Schenke denen, die dich nicht schätzen, deine Abwesenheit!

Schenke Menschen, die deine Anwesenheit nicht schätzen,

deine Abwesenheit.

Warum setzt du dich der Gegenwart von Menschen aus, die dich klein und unwichtig machen?

Warum tust du dir diese Menschen an?

Du brauchst diese Menschen nicht.

Du hast die Freiheit, dich von diesen Menschen, die dich klein machen, zu verabschieden.

In deiner Welt gibt es noch mehr als genug Menschen, die dich wirklich schätzen.

Mehr als du denkst,

gibt es Menschen, die dich so annehmen wie du bist

und sich darüber freuen, dass es dich gibt.

Schenke den Menschen, die deine Anwesenheit nicht schätzen, ruhig deine Abwesenheit.

Sie werden dich nicht vermissen

und du sie auch nicht.

Vom Glück der Hoffnung auf Glück Erich Fried (1921-1988)

Bevor ich sterbe

Noch einmal sprechen

von der Wärme des Lebens

damit doch einige wissen:

Es ist nicht warm

aber es könnte warm sein

Bevor ich sterbe

noch einmal sprechen

von Liebe

damit doch einige sagen:

Das gab es

das muss es geben

Noch einmal sprechen

vom Glück der Hoffnung auf Glück

damit doch einige fragen:

Was war das

wann kommt es wieder?

Erich Fried (1921-1988)

Geschützt: Wut

Dieser Inhalt ist passwortgeschützt. Um ihn anzuschauen, gib dein Passwort bitte unten ein:

Den Dingen auf den Grund gehen

Letzte Dinge

Letzten Dingen auf den Grund gehen

Woher ich komme,

wohin ich gehe,

welchen Sinn mein Leben hat

woher wohin wozu

Lebensfragen auf den Grund gehen.

In die Tiefe des Seins tauchen

So tauche ich in die Tiefe des Seins mit meinen Fragen:

„Woher ich komme?“

Ich bin kein Produkt des  Zufalls.

Nichts geschieht ohne Hintersinn

Auch mich hat eine höhere Macht gewollt

Und ins Leben gerufen.

Ich kann diese höhere Macht „Gott“ nennen oder „Universum“  oder was weiß ich.

Ich komme aus höheren Kreisen,

bin mehr als Fleisch und  Blut, Genen und Materie.

Und wenn ich sterbe,

kehre ich dahin zurück, woher ich gekommen bin.

Solange ich lebe, wird mich die Frage nach dem Wozu meines Daseins beschäftigen.

Ja,

ich habe eine Mission,

eine Berufung,

die ich immer wieder neu für mich entdecken darf.

Es ist genug!

„Es ist genug!“

Dieser Satz begleitet mich seit Jahren, als er mir während eines Bibliodramas ins Auge fiel.

Seitdem lässt er mich nicht mehr los. Es ist genug!

Immer mehr und immer mehr Ansprüche ans Leben stellen?  –

Es ist genug!

Wir werden befreiter leben und anderen bleibt mehr vom Leben.

Immer  mehr und immer mehr Worte verbreiten?

Es ist genug!

Weniger Worte machen, einfach mal auch schweigen,-

Wir werden ruhiger, gelassener

Und andere kommen zu Wort.

Es ist genug!

Immer ungeduldiger werden, immer alles sofort haben wollen?

Es ist genug!

Wir können geduldiger sein.

Wir können entspannter leben

und andere können aufatmen.

Es ist genug, sagt uns Gott, lass es gut sein,

du musst nicht immer mehr haben wollen,

du musst nicht über deine Kräfte und Möglichkeiten leben,

du musst nicht am Leben vorbei leben.

Sei einfach du selbst, und es ist genug!

Weniger Ansprüche ans Leben stellen

Weniger Ansprüche ans Leben stellen –

Wir würden befreiter leben

Und anderen bliebe mehr: ein Weg zum Leben.

