Leben und lieben wie ER

Trautskirchen, 9.7.21  Mt 28,16-20

Liebe Gemeinde

Was waren eigentlich die letzten Worte Jesu im Matthäusevangelium? Nein, nicht „ Eli, Eli lama asabthani.“ Nein, nicht „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen. Das sind im Matthäusevangelium die letzten Worte Jesu am Kreuz, bevor er gestorben ist. Aber die Geschichte Jesu geht weiter. Jesus wird von Gott auferweckt. Und als Auferstandener sagt Jesus zu seinen Jüngern diese letzten Worte:

„Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

So hört das Matthäusevangelium auf mit diesen Worten: „Siehe, ich bin bei euch,“ Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Das sind Jesu letzte Worte.

„Klar ist Jesus bei uns. Das ist doch selbstverständlich!“ möchte ich hier einwenden. Aber so selbstverständlich ist das gar nicht. Wer kann das schon versprechen: „Ich bin bei dir alle Tage!“?

Kein Mensch kann immer bei mir sein. Selbst der Ehepartner nicht. Wer wird bei uns sein, wenn es darauf ankommt? Nicht einmal bei den eigenen Kindern kann man da so sicher sein. Schon zu viele Menschen habe ich kennen gelernt, die von ihren Kindern und Enkelkindern alleingelassen worden sind.

Kein Mensch kann immer bei mir sein. Schon gar nicht alle Tage meines Lebens. Auch ein Pfarrer ist nicht für immer da. Ich habe euch nie versprochen: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Das wäre wirklich viel zu viel versprochen.

Kein Mensch, auch kein Pfarrer, kann dieses Versprechen auch nur annähernd einlösen. Ich habe das am Freitag gemerkt, als ich drei Besuche wegen den Überschwemmungen nicht machen konnte. Kein Durchkommen möglich.

 Kein Mensch kann immer da sein. Nicht rund um die Uhr, nicht Tag und Nacht, nicht Woche für Woche bis zum Ende aller Tage. Kein Mensch kann immer für andere da sein. Kein Mensch kann alle Tage deines Lebens für dich und mich da sein.

Das kann nur Jesus. Nicht der Mensch Jesus, sondern Jesus der Christus, der Messias, den Gott auferweckt hat und nun zur Rechten Gottes sitzt, der kann dir und mir versprechen:

Ich bin bei dir, ohne wenn und aber, jede einzelne Stunde deines Lebens bis ans Ende dieser Welt.

Ich bin bei euch. Das sagt Jesus. Was auch kommen mag, ich bin bei euch.

„Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Luther

„Seid gewiss: Ich bin immer bei euch,

jeden Tag, bis zum Ende der Welt.« Basisbibel

Das sind Jesu letzte Worte. Er sagt sie zu seinen Jüngern bei seinem letzten Abschied hier auf Erden. Ich möchte uns die ganze Geschichte vorlesen. Es ist eine Geschichte voller tiefer Symbolik. Und jeder kann darin sein eigenes Leben hier wieder finden.

16 Die elf Jünger gingen nach Galiläa.

Sie stiegen auf den Berg,

wohin Jesus sie bestellt hatte.

17 Als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder.

Aber einige hatten auch Zweifel.

18 Jesus kam zu ihnen und sagte:

»Gott hat mir alle Macht gegeben,

im Himmel und auf der Erde.

19 Geht nun hin zu allen Völkern

und ladet die Menschen ein,

meine Jünger und Jüngerinnen zu werden.

Tauft sie im Namen

des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!

20 Und lehrt sie, alles zu tun, was ich euch geboten habe!

Seid gewiss: Ich bin immer bei euch,

jeden Tag, bis zum Ende der Welt.«

„Elf Jünger gingen nach Galiläa. Sie stiegen auf den Berg…“

Elf  waren den Berg hoch gewandert, wohin Jesus sie bestellt hatte.  Wort für Wort fast  können wir diese Geschichte für uns erschließen:

Elf Jünger. Ein ganz kleiner Haufen. zwölf Jünger waren sie noch vor kurzem gewesen. Einer von ihnen hatte sich das Leben genommen. Das muss sie alle schrecklich getroffen haben. Einer von ihnen hatte Jesus verraten und hat dies nicht verkraftet. Dazu finde ich Gott sei Dank keine Parallele zu uns heute. Aber jeder von uns weiß um den Verlust von Menschen durch Unglück, Krankheit und Schicksalsschläge. Da fehlt uns jemand. Der 12., der sonst immer dabei war.

Gehen wir zurück zu unserer Geschichte. Wir sind an einer Stelle, wo wir uns nicht unbedingt wieder finden: Diese 11 Jünger waren ja voller Fragen. Ihnen ist mit dem Tod Jesu am Kreuz so vieles Selbstverständliche zerbrochen. Und so waren diese 11 Jünger voller Fragen:

Was wird denn jetzt aus uns?

Wir sind nicht mehr vollzählig, einer fehlt!

Wie soll es mit uns weiter gehen?

Wir können doch auch fast nicht mehr!

Wir haben doch auch keine Kraft mehr. Und keinen Mut. Unser Glaube ist doch auch gar nicht mehr so stark. Er ist doch am Zerbrechen wie vor kurzem bei Judas, der sich erhängt hat.

Wir müssen uns nicht in genau derselben Situation der Jünger von damals wieder finden. Aber es gibt sicherlich Zeiten in unserem Leben, in denen wir uns genauso wieder finden und uns genauso fühlen:  Schwach, ohne Hoffnung, verzagt.

So haben sich damals jedenfalls die Jünger gefühlt. Und nun müssen sie auch noch nach Galiläa gehen. Weg von Jerusalem in die Provinz. Galiläa, das ist Provinz, das ist Werktag, das ist grauer Alltag. Da ist nichts mehr los. Da ist nicht mehr viel zu erwarten. Nach Galiläa laufen, das bedeutet: Der Alltagstrott beginnt. Da muss man schuften in Galiläa. Da kennen einen die Leute in Galiläa. Die reden über einen, die Leute in Galiläa. Soll man ausgerechnet da Jesus begegnen, in Galiläa, im Alltag, im grauen Alltag?

Dorthin hatte Jesus die Jünger geschickt, nach Galiläa, wo nichts los ist und nichts Besonderes zu erwarten ist. Aber das ist noch nicht alles. In Galiläa angekommen sollen sie auch noch auf einen Berg steigen. Der Berg, den sie da mühsam hinaufsteigen, das ist nichts für abenteuerlustige Touristen.

Der Berg, das ist die Last, die wir zu bewältigen haben.

Der Berg, das ist vielleicht der morgige Tag:         

Was wird der morgige Tag mir an Sorgen und Problemen bringen?

Der Berg, das sind alle Probleme und Sorgen und Schwierigkeiten, die sich auf einmal vor einem auftürmen, so schwer, so groß.

Kein Wunder, wenn dieser Berg dir und mir dann so schrecklich Angst macht.

Und schon wieder bedrängen die Jünger die Fragen:

Muss es denn unbedingt ein Berg sein, den wir da hochsteigen müssen? Warum kann uns Jesus nicht im flachen Tal begegnen? Warum ist Glaube manchmal so mühselig und so schwer? Warum türmen sich vor mir Berge von Sorgen, Schwierigkeiten und Problemen auf, wo ich doch Christ bin? Warum ist Glaube oft genug kein schöner, ebener Weg?

Trotz aller Sorgen, Schwierigkeiten und Probleme, trotz aller offenen Fragen steigen die Jünger auf den Berg in Galiläa. Und es hat sich für sie gelohnt. Sie erleben einen dieser seltenen Augenblicke der Gottesbegegnung.  Noch einmal für einen winzigen Moment der Ewigkeit: Jesus kommt ihnen ganz nahe. Sie begegnen dem auferstandenen Herrn. Sie stehen ihm gegenüber wie ich Euch gegenüberstehe. Wir könnten neidisch auf sie sein, wenn es da nicht auch ausdrücklich heißen würde:

17 Als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder.

Aber einige hatten auch Zweifel.

Es ist schon seltsam. Während dieser unglaublichen Begegnung mit dem auferstandenen Herrn, lesen wir: Einige aber zweifelten.  Einige von diesen 11 Jüngern zweifelten. Nicht einer, nicht zwei. Mindestens drei, vier, viele zweifelten auf diesem Berg der Gottesbegegnung. Obwohl ihnen Jesus doch ganz nahe war.

11 Jünger waren es, so wenige. Und nicht einmal diese wenigen waren sich ihres Glaubens gewiss.

Es überrascht mich. Noch mehr aber freut es mich, dass das nicht verschwiegen wird: Dass da einige zweifelten. Auch im engsten Jüngerkreis gab es das also.  Selbst bei dieser letzten Jesusbegegnung ist der Zweifel bei den Jüngern nicht ganz verbannt. Und das wird nicht vertuscht oder verschwiegen, sondern ganz einfach berichtet:  Auch Jünger zweifeln. Auch Christinnen und Christen zweifeln und dürfen zweifeln. Mit keinem Wort hat Jesus den Zweifel einiger seiner Jünger kritisiert.

Dann trat Jesus auf sie zu und sprach zu ihnen, heißt es. Das heißt, den ersten Schritt macht Jesus. Er kommt ihnen buchstäblich entgegen. Er hält sie sich nicht auf Distanz. Er geht auf sie zu und macht den ersten Schritt.

So macht er es doch auch bei uns. Er kommt doch auch uns entgegen. In unseren ganzen Fragen. Und in unseren Zweifeln. Und in unseren Sorgen, Schwierigkeiten und Problemen. Und wenn der Berg noch so hoch ist, er lässt uns nicht hoffnungslos umherirren, wenn wir nur noch ratlos sind. Er weist uns nicht zurück, wenn wir zweifeln oder nicht so recht glauben können. Wer zu mir kommt, sagt er, den stoße ich nicht zurück, sagt er. Immer wieder kommt er auf uns zu, berührt uns sanft und richtet uns auf: Er nimmt uns an, so wie wir sind. Und dann macht er uns auf etwas aufmerksam:

»Gott hat mir alle Macht gegeben,

im Himmel und auf der Erde.“

Exusia, im Urtext. Das gleiche Wort, das die Menschen über Jesus von Nazareth sagten: Der redet mit Vollmacht und nicht wie Schriftgelehrte in ihrem Elfenbeinturm.

Der Auferstandene hat noch mehr Exusia, noch mehr Vollmacht: im Himmel und auf der Erde. Von jetzt an Vollmacht überall.

Verwechseln wir die Vollmacht nicht mit Macht, wie es viele Christen verwechselt haben und mit weltlicher Macht Mission verbreitet haben. Das hat mit seiner Vollmacht nichts zu tun. Es ist kein Missionsbefehl, sondern eine Vollmacht, an der er alle seine Jünger und Jüngerinnen teilhaben lässt. Als seine Jünger habt auch ihr Vollmacht. Ihr habt Vollmacht, im Namen Jesu zu reden, zu handeln, zu leben.

Und dann hat er auch für uns einen Auftrag.

Nicht schon wieder, höre ich mich sagen, bin echt bedient von dem letzten Auftrag. Ich habe keine Bock mehr auf noch mehr Aufträge.

Keine Angst, höre ich Jesus zu mir sagen: Dieser Auftrag ist nichts Schlimmes und für Dich keine Last.

Hören wir erst einmal hin, wie dieser Auftrag lautet, den Jesus zunächst an die 11 Jünger gerichtet hat:

19 Geht nun hin zu allen Völkern

und ladet die Menschen ein,

meine Jünger und Jüngerinnen zu werden.

Tauft sie im Namen

des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!

Ich kann euch Jünger und Jüngerinnen gebrauchen. So verstehe ich diesen fälschlicherweise so genannten Missionsbefehl Jesu. Das ist kein Befehl und ein Missionsbefehl schon gar nicht. Es ist ein: „Du wirst noch gebraucht.“ Es ist ein „Dein Leben hat Sinn, trotz allem.“ Nichts ist umsonst und für die Katz. Alles hat seinen Sinn. Und du bist dabei!

Ladet mit eurem Leben die Menschen ein, meine Jünger und Jüngerinnen zu werden.

Das Leben der Jünger bekommt mit einem Male einen Sinn durch diesen Satz. Er kann sie noch gebrauchen: seine Jünger und Jüngerinnen:

Er kann diese Zweifler gebrauchen. Er kann diese ungebildeten Fischer gebrauchen. Er kann auch diese ehemaligen Zöllner und Sünder gebrauchen. Er kann diese kleinen Leute gebrauchen. Er kann diese paar Hansel mit ihren Sorgen, Schwierigkeiten und Problemen gebrauchen.

Mit diesen 11 Jüngern will Jesus die Welt verändern. Und er hat sie verändert. Und er wird auch unsere Welt mit uns elf Christen verändern.

19 Geht nun hin zu allen Völkern

und ladet die Menschen ein,

meine Jünger und Jüngerinnen zu werden.

Geht zu  allen Völkern. Alle Völker. Oder geht wenigstens zu euren Kindern. Macht sie nicht bloß zu anständigen Menschen. Macht sie zu echten Jüngern, zu Menschen, die Jesus nachfolgen. Nachfolgen heißt: Jesus hinterher. Lebe so wie er gelebt hat.

Ich denke, diese 11 Jünger waren erst einmal starr vor Schreck. Aber dann begriffen sie später: So Großes traut uns Jesus zu. So Großes traut Gott uns zu: Lebe so wie er gelebt hat.

Wir blenden uns hier aus der Geschichte aus. Denn genau an dieser Stelle geht es ja auch um uns, um euch und um mich. So Großes traut Gott uns heute zu: Leben wie er, wie Jesus es uns vorgelebt hat.

Dazu braucht es kein Bibelwissen, kein Theologiestudium, kein spezielles Epertenwissen.

Lebe wie Jesus es uns vorgelebt hat.

Sei barmherzig, er war es auch.

Habe ein Herz für die Armen und Schwachen, er hatte es auch.

Liebe und lebe wie er.

Du kannst es. Ich kann es. Wir können es. Gott traut es uns zu.

Wir dürfen auch darauf vertrauen:

 Jesus ist da, hier, gegenwärtig. In seinem Geist ist Jesus da.

Und sein Geist Jesu hört nicht auf, unter uns Menschen zu wirken durch liebevolle Gesten. Sein Geist es, der durch Menschen, die da sind, die dir und mir zuhören, die dir und mir Mut machen, die dich und mich aufrichten. Jesu Geist berührt uns, mitten in unserem Alltag mit allem, was uns da gerade beschäftigt. Jesu Geist berührt ist, was uns Sorgen macht. Und auf einmal spüren wir: Wir sind nicht allein.

So verstehe und erlebe ich diesen letzten Satz Jesu:

Seid gewiss: Ich bin immer bei euch,

jeden Tag, bis zum Ende der Welt.«

Amen.

Hoffnung stirbt nie – ein Gottesdienst für Konfis

Hoffnung stirbt nie Gottesdienst von und für Konfis am 4.7.21 in Trautskirchen am alten Sportplatz

Vorspiel

Begrüßung

Thema:  Hoffnung stirbt nie

Lied: 503  Geh aus mein Herz

Psalmlesung/gebet:  Hoffnungspsalm:

Einstieg:

Gott,

wir bereiten wir dir den Weg.

Was uns hindert zu lieben, zu hoffen, zu glauben, legen wir dir zu Füßen,

damit die Hoffnung in unser Leben einziehen kann.

Gemeinde:

Wir wissen nicht, wohin wir gehen, aber wir gehen nicht ohne unsere Hoffnung!

Konfi: Gott, du bist meine Hoffnung und stärkst mich mit deiner Liebe.

Deine Güte überdauert die Zeit, lässt mich leben. Deine Gnade umspannt das Weltall und führt mich aus der Enge. Und darum bist du meine Hoffnung.

Gemeinde:

Wir wissen nicht wohin wir gehen, aber wir gehen nicht ohne unsere Hoffnung!

Konfi: Gott, du bist unsere Hoffnung. Wenn wir in unserer Welt  stillstehen und auf der Stelle treten und nicht einen Schritt weiterkommen, dann nimmst du uns mit auf den Weg zu dem Ort, wo Gerechtigkeit und Frieden sich küssen in Traum und Wirklichkeit.  Und darum bist du unsere Hoffnung.

Gemeinde:

Wir wissen nicht, wohin wir gehen, aber wir gehen nicht ohne unsere Hoffnung!

Gott, du bist die Hoffnung für die Schwachen dieser Welt. Denn du gibst die Armen nie auf. Und du stehst auf Seiten derer, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten. Darum bist du die Hoffnung der Armen.

Gemeinde:

Wir wissen nicht, wohin wir gehen, aber wir gehen nicht ohne unsere Hoffnung!

