Gottes Ja.

Und dieses Ja macht mich demütig. Ich weiß jetzt: So wichtig bin ich nicht. Ich weiß, es gibt Zeiten, da werde ich nicht gebraucht. Es gibt Zeiten, da bin ich zu nichts mehr zu gebrauchen. Das macht mich demütig. Aber Gott – nein, er braucht mich nicht. Er liebt mich, obwohl er mich eigentlich gar nicht bräuchte.

So haben mich die stillgelegten Gotteshäuser und das darniederliegende Gemeindeleben, auch die Gottesdienste mit 10 Leuten diese Gotteserfahrung vom Demütig sein vor Gott machen lassen. Gott geht seinen Weg und ich kann mitgehen oder es sein lassen.

Corona hat mich gelehrt, demütig mit meinem Gottesglauben und meinem Gottesbild umzugehen. Ich habe meinen Glauben nicht in der Hand, Ich habe Gott nicht in der Hand. Wir haben unseren kirchlich geprägten Glauben nicht in der Hand. Wir haben Gott nicht in der Hand.

Wir Menschen machen Pläne, Kirche macht Stellenpläne. Aber Gott macht sein eigenes Ding. Das ist meine eigene Erfahrung zuletzt im Sommer des letzten Jahres. Womit man fest gerechnet hatte, ist auf einmal nicht mehr zu rechnen. Auf einmal geht nichts mehr.

Aber dann tut sich doch ganz woanders ein Türchen auf.

Aber verstehen tue ich nichts davon, warum und wieso alles so gekommen ist. Aber Gott geht seinen Weg, wie das Leben seinen Weg geht. Ich kann mitgehen und gestalten oder es sein lassen und erleiden. Ich habe mich zu Ersteren entschieden, gehe bewusst den Weg mit meinem Gott.

Oft genug verstehe ich Gott genauso wenig wie ihr.

Und ich habe auch keine Antworten, was die Zukunft unserer Kirche angeht.

Ich weiß nur: Gott ist da, selbst wenn wir Pfarrer nicht mehr gebraucht werden, Gott ist da, selbst wenn die Kirchen nicht mehr gebraucht werden. Selbst wenn Gott nicht mehr von den Menschen gebraucht wird. Gott ist da.


Es wurde dir gesagt, Mensch, was gut ist

und was der HERR von dir erwartet:

das Rechte tun, Nachsicht mit anderen haben

und bewusst den Weg mit deinem Gott gehen. Amen           

Kein Seelenverkäufer

Ich gründe mich nach Kräften im Evangelium,

in der guten Nachricht,

dass ich, so wie ich bin, geliebt und angenommen bin,

bedingungslos

und Gott alle Menschen liebt,

also auch mich.

Darin bin ich fest gegründet

Und fest verwurzelt.

Aber ich verkaufe mich nie an die Kirche!

Nicht meine Seele, nicht meine Arbeitszeit,

nicht meinen Glauben,

nicht meine Freiheit.

Wenn Kirche meine Seele vor lauter Angst aufessen will,

meine Arbeitszeit mir vorschreiben,

meine Glauben mir vorsagen,

meine Freiheit mir nehmen will,

stehe ich auf und sage Nein.

Ich sage kritisch Nein zu allem, was in der Kirche falsch läuft.

Ich kann meiner Kirche nur dienen, indem ich sie bei allem Respekt kritisch begleite.

Geschenk des Himmels

                                                Manche Menschen wissen nicht,

                                                       wie wichtig es ist,

                                                    dass sie einfach da sind.

                                                Manche Menschen wissen nicht,

                                                        wie gut es tut,

                                                       sie nur zu sehen.

                                                Manche Menschen wissen nicht,

                                                         wie tröstlich

                                                    ihr gütiges Lächeln wirkt.

                                                Manche Menschen wissen nicht,

                                                        wie wohltuend

                                                         ihre Nähe ist.

                                                Manche Menschen wissen nicht,

                                            dass sie ein Geschenk des Himmels sind.

                                                       Sie wüssten es,

                                                   würden wir es ihnen sagen.

                                                          Paul Celan