Weniger Worte machen –

Wir würden ruhiger

Und andere kämen zu Wort: ein Weg zum Leben.

Weniger ungeduldig sein –

Wir würden entspannter leben

Und andere könnten aufatmen: ein Weg zum Leben.

Weniger wollen,

mehr schweigen,

geduldiger sein –

Uns täte es allen gut.

Lasst uns darum stille sein

und schweigen,

Lasst uns Gott in der Stille wahrnehmen,

wenn unsere Ansprüche verstummen,

wenn unserer Worte endlich ein Ende

und unserer Ungeduld zur Geduld wird.

Ich atme ein, ich atme aus.

Ich halte für einen Moment die Luft ein.

Ich atme ein, ich atme aus.

Gott mache mich frei,

immer mehr zu wollen,

über meine Kräfte und Möglichkeiten zu leben,

am Leben vorbei zu leben.

Lass mich einfach sein.

Hat es mir gefallen?

Am Ende meines Lebens

möchte ich nicht sagen müssen, mein Leben hat allen gefallen,

nur nicht mir.

Am Ende meines Lebens

möchte ich sagen können:

Hier da und da war es für mich nicht einfach,

manchmal eine Herausforderung,

manchmal auch eine Sackgasse,

da habe ich mich getäuscht

und dort habe ich mich verlaufen

Aber im Großen und Ganzen hat es

m i r 

gefallen,

weil ich nach meinen Wünschen und Bedürfnissen geschaut habe  

und nicht nur auf  die Wünsche und Bedürfnisse anderer.

Was andere am Ende über mein Leben sagen,

mag schön sein oder schwer,

manches wird manchen auch so gar nicht gefallen haben,

den meisten Menschen ist es sowieso egal, wie mein Leben war.

Aber am Ende meines Lebens kommt es auf eines an:

Hat es mir gefallen?

Leben und lieben wie ER

Trautskirchen, 9.7.21  Mt 28,16-20

Liebe Gemeinde

Was waren eigentlich die letzten Worte Jesu im Matthäusevangelium? Nein, nicht „ Eli, Eli lama asabthani.“ Nein, nicht „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen. Das sind im Matthäusevangelium die letzten Worte Jesu am Kreuz, bevor er gestorben ist. Aber die Geschichte Jesu geht weiter. Jesus wird von Gott auferweckt. Und als Auferstandener sagt Jesus zu seinen Jüngern diese letzten Worte:

„Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

So hört das Matthäusevangelium auf mit diesen Worten: „Siehe, ich bin bei euch,“ Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Das sind Jesu letzte Worte.

„Klar ist Jesus bei uns. Das ist doch selbstverständlich!“ möchte ich hier einwenden. Aber so selbstverständlich ist das gar nicht. Wer kann das schon versprechen: „Ich bin bei dir alle Tage!“?

Kein Mensch kann immer bei mir sein. Selbst der Ehepartner nicht. Wer wird bei uns sein, wenn es darauf ankommt? Nicht einmal bei den eigenen Kindern kann man da so sicher sein. Schon zu viele Menschen habe ich kennen gelernt, die von ihren Kindern und Enkelkindern alleingelassen worden sind.

Kein Mensch kann immer bei mir sein. Schon gar nicht alle Tage meines Lebens. Auch ein Pfarrer ist nicht für immer da. Ich habe euch nie versprochen: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Das wäre wirklich viel zu viel versprochen.

Kein Mensch, auch kein Pfarrer, kann dieses Versprechen auch nur annähernd einlösen. Ich habe das am Freitag gemerkt, als ich drei Besuche wegen den Überschwemmungen nicht machen konnte. Kein Durchkommen möglich.

 Kein Mensch kann immer da sein. Nicht rund um die Uhr, nicht Tag und Nacht, nicht Woche für Woche bis zum Ende aller Tage. Kein Mensch kann immer für andere da sein. Kein Mensch kann alle Tage deines Lebens für dich und mich da sein.