Gott, du bist auch die Hoffnung hier in Trautskirchen. Denn du bist jetzt bei uns und gibst allen Mut, Kraft und Hoffnung, die sie brauchen. Du unsere Hoffnung!

Gemeinde:

Wir wissen nicht, wohin wir gehen, aber wir gehen nicht ohne unsere Hoffnung!

Amen

Lied: 272 Ich lobe meinen Gott

Eingangsgebet

Mein Gott, ich danke dir dafür, dass du uns jeden Tag aufs Neue Hoffnung gibst, mir Freude schenkst und immer für mich da bist. Du und Deine Bedingungslose Liebe!

Gibt uns Kraft all unsere Hoffnungen und Träume zu verwirklichen. Wir bitten dich, dass du uns jetzt die Augen öffnest füreinander und für dich. Amen

Wir hören die Lesung aus Lukas 5,1-11 

Die ersten Jünger – Hoffnung auf einen guten Fang

5 1 Einmal drängte sich die Volksmenge um Jesus

und wollte hören, wie er Gottes Wort verkündete.

Jesus stand am See Gennesaret.

2 Da sah er zwei Boote am Ufer liegen.

Die Fischer waren ausgestiegen und reinigten die Netze.

3 Jesus stieg in das Boot, das Simon gehörte.

Er bat Simon, ein Stück vom Ufer wegzufahren.

Dann setzte er sich

und lehrte die Leute vom Boot aus.

4 Als Jesus seine Rede beendet hatte,

sagte er zu Simon:

»Fahre hinaus in tieferes Wasser!

Dort sollt ihr eure Netze zum Fang auswerfen.«

5 Simon antwortete:

»Meister, wir haben die ganze Nacht hart gearbeitet

und nichts gefangen.

Aber weil du es sagst, will ich die Netze auswerfen.«

6 Simon und seine Leute warfen die Netze aus.

Sie fingen so viele Fische,

dass ihre Netze zu reißen drohten.

7 Sie winkten die Fischer im anderen Boot herbei.

Sie sollten kommen und ihnen helfen.

Zusammen beluden sie beide Boote,

bis sie fast untergingen.

8 Als Simon Petrus das sah, fiel er vor Jesus auf die Knie und sagte:

»Herr, geh fort von mir!

Ich bin ein Mensch, der voller Schuld ist!«

9 Denn er und die anderen, die dabei waren,

waren sehr erschrocken.

So riesig war der Fang, den sie gemacht hatten.

10 Jakobus und Johannes, den Söhnen des Zebedäus,

erging es ebenso.

Die beiden arbeiteten eng mit Simon zusammen.

Jesus sagte zu Simon:

»Hab keine Angst!

Von jetzt an wirst du ein Menschenfischer sein!«

11 Da zogen sie die Boote an Land,

ließen alles zurück und folgten ihm.

(Ende)

Glaubensbekenntnis der Konfis, im Frühjahr von ihnen selbst erstellt.

Ich glaube an den Schöpfer des Himmels und der Erde,

da wir ohne die Erde und den Himmel keinen Ort haben zu leben.

Ich glaube nicht daran, dass die Welt einfach so mit Leben darauf schon Erde wurde.

Ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben.

Würde es nicht die Auferstehung und das ewige Leben geben, hätte unser Leben keinen Sinn.

Ich glaube nicht, dass es nur das eine Leben im Hier und Jetzt gibt.

Ich glaube an den eingeborenen Sohn Gottes,

da er eine der wichtigsten Personen im Christentum ist.

Ich glaube jedoch nicht, dass es eine Jungfrauengeburt gibt.

Ich glaube an Gott, den Vater des Himmels,

weil ich an Gott glaube,

Wenn es nicht Gott gibt, dann werden keine Menschen auf der Erde sein.

Ich glaube an Jesus Christus, der uns das Reich Gottes nahe gebracht hat.

Jesus Christus hat uns das Reich Gottes erst gezeigt und in der Welt verbreitet.

Jesus hat uns das Reich Gottes nicht verschwiegen, sondern in die Welt hinausgetragen.

Ich glaube, dass Jesus wirklich wichtig ist.

Jesus bringt die Liebe Gottes in unser Herz.

Ohne Liebe siegt der Hass.

Bekennen wir miteinander unser altvertrautes Glaubensbekenntnis….

Lied: 171  Bewahre uns Gott

(Predigt) Gemeinschaftspredigt von Sophia Lulla und Manfred Lehnert

Ansprache: 

  1. Fischfang des Petrus  (Sophia Lulla)

Liebe Gemeinde

Die Fischer waren hoffnungslos. Sie hatten die ganze Nacht geschuftet und nichts war im Netz. Kein Fisch. Alles war umsonst. Nicht nur mega frustrierend, sondern auch Existenzbedrohend. Die Fischer waren schließlich lebensnotwendig vom Fang abhängig.

Und dann taucht da plötzlich jemand auf und sagt:

Fahre hinaus in tieferes Wasser!

Dort sollt ihr eure Netze zum Fang auswerfen.«

Ich denke, da waren große Zweifel bei den Fischern.

»Meister, wir haben die ganze Nacht hart gearbeitet

und nichts gefangen.

Aber weil du es sagst, will ich die Netze auswerfen.«

Aber erstaunlicherweise lassen sie sich auf den Vorschlag ein. Vielleicht mit vielen Zweifeln, aber sie haben Hoffnung geschöpft. Vielleicht ist es hier der letzte Strohhalm.

Und dann geschieht das Wunder: Ein Großer Fang, ein übervolles Boot. Wie überwältigt und hoffnungsfroh müssen sie gewesen sein. Scheinbar leer, scheinbar hoffnungslos war vorher die Situation und nun ist alles ganz anders.

Spannend find ich auch hier die Reaktion: Simon Petrus kniet sich vor Jesus und sagt:

Herr, geh fort von mir! Ich bin ein Mensch, der voller Schuld ist!«

Sie erkennen, dass dies wirklich ein Wunder ist und dass sie vorher gezweifelt haben. Jetzt ist aller Zweifel ausgeräumt. Sie erkennen, dass an Jesus viel mehr dran ist, als es im ersten Moment erscheint.

Jesus bewirkt hier nicht nur ein Wunder, er ruft die Fischer als Menschenfischer zu sich. Voller Hoffnung und Freude, beeindruckt gehen sie mit diesem Menschen, mit diesem Jesus mit.

Aber was heißt das eigentlich: Menschenfischer sein? Es bedeutet, dass die Fischer sich aufgemacht haben, mit Jesus mitgegangen sind, dass sie ihn unterstützt haben. Von ihm gelernt haben und irgendwann selbstständig raus gegangen sind und anderen Menschen von Gott, von Jesus zu erzählen, sie mitzunehmen in die gute Botschaft und die Liebe Gottes weiter zu geben.

Ähnlich wie damals sagt auch uns Jesus heute, Hab keine Angst! Von jetzt an wirst du ein Menschenfischer sein!« Ich kann mir vorstellen, dass da bei Ihnen, bei euch Befürchtungen da sind, was will jetzt Gott von mir eigentlich? Ich denke das heisst für jeden etwas anderes, nach seinen oder ihren Stärken. Für den einen heisst Pfarrer oder Diakonin werden, für den anderen heisst es zum Beispiel eine Evangelische Kindergruppe zu leiten oder für den, die anderen heisst es in der Arbeit dem Arbeitskollegen mal etwas gutes zu tun. Ich finde, dass macht weniger Angst, sondern mehr hoffnungsfroh: Dieser Gott will mich so, wie ich bin. Die Fischer damals hatten auch keine Ausbildung als Jünger, als Gemeindeleiter etc., sie sind mit ihren Aufgaben und Herausforderungen gewachsen.

Manfred Lehnert:

Überleitung: z.B. Auch die Konfis haben sich mit Hoffnung beschäftigt. Sie durften Kartons beschriften, leerer Karton, was schreibt man da drauf, …

2.  Hoffnungsbausteine  Kartons Manfred

Kartons sind auf  zwei gegensätzlichen Seiten beschriftet: 

Was uns Hoffnung macht

und was uns fehlt, wenn keine Hoffnung da ist

Verschiedene Bausteine vorlesen

Furchtbar wäre, wenn wir nur noch Hoffnungsloses sehen, wenn wir nur noch schwarz sehen

Rosarot wäre, wenn wir nur alles schön sehen und schönreden.

Es gibt nicht nur Schönes im Leben

Und es gibt nicht nur Hoffnungsloses im Leben

So wie bei Petrus als Fischer:

Er macht die Erfahrung leerer Netze, vergebliche Mühe, alles für die Katz

Und er macht die Erfahrung voller Netze, großer Fang

Schauen wir uns nun die vielen Kartons an.

Bausteine zu einer Mauer aufbauen lassen

Einzelne „hoffnungslose Steine“ sind ummauert von Steinen mit Hoffnung.

Manche“ Steine ohne Hoffnung“ können auch im Lauf der Zeit umgedreht werden.

Unsere Gesellschaft wird getragen von denen, die Hoffnung haben

Die Hoffnungslosen werden ertragen und ausgehalten von denen, die Hoffnung haben.

3 .Teil der Ansprache  Saattüten Manfred Lehnert

Leere unbeschriftete Saattüten werden herumgegeben, Stifte bereitgehalten

Der Mensch neben dir ist dein Mitmensch. Gib deinem Mitmenschen eine von dir beschriftete Saattüte.

Welche Hoffnung gibst du deinem Mitmenschen
            mit auf den Weg?

Z.B. Ich hoffe für dich, dass du gesund bleibst,

deine Schule schaffst,

keine Sorgen auf der Arbeit hast….

            Wir säen auf Hoffnung.

            Vielleicht könnt ihr euch später erzählen, was aus

            euren Hoffnungen geworden ist, ob etwas

von diesem Saatgut aufgegangen ist.

Saattüten an Gottesdienstbesucher werden im offenen Korb verteilt. Auf den Saattüten steht, was wir Menschen zur Zeit uns erhoffen.

Lied: 170  Komm Herr, segne uns

Abkündigungen

Fürbitten mit Vater unser

Lieber Gott wir bitten dich, für Menschen, die Hilfe brauchen, lasse sie die passenden Worte finden und das Rechte tun, damit sie nie ihre Hoffnung verlieren. Wir beten für alle, die für eine bessere, gerechtere und eine friedlichere Welt eintreten, dass sie mit ihrem Einsatz etwas bewirken und dass ihre Träume und Visionen wahr werden; wir beten für uns alle, dass wir uns nicht verstecken, sondern uns trauen uns zu zeigen, wir bitten dich, steh uns bei, wenn wir eigenem und fremdem leid begegnen, und hilf uns, dieses Leid zu überwinden  (Gebet wird noch aktualisiert)

In der Stille beten wir für Freunde, Familie und alle die Hilfe benötigen. ….

Gemeinsam beten wir und stehen dazu auf

Vater unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Segen

Gott, dein Segen schenkt uns Hoffnung und Mut, wenn wir in Not sind. Er gibt uns neue Kraft bei Trägheit und Müdigkeit. Er gibt uns Weisheit für Wichtige Entscheidungen für unser Leben. Er tröstet uns in unserer Not und lässt um Jesu Willen Hoffnung aufkommen. Der Herr segne dich und behüte dich Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir, und sei dir gnädig, der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir seinen Frieden. Amen

Schlusslied  331 Großer Gott wir loben

Nachspiel

99 verlorene Schafe oder warum Schafe das Weite suchen …

Predigt über Lukas 15,1-7 – die verlorenen 99 Schafe – 20.7.21 Trautskirchen

Das Gleichnis vom verlorenen Schaf

15 1 Alle Zolleinnehmer und andere Leute,

die als Sünder galten, kamen zu Jesus, um ihm zuzuhören.

2 Die Pharisäer und Schriftgelehrten ärgerten sich darüber.

Sie sagten: »Mit solchen Menschen gibt er sich ab

und isst sogar mit ihnen!«

3 Da erzählte ihnen Jesus dieses Gleichnis:

4 »Was meint ihr: Einer von euch hat hundert Schafe und verliert eines davon.

Wird er dann nicht die neunundneunzig Schafe

in der Wüste zurücklassen?

Wird er nicht das verlorene Schaf suchen,

bis er es findet?

5 Wenn er es gefunden hat, freut er sich sehr.

Er nimmt es auf seine Schultern

6 und trägt es nach Hause.

Dann ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen

und sagt zu ihnen: ›Freut euch mit mir!

Ich habe das Schaf wiedergefunden,

das ich verloren hatte.‹

7 Das sage ich euch:

Genauso freut sich Gott im Himmel

über einen Sünder, der sein Leben ändert.

Er freut sich mehr als über neunundneunzig Gerechte,

die es nicht nötig haben, ihr Leben zu ändern.«

Liebe Gemeinde,

ein einfaches Gleichnis, klar und verständlich: Auf einen Nenner gebracht:

Schaf läuft weg. – Hirte sucht Schaf. – Schaf wird gefunden. – Hirte bringt es nach Hause. – Hirte ist überglücklich.

Noch einfach die Deutung: Klar, Jesus selber ist der Hirte. Jesus läuft dem verlorenen Schaf hinterher und sucht bis er es findet, das verlorene Schaf, den verlorenen Menschen.

Wir kennen das Gleichnis vom verlorenen Schaf. Mal ehrlich: Kann uns dieser Jesus mit seinen Gleichnissen noch überraschen? Als ich merkte, dass für diesen Sonntag dieses Gleichnis dran ist, seufzte ich: Ach ja, wie bekannt, fast so bekannt wie das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Gleiche Botschaft anderes Gleichnis. Eigentlich immer dasselbe. Kann es bald nicht mehr hören.

Was mich ein bisschen beunruhigt hat: Dieses Gleichnis vom verlorenen Schaf hat mich nicht aufgewühlt. Ich habe innerlich abgewunken: Kenne ich schon, das nächste bitte!

Aber halt. Ich stelle mir vor, wie Jesus dieses Gleichnis den Menschen zum ersten Mal erzählt hatte, wie sie atemlos zugehört haben, wie sie in ihrem gewohnten Glauben erschüttert, aufgewühlt wurden, wie sich etwas in ihnen verändert und zum Guten hin bewegt hat. Nicht zu fassen: Sollte Gott wirklich so sein, dass er sich um einen einzigen Menschen so kümmert? Sollte Gott mich so lieb haben, dass er nach mir, ausgerechnet nach mir sucht und die anderen stehen lässt? Revolutionär war das Denken Jesu damals, so haben es die Menschen jedenfalls empfunden.

Und wir? Kann uns dieser Jesus Christus mit seiner revolutionären Botschaft von der radikalen Liebe Gottes nicht mehr erschüttern, aufwühlen, verändern und bewegen? Können wir aus unserem Alltag, aus unseren Denkgewohnheiten, aus unserem manchmal erstarrten Glaubensleben aus- und zu Christus hin aufbrechen? Mit der bekannten und uns doch so wohlvertrauten Geschichte über ein verlorenes Schaf?

Dieses Gleichnis lässt uns nicht mehr staunen. Wir nehmen das so hin. Wir meinen es zu kennen. Wir meinen es zu wissen, was Jesus damit sagen will. Aber im Grunde genommen haben wir nichts verstanden. Wir spüren, dass mit der Botschaft des Evangeliums irgendwie die ganze menschliche Existenz berührt und betroffen ist, aber leider merkt man nichts davon im Alltag.

Hören wir einfach noch einmal neu dieses Gleichnis vom verlorenen Schaf.

4 »Was meint ihr: Einer von euch hat hundert Schafe und verliert eines davon.

Wird er dann nicht die neunundneunzig Schafe

in der Wüste zurücklassen?

Wird er nicht das verlorene Schaf suchen,

bis er es findet?

5 Wenn er es gefunden hat, freut er sich sehr.

Er nimmt es auf seine Schultern

6 und trägt es nach Hause.

Dann ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen

und sagt zu ihnen: ›Freut euch mit mir!

Ich habe das Schaf wiedergefunden,

das ich verloren hatte.‹

Dass Jesus sich in der Geschichte mit dem guten Hirten selbst meint, ist klar, – das ist die klassische Auslegung. Mehr Worte sind dazu nicht nötig.
Aber nun möchte ich heute noch einen anderen Blick auf das Gleichnis werfen:

Habt Ihr Euch schon einmal gefragt: Warum ist das eine Schaf eigentlich abhandengekommen? Warum ist es verschwunden? Hat es nicht aufgepasst und deshalb den Anschluss an die Herde verloren? Kann sein.