Das kann nur Jesus. Nicht der Mensch Jesus, sondern Jesus der Christus, der Messias, den Gott auferweckt hat und nun zur Rechten Gottes sitzt, der kann dir und mir versprechen:

Ich bin bei dir, ohne wenn und aber, jede einzelne Stunde deines Lebens bis ans Ende dieser Welt.

Ich bin bei euch. Das sagt Jesus. Was auch kommen mag, ich bin bei euch.

„Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Luther

„Seid gewiss: Ich bin immer bei euch,

jeden Tag, bis zum Ende der Welt.« Basisbibel

Das sind Jesu letzte Worte. Er sagt sie zu seinen Jüngern bei seinem letzten Abschied hier auf Erden. Ich möchte uns die ganze Geschichte vorlesen. Es ist eine Geschichte voller tiefer Symbolik. Und jeder kann darin sein eigenes Leben hier wieder finden.

16 Die elf Jünger gingen nach Galiläa.

Sie stiegen auf den Berg,

wohin Jesus sie bestellt hatte.

17 Als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder.

Aber einige hatten auch Zweifel.

18 Jesus kam zu ihnen und sagte:

»Gott hat mir alle Macht gegeben,

im Himmel und auf der Erde.

19 Geht nun hin zu allen Völkern

und ladet die Menschen ein,

meine Jünger und Jüngerinnen zu werden.

Tauft sie im Namen

des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!

20 Und lehrt sie, alles zu tun, was ich euch geboten habe!

Seid gewiss: Ich bin immer bei euch,

jeden Tag, bis zum Ende der Welt.«

„Elf Jünger gingen nach Galiläa. Sie stiegen auf den Berg…“

Elf  waren den Berg hoch gewandert, wohin Jesus sie bestellt hatte.  Wort für Wort fast  können wir diese Geschichte für uns erschließen:

Elf Jünger. Ein ganz kleiner Haufen. zwölf Jünger waren sie noch vor kurzem gewesen. Einer von ihnen hatte sich das Leben genommen. Das muss sie alle schrecklich getroffen haben. Einer von ihnen hatte Jesus verraten und hat dies nicht verkraftet. Dazu finde ich Gott sei Dank keine Parallele zu uns heute. Aber jeder von uns weiß um den Verlust von Menschen durch Unglück, Krankheit und Schicksalsschläge. Da fehlt uns jemand. Der 12., der sonst immer dabei war.

Gehen wir zurück zu unserer Geschichte. Wir sind an einer Stelle, wo wir uns nicht unbedingt wieder finden: Diese 11 Jünger waren ja voller Fragen. Ihnen ist mit dem Tod Jesu am Kreuz so vieles Selbstverständliche zerbrochen. Und so waren diese 11 Jünger voller Fragen:

Was wird denn jetzt aus uns?

Wir sind nicht mehr vollzählig, einer fehlt!

Wie soll es mit uns weiter gehen?

Wir können doch auch fast nicht mehr!

Wir haben doch auch keine Kraft mehr. Und keinen Mut. Unser Glaube ist doch auch gar nicht mehr so stark. Er ist doch am Zerbrechen wie vor kurzem bei Judas, der sich erhängt hat.

Wir müssen uns nicht in genau derselben Situation der Jünger von damals wieder finden. Aber es gibt sicherlich Zeiten in unserem Leben, in denen wir uns genauso wieder finden und uns genauso fühlen:  Schwach, ohne Hoffnung, verzagt.

So haben sich damals jedenfalls die Jünger gefühlt. Und nun müssen sie auch noch nach Galiläa gehen. Weg von Jerusalem in die Provinz. Galiläa, das ist Provinz, das ist Werktag, das ist grauer Alltag. Da ist nichts mehr los. Da ist nicht mehr viel zu erwarten. Nach Galiläa laufen, das bedeutet: Der Alltagstrott beginnt. Da muss man schuften in Galiläa. Da kennen einen die Leute in Galiläa. Die reden über einen, die Leute in Galiläa. Soll man ausgerechnet da Jesus begegnen, in Galiläa, im Alltag, im grauen Alltag?