Ich denke, es könnte aber auch ganz anders gewesen sein: Vielleicht hat sich das Schaf gedacht: „Mir reicht’s jetzt! Aus! Ich will weg von dieser doofen Schafsherde. Weg von diesen Schafsköpfen. Ich geh meinen eigenen Weg…“  Und vielleicht hatte dieses Schaf recht damit: Nur weg von diesen Schafsköpfen! Wenn ich bleibe, gehe ich unter in dieser Schafsherde. Und wenn es ganz schlimm kommt, gehe ich hier ein.

Und damit bekommt das Gleichnis plötzlich eine brisante Note. Denn die Frage, die mich heute bewegt ist: Warum ist eigentlich keines der übrigen 99 Schafe aufgebrochen, um das verlorene zu suchen? Ist es überhaupt jemandem abgegangen? Hat es von den 99 anderen Schafen überhaupt einer vermisst? Gibt es da keinen Leithammel und keinen Schäferhund, die aufpassen könnten?

Vielleicht ist Euch das auch schon einmal so ergangen? Niemand fragt nach dir.  Niemand vermisst dich. Du gehst niemand ab. Den anderen ist es völlig wurscht, ob du da bist oder nicht. Sie vermissen dich nicht einmal. Wem das schon mal passiert ist, der weiß, wie weh das tut.

Also noch einmal: Warum geht keines der 99 Schafe suchen? Waren sie nur achtlos, oder sogar froh, den Störenfried endlich vom Hals zu haben? Hat das schwarze Schaf nicht hineingepasst? Und als der Hirte es zurückbringt, ist keine Rede davon, dass die 99 Schafe sich darüber freuen. Der Hirte jubelt allein.

Die Geschichte vom verlorenen Schaf stellt uns eine ziemlich direkte Frage: Wie geht es in unseren Herden zu? Wie geht es in unseren Kirchen und Kirchengemeinden zu.

Gibt es dort für die einzelnen Freiräume? Gibt es auch für sogenannte schwarze Schafe Freiräume? Oder nur Zwang? Zwang zur Anpassung? Entweder du passt dich an oder… Lebt es sich eigentlich gut in unseren Gemeinden? Wer macht die Regeln? Es gibt ungeschriebene Gesetze auch für eine Schafsherde und ein einzelnes Schaf tut gut daran, sich daran zu halten. Sonst gibt es Hiebe und Knuffe von den anderen. Und die anderen sind stärker, können gehörig Druck machen.  Wie reagieren wir als Gemeindeglieder, wenn sich jemand im Gemeindeleben aus welchen Gründen auch immer nicht mehr sehen lässt? Fragen wir dann bei dem Betroffenen nach? Oder ist es uns egal, fällt uns womöglich gar nicht auf.

Die Herde mit den 99 Schafen steht für die Kirchen heute, aus deren Reihen immer mehr Menschen ausscheren. Das eine Schaf, das ausbüchst, steht für die Menschen, die keinen Bock auf diese Herden mehr haben. Sie haben den Herdenzwang satt, sie suchen ihre Freiheiten, oft natürlich auf sehr fragwürdige Weise. Für diese Menschen, die das Weite gesucht haben, steht dieses eine Schaf, das abgehauen ist: „Bloß weg von den 99 anderen, die sich eh nicht um mich gekümmert haben!“, sagt sich dieses eine Schaf.

Man kann es an den leeren Schafpferchen sehen. In den letzten Jahren habe ich darunter gelitten, dass die Gottesdienste in unserer Gemeinde immer leerer geworden sind. Ein schwacher Trost, dass es bei den meisten anderen Gemeinden nicht viel anders aussieht: Die alten treuen Kirchgänger sterben und es kommen wenig bis gar keine neuen Kirchgänger nach. Habt Ihr Euch einmal gefragt, warum eigentlich? Der Grund ist nicht, dass die Predigten so langweilig sind. Corona wird gerne vorgeschoben, ist aber nicht der eigentliche Grund.

Der Grund ist auch nicht, dass die Zeiten am Sonntagvormittag nicht passen, oder dass die Musik nicht passt. Die Kirchen – und da ist es egal, ob man evangelisch oder katholisch meint – haben ein großes Problem: Sie sind für viele Menschen nicht mehr glaubwürdig. Man glaubt uns das, was wir predigen, nicht mehr. Und ich sage: Ja, es stimmt: Die Kirchen und ihre Vertreter sind manchmal wirklich unglaubwürdig.

Die Kirchen predigen die Liebe Gottes – und sind selbst oft unerbittlich zu den eigenen Gläubigen. Sexueller Missbrauch von Kindern und Frauen, überhaupt Frauen haben bis zum heutigen Tag in der katholischen Kirche nichts zu sagen. Schwule sind Randgruppen und dürfen nicht gesegnet werden.

 Gut, das ist zugegeben ein mehr katholisches Leidensthema. Aber auch bei uns Evangelischen geht es mitunter hart zu: Es gibt auch bei uns Amtsmissbrauch von vereinzelten Pfarrern. Es wird auch bei unseren Gemeinden mitunter gemobbt und hinausgeekelt auf Teufel komm heraus. Wir brauchen uns nicht wundern, dass das eine oder andere Schaf das Weite sucht. Die Kirchen reden von Liebe, Barmherzigkeit und Frieden, und sind seit Jahrhunderten untereinander heillos zerstritten.  Immer noch können wir nicht Abendmahl/ Eucharistie miteinander feiern. In unseren Kirchen muss man manchmal die Möglichkeit, Gemeinschaft zu erleben suchen wie die Stecknadel im Heuhaufen.

Aber warum alle das? Warum so viel Spaltungen in einer Herde. Warum sucht jeder von uns das Seine und gehen dabei in die Irre? Wie kann es passieren, dass  uns so vieles in unserer Kirche wichtiger geworden ist und wir ständig nur um uns selbst kreisen?

Ich denke, all das geschieht, wenn der Blick auf den Hirten verloren geht. Wenn wir Jesus Christus nicht mehr im Blick haben. Wenn wir ihn und seine radikale Botschaft von der bedingungslosen Liebe Gottes aus den Augen verloren haben. Das Evangelium ist natürlich in unseren Kirchen noch da, aber ist im Laufe der Zeit durch Rituale, alte Traditionen, Verwaltungskram und Selbstbeschäftigungstherapien zugedeckt worden.

Was können wir tun, damit die Schafe da draußen wieder zu uns zurückfinden? Was können wir tun, um wieder glaubwürdig zu werden?  Eigentlich ist es einfach. Und wie alles, was einfach ist, auch so schwer.  Wir können wieder glaubwürdig werden durch Umkehr. Umkehr heißt: 99 Schafe kehren um, und denken darüber nach, wie sie ihre Gemeinschaft leben können ohne Gruppendruck und inneren Zwängen. Umkehr heißt: Wir gehen auf die scheinbar verlorenen Schafe da draußen zu und fragen sie: Was müsste sich bei uns Kirchens ändern, damit ihr euch wieder bei uns wohlfühlt? Corona hatte ein Gutes:  So manche heiß geliebte alte Traditionen konnte ganz plötzlich aufgegeben werden, war auf einmal nicht mehr so wichtig. So manche festfixierte Blickrichtung hat sich coronabedingt verändert. Wir 99 Schafe sind längst nicht mehr so verbissen darauf bedacht, dass sich aber auch ja nichts verändert. Es hat sich schon ganz viel verändern und wird sich noch mehr verändern.

Im Gleichnis macht sich der Hirte auf die Suche nach dem verlorenen Schaf.  Über die verlorenen Schafe brauchen wir uns keine Sorge zu machen. Der gute Hirte wird auf seine Weise die verlorenen Schafe suchen gehen. Er wird sie finden, selbst wenn die traditionelle Herde, die Kirche versagt. Im Gleichnis lässt er wegen einem einzelnen Schaf die anderen 99 zurück. Auf sich allein gestellt. Manchmal hab ich den Eindruck, dass genau das gerade geschieht. Vielleicht sind wir die 99 Schafe im Gleichnis, die der Hirte allein auf sich gestellt, gerade zurück gelassen hat. Und vielleicht ist deshalb die Herde etwas ratlos, verwirrt, weiß nicht, wohin es einmal gehen wird. Und verzagt an der Aussicht einer Zukunft ohne den guten Hirten.

Eines steht fest: Der gute Hirte Jesus Christus ist nicht der Besitz der Kirche, weder der evangelischen oder der katholischen. Wir können nicht sagen: Wir haben die Wahrheit für alle Zeiten gepachtet, ihr müsst zu uns kommen und genauso angepasst leben wie wir. Nein Jesus Christus ist der Hirte der evangelischen und der katholischen Herde und vieler anderer Herden. Und er ist von uns nicht immer zu begreifen. Er entzieht sich uns und verlässt seine Kirchen von Zeit zu Zeit, um verlorene Schafe suchen zu gehen. Und: Er sucht sie auf seine Weise. Nicht wie wir meinen.

Vielleicht gelingt es uns, diese Zeit ohne Hirten zum Nachdenken zur Umkehr, zur Veränderung unseres Lebensstiles zu nützen. Dann können wir jubeln, wenn der Hirte wieder kommt mit dem verlorenen Schaf auf seinen Schultern.

Was machen eigentlich die 99 Schafe ohne Hirten? Wir können einander ankläffen wie die Hirtenhunde, oder gar angiften wie die Schlangen. Manchmal geschieht es. Aber besser ist es, wenn wir in diesen Zeiten zusammenhalten. Wir können aufeinander achtsam und behutsam aufpassen, bis der Hirte wieder kommt mit dem verlorenen Schaf auf dem Schultern. Und er wird wieder kommen. Und ich glaube, dass er für unsere Augen unsichtbar auch über uns 99 Schafe wacht.

Es ist wohl wahr: Die 99 Schafe, die Kirchen werden sich ändern müssen. Erst wenn die 99 Schafe aus Sehnsucht aufbrechen, um das Einzelne zu suchen, erst dann ist die Herde auf den richtigen Weg.

Und eines ist wohl klar: Wir werden uns damit abfinden müssen, dass wir manche Schafe nicht mehr finden. Sie haben andere Herden gefunden. Wünschen wir ihnen Gottes Segen und urteilen wir nicht über sie. Es steht uns nicht zu, dass wir andere verurteilen. Wir sind nicht die Hirten. Wir sind nur eins der 99 Schafe, die am besten vor der eigenen Schafstür kehren sollten.

Falls Euch der Vergleich der 99 Schafe mit den Kirchen zu weit gegriffen war, möchte ich Euch noch einen Gedanken zum Schluss mit geben: In jeder Familie und in jedem Dorf gibt es verlorene Schafe. Menschen, die man abgeschrieben hat. Die man verstoßen hat. Die man ausgebootet hat. Ich glaube, der gute Hirte würde sie suchen gehen. Such doch mal das Gespräch mit einem solchen Menschen in deiner Familie oder im Dorf. Vielleicht warten sie schon darauf.

Jeder einzelne Mensch ist wertvoll, denn er trägt in sich als Kind Gottes das Geheimnis des Lebens.
Man könnte sagen: Finde einen verlorenen Menschen und du findest ein Stück deines eigenes Lebens.

Amen

Was jeder verstehen kann

13.6.21 Trautskirchen        1. Korinther 14,1-12 Basisbibelübersetzung

„Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe!

Strebt nach den Gaben, die der Heilige Geist schenkt – vor allem aber danach, als Prophet zu reden.

2 Wer in unbekannten Sprachen redet, spricht nicht zu den Menschen, sondern zu Gott. Denn niemand versteht ihn. Was er unter dem Einfluss des Geistes sagt, bleibt vielmehr ein Geheimnis.

3 Wer dagegen als Prophet redet, spricht zu den Menschen. Er baut die Gemeinde auf, er ermutigt die Menschen und tröstet sie.

4 Wer in unbekannten Sprachen redet, baut damit nur sich selbst auf.

Wer aber als Prophet redet, baut die Gemeinde auf.

5 Ich wünschte mir, dass ihr alle in unbekannten Sprachen reden könntet.

Noch lieber wäre es mir, wenn ihr als Propheten reden könntet. Wer als Prophet redet, ist bedeutender als derjenige, der in unbekannten Sprachen redet – es sei denn, er deutet seine Rede auch. Das hilft dann mit, die Gemeinde aufzubauen. Reden in unbekannten Sprachen bleibt ohne Auslegung unverständlich.

6 Was wäre, Brüder und Schwestern, wenn ich zu euch komme und in unbekannten Sprachen rede.

Was habt ihr davon, wenn ich euch nichts Verständliches vermittle?

Das kann eine Vision sein oder eine Erkenntnis, eine prophetische Botschaft oder eine Lehre.

7 So ist es ja auch bei den Musikinstrumenten,

zum Beispiel bei einer Flöte oder Leier:                                Nur wenn sich die Töne unterscheiden, kann man die Melodie der Flöte oder Leier erkennen.

8 Oder wenn die Trompete kein klares Signal gibt, wer rüstet sich dann zum Kampf?

9 Genauso wirkt es, wenn ihr in unbekannten Sprachen redet.

Wenn ihr keine verständlichen Worte gebraucht, wie soll man das Gesagte verstehen können?

Ihr werdet in den Wind reden!

10 Niemand weiß, wie viele Sprachen es auf der Welt gibt. Und kein Volk ist ohne Sprache.

11 Wenn ich eine Sprache nicht verstehe, werde ich für den ein Fremder sein, der sie spricht.

Und wer sie spricht, ist umgekehrt ein Fremder für mich.

12 Das gilt auch für euch. Ihr strebt nach den Gaben des Heiligen Geistes.

Dann strebt nach Gaben, die die Gemeinde aufbauen. Davon könnt ihr nicht genug haben.

„Wie kannst du nur diesen Fehler machen! Unverzeihlich!
„Du hast schon wieder nicht! Nein, so geht das nicht!“ Was bist du nur für ein Loser! Du Depp!“

Manchmal werfen wir Worte wie Giftpfeile auf andere oder werden damit beworfen. Solche Worte oder auch noch schlimmere vergiften die Beziehung. Sie verletzen und grenzen aus.  Und auf einmal geschieht Spaltung, Streit, ein tiefer Riss. – Genau das soll nicht passieren, sagt Paulus in seinem Brief an die Korinther. Eure Worte sollen Gemeinschaft ermöglichen. Eure Worte sollen Menschen  trösten und ermutigen. Nicht ausgrenzen, Nicht verletzen. Sagt er.


„Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe!schreibt Paulus.

Die Liebe ist  d e r  Maßstab. Auch wenn es um Worte geht, ob ich sie sage oder lieber den Mund halte. Die Liebe sagt mir: Moment mal, überlege dir genau, was du dem anderen sagst. Und wenn deine Worte möglicherweise verletzend oder ausgrenzend sind, lass sie lieber bleiben. Denn auf dem Weg der Liebe wird kein Mensch ausgegrenzt. Paulus hat dabei eine Gruppe in Korinth im Auge. Diese kleine, aber feine Gruppe von Christen und Christinnen war auf ihr inniges Verhältnis zu Gott besonders stolz. Vielleicht sogar zu Recht. Denn sie haben dafür sogar eine eigene Sprache, die Zungenrede. Eine Sprache, die nur sie selber und Gott verstehen. Mit Gott auf du und du. Wir verstehen Gott und er uns.

Das ist schön für euch und euer Gemeinschaftsgefühl, schreibt Paulus dieser Gemeindegruppe. Aber was ist mit den anderen in der Gemeinde und draußen?  Eure Wellnesszungensprache, euer „mit Gott per Du- Gebet“, hilft ganz offensichtlich nicht den anderen, schreibt Paulus. Im Gegenteil: es schließt die anderen aus, weil sie nicht verstehen, worum es geht. Vielleicht bekommen sie sogar das Gefühl, dass sie noch nicht fest genug glauben oder dass an ihrer Beziehung zu Gott was nicht stimmt. Und das ist lieblos. Und unbarmherzig.

Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe!“ schreibt Paulus.
Eure Worte sollen verbinden, nicht ausschließen. Und doch tun sie es. Oft sogar unbeabsichtigt. Auch hier bei uns. Hier in der Kirche.


Bis zur Reformation haben die Pfarrer auf Latein gepredigt. Das Volk verstand sie nicht. Die Laien nahmen am Schauspiel der Kleriker teil, aber gehörten nicht wirklich dazu. Auch die Bibel gab es noch nicht in Deutsch.


Das änderte sich dann. Plötzlich gab es die Muttersprache in der Bibel und auf der Kanzel. Aber verstanden die Leute wirklich, was gesagt wurde?

Ich fasse mir an meine eigene Nase: Wie oft habe ich viel zu lange Sätze verwendet? Und Worte, die nur die wirklich Eingeweihten verstehen?

Dazu kommt: Ich lebe ja auch in meiner Welt. Und ihr als Hörer und Hörerinnen lebt in eurer Welt. Manchmal habe ich den Eindruck, ich lebe in einer ganz anderen Welt als ihr…

Meine Erfahrungen sind nicht eure.  Eure Erfahrungen sind nicht meine. Wir sprechen und verstehen zwar deutsch. Und ich gehe davon aus, dass wir uns verstehen, weil wir doch dieselbe Sprache haben. Aber manchmal sprechen wir doch nicht dieselbe Sprache. Sonst gäbe es nicht so viele Missverständnisse. Und ja, ich ertappe ich mich dabei, wie auch ich Worte benutze, die ausgrenzen, und Sätze, die ihr nicht versteht. So verstehen wir uns und verstehen uns vielleicht doch nicht.  So muss ich vielleicht noch deutlicher wie damals in Memmingen.

Vor vielen Jahren war ich damals in Memmingen nebenamtlich Gefängnisseelsorger. Ich traf im Knast auf eine ganz andere, mir fremde Welt. Ich gab mir Mühe, sie zu verstehen und mich verständlich zu machen. Die Knackis haben kein Kirchenlatein verstanden und auch kein Kirchendeutsch. Sie haben nicht gewusst, was eine Liturgie ist und haben sich auch nicht darangehalten. Sie konnten kein Glaubensbekenntnis und kein Vaterunser. Lieder von anno dazumal haben sie weder gesungen noch verstanden. Selbst bei modernen Liedern haben lieber miteinander getratscht und Tabak getauscht, als mitgesungen.

Ich habe mein Predigtmanuskript abgelegt und frei gesprochen. Frei von der Leber habe ich gesprochen, auch  derb. Ich habe das Wort Scheiße in den Mund genommen. Warum? Nun viele von ihnen sagten mir im Knast: Alles ist Scheiße. Das Gerichtsurteil, die Schließer, das Essen, die anderen Kriminellen: alles Scheiße! Also habe ich den Strafgefangenen an einem Tag vor Heiligabend frei und ungeschönt  vor Augen gemalt, wie dreckig der Schafsstall war, in dem Jesus geboren ist, die Scheiße bis hierher. Da stand ein Knacki lässig an der Wand gelehnt, mit verschränkten Armen und sagte grinsend: „Vielleicht steht Gott auf Scheiße!“.  Ich war glücklicherweise so schlagfertig  und habe ihm geantwortet haben:

„Gott steht nicht auf Scheiße, sondern auf die Leute, die Scheiße gebaut haben!“

Da haben diese Knackis, die alle Scheiße der Welt gebaut haben, vom Dieb bis zum Mörder, ganz anders hingehört als all die Christen in der Kirche nachher. Eigentlich habe ich den braven, anständigen Christenmenschen danach in der Kirche die gleiche Botschaft gesagt, auch wenn ich das Wort Scheiße nicht gesagt habe: Der Stall voller Scheiße heißt, wir dürfen zu Jesus kommen, wie wir sind, als Sünder oder auch als Menschen, die ganz viel Dreck am Stecken haben, ja auch Scheiße gebaut habe.

Sünder willkommen. So steht es auf dem Schild.  Hier steht nicht: Sünde willkommen! Gott liebt den Sünder, auch den der den allergrößten Scheiß gebaut hat. Aber die Sünde hasst Gott. Gott findet Scheiße genauso Scheiße wie wir.

So findet es Gott genauso Scheiße, wenn wir hartherzig und erbarmungslos miteinander umgehen. Sünde ist Scheiße. Und Scheiße ist es, wenn Menschen einander mit Dauer-kritik überziehen. Sünde ist Scheiße. Und Scheiße ist es, wenn wir über andere herziehen, hinter ihrem Rücken sie und die Gemeinde schlecht machen. Warum ist das Scheiße? Weil es spaltet zwischen denen, die Recht haben und denen die nicht recht haben. Sünde ist Scheiße. Und Scheiße ist es,  wenn Worte ausgesprochen werden, die, einmal ausgesprochen nicht zurückgeholt werden können. Worte vernichten, spalten, zerstören. Worte grenzen aus und verletzen.

Schluss mit der Scheiße! Ich hoffe, dass ihr mich jetzt versteht. Dass ihr mir aufmerksam zuhört und nicht missversteht. Ich hoffe, dass ihr noch dabei seid. Und mir innerlich zustimmen könnt, zu dem, was ich jetzt sage:


Mir liegt ganz viel an einer Kirche, die niemanden ausgrenzt und verletzt. Niemanden. Mir liegt ganz viel an einer
Kirche, die für euch und auch für mich ein guter, ein sicherer, ein liebevoller Ort ist. Ein Ort, wo jeder und jede von uns aufatmen kann, wo wir zur Stille, zu Gott kommen können. Ein Ort, der mir sagt: Ich bin nicht allein auf dieser Welt. Ich bin nicht allein mit meinen Sorgen und Ängsten. Ich habe nicht nur meinen Ehepartner und meine Familie. Ich habe nicht nur meine vertraute Gruppe, meinen Freundeskreis. Ich finde in dieser Kirche Menschen vor, die auch ihre Sorgen und Ängste haben und manchmal viel, viel größere Sorgen und Ängste. Kirche als Zufluchtsort.

Was sind so manche Streitpunkte letztlich nichtige Lappalien angesichts einer schweren Corona- oder Krebserkrankung! In dieser Woche ist mir ein junger Mann begegnet, der einmal an einer Nervenkrankheit erkrankt war, von Kopf bis Fuß bewegungsunfähig, musste er ins Koma versetzt werden, musste er wieder neu lernen, zu gehen, zu essen… Dieser junge Mann sieht die Welt anders, Er ist wieder gesund geworden und weiß, wie schnell es anders werden kann.. Er sieht sein Leben als Geschenk.

Was ist letztlich unser Jammern und Klagen auf hohem Niveau in unserer Gesellschaft gegenüber denen, die um ihre Existenz kämpfen, den Obdachlosen, den Flüchtlingen, den Hungernden dieser Welt.

Corona hat mich eines gelehrt: Es ist toll, mit dieser Kirche hier einen Zufluchtsort zu haben. Es ist toll, dass wir hier Gottesdienst feiern können. Ich freue mich, dass wir wieder singen können, zwar mit Maske, aber auch das wird auch einmal vorbei sein. Und ich schätze den Gesang und das Orgelspiel von Ingrid Stigler, die Mesner- und Lektoren-dienste von Elke Jakob. Ich schätze eure Beiträge als Konfirmanden und Konfirmandinnen. Schön, dass ihr überhaupt da seid, und auch ihr Gottesdienstbesucher, wie gut, dass es euch gibt. Manchmal bin ich richtig traurig, wenn ich die leeren Bänke anschaue, aber selbst dann ich dankbar für Euch, die ihr gerade seid, ob ihr gerade viel oder wenige seid. Schön, dass ihr da seid.

Ihr müsst übrigens nicht alles verstehen. Manches ist Kirchendeutsch, schwer verständlich für Menschen, die nicht so oft kommen. Es kommt nicht darauf an, zu wissen, was Zungenrede ist. Es ist letztlich nicht wichtig zu wissen, was Kyrie eleison heißt, oder die Epistel oder das Evangelium. Es kommt darauf an, das Evangelium vom Herzen zu verstehen und zu begreifen: Euangelion, die gute Nachricht von Gott, durch Jesus an uns.

Die gute Nachricht kann das kleinste Kind und der dümmste Mensch genauso wie der superkluge Mensch begreifen. Die gute Nachricht ist ganz einfach zu verstehen: Da ist eine Botschaft von Gott übermittelt durch Jesus an Dich und mich: Wir sind geliebt, bejaht, bedingungslos.

Es fällt mir manchmal schwer zu glauben, dass da ein Gott ist, der mich liebt und sogar bedingungslos. Ein Gott, dem nicht wurscht es, wie es mir geht. Ein Gott, der mich liebend umfängt, aber dich auch.

Es fällt mir manchmal schwer zu glauben, dass da ein Gott ist, der einfach nur barmherzig  mit mir ist, ein bares Herz für meine verwundete Seele hat. Ein barmherziger Gott, der meinen eigenen Verstrickungen im Leben liebevoll nachgeht und sie lösen kann.

Aber manchmal ist die Botschaft auch für mich ganz einfach und schlicht und wahr : Gott ist barmherzig, ein Backofen glühender Liebe und in seiner Gegenwart darf ich einfach ich sein. Das gilt aber natürlich auch für meinen Mitmenschen genauso. Nur die Liebe zählt und sonst nichts.

Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe. Schreibt Paulus.


Jesus lebt sie, diese Liebe. Geht diesen Weg. Jesus hat sich schützend vor Kindern gestellt, er hat sich zu Sündern wie Zachäus zum Essen eingeladen lassen. Er hat sich vor die Frau gestellt, die vom selbstgerechten Mob gesteinigt werden sollte. Wer ohne Sünde ist, wer keinen Dreck am Steck hat, wer noch nie Scheiße gebaut hat, der werfe den ersten Stein! hat Jesus einfach gesagt.


Vor wen würde er sich heute stellen? Jesus würde sich ganz bestimmt vor den vielen missbrauchten Kindern dieser Welt schützend stellen. ganz bestimmt, auch bei allen verwundeten Seelen. Jesus steht auf Seiten der Schwachen, bei denen, die immer übersehen werden.


Und das gilt auch für mich. Und für euch.
Niemand wird von ihm übersehen. Jedes verwundete Herz umarmt Jesus und vermag es zu heilen. Das gilt auch für euch.

Bleibt deshalb unbeirrt auf dem Weg der Liebe. Amen.

Menschen können sich ändern!

Menschen können sich ändern. Jeder Mensch kann sich ändern, auch die Menschen von Ninive. Gott hat sie noch nicht aufgegeben. Darum schickt er ihnen einen Propheten. Der soll ihnen sagen, was Sache ist:  “Noch vierzig Tage, dann ist es vorbei mit Ninive. Dann geht die Stadt unter!”

Lesung Jona1, 1–2

1 Das Wort des HERRN kam zu Jona, dem Sohn des Amittai:

2 »Auf! Geh nach Ninive, in die große Stadt, und rede ihr ins Gewissen! Ihr böses Tun ist mir zu Ohren gekommen.«

Auf, geh nach Ninive! Jona. Jona Jedermann oder Jederfrau. Jona lebt überall und zu allen Zeiten. Es könnte also auch heißen: Auf, Jona, geh nach Belaruss oder all diese Länder heißen, wo Korruption herrscht, Mord und Totschlag. Auf, Jona, geh dahin, wo Geld und Macht wichtiger sind als Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Auf, Jona, geh dorthin, wo krumme Geschäfte gemacht werden auf Kosten der Umwelt und der Ärmsten dieser Welt. Auf, Jona, geh dorthin, wo Kriege geplant und Waffen zur Vernichtung geschmiedet werden. Denn dafür steht Ninive in der biblischen Erzählung. Auf, Jona, geh nach Ninive – und sag allen: „Unser Gott spricht: So geht es nicht weiter! So werdet ihr alle untergehen! Kehrt um!“ Los, Jona, mache dich auf die Socken! Lauf, denn die Zeit ist knapp!

Ninive gibt es nicht nur im Großen. Ninive ist zum Beispiel auch da, wo in unseren Beziehungen Hochmut und falscher Stolz herrschen. Ninive ist in unserem direkten Umfeld da, wo Menschen ausgenutzt und unwürdig behandelt werden. Auf, Jona, geh nach Ninive könnte dann heißen: Schau dahin, wo deine Beziehungen verkorkst sind, wo ihr einander verletzt und gemein seid. Auf, Jona, geh genau dorthin! Denn dort wartet eine Aufgabe auf dich, vor der du schon so lange wegläufst:


Da ist eine Frau in unmittelbarer Nachbarschaft. Ihre Ehe ist schon jahrelang schwierig ist. Ihr Mann trinkt zu viel und macht ihr das Leben zur Hölle. Immer wieder und wieder hat sie verziehen, ausgehalten und konnte sich nicht durchringen, sich von ihm zu trennen.  Vielleicht ist ihr Auftrag, nun endlich in ihr „Ninive“ zu gehen:  Auf! Jona, geh nach Ninive. Schau genau hin, wie es dir damit geht und treffe endlich eine Entscheidung. So geht das nicht weiter. Es ist Zeit umzukehren, sonst werden beide untergehen.


Auch das Umgekehrte kann ein Auftrag sein: Auf, ihr Jonase geht aufeinander zu, auf, Jona, biete Versöhnung an, Auf, Jona sei barmherzig. So legt es uns die Jahreslosung (Lukas 6,36) ans Herz legt: Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!

Los, Jona, mach dich auf!


Was hält ihn ab, was lässt ihn zögern? Nun, Ninive ist kein Ort, wo er gerne leben möchte. Jona, das Landei soll in die Großstadt nach Ninive! Heute wäre Ninive New York, Berlin, oder Bombay. In eine dieser fürchterlich großen Städte mit den Slums. Wo er niemanden kennt. Wo Millionen Menschen durch die Straßen rennen. Wo die Menschen hetzen. Wo die Autos rasen Wo man keine Sterne mehr sieht, aber für Geld alles bekommen kann. Wie soll das gehen? Niemand wird auf dieses Landei Jona hören. Jona denkt: „Was hast du dir dabei gedacht, Gott? Sie werden mich auslachen oder mundtot machen. Denn ich störe. Niemand wird auf mich hören. Und außerdem ich habe Angst. Nimm jemand anderen, Gott, lass mich mit diesem Auftrag in Ruhe. Ich will kein Unheilsprophet sein, der durch die Fußgängerzonen schreiend zieht und alle lachen über mich!“

So ist das bei unseren Ninives, den großen und den persönlichen: Da wartet unangenehme Arbeit auf uns, da wird es schmerzlich. Da stoße ich auf Ablehnung und Spott – oder ich stoße auf meine eigenen Abgründe und verkorksten Geschichten: „Will ich mir das wirklich anschauen und antun? Wie soll mein Leben denn dann weitergehen? Ich weiß doch nicht wohin und was werden soll.“

Jona also läuft– nein, nicht nach Ninive – sondern in die entgegengesetzte Richtung. Ziel: Am besten bis ans Ende der Welt, dort, wo Gottes Arm nicht hinreicht. Ein Schiff soll ihn dorthin bringen … Er zahlt den Fahrpreis, zieht sich im hintersten Winkel des Schiffes zurück. Und das Schiff legt ab. Aber es kommt, wie es kommen muss: Die See wird rau, dann stürmisch, bis schließlich der Orkan losbricht. So ist das, wenn wir die Augen verschließen– vor den Folgen unseres nicht nachhaltigen Wirtschaftens und ungerechten Lebens in der gesamten Welt. So ist das, wenn wir die Augen verschließen vor den ersten Störungs-Anzeichen in unseren Beziehungen. Wir verschließen die Augen – aber der Sturm lässt sich nicht aufhalten. Er wird nur noch schlimmer. Irgendwann hilft nur noch: hinsehen und handeln.

Ein letzter Ausweichversuch ist dann häufig: Hinsehen und verhandeln. Also nicht wirklich etwas tun, sondern fragen: Wen können wir verantwortlich machen? Und damals wie heute fragen die Menschen an Bord: Wer ist schuld? Es muss doch jemanden geben, der für diese Misere verantwortlich ist. Welcher Gott hat uns das eingebrockt? Deiner oder meiner? Oder gar der merkwürdige Gott des Hebräers? Antisemitismus kommt daher: Irgendjemand muss doch schuld sein für die Pandemie oder das Unglück, also sind es die Juden.


Ich bin schuld – sagt Jona. Und mit diesem Satz hat er seine Flucht eigentlich schon beendet. Vor meinem Gott, vor seinem Auftrag kann ich nicht davonlaufen – merkt er. Vor mir und meiner Verantwortung kann ich nicht davonlaufen.

Jona gibt die Flucht auf, aber stellt sich der Aufgabe noch nicht: Wenn ich schon nicht fliehen kann, dann eben untergehen? Die anderen sind einverstanden! Ein Opfer muss her – das hat doch bisher meistens geholfen. Ein Sündenbock – her damit! Werft mich ins Meer! Lieber einer stirbt – als alle zusammen.

Und so werfen sie ihn, nach vergeblichem Versuch, gegen den Sturm anzurudern, in des Meeres Rachen.
Und es wird still, ganz still. Der Sturm legt sich, spiegelglatt das Meer und Jona sinkt in die tiefe Stille.
Und auf einmal kommt da ein Fisch, groß wie ein Haus, mit weit aufgerissenem Maul. Und er verschluckt den Jona mit einem Happs! Das dürfte dann wohl wirklich das Ende sein. Jona fällt  in einen tiefen Schlaf. Doch anstatt in die Hölle zu versinken, wacht er wieder auf. Im Bauch des Fisches – umgeben von, ja was eigentlich? Er erinnert sich an dieses Gefühl – damals, als er noch nicht geboren war. Im Bauch der Mutter war er geborgen, geschützt vor allen Gefahren der gleißenden Welt da draußen.