Dorthin hatte Jesus die Jünger geschickt, nach Galiläa, wo nichts los ist und nichts Besonderes zu erwarten ist. Aber das ist noch nicht alles. In Galiläa angekommen sollen sie auch noch auf einen Berg steigen. Der Berg, den sie da mühsam hinaufsteigen, das ist nichts für abenteuerlustige Touristen.

Der Berg, das ist die Last, die wir zu bewältigen haben.

Der Berg, das ist vielleicht der morgige Tag:         

Was wird der morgige Tag mir an Sorgen und Problemen bringen?

Der Berg, das sind alle Probleme und Sorgen und Schwierigkeiten, die sich auf einmal vor einem auftürmen, so schwer, so groß.

Kein Wunder, wenn dieser Berg dir und mir dann so schrecklich Angst macht.

Und schon wieder bedrängen die Jünger die Fragen:

Muss es denn unbedingt ein Berg sein, den wir da hochsteigen müssen? Warum kann uns Jesus nicht im flachen Tal begegnen? Warum ist Glaube manchmal so mühselig und so schwer? Warum türmen sich vor mir Berge von Sorgen, Schwierigkeiten und Problemen auf, wo ich doch Christ bin? Warum ist Glaube oft genug kein schöner, ebener Weg?

Trotz aller Sorgen, Schwierigkeiten und Probleme, trotz aller offenen Fragen steigen die Jünger auf den Berg in Galiläa. Und es hat sich für sie gelohnt. Sie erleben einen dieser seltenen Augenblicke der Gottesbegegnung.  Noch einmal für einen winzigen Moment der Ewigkeit: Jesus kommt ihnen ganz nahe. Sie begegnen dem auferstandenen Herrn. Sie stehen ihm gegenüber wie ich Euch gegenüberstehe. Wir könnten neidisch auf sie sein, wenn es da nicht auch ausdrücklich heißen würde:

17 Als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder.

Aber einige hatten auch Zweifel.

Es ist schon seltsam. Während dieser unglaublichen Begegnung mit dem auferstandenen Herrn, lesen wir: Einige aber zweifelten.  Einige von diesen 11 Jüngern zweifelten. Nicht einer, nicht zwei. Mindestens drei, vier, viele zweifelten auf diesem Berg der Gottesbegegnung. Obwohl ihnen Jesus doch ganz nahe war.

11 Jünger waren es, so wenige. Und nicht einmal diese wenigen waren sich ihres Glaubens gewiss.

Es überrascht mich. Noch mehr aber freut es mich, dass das nicht verschwiegen wird: Dass da einige zweifelten. Auch im engsten Jüngerkreis gab es das also.  Selbst bei dieser letzten Jesusbegegnung ist der Zweifel bei den Jüngern nicht ganz verbannt. Und das wird nicht vertuscht oder verschwiegen, sondern ganz einfach berichtet:  Auch Jünger zweifeln. Auch Christinnen und Christen zweifeln und dürfen zweifeln. Mit keinem Wort hat Jesus den Zweifel einiger seiner Jünger kritisiert.

Dann trat Jesus auf sie zu und sprach zu ihnen, heißt es. Das heißt, den ersten Schritt macht Jesus. Er kommt ihnen buchstäblich entgegen. Er hält sie sich nicht auf Distanz. Er geht auf sie zu und macht den ersten Schritt.