Und im Bauch des großen Fisches, in der Tiefe seines Daseins beginnt es in ihm zu singen:

3 Als ich in Not war, schrie ich laut.

Ich rief zum HERRN und er antwortete mir.

Aus dem Innern des Totenreichs rief ich um Hilfe.

Da hast du mein lautes Schreien gehört.

4 In die Tiefe hattest du mich geworfen,

mitten in den Strudel der Meere hinein.

Wasserströme umgaben mich.

Alle deine Wellen und Wogen –

sie schlugen über mir zusammen!

5 Da dachte ich: Jetzt bin ich verloren,

verstoßen aus deinen Augen.

Wie kann ich je wieder aufschauen,

um deinen heiligen Tempel zu sehen?

6 Das Wasser stand mir bis zum Hals.

Fluten der Urzeit umgaben mich.

Seetang schlang sich mir um den Kopf.

7 Zum Grund der Berge bin ich hinabgestiegen,

in das Reich hinter den Toren des Todes.

Sie sollten für immer hinter mir zugehen.

Du aber hast mein Leben aus dem Abgrund gezogen,

du HERR, du bist ja mein Gott.

8 Als ich am Ende war,

erinnerte ich mich an den HERRN.

Mein Gebet drang durch zu dir,

bis in deinen heiligen Tempel.

9 Ja, wer sich an Nichtigkeiten klammert,

verliert seinen einzigen Halt im Leben.

10 Ich aber will dir mit lauter Stimme danken,

Schlachtopfer will ich dir darbringen.

Auch meine Gelübde werde ich erfüllen.

Hilfe findet sich beim HERRN!

Lied 630 Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir….

11 „Da befahl der HERR dem Fisch, Jona an Land zu bringen. Dort spuckte der Fisch ihn aus.“


Jona weiß jetzt: Ich kann nicht vor Gott fliehen! Ich kann nicht vor seinem Auftrag fliehen. Ich muss nach Ninive gehen. Davonlaufen ist zwecklos. Noch nicht verstanden hat er, dass der Auftrag selbst gut ist, lebensnotwendig. Aber er weiß schon – was er vorher nicht wusste –, dass Gott mit ihm geht. Dass er sich nicht zu fürchten braucht.

Als Jona endlich in Ninive eintrifft, ist seine Botschaft von großem Erfolg gekrönt:

3 1 Das Wort des HERRN kam zum zweiten Mal zu Jona:

2 »Auf! Geh nach Ninive, in die große Stadt,

und rede ihr ins Gewissen!

Ich werde dir sagen, was du ihr verkünden sollst.«

3 Da machte sich Jona auf und ging nach Ninive.

Diesmal folgte er dem Wort des HERRN.

Ninive war aber eine ungeheuer große Stadt.

Man brauchte drei Tage, um sie zu durchwandern.

4 Jona wanderte einen Tag in die Stadt hinein

und rief: »Noch 40 Tage, dann wird Ninive zerstört!«

Der Erfolg ist atemberaubend:

 Die ganze Stadt geht in Sack und Asche, von den einfachen Leuten bis zum König gehen sie buchstäblich in Sack und Asche in der Hoffnung, dass sie doch noch einmal Gnade vor Gott finden möchten. Sie geben ihr böses Treiben auf und machen einen neuen Anfang.

Ich sagte eingangs:

Menschen können sich ändern. Jeder Mensch kann sich ändern, auch die Menschen von Ninive. Gott hat sie noch nicht aufgegeben. Gott sei Dank können sich Menschen ändern. Gott sei Dank gibt Gott uns Menschen nicht auf.


Auch der Gott des Alten Testamentes ist ein Gott der Liebe. Er ist geduldig und von großer Güte. Wenn Menschen auf Abwege geraten, wünscht er sich nichts sehnlicher, als dass sie umkehren und auf den rechten Weg zurückfinden. Er tut alles dafür, sie zu einer Sinnesänderung zu bewegen. Das gilt für auch für die Menschen in Ninive. Das haben die Menschen gespürt und deshalb kehren sie um, nicht aus Angst, sondern weil sie spüren, Gott ist ein Gott der Liebe.

Wir sind nicht nur Jona. Wir sind auch die Leute in Ninive. Wir sind verstrickt in einen Lebensstil, der uns selbst schadet, aber auch unseren Mitmenschen und der ganzen Schöpfung. Wir sind angewiesen auf Menschen wie Jona, die uns die Augen öffnen und uns für andere Wege öffnen. Wir sind angewiesen auf Menschen wie Jona, der uns die Augen dafür öffnet, dass uns eine göttliche Liebe umfängt.


Und Jona? Seine Begeisterung hält sich in Grenzen. Jetzt, wo er mit dem sanften Druck Gottes doch nach Ninive gegangen ist, möchte er auch den Untergang der Stadt sehen. Dass Gott sich erweichen lässt, passt ihm gar nicht. Obwohl er selbst die Güte Gottes gerade erst am eigenen Leib erlebt hat. Gottes Güte ist größer, als Jona es sich ausmalen kann. Gottes Liebe ist so unendlich viel größer als wir Menschen es sich ausmalen können oder wollen. Gott will, dass Menschen ihr Leben ändern, nicht, dass sie zugrunde gehen. Darum gibt er nicht auf. Niemanden. Auch heute nicht. Auch Jona nicht, der missgünstig unter dem Rizinusstrauch hockt und am Leben verzweifelt, weil Gott so gütig ist und kein Unheil über Ninive schickt. Als die Rizinus-Pflanze, die Jona Schatten gespendet hatte, verdorrt, heult er. Die ganze Jona-Geschichte endet mit einer Frage Gottes an Jona:

Du heulst wegen einer Rizinus-Pflanze.

10 Da sagte der HERR:

»Die Rizinus-Pflanze tut dir leid.

Doch du hast keine Mühe mit ihr gehabt

und sie auch nicht großgezogen.

Sie wuchs über Nacht und verdarb über Nacht.

11 Und jetzt frage ich dich:

Sollte Ninive mir nicht leidtun –

eine große Stadt mit mehr als 120.000 Menschen?

Sie alle wissen nicht, was links und was rechts ist.

Dazu kommen noch die vielen Tiere.

Sollte es mir da nicht leidtun?«

So tut es Gott unendlich leid, wenn Leben verkehrt läuft, ohne Liebe, mit Hass. Und umgekehrt freut sich Gott, wenn Leben wieder in Bahnen läuft mit Liebe und Herzenswärme. Jeder Tag meines Lebens bietet uns eine

Möglichkeit, unser Leben Guten hin  zu verändern.
Amen.

Ein neuer Mensch sein – ein stückweit zumindestens

Joh 3,1-8 Predigt über Versöhntsein mit sich selbst 30.5.21 Trautskirchen

Neu geboren werden durch den Geist  Basisbibel

Joh 3 1 Unter den Pharisäern gab es einen, der Nikodemus hieß. Er war einer der führenden Männer des jüdischen Volkes.

2 Eines Nachts ging er zu Jesus und sagte zu ihm:

»Rabbi, wir wissen: Du bist ein Lehrer, den Gott uns geschickt hat.

Denn keiner kann solche Zeichen tun, wie du sie vollbringst, wenn Gott nicht mit ihm ist.«

3 Jesus antwortete: »Amen, amen, das sage ich dir:

Nur wenn jemand neu geboren wird, kann er das Reich Gottes sehen.«

4 Darauf sagte Nikodemus zu ihm:

»Wie kann denn ein Mensch geboren werden,  der schon alt ist? Man kann doch nicht in den Mutterleib zurückkehren  und ein zweites Mal geboren werden!«

5 Jesus antwortete: »Amen, amen, das sage ich dir:

Nur wenn jemand aus Wasser und Geist geboren wird,   kann er in das Reich Gottes hineinkommen.

6 Was von Menschen geboren wird, ist ein Menschenkind.

Was vom Geist geboren wird, ist ein Kind des Geistes.

7 Wundere dich also nicht, dass ich dir gesagt habe:  ›Ihr müsst von oben her neu geboren werden.‹

8 Auch der Wind weht, wo er will.  Du hörst sein Rauschen. Aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht.

Genauso ist es mit jedem, der vom Geist geboren wird.«

Liebe Mitchristen und Mitchristinnen,

Einmal neu anfangen!

Einmal ein anderer Mensch sein.

Wer von uns kennt ihn nicht, den Wunsch:
Ich möchte einmal ein ganz anderer Mensch sein?

Im Laufe des Lebens sehne ich mich vielleicht nach einem
Tapeten- und Rollenwechsel im Beruf oder in der Familie. Einmal neu anfangen!
Manchmal möchte ich auch– zumindest ab und zu – ein anderer Mensch sein als der, der ich nun mal bin.

Vielleicht möchte ich einmal nicht mehr so verklemmt sein, vielleicht nicht so spiessig und angepasst sein wie ich es bin.
Vielleicht möchte ich einmal ein klein wenig mehr Anerkennung von den Menschen in meinem Umfeld bekommen.

Vielleicht möchte ich auch etwas mehr Einfluss haben und manches in dieser Welt verändern können.

Einmal ein anderer Mensch sein!

Heute wünsche ich mir, ich könnte das Leben auch mal etwas gelassener und fröhlicher angehen und ich kann es doch nicht, weil ich in meiner Haut gefangen bin.

Spürt ihr nicht auch diesen Wunsch in Euch? Diesen Wunsch, ein anderer Mensch zu werden? Ich meine, er steckt in uns allen!

Und letztlich nehmen ja auch die Religionen, und auch natürlich das Christentum –
diese Ursehnsucht von uns Menschen auf, ein anderer Mensch zu werden.

Selbst Sekten behaupten, sie wüssten ein Rezept, womit sie die Menschen von sich selbst befreien, und zu einem neuen, ganz anderen Menschsein anleiten können.

Diese Sehnsucht, nochmals von neuem geboren zu werden
noch einmal neu sein zu dürfen, ist auch im Neuen Testa-ment da. Z.B. im heutigen Predigttext im Johannesevangelium.

Im 3. Kapitel des Johannesevangeliums sprechen Jesus und Nikodemus ziemlich ausführlich darüber: Ist es möglich ist, dass ein Mensch nochmals von neuem geboren wird?

Nikodemus bezweifelt dies, (Joh 3,4) »Wie kann denn ein Mensch geboren werden, der schon alt ist? Man kann doch nicht in den Mutterleib zurückkehren und ein zweites Mal geboren werden!«

Jesus dagegen behauptet:

Nur wenn jemand neu geboren wird, kann er das Reich Gottes sehen.« V3

Wundere dich also nicht, dass ich dir gesagt habe:    ›Ihr müsst von oben her neu geboren werden.‹ V7

Alles dreht sich in diesem Gespräch um die Frage:


Wie muss man denn nun von neuem geboren werden?
Wie kann man sich das überhaupt vorstellen, neu geboren zu werden?

Wenn wir heute Wiedergeburt hören, muss man erst mal wissen, was Wiedergeburt nicht ist.

Der Begriff Wiedergeburt kann zum einen missverstanden werden als Zeichen für richtiges Christsein: Die Vorstellung von der Wiedergeburt ist in manchen frommen Kreisen allein darauf beschränkt, dass man sich zu Jesus bekehrt hat. Die Wiedergeburt ist in solchen Kreisen die Bedingung dafür, dass man ein richtiger Christ ist. Denn ganz richtig Christ, so meinen sie, ist man nur als reborn Christian. So wird in evangelikalen Kreisen in den USA gedacht und stellen sich vor, kein Präsident kann es sich leisten, nicht reborn zu sein. Sonst würde er nicht gewählt. Auch Georg W Bush ist ein reborn Christ… Selbst Donald Trump wird von bestimmten evangelikalen Kreisen als reborn Christ immer noch angesehen, trotz seiner augenscheinlichen charakterlichen Fehler…

Ich glaube nicht, dass die Wiedergeburt, von der Jesus redet, darauf reduziert werden kann, dass man richtig entschiedener Christ ist.

Ein zweites Missverständnis, wenn heute von Wiedergeburt die Rede ist: Man kann es im buddhistischen Sinn missverstehen:

Von neuem geboren werden…

Wenn manche Menschen diesen Satz heute hören, hören sie mit einem buddhistischen Hintergrund: Wiedergeboren? Na klar, wiedergeboren werden wir nach dem Tod, immer und immer wieder. . Manche glauben auch, dass sie schon einmal gelebt haben, beispielsweise als historische Gestalten. Der Gedanke der Wiedergeburt im Sinne einer Reinkarnation ist heute eine wichtige religiöse Vorstellung nicht nur im Buddhismus. Aber Jesus meint nicht, dass man nach dem Tod wieder und wieder geboren wird, wenn er von Wiedergeburt redet.

Was Jesus mit wiedergeboren meint, hat nichts mit der buddhistischen Vorstellung des immer wieder neu wieder auf Erden Kommen müssen zu tun, aber auch nichts mit einer evangelikalen Verengung auf ein einmaliges Bekehrtwerden.

Aber was könnte Jesus mit seiner Rede von der Wiedergeburt meinen?

Nikodemus versteht die Rede von der Wiedergeburt wörtlich. Auch er unterliegt einem Missverständnis. Wiedergeburt wörtlich verstanden, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Niemand kommt als Erwachsener wieder in den Leib der Mutter und erlebt eine zweite Geburt.

Jesus versteht Wiedergeburt in einem übertragenen Sinn: Du kannst im übertragenen Sinn, geistig gesehen, wieder geboren werden und ein neuer Mensch werden.


Und ich ergänze: Ein neuer Mensch zu werden, das ist tatsächlich möglich, – zumindest ein stückweit. Aber das sollten wir immer im Blick haben: Ein Stückweit ist es tatsächlich möglich, von neuem anzufangen, ein neuer Mensch zu werden, aber nie total! Nie ganz und vollkommen. Zumindest nicht zu unseren Lebzeiten.

Wer das glaubt, jetzt schon zu Lebzeiten ein völlig anderer Mensch, ein vollkommener neuer Mensch geworden zu sein, der läuft Sektierern hinterher oder macht sich was vor.

Im Neue Testament spricht Paulus wiederholt von einem neuen Sein in Christus. Paulus schreibt z.B. im Galaterbrief:

„In der Taufe gehört ihr zu Christus.  Ihr habt Christus in der Taufe wie ein neues Kleid angezogen.“ (Gal. 3, 27),


Um in dem Bild vom Kleiderwechsel zu bleiben, muss man als Christ erst mal eines tun, bevor man Christus wie ein neues Gewand anziehen kann: Das Gewand des alten Adams
musss zuerst abgelegt werden. Und beide Kleider gleichzeitig zu tragen geht nicht.

Wir wissen es selbst von unserem Menschsein: Der alte Adam – das bisherige Menschsein – lässt sich gar nicht so leicht ablegen.

Wir wissen es selbst von unserem gelebten Christsein:
Obwohl Paulus immer wieder von einem neuen Sein in Christus spricht, also von einem neuen Leben für alle, die sich taufen lassen und zu Christus gehörig betrachten, komme ich nicht über eine nicht zu leugnende Tatsache drüber:
Auch im Leben des „frömmsten“ Christen zeigt sich der alte Adam
– nämlich das Menschlich-allzu-Menschliche –
und lässt sich nicht restlos überwinden.

Bei allem was wir als Christen tun, bleiben wir uns in unserem Adamssinn immer in einem gewissen Sinne treu. Wir sind unsere eigenen Gefangenen, kommen aus unserer alten Haut nicht heraus.

An Paulus kann man das gut beobachten: Paulus hatte eine radikale Bekehrung in seinem Leben erlebt. Aber er wiederholt als Paulus, wenn man genau hinsieht, alte Denk- und Lebensmuster des Saulus, der er einmal war.

So wie Paulus als Saulus zuerst die Anhänger Jesu mit Nachdruck bekämpft hat, so bekämpft er nach seiner Wende zu Jesus in ähnlicher Weise all die, die er als Feinde seines neuen Glaubens betrachtet.

Mit anderen Worten:
So ganz neu wird ein Mensch auch durch eine eigentliche Bekehrung nicht, selbst wenn bei Bekehrungspredigten dieser Eindruck entsteht. Es bleiben alte Denk- und Lebensmuster.

Wie auch immer das neue Leben aussieht, das wir uns erträumen, das  angebliche neue Leben, der Neuanfang, die neue Geburt ist oft genug nichts anderes als ein billiger Abklatsch der alten, bereits bekannten und realen Welt.

Menschen, die davon träumen, irgendwo anders auf der Insel der Seligen ganz neu anzufangen, bringen sich selbst und ihre eigene Lebensgeschichte mit eigenen Verstrickungen und Belastungen mit.  So wird ein Neuanfang nur unter erschwerten Bedingungen möglich sein oder gar unmöglich.

Wir können also gar nicht von neuem anfangen, geschweige denn von neuem geboren werden. Wir bringen unser Vorleben mit. Ob wir es wollen oder nicht. Neu anfangen? Schier unmöglich.

Im Grunde genommen beginnt jetzt meine wirkliche Predigt  erst an dieser Stelle: Sie will uns befreien und freimachen:


Denn die Frage muss nun heißen:
Was müsste sich denn nun wirklich ändern,
damit man von einem anderen Leben reden kann?

Was müsste sich denn nun wirklich ändern,
damit man tatsächlich von einem neuen Sein in Christus reden darf?

Ich meine:
Diese Frage ist nicht allein zum jetzigen Zeitpunkt
sondern grundsätzlich wichtig;
und deshalb will ich mich bemühen,
diese Frage zu beantworten:

Die Antwort und die Botschaft des Evangeliums in Jesus Christus lautet für mich in etwa so:


Damit du Mensch anders und befreiter und erlöster leben kannst,
musst du nicht versuchen ein anderer Mensch zu werden. Das ist ja ohnehin ein Ding der Unmöglichkeit .

Damit du Mensch anders und befreiter und erlöster leben kannst,

musst du nur eines tun:

Dich mit Dir selber und mit deiner Geschichte aussöhnen.

Dazu gehört auch: Dich mit deinen Mitmenschen und mit eurer gemeinsamen Lebensgeschichte aussöhnen!

Dazu gehört auch: Dich mit Gott und euer gemeinsamen Lebensgeschichte aussöhnen!

Du darfst und kannst dich annehmen – und mit samt deinen Schattenseiten annehmen lernen (!) – , wie du bist. Denn Gott hat dich schon längst angenommen, samt deinen Schattenseiten!


Gott nimmt uns Menschen an, so wie wir sind.

Aber ich weiß:
Manches Versöhnungsgeschehen mit mir selber
ist oft schneller gesagt, als getan.
Oft gehe ich mit mir selber sehr, sehr hart ins Gericht!

Ich weiß: Sich mit den Menschen um mich herum auszusöhnen, ist auch nicht leicht. Oft sind mir die Bilder, die ich mir vom anderen gemacht habe, im Wege.

Und ich weiß: Selbst das dritte ist auch nicht leicht, sich mit Gott auszusöhnen. Oft sind mir die Bilder von Gott im Wege.

Allerdings
der Schlüssel zu einem anderen Leben
und zu einem neuen Sein in Christus,
liegt nicht darin,
dass wir uns zu ändern versuchen.

Der Schlüssel zu einem anderen Leben
liegt darin,
dass wir uns mit uns selber und mit unserer Biographie
versöhnen und uns mit dem Leben aussöhnen.

Vielleicht können wir es erst am Ende so sagen:

„ Dieses mein Leben, so wie es nun mal ist, mit all seinen hellen und dunklen Seiten ist in Gott versöhnt und aufgehoben.“

Am Ende ist alles Leben, so wie es nun einmal war mit den hellen und den finstersten Seiten in Gott versöhnt und aufgehoben.

Noch erleben wir das nur stückweise. Aber Jesus ist so etwas wie das geöffnete Fenster zu Gott. Wir können hineinschauen mitten ins Herz Gottes.

Im Blick auf unseren Bibeltext  heißt das: Wenn du dich mit Jesus beschäftigst, kannst du ein stückweit erleben, was es heißt, von neuem geboren werden. Sein Geist lässt dich aufatmen. Du darfst ein stückweit die Last deiner bisherigen Lebensgeschichte, die du dir aufgebürdet hast oder die dir aufgebürdet worden ist, zurücklassen. Du darfst von neuem geboren sein, ein neuer Mensch sein. Jetzt!

Unglaublich sagt der Nikodemus in uns. Unerhört, es kann doch nicht für alle gelten, denke ich an unheilbare Alkoholiker, Drogensüchtige, gewalttätige Menschen, oder Menschen, die sich im Hass verrannt haben.

Unglaublich! Trotzdem gilt auch dir die Freiheit: Du darfst als Mensch wie neu geboren sein, ganz neu anfangen. Du bist willkommen wie ein neugeborenes Kind. Du darfst neu anfangen und das gilt auch für dich, wenn du dich völlig ohnmächtig fühlst angesichts der vielen Defizite deines Lebens. Du darfst neu anfangen, selbst wenn sich ein riesiger Krater auftut zwischen dem, was dein Leben sein könnte und dem, was es wirklich ist.

Unglaublich, sagt der Nikodemus in mir: Ich darf neugeboren werden, ich bin im Leben willkommen trotz meiner Hoffnungen, die zerbrochen sind. Ich darf mir noch was vom Leben wünschen, trotz meiner verronnenen Lebenswünsche. Ich darf noch einmal neu anfangen, trotz meiner vertanen und verspielten Chancen, Ich darf immer wieder neu anfangen, und wenn ich morgen schon wieder versage.

Unglaublich, sagt der Nikodemus in mir. Ich darf mein Leben als Fragment verstehen, das Gott vollenden wird. Ich darf mein Leben leben als etwas, was nicht vollkommen  ist. Und Gott wird es vollenden. Und ich bin schon jetzt nicht mehr völlig gebunden an meiner Lebensgeschichte. Sie mag mich vielleicht belasten und verklagen. Aber ich darf mich jeden Tag meines Lebens neu von Jesus, von seinem Geist, ansprechen und berühren lassen.

Ja, das heißt, aus dem Geist Jesu neu geboren sein. Amen.

Lesung und Gebete, die ihr Konfis gehalten habt.

Lukas 11,5-13 Beten – was bringt´s?  Rogate 9.5.2021 Trautskirchen

5 Dann sagte Jesus zu seinen Jüngern:

»Stellt euch vor: Einer von euch hat einen Freund.

Mitten in der Nacht geht er zu ihm und sagt:

›Mein Freund, leih mir doch drei Brote!

6 Ein Freund hat auf seiner Reise bei mir haltgemacht.

Ich habe nichts im Haus, was ich ihm anbieten kann.‹

7 Aber von drinnen kommt die Antwort:

›Lass mich in Ruhe!

Die Tür ist schon zugeschlossen,

und meine Kinder liegen bei mir im Bett.

Ich kann jetzt nicht aufstehen

und dir etwas geben.‹

8 Das sage ich euch:

Schließlich wird er doch aufstehen und ihm geben,

was er braucht –

wenn schon nicht aus Freundschaft,

dann doch wegen seiner Unverschämtheit.

9 Ich sage euch:

Bittet und es wird euch gegeben!

Sucht und ihr werdet finden!

Klopft an und es wird euch aufgemacht!

10 Denn wer bittet, der bekommt.

Und wer sucht, der findet.

Und wer anklopft, dem wird aufgemacht.

11 Welcher Vater unter euch

gibt seinem Kind eine Schlange,

wenn es um einen Fisch bittet?

12 Oder einen Skorpion, wenn es um ein Ei bittet?

13 Ihr Menschen seid böse.

Trotzdem wisst ihr,

was euren Kindern guttut,

und gebt es ihnen.

Wie viel mehr wird der Vater im Himmel

den Heiligen Geist denen geben, die ihn darum bitten.«

Eingangsgebet

Du Gott hörst unsere Gebete.

Was wir aussprechen – es geht dir nicht verloren.

Wofür uns die Worte fehlen – du weißt davon.

In Not und Freude,

in kleinen Dingen

und großen Fragen

schenkst du uns dein Ohr –

im Namen Jesu, der uns beten lehrt.

Fürbitten

Gott, wir bitten dich für

die  Menschen, die dich im Gebet suchen.
Lass sie es spüren: Du hörst ihr Gebet.


Gott, wir bitten dich für

die Menschen, denen zum Beten die Worte fehlen.

Schenke ihnen Worte oder Menschen, die für sie beten.


Gott, wir bitten dich für

die Menschen, die glauben, dass Beten nichts hilft.

Schenke ihnen gute Erfahrungen mit dem Gebet, dass sie Kraft bekommen.


Gott, wir bitten dich für
für gelingende Gespräche zwischen Eltern und Kindern in den Familien

Und für gelingende Gespräche in Politik und Gesellschaft.

Lass uns zueinander finden.


Gott, wir bitten dich für um den Mut, den Schwachen eine Stimme zu geben und für die Schwachen einzutreten.


In der Stille legen wir in deine Hände, Gott,
was uns persönlich bewegt

Stille             Vaterunser

Von Schwuppdiwupp-Gebeten und ob`s das Beten überhaupt bringt.

Lukas 11,5-13 Beten – was bringt´s?  Rogate 9.5.2021 Trautskirchen

Liebe Gemeinde, und liebe Konfis,

ich wünschte, es wäre so einfach: Ich bete und bekomme prompt, was ich möchte. Ich bitte Gott um etwas und er wird es mir geben. Ich suche etwas, ein kurzes Stoßgebet nach oben, und schon habe ich gefunden, was ich verloren habe. Ich klopfe an bei Gott und prompt wird mir von ihm die Tür aufgetan und ein freundlicher Gott fragt mich: „Manfred, wie schön, dass du bei mir anklopfst! Was kann ich für dich tun?“

Ich stelle mir für einen kurzen Moment vor, es würde wirklich so sein, wie ich es gerade geschildert habe: Jedes Gebet von mir findet seine Erhörung. Ich bitte und bekomme prompt. Kein Gebet ist unerhört! Unerhört wäre das!

Wenn jedes Gebet von mir erhört wird, dann werde ich als Allererstes Gott um das Ende von Corona bitten: Also, Gott, ich bitte dich, mach dem Coronavirus ein Ende, das es von heute auf morgen nicht mehr da ist. Schwuppdiwupp. Kein einziger Coronakranker mehr!

Wenn jedes Gebet von mir erhört wird, dann werde ich als zweites bei jedem Kranken, der mir begegnet, ob unheilbar oder nicht, getrost und heiter Gott um Heilung bitten. Mensch, das wäre doch was! Schwuppdiwupp. Kein Kranker mehr! Ich gehe durch das Krankenhaus, und schwuppdiwupp  die Krankenbetten leeren sich kraft meines Gebetes.

Wenn jedes Gebet von mir erhört wird, werde ich Gott nicht so allgemein um Frieden in der Welt bitten: o Nein, Gott, ich bitte dich, beende jetzt sofort alle Kriege auf dieser Welt. I Schwuppdiwupp! In Syrien und Afghanistan sollen die Waffen einrosten. Schwuppdiwupp! Den Terroristen und den Waffennarren der Welt sollen ihre Waffen zu Bananen werden, wenn sie sie auch nur anfassen. Schwuppdiwupp!

Und Gott, wenn ich schon dabei bin:  Lass die Menschen in der AFD, diese Querdenker und Wutbürger einfach zu Verstand kommen. Schwuppdiwupp!

Na, das schaut doch ganz gut aus, Gott! Auf einmal haben diese Leute Verstand und gehen achtsam mit dem Leben um. Weil das so gut geklappt hat, bitte ich dich, Gott um Verstand und Weisheit für alle Politiker.  Schwuppdiwupp!  Ich bitte dich Gott für die Armen um ein Grundeinkommen, das keiner von Harz4 leben muss und lass die Reichen großzügig werden. Schwuppdiwupp! Wahnsinn, was da alles passiert, nur wenn ich bete.

Ach, dann fällt mir ein, ich kann Gott natürlich auch die Kirchen bitten. Letzten Sonntag waren so wenig Leute in der Kirche. Bitte, lieber Gott. Ab sofort wieder volle Kirchen, interessierte Gemeindeglieder, engagierte Christen und jedes Jahr solch am Glauben interessiere Konfis wie Euch. Schwuppdiwupp!

Wenn jedes Gebet von mir erhört wird,  … Ich geb´s zu, vermutlich hätte ich zuallererst lange vor all diesen Wünschen Gott um das Eine oder Andere für meine Familie und mich gebeten. Bittet, so wird euch gegeben. Warum nicht auch an sich selber und die eigene Familie denken? Also vielleicht doch auch gleich am Anfang: Lieber Gott, ich bitte Dich für den einen oder anderen in meiner Familie… Ach, was ich da Gott bitte, geht keinen sonst was an. Das ist privat.   Pause  –  Also Gott mach mal: Schwuppdiwupp!

Bittet, so wird euch gegeben. Ja, wenn das Beten so einfach wäre!  Schwuppdiwupp!

Mir ist Wolfgang Niedecken eingefallen, mit seiner Kölschen Band BAP hat er schon 1982 das Lied auf kölsch gesungen:                                     Lied kurz anspielen

Wenn et Bedde sich lohne däät

Ich trage eine Übersetzung ins Hochdeutsche vor:

„Wenn das Beten sich lohnen täte, was meinst du wohl, was ich dann beten täte. Ohne Prioritäten, einfach so wie es käme finge ich an. Nicht bei Adam und nicht bei Unendlich, trotzdem jeder und jedes käme dran. Für all das, wo der Wurm drin, für all das, was mich immer schon quält, für all das, was sich wohl niemals ändert. Klar – und auch für das, was mir gefällt. … für das Wetter und die Stunden mit dir, die zu kurz. Ich täte beten, was das Zeug hält, ich täte beten auf Teufel komm raus, ich täte beten für was ich gerade Lust hätte, doch für nichts, wo mir wer sagt: „Du mußt! …

Ich täte beten für Sand im Getriebe, und jede Klofrau bekäme Riesenapplaus. … Täte die Rubel bremsen, die rollen, Kronjuwelen verbannen auf den Schrott, ließe alle Grenzen und Schranken verschwinden, jeden Speer, jedes Gewehr, jedes Schafott.

Vielleicht beneide ich auch die glauben können, doch was soll das, ich jage doch kein Phantom. Gott, wäre Beten bloß nicht so sinnlos…“

BAP steht stellvertretend für so viele Menschen, die sich ernsthaft fragen:  Na, ob sich das Beten wirklich lohnt? Sehr viele Menschen stehen dem Glauben distanziert gegenüber. Für sie ist Beten logischerweise auch eine etwas fragwürdige Angelegenheit: „Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ob Beten sich wirklich lohnt? Beten bringt´s das?““ Mit dieser Haltung steht BAP nicht allein. Und der Sänger Wolfgang Niedecken hält sich das Beten als Möglichkeit ja noch offen. Vielleicht, singt er, kommen wir ja mal zu dem Punkt, wo Beten sich vielleicht doch lohnen „dät“.

Andere Menschen beten gerne und viel. Und sind auch fest davon überzeugt: Beten bringt´s. Beten bewirkt etwas. Wenn wir am Ende sind mit unserem Latein und unserer Weisheit, dann, sagen sie, können wir nur noch beten.

Ich gestehe, ich bin skeptisch, wenn ich diesen Satz höre:  Da hilft nur beten! Nicht in dem Sinn: Ich möchte etwas. Bitte Gott. Er schweigt. Ich bete wieder und wieder und dann mit Verstärkung mit anderen. Und gemeinsam bringen wir Gott dazu, unser Gebet zu erfüllen. So möchte ich Beten nicht verstehen. Wir können schon Gott ernsthaft bitten, auch miteinander. Aber wenn Gott unser Gebet nicht erhört, ist es gut. Geben wir vor allem dem anderen nicht die Schuld: Du hast halt nicht ernsthaft gebetet oder nicht genug gebetet. Irgendwann ist Schluss mit dem Beten. Und ich muss es akzeptieren, wie es ist. Irgendwann muss ich Amen sagen: So sei es nun. Amen.

Bittet, so wird euch gegeben! Ich merke, auf diesen Satz reagiere ich selbst zwiespältig. Ich glaube es ja tatsächlich. Beten lohnt sich. Ich glaube es ja tatsächlich: Da ist ja wirklich jemand da, der mein Gebet hört. Aber dieser jemand erhört in den seltensten Fällen mein Gebet und schon gar nicht sofort.

Bittet, so wird euch gegeben! Vor diesem Satz schrecke ich zurück. Klingt nach: Gebet und Schwuppdiwupp!

Manchmal habe ich Gebet als so eine Art Schwuppdiwupp-Gebet verstanden. Manchmal habe ich so schwuppdiwupp-mäßig gebetet. Manchmal habe ich, wie es BAP im Lied formuliert hat, auch „auf Teufel komm heraus“ gebetet. Aber gerade denn, wenn ich was mit dem Gebet schwuppdiwupp-mäßig erzwingen wollte, habe ich es oft genug erlebt: Schwuppdiwupp  – Ätschibätsch! Gott läßt sich nicht nach meinen Wünschen und Vorstellungen verbiegen.