So macht er es doch auch bei uns. Er kommt doch auch uns entgegen. In unseren ganzen Fragen. Und in unseren Zweifeln. Und in unseren Sorgen, Schwierigkeiten und Problemen. Und wenn der Berg noch so hoch ist, er lässt uns nicht hoffnungslos umherirren, wenn wir nur noch ratlos sind. Er weist uns nicht zurück, wenn wir zweifeln oder nicht so recht glauben können. Wer zu mir kommt, sagt er, den stoße ich nicht zurück, sagt er. Immer wieder kommt er auf uns zu, berührt uns sanft und richtet uns auf: Er nimmt uns an, so wie wir sind. Und dann macht er uns auf etwas aufmerksam:

»Gott hat mir alle Macht gegeben,

im Himmel und auf der Erde.“

Exusia, im Urtext. Das gleiche Wort, das die Menschen über Jesus von Nazareth sagten: Der redet mit Vollmacht und nicht wie Schriftgelehrte in ihrem Elfenbeinturm.

Der Auferstandene hat noch mehr Exusia, noch mehr Vollmacht: im Himmel und auf der Erde. Von jetzt an Vollmacht überall.

Verwechseln wir die Vollmacht nicht mit Macht, wie es viele Christen verwechselt haben und mit weltlicher Macht Mission verbreitet haben. Das hat mit seiner Vollmacht nichts zu tun. Es ist kein Missionsbefehl, sondern eine Vollmacht, an der er alle seine Jünger und Jüngerinnen teilhaben lässt. Als seine Jünger habt auch ihr Vollmacht. Ihr habt Vollmacht, im Namen Jesu zu reden, zu handeln, zu leben.

Und dann hat er auch für uns einen Auftrag.

Nicht schon wieder, höre ich mich sagen, bin echt bedient von dem letzten Auftrag. Ich habe keine Bock mehr auf noch mehr Aufträge.

Keine Angst, höre ich Jesus zu mir sagen: Dieser Auftrag ist nichts Schlimmes und für Dich keine Last.

Hören wir erst einmal hin, wie dieser Auftrag lautet, den Jesus zunächst an die 11 Jünger gerichtet hat:

19 Geht nun hin zu allen Völkern

und ladet die Menschen ein,

meine Jünger und Jüngerinnen zu werden.

Tauft sie im Namen

des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!

Ich kann euch Jünger und Jüngerinnen gebrauchen. So verstehe ich diesen fälschlicherweise so genannten Missionsbefehl Jesu. Das ist kein Befehl und ein Missionsbefehl schon gar nicht. Es ist ein: „Du wirst noch gebraucht.“ Es ist ein „Dein Leben hat Sinn, trotz allem.“ Nichts ist umsonst und für die Katz. Alles hat seinen Sinn. Und du bist dabei!

Ladet mit eurem Leben die Menschen ein, meine Jünger und Jüngerinnen zu werden.

Das Leben der Jünger bekommt mit einem Male einen Sinn durch diesen Satz. Er kann sie noch gebrauchen: seine Jünger und Jüngerinnen:

Er kann diese Zweifler gebrauchen. Er kann diese ungebildeten Fischer gebrauchen. Er kann auch diese ehemaligen Zöllner und Sünder gebrauchen. Er kann diese kleinen Leute gebrauchen. Er kann diese paar Hansel mit ihren Sorgen, Schwierigkeiten und Problemen gebrauchen.

Mit diesen 11 Jüngern will Jesus die Welt verändern. Und er hat sie verändert. Und er wird auch unsere Welt mit uns elf Christen verändern.

19 Geht nun hin zu allen Völkern

und ladet die Menschen ein,

meine Jünger und Jüngerinnen zu werden.

Geht zu  allen Völkern. Alle Völker. Oder geht wenigstens zu euren Kindern. Macht sie nicht bloß zu anständigen Menschen. Macht sie zu echten Jüngern, zu Menschen, die Jesus nachfolgen. Nachfolgen heißt: Jesus hinterher. Lebe so wie er gelebt hat.

Ich denke, diese 11 Jünger waren erst einmal starr vor Schreck. Aber dann begriffen sie später: So Großes traut uns Jesus zu. So Großes traut Gott uns zu: Lebe so wie er gelebt hat.