Gott sei Dank! Gott steht uns für Schwuppdiwupp -Gebete nicht zur Verfügung. Er greift nicht ein, nur weil ich so gerne hätte.

So  höre ich bei diesen Satz Jesu immer einen Nachsatz mit: „oder auch nicht“:

Bittet Gott, und er wird euch geben, oder auch nicht mit! Sucht, und ihr werdet finden, oder auch nicht. Klopft an, dann wird euch die Tür geöffnet.  Oder auch nicht!

Ja, ich weiß, Jesus will uns mit diesem Satz Mut machen zum Gebet: Traut Euch zu Gott zu kommen mit eurem Gebet. Gott hört euer Gebet und Beten bewirkt etwas bei Gott!

Ich selber kann es momentan glauben: Im Beten steckt auch heute eine Kraft, die etwas bewegen kann. Eine Kraft, die etwas verändern kann. Eine Kraft, die in unserem Leben das, was in uns zerbrochen ist, wieder heilen kann. Achtsames Beten hilft uns, auf Gottes Wirken in unserem Leben zu achten. Beten weckt in uns Kräfte, gerade dann, wenn wir am Ende unserer Möglichkeiten sind.

Aber das können wir nicht herbeizaubern. Schwuppdiwupp! Es ist auch durch noch so ausgefeilte Gebetsübungen nicht herzustellen.  Wir haben es nicht in der Hand, ob und wie Gott auf unsere Gebete antwortet. Ob das Beten was bringt, hängt nicht von uns ab.

Wenn wir Menschen  zu Gott beten,  erfahren wir beides: Dass Gott mein Gebet erhört oder auch das andere: Dass er mein Gebet anscheinend nicht erhört.

Ihr kennt vielleicht auch solche Erfahrungen mit Gebet:   Ich bitte und merke beim Bitten, dass es nicht ins Leere geht. Ich bete und ich spüre dabei Gottes Nähe, die mich trägt, die mir die Kraft gibt, etwas durchzustehen, noch während ich nach einem Weg suche. Viele von uns kennen solche intensiven Gebetserfahrungen. Ich bete und merke, da geht eine Tür auf, da tut sich etwas. Mein Gebet wird erhört. Da steckt Kraft drin, Power. Da geschieht was!

Aber bestimmt kennt ihr auch diese anderen Erfahrungen mit dem Gebet:  Ich bitte und bete und spüre nur Leere und Bodenlosigkeit. Ich kann nicht mehr bitten. Ich höre nur ständig die Fragen in mir laut werden: Wie kann das Schreckliche nur geschehen? An Corona sterben mit 32? Oder wie können sich Menschen dies alles antun? Gewalt, Hass, bis Mord und Totschlag bis hin zum Holocaust. Wie kannst Du Gott das zulassen?  Mein Gott, wo bist du überhaupt? Und ich bete und merke, die Tür bleibt verschlossen. Ich renne gegen eine Tür an und sie bleibt verschlossen.

Es sind gegensätzlichen Erfahrungen, die wir im Leben auf ganz unterschiedliche Weise machen. Ich möchte als Christ beides sagen, möchte beides tun können:

a) Ich möchte das Beten nicht aufgeben. Ich spüre ein unendliches Gottvertrauen, eine unglaubliche Gelassenheit, in  die mich Jesus hineinnimmt, wenn er sagt, „Bittet, so wird euch gegeben!“   Ich möchte dieses schlichte Gottvertrauen immer wieder neu spüren, wenn ich Gott um etwas bitte. „Euer Vater im Himmel weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr es im Gebet aussprecht!“ Beten lohnt sich. Selbst wenn es anders kommt als gedacht.

b) Aber gleichzeitig möchte ich die Dunkelheiten in meinem Leben nicht verschweigen, in denen ich nicht mehr bitten kann, nur noch klagen oder schweigen; wo mir jede Bitte leer erscheint, kraftlos, ohnmächtig. Es gibt doch solche Zeiten im Glaubensleben vieler Christen und anderer religiöser Menschen, wo wir nur noch eines hoffen können:  dass Gott da ist, auch wenn wir ihn nicht spüren in unserem Schreien, Klagen und  Verstummen.  Und diese Zeiten gehören genauso zu den Glaubenserfahrungen, in denen ich durch das Gebet Kraft und Mut schöpfe und sich tatsächlich in mir etwas zum Guten verändert.

Es gibt eben auch das Schweigen Gottes.  Manchmal schweigt Gott. Am Kreuz hat Jesus dieses Schweigen Gottes aushalten müssen: „Mein Gott, warum!“ Da hat Gott geschwiegen!

Jesus kennt also auch die andere Seite des Gebetes. Deshalb würden wir seine Geschichte vom bittenden Freund gründlich falsch verstehen: Wenn du Gott genug nervst, wird Gott deine Wünsche so erfüllen, wie du dir das wünscht. So nicht. Das wird auch am Ende klar.

Am Ende sagt Jesus etwas, was wir gewöhnlich übersehen, überhören, überlesen: Gott gibt uns im Gebet nicht Kraft, Mut, nicht Heil oder das, was wir uns wünschen. Gott gibt uns            seinen Geist.

„Wie viel mehr wird der Vater im Himmel

den Heiligen Geist denen geben, die ihn darum bitten.«

Wenn wir beten, wird er uns seinen Geist geben. Sein Geist wird uns helfen, einen Weg zu finden. Sein Geist wird uns zeigen, wo unser Beten Sinn macht und wo es besser ist zu schweigen.. Und wenn wir selber nicht mehr beten können aus lauter Verzweiflung, wird sein Geist für uns beten.

Amen.

Wenn Steine schreien…

Kantate 2.5.21  Trautskirchen    Wenn Steine schreien  Luk 19,37-40

Liebe Gemeinde!

 “Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien!” Diesen Satz sagte Jesus  im Evangelium für den Sonntag Kantate. Nie war uns dieser Satz näher als heute. Einen größeren Gegensatz kann man sich nicht denken.

Auf der einen Seite das fröhliche Gotteslob und die Ermutigung: Kantate! Singt! Singt aus vollem Herzen! Singt laut! Macht dabei den Mund auf und singt aus voller Kehle!

Auf der anderen Seite: Das ist uns verboten! Wenn ihr Gottesdienst feiert, dürft ihr  dabei nicht singen. Nur die Organistin, Frau Stigler darf singen. Alle anderen schweigen. Schon Wochen vor Weihnachten geht das so. Es darf längst wieder Gottesdienst gefeiert werden. Aber zu welchen Auflagen und Bedingungen? Singen verboten! Gott sei es geklagt! Nicht nur, dass wir nicht singen dürfen!

Aber hören wir uns zunächst den biblischen Text aus dem Lukasevangelium an: Luk 19

37 So kam Jesus zu der Stelle,

wo der Weg vom Ölberg nach Jerusalem hinabführt.

Da brach die ganze Schar der Jüngerinnen und Jünger

in lauten Jubel aus.

Sie lobten Gott für all die Wunder, die sie miterlebt hatten.

38 Sie riefen:

»Gesegnet ist der König, der im Namen des Herrn kommt!

Friede herrscht im Himmel

und Herrlichkeit erfüllt die Himmelshöhe!«

39 Es waren auch einige Pharisäer unter der Volksmenge.

Die riefen ihm zu: »Lehrer, bring doch deine Jünger zur Vernunft!«

40 Jesus antwortete ihnen: »Das sage ich euch:

Wenn sie schweigen, dann werden die Steine schreien!«

„Wenn sie schweigen, dann werden die Steine schreien!“

Können Steine schreien?

Vielleicht hatte Jesus den Propheten Habakuk im Sinn.  In seinen Wehe-Rufen verkündet der Prophet Habakuk (Hab 2,11): „Denn auch die Steine in der Mauer werden schreien, und die Sparren am Gebälk werden ihnen antworten.“

Es ist kein Zufall: Unmittelbar im Anschluss dieser Bemerkung Jesu:  „Wenn sie schweigen, dann werden die Steine schreien!“ berichtet Lukas, wie Jesus über Jerusalem weint:

41 Als Jesus sich der Stadt näherte und sie vor sich liegen sah, weinte er über sie:

42 »Wenn doch auch du heute erkannt hättest, was dir Frieden bringt!

Aber jetzt ist es vor deinen Augen verborgen.

43 Denn es wird eine schlimme Zeit über dich herein-brechen:

Deine Feinde werden einen Wall aus spitzen Pfählen

rings um dich errichten.

Sie werden dich umzingeln und von allen Seiten einschließen.

44 Dich und deine Bewohner werden sie restlos vernichten.

Keinen Stein werden sie auf dem anderen lassen –

weil du den Tag nicht erkannt hast,

an dem Gott dir zu Hilfe gekommen ist.«

Steine schreien, weil sie ineinander krachen. Steine schreien, wenn Häuser und Städte in Trümmer fallen. Jesus ahnte, dass diese wunderschöne Stadt Jerusalem in ein paar Jahrzehnten dem Erdboden gleich gemacht wird. Kein Stein wird auf dem anderen bleiben. Kein Gebäude wird verschont werden. Auch der Tempel wird zerstört werden, bis am Ende für die jüdischen Menschen nur die Klagemauer übrigbleibt.

Solche schreiende Steine kennen auch wir in unserer Geschichte: die schreienden Steine der deutschen Städte , die durch Bomben dem Erdboden gleich gemacht haben; die schreienden Steine von Ruinen, auch Kirchenruinen, die Dresdner Frauenkirche etwa.  Schreiende Steine sind aber auch Stolpersteine, die uns in denselben Städten an Namen von jüdischen Menschen erinnern, die einmal in diesen Häusern gewohnt haben und zur Vergasung in Viehwaggons abtransportiert wurden. Schreiende Steine gibt es auch in unserem eigenen Leben.                    Gott sei es geklagt!

„Wenn sie schweigen, dann werden die Steine schreien!“ Auch aus dem biblischen Gesamtzusammenhang wird deutlich, dass die Steine, wenn sie anfangen zu schreien, eher klagen und aufschreien als jubeln. Nicht bald darauf werden sie den, der andere vor der Steinigung bewahrt hat, ans Kreuz nageln. Bald wird Jesus das Leid der Welt, das Unrecht am eigenen Leib spüren. Und er wird verzweifelt seinem Gott klagen, warum er ihn verlassen hat. Gott sei es geklagt!

Und heute?

In Indien kämpfen die Krankenhäuser um das Überleben ihrer Patienten. In Brasilien, Niederlanden, Polen auch. Und bei uns kämpfen auch Menschen tagtäglich auf den Intensivstationen ums Überleben. Gott sei’s geklagt.

Im Mittelmeer ertrinken afrikanische Menschen. Bei uns geraten immer mehr Menschen unverschuldet in Schulden. Gott sei’s geklagt.

So beklagen die Steine, die Jesus im Blick hat, zunächst all die Trümmerhaufen, Scherbenhaufen, das Elend der Welt. Steine klagen, wenn sie schreien.

Vielen Menschen geht es genauso. Es ist ihnen zum Schreien. Sie wollen Gott nicht immer nur loben, sie wollen berechtigterweise auch ihre Klagen hervorbringen. Und Jesus verbietet das nicht. Wir dürfen auch als gläubige Menschen Krankheiten herausschreien, Enttäuschungen herausschreien, Fehler und Sünden herausschreien, Mühsal und Überforderung herausschreien. AHHH!

Wer schreit, der gibt Gott nicht auf: Gott, ich klage dir mein Leid. Hast du mir nicht was ganz anderes versprochen! Ich nehme dich beim Wort. Ich nehme dich ernst. So klage ich dir mein Leid und klage dir die Ohren voll. Du hälst es aus. Du hälst mich aus!

Manchmal leiden Menschen leiden unter unheilbaren Krankheiten, die so schwer sind, dass sie die Leidenden zum Verstummen bringen. Dann fangen die Steine an zu schreien. Die Steine treten  schreiend an die Stelle der verstummten, am Leid erstickenden Menschen.

„Die Klage erdet das Gotteslob, weil die eigene Not, die Not anderer und die Not der Mitwelt nicht verschwiegen werden müssen“ Michala Will hat das geschrieben. Ich kenne diese Frau nicht. Aber ich kenne die Tiefe ihrer Aussage: Gotteslob muss geerdet sein und die Klage erdet das Gotteslob.

Klage ist ein wichtiger Bestandteil des Gotteslobes. In guten Zeiten Gott danken und dankbar sein ist schon eine Kunst. Erst recht in schlechten Zeiten sich trotzdem an Gott wenden und den Halt bei ihm suchen.

Steine können auch jubeln und vor Freude hüpfen. Wenn wir es nicht tun, dann tun es die Steine vor Glück.

„Wenn sie schweigen, dann werden die Steine schreien!“

Jesus sagt diesen Satz zum Abschluss einer Szene, in der die Jünger vor lauter Jubel anfangen, herumzuschreien, und Hände hochzureißen, zu jubeln mit klatschenden Händen. Mir ist eines aufgefallen:  Lukas hat beim Einzug Jesu nach Jerusalem die jubelnden Jünger und Jüngerinnen im Blick. Die anderen Evangelisten betonen das nicht so sehr. Da ist es mehr allgemein das jubelnde Volk. Bei Lukas speziell die Jünger Jesu. Sie fangen plötzlich an zu jubeln und sich zu freuen.

Sie stehen nach einem langen Aufstieg am Ölberg und haben die volle Sicht auf Jerusalem. Sie jubeln sicher einer großen Erwartung heraus: Jetzt ist es so weit. Bald wird unser Messias die Macht antreten. Wir wissen, dass es anders geschehen ist.

Die Jünger und Jüngerinnen Jesu jubeln auch, weil ihnen in einer Rückschau plötzlich einfällt, was sie alles mit Jesus erlebt haben, als sie mit ihm unterwegs waren: so viele Heilungen, Befreiungsgeschichten, auch Wunder des Lebens:  wie Jesus eine gekrümmte Frau wieder aufrichtet. Wie Jesus Blinde geheilt, wie er 10 Aussätzige gesund gemacht hat (und nur einer ihm gedankt hat). Selbst totgeglaubte Menschen, wie den jungen Mann in Nain oder die Tochter des Jairus hat er zum Leben verholfen.

Wir kennen diese Geschichten, die diese Jünger mit Jesus erlebt haben, nur vom Hörensagen oder vom Bibellesen. Ich kann mir vorstellen, wenn uns das passiert wäre, wir hätten Blinde wiedersehend gesehen, Lahme wieder laufen sehen, sogar dem Tod geweihte Menschen wieder leben sehen, wir wären genauso ausgeflippt wie diese Jünger.  Halleluja!

Naja vielleicht nicht ganz so ausgeflippt. Als Franken hätte wir vielleicht anerkennenend, Basd scho! Gesagt. Unsere Art des Ausgeflipptseins.

Wunder des Lebens erfahren wir auch heute: Ist es nicht ein Wunder: Wir sind von Corona weitgehend verschont geblieben oder nicht daran gestorben. Wir erleben nicht nur in Corona-Zeiten Momente der glücklichen Bewahrung und Fügungen, Zeiten des Glückes. Wunder des Lebens sind unsere Kinder, unsere Mitmenschen an der Seite und überhaupt, das Leben kann so schön sein auch trotz Corona. Basd scho!

Die Jünger Jesu waren auch nicht dauern im Ausflippen und Halleluja-Singen. Aber der eine Moment hat sie gepackt. Da konnten sie nicht anders, als jubeln, Halleluja singen und Gott loben.

Die Pharisäer, Vertreter einer erstarrten Religiosität, wollten dieses ungehemmte, ausgelassene Gotteslob verbieten.

Die riefen ihm zu: »Lehrer, bring doch deine Jünger zur Vernunft!« 40 Jesus antwortete ihnen: »Das sage ich euch:

Wenn sie schweigen, dann werden die Steine schreien!«

                                                                                                                                                                   Ja. Auch Steine können zum Jubel schreien. Wenn ihr Jünger und Jüngerinnen den Mund nicht aufmacht, werden die Steine jubeln.

Heute: Überall, wo sich Menschen engagieren, auch in den Kirchengemeinden halten viele Ehrenamtliche Kontakt zu Menschen, um der Vereinsamung entgegenzutreten. Gott sei Dank!

 Impfstoffe sind da, inzwischen mehr als genug und wir können geimpft werden oder sind schon geimpft. Gott sei Dank!

Ein Benediktinermönch von Münsterschwarzach ist bereit, für Kirchenasyl Bestrafung auf sich zu nehmen. Gott sei Dank!

Immer mehr junge Menschen engagieren sich im Klimaschutz, in politischer Arbeit, geben Kindern Nachhilfe und gute Begleitung, damit die nicht in den Zeiten der Pandemie den Anschluss verlieren. Gott sei Dank!

Und wenn nicht wir Menschen Gott sei Dank! sagen, dann tun es die umherliegende Steine für uns.

Gott wird immer gelobt, dauernd, nachhaltig, ohne Unterbrechung. Die  ganze Schöpfung  lobt Gott, dafür dass sie da ist. Wir gläubigen Menschen loben Gott für sein Tun und Wirken in unserer Welt. Sogar die Menschen, die Gott nicht kennen, loben Gott, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst sind: die schreienden Babies loben Gott, die kleinen Kinder, die am Strand singend ins Wasser hüpfen, loben Gott und auch die seufzenden, klagenden, dankbaren und lebenslustigen Menschen loben Gott auf ihre Art.  Und nicht zu vergessen: Es ist auch möglich, durch die FFP-2 Maske hindurch Gott zu loben, zu beten,  für Gott und in Gottes Namen zu schreien.

Und wenn wir nicht laut loben können, tun es die Steine. Auch die Steine dieser Kirche hier. Sie fangen an zu reden, zu singen, zu loben.

Der Taufstein dort drüben fängt an zu sprechen:  So viele haben ihre Kinder zu mir gebracht, ihre Kinder über mich gehalten und ich spüre den Segen Gottes, der über diese Kinder gesprochen wurde. Ich hoffe, dass wieder Kinder zu mir zur Taufe gebracht werden!

Der Altarstein hinter mir fängt an zu sprechen: Mich könnt ihr nicht verrücken. Ich bin groß und schwer wie der Grundstein, der mit Christus unverrückbar gelegt ist. Vieles wird sich in der Kirche ändern, der Grundstein steht!

Und der Eckstein im Gewölbe fängt an zu wispern: Seht doch, wie alles auf Christus zuläuft und er den Glauben von ganzen Kirchen wie das Gewölbe zusammenhält.

Und die vielen, vielen Steine im Gemäuer dieser Kirche höre ich wispern: Wir sind verbaut, viele von uns kann man nicht sehen, wir sind verbunden mit euren Vorfahren, die diese Kirche gebaut haben. Und ihr könnt lebendige Steine sein, eingebaut in unserer Kirche.

Der Stein, den ich in der Hand halte, spricht auch zu mir, wenn ich ihn länger in der Hand halte. Was spricht, singt, schreit dieser Stein in meiner Hand?

Erinnere ich dich an eine Last, die du dauernd mit dir herumschleppst. Du musst sie nicht dauernd herumschleppen. Lege sie mit mir in dieser Kirche ab. Gott sei es geklagt!

Erinnere ich dich an einen unscheinbaren Stein? Jeder Stein ist etwas ganz Besonderes. Auch du bist in Gottes Augen etwas Besonderes. Du bist ein Wunder und alles Leben um dich herum ist ein Wunder. Gott sei Dank!

Erinnere ich dich an ein wunderschönes Erlebnis. Ein Stein aus den Bergen, ein Stein aus dem Meer oder sonst etwas, das dich richtig mit Freude erfüllt: Gott sei Dank!

Die Steine von Kirchen, Synagogen und Moscheen fangen an zu schreien, wenn wir unseren Mund wegen Corona nicht aufmachen können, entweder weil uns das Singen verboten ist und weil es uns vergangen ist.  Auch andere Steine fangen an zu schreien, wenn wir verstummen.

Gott kann in so vielen Gestalten gelobt werden. Im Flüstern, im Sprechen, im gemeinsamen Beten, im vielstimmigen Chor. Im Schrei der Klage ebenso wie im Jubel über die Schönheit der Welt. Im Schweigen oder im stummen Verweis auf die Steine, die Lob und Klage übernehmen, wenn aus welchen Gründen auch immer die Worte fehlen.

Wenn Steine all das tun können, Gott all das Leid klagen und gleichzeitig all das Wunderbare, Wunderschöne Gott danken, wenn Steine das tun können, können wir das auch: Gott sei Dank!

Unbequeme Wahrheiten, die keiner hören mag

Apostelgeschichte 17,22-34    25.4.21  Predigt Trautskirchen

„Solange ich den Menschen nach dem Mund reden, werden sie mir zustimmen, nicken, auf Facebook „Gefällt mir“ klicken und mich bestätigen, was für feiner Mann ich doch sei. Aber wehe, wenn ich ihnen widerspreche. Wehe, wenn ich eine unbequeme Wahrheit sage.“

Diese Erfahrung macht Paulus auf dem Marktplatz in Athen.

 Dabei geht er zunächst klug vor. Er geht durch die Straßen Athens, schaut sich die verschiedensten Statuen und Tempel der verschiedensten Götter an und findet sogar einen Altar, an den er anknüpfen kann. „Dem unbekannten Gott“ geweiht stand da auf diesem Altar. Alle möglichen Götter werden verehrt und sicherheitshalber auch ein unbekannter Gott, damit keiner der Götter beleidigt ist.

„Ihr Bürger von Athen! Nach allem, was ich sehe, seid ihr sehr fromme Leute. Ich bin durch die Stadt gegangen und habe mir eure heiligen Stätten angeschaut. Dabei habe ich auch einen Altar gefunden, auf dem stand: ›Für einen unbekannten Gott‹. Das, was ihr da verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch. Es ist der Gott, der die Welt geschaffen hat und alles, was in ihr ist.“

Die Athener sind eifrige Gottesverehrer, immer auf der Suche nach neuen Göttern. Daher kommt Paulus ihnen gerade recht.  Der redete auf den Straßen dauernd von einem Jesus und seiner Anastasia.

„Was für einen neuartigen Gott hast du? Wen oder was verehrst du? Du sagst, du willst uns die gute Nachricht von Jesus und seiner Anastasia erzählen? Erzähl mal.“

Und Paulus fängt zu erzählen:

Nun er „ist der Herr über Himmel und Erde. Er wohnt nicht in Tempeln, die von Menschenhand errichtet wurden. Er ist auch nicht darauf angewiesen, von Menschen versorgt zu werden.  Er ist es doch, der uns allen das Leben, den Atem und alles andere schenkt.“

Hm, dieser Jesus und seine Anastasia macht sie neugierig. Ja, diese Götter machen sie schon neugierig. Ihre Götter leben in Tempel. Sie sind darauf angewiesen, von den Menschen verehrt und mit Trankopfer oder Speiseopfer versorgt zu werden. Die Menschen sind dazu da, diese Götter zu verehren und ihnen zu dienen. Und sie tun es, allein schon, um sie zu besänftigen und milde zu stimmen. Es könnte ja sein, dass sie ein oder zwei von den vielen Götter vergessen haben und diese deshalb sauer sind. Also hören sie genau zu, was Paulus ihnen über diesen ihnen unbekannten Gott erzählen möchte.

„Er hat aus einem einzigen Menschen die ganze Menschheit hervorgehen lassen, damit sie die Erde bewohnt. Für jedes Volk hat er festgesetzt, wie lange es bestehen und in welchen Grenzen es leben soll. Er wollte, dass die Menschen nach ihm suchen – ob sie ihn vielleicht spüren oder entdecken können. Denn keinem von uns ist er fern. Durch ihn leben wir doch, bewegen wir uns und haben wir unser Dasein. Oder wie es einige eurer Dichter gesagt haben: ›Wir sind sogar von seiner Art.“

Ich sehe wie die Menschen nicken. Das gefällt ihnen: Keinem von uns ist dieser Gott fern. Durch ihn leben, bewegen und sind wir. Klingt gut, klingt sogar philosophisch  und dann zitiert ja Paulus auch noch einen ihrer damals bekannten Dichter: „Wir sind sogar von seiner Art.“

Gefällt mir. Wir sind göttlichen Geschlechts. Wir Menschen sind göttlicher Herkunft.

Paulus hatte sich vorher mit Philosophen unterhalten, mit Stoikern und Epikureern. Gestritten haben sie sogar miteinander. Stoiker und Epikureer  haben über sein Reden verächtlich gesagt: „Was für ein Schwätzer“.

Jetzt hören sie zu. Die Stoiker werden ihm darin zugestimmt haben:

„Keinem von uns ist dieser Gott fern. Durch ihn leben, bewegen und sind wir. „Das ist sogar hochphilosophisch  und dann zitiert ja Paulus auch noch einen ihrer damals bekannten Dichter Aratos, einem Stoiker:

„Zeus sei unser Beginn, und niemals bleib‘ er uns Männern

Ungelobt. Voll wahrlich des Zeus sind alle des Wandels

Weg, und alle Versammlung der Welt, voll jegliche Meerflut,

Jeglicher Port. Ringsum ja des Zeus bedürfen wir alle

seines Geschlechts auch sind wir.“

(Aratos)

Vor allem die Stoiker werden begeistert sein: Er zitiert unseren Starphilosophen Aratos.  Ja, das sagen wir doch auch. Es gibt ein göttliches Prinzip, das den ganzen Kosmos durchwirkt.  Und ob man Zeus dazu sagt, oder einen anderen Gott, das ist eigentlich wurscht. Wir kennen die Stoiker von der „stoischen Ruhe“. Nur nicht aufregen, immer seine Gefühle unter Kontrolle halten, frei von Leidenschaften sein, selbstgenügsam und durch nichts sich erschüttern lassen, auch durch den Tod nicht. Das ist ihre stoische Lebensdevise.

Und die Epikurerer gehen davon aus, dass es tatsächlich Götter gibt. Sie führen eine selige, sorglose Existenz und kümmern sich nicht um die Menschenschicksale .  Für Epikureer ist der Tod unvermeidlich und bedeutungslos. Alles Streben nach Glück beschränkt sich für sie deshalb auf das endliche Leben. Überwinde deine Furcht, deinen Schmerz und deine Begierden und du wirst dich des Lebens freuen können.

Worin sich Stoiker und Epikureer einig sind: Diese Götterverehrung, diese Unmengen von Statuen und Tempel, braucht es eigentlich nicht. Das ist was für das einfache Volk, die sich damit trösten. Wir Philosophen wissen, dass Götter nur Symbole sind. Wir stehen über der Götterverehrung. Aber wenn das Volk will, lass es die Götter verehren. Und deshalb werden sie diesen Worten des Paulus zugestimmt haben:

„Weil wir Menschen also von Gottes Art sind, dürfen wir uns nicht täuschen: Die Gottheit gleicht keineswegs irgendwelchen Bildern aus Gold, Silber oder Stein. Die sind nur das Ergebnis menschlichen Könnens und menschlicher Vorstellungskraft.“

Erzähl uns mehr von Deinem Philosophengott und seiner Anastasia!

„Nun – Gott sieht nachsichtig über die Zeiten hinweg, in denen die Menschen ihn nicht gekannt haben. Aber jetzt fordert er alle Menschen an allen Orten auf, ihr Leben zu ändern. Denn Gott hat einen Tag festgesetzt, um über die ganze Welt zu richten. Dann wird er Gerechtigkeit walten lassen – durch den Mann, den er dazu bestimmt hat. Dass dieser Mann wirklich dafür bestimmt ist, hat Gott allen Menschen durch dessen Anastasia/ Auferstehung  von den Toten bewiesen.“

Jetzt wird den an dem unbekannten Gott von Paulus interessierten Athenern plötzlich eines klar:

Der meint einen bestimmten Menschen, Jesus  oder so ähnlich, der tot war und den „Gott“ wieder lebendig gemacht hat. Anastasia ist nicht seine göttliche Frau. Dieser Paulus redet doch tatsächlich von der Auferstehung von den Toten. Da ist einer tot gewesen, wird von diesem unbekannten Gott auferweckt und soll auch noch das letzte Wort über die ganze Welt haben!

Lachhaft! Lächerlich! Spinnert!

Philosophen wie die Epikureer und die Stoiker beschäftigen sich mit Fragen der Lebensbewältigung. Wie können wir Menschen stoisch Leid und Tod geduldig ertragen? Oder die Epikureer: Wie können wir das Leben genießen und Lebensglück finden, ohne im Übermaß an Genuss und Leid zu ersticken? Philosoph ist jemand, der ein Freund der Weisheit ist. Weise und klug und achtsam das Leben bewältigen.

Aber keiner der Philosophen beschäftigt sich mit dem, was nach dem Tode kommt. Keiner.  Die Philosophen wissen keine Antwort darauf, was danach kommt. Und jede Vorstellung einer Anastasia, einer Auferstehung ist für sie lachhaft, spinnert.

Ich sagte eingangs: Solange Paulus den Menschen nach dem Mund reden, werden sie ihm zustimmen, nicken, auf Facebook „Gefällt mir“ klicken und ihn bestätigen, was für feiner Mann er doch sei. Aber wehe, wenn er eine unbequeme Wahrheit sagt.

Die unbequeme Wahrheit ist: Nach dem Tod geht es weiter. Du täuscht dich gewaltig, wenn du glaubst, nach dem Tod ist alles aus und es ist egal wie du dein Leben gelebt hast.

Die Auferstehung Jesu ist dabei durchaus etwas Rebellisches: Den, den die Welt ins Unrecht gesetzt hat, setzt Gott ins Recht. Du bist mit ihm rechnen nach deinem Tod. Alle Welt muss mit ihm rechnen.

Die unbequeme Wahrheit ist: Nach dem Tod hat einer das letzte Wort über mein Leben. Jesus. An ihm misst Gott dein und mein Leben.

Es ist der Jesus, der sich für die Schwachen und Armen einsetzt, der ein Herz für das einfache Volk hat und sich nicht über sie arrogant überhebt, weil sie nicht anders können, als irgendwelche Statuen und Tempel zu verehren und an Amulette und an sonstigen Aberglauben  glauben.

Die unbequeme Wahrheit ist:  Da ist tatsächlich ein Gott, der sich uns Menschen interessiert. Ganz anders als diese griechischen Götter, denen das Schicksal der Menschen wurscht ist in ihrer griechischen Götterseligkeit.  Unbequem ist diese Wahrheit deswegen, weil unser Leben von ihm hinterfragt wird.

Die unbequeme Wahrheit ist:  Da ist ein Gott, der sich tatsächlich für alle Menschen interessiert, keinem von uns Menschen ist dieser Gott fern. Wir sind göttlicher Herkunft. Aber das heißt,  dieser Gott ist nicht nur dem philosophisch gebildeten Menschen nahe. Auch der arme, ungebildete Mensch . Und göttlicher Herkunft sind alle Menschen. Heute sagen wir: Jeder Mensch hat eine Würde, jeder, der Flüchtling genauso wie  der Normalbürger und der Neonazi genauso wie der Querdenker. Und jeder davon wird von Gott gefragt, wie achtest du die Würde des anderen? Wie lebst du die Nächstenliebe?

Und Gott wird uns fragen: Wie gehst du mit der Würde deines Mitmenschen um? Du bist auch nichts Besseres oder Schlechteres als dein Mitmensch nebenan.

Als sie hörten, dass Paulus von der Auferstehung sprach, begannen die einen zu spotten, die anderen „Wir wollen dich ein andermal weiterhören.“ So kann es laufen, wenn man unbequeme Wahrheiten nicht hören mag.

Eine ähnliche Rede wie Paulus hielt neulich ein Polizist ,Thomas Lebkücher ,vor Corona-Demonstranten in Worms.  Und ähnlich wie Paulus scheut er nicht, unbequeme Wahrheit zu sagen:

Am vergangenen Wochenende diskutierte er mit Mundschutz mit Corona-Demonstranten ohne Mundschutz. Um diese auf die Einhaltung der geltenden Hygienevorschriften aufmerksam zu machen, zitierte er aus der Bibel und verweist auf Jesus. „Sie haben ein Recht zu demonstrieren, andere haben ein Recht auf Leben“, erklärte er.  Außerdem bat er die anscheinend christlich motivierte Gruppe, an das christliche Gebot der Nächstenliebe zu denken.

Ein Mann trug mit Absicht keinen Mundschutz und frage ihn provozierend:

Würde Jesus heute auch einen Mund-Nasen-Schutz tragen und eine Corona-Impfung empfehlen“. Da antwortete der Polizist: „Der würde sagen: Betet so, dass ihr keinem anderen schadet.“ Jesus habe im Garten Gethsemane bei seiner eigenen Verhaftung einem Soldaten das Ohr wieder geheilt, das sein Jünger Petrus diesem abgeschlagen hatte.

„Weil er davon geprägt war, den Nächsten mehr zu lieben als sich selbst. Das ist das fundamentale Gebot, und wenn wir uns alle daranhalten, haben wir kein Problem“, sagte der Beamte.

Ich wünsche uns auch diesen Mut, unbequeme Wahrheiten zu sagen. Amen