Wir blenden uns hier aus der Geschichte aus. Denn genau an dieser Stelle geht es ja auch um uns, um euch und um mich. So Großes traut Gott uns heute zu: Leben wie er, wie Jesus es uns vorgelebt hat.

Dazu braucht es kein Bibelwissen, kein Theologiestudium, kein spezielles Epertenwissen.

Lebe wie Jesus es uns vorgelebt hat.

Sei barmherzig, er war es auch.

Habe ein Herz für die Armen und Schwachen, er hatte es auch.

Liebe und lebe wie er.

Du kannst es. Ich kann es. Wir können es. Gott traut es uns zu.

Wir dürfen auch darauf vertrauen:

 Jesus ist da, hier, gegenwärtig. In seinem Geist ist Jesus da.

Und sein Geist Jesu hört nicht auf, unter uns Menschen zu wirken durch liebevolle Gesten. Sein Geist es, der durch Menschen, die da sind, die dir und mir zuhören, die dir und mir Mut machen, die dich und mich aufrichten. Jesu Geist berührt uns, mitten in unserem Alltag mit allem, was uns da gerade beschäftigt. Jesu Geist berührt ist, was uns Sorgen macht. Und auf einmal spüren wir: Wir sind nicht allein.

So verstehe und erlebe ich diesen letzten Satz Jesu:

Seid gewiss: Ich bin immer bei euch,

jeden Tag, bis zum Ende der Welt.«

Amen.

99 verlorene Schafe oder warum Schafe das Weite suchen …

Predigt über Lukas 15,1-7 – die verlorenen 99 Schafe – 20.7.21 Trautskirchen

Das Gleichnis vom verlorenen Schaf

15 1 Alle Zolleinnehmer und andere Leute,

die als Sünder galten, kamen zu Jesus, um ihm zuzuhören.

2 Die Pharisäer und Schriftgelehrten ärgerten sich darüber.

Sie sagten: »Mit solchen Menschen gibt er sich ab

und isst sogar mit ihnen!«

3 Da erzählte ihnen Jesus dieses Gleichnis:

4 »Was meint ihr: Einer von euch hat hundert Schafe und verliert eines davon.

Wird er dann nicht die neunundneunzig Schafe

in der Wüste zurücklassen?

Wird er nicht das verlorene Schaf suchen,

bis er es findet?

5 Wenn er es gefunden hat, freut er sich sehr.

Er nimmt es auf seine Schultern

6 und trägt es nach Hause.

Dann ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen

und sagt zu ihnen: ›Freut euch mit mir!

Ich habe das Schaf wiedergefunden,

das ich verloren hatte.‹

7 Das sage ich euch:

Genauso freut sich Gott im Himmel

über einen Sünder, der sein Leben ändert.

Er freut sich mehr als über neunundneunzig Gerechte,

die es nicht nötig haben, ihr Leben zu ändern.«

Liebe Gemeinde,

ein einfaches Gleichnis, klar und verständlich: Auf einen Nenner gebracht:

Schaf läuft weg. – Hirte sucht Schaf. – Schaf wird gefunden. – Hirte bringt es nach Hause. – Hirte ist überglücklich.

Noch einfach die Deutung: Klar, Jesus selber ist der Hirte. Jesus läuft dem verlorenen Schaf hinterher und sucht bis er es findet, das verlorene Schaf, den verlorenen Menschen.

Wir kennen das Gleichnis vom verlorenen Schaf. Mal ehrlich: Kann uns dieser Jesus mit seinen Gleichnissen noch überraschen? Als ich merkte, dass für diesen Sonntag dieses Gleichnis dran ist, seufzte ich: Ach ja, wie bekannt, fast so bekannt wie das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Gleiche Botschaft anderes Gleichnis. Eigentlich immer dasselbe. Kann es bald nicht mehr hören.

Was mich ein bisschen beunruhigt hat: Dieses Gleichnis vom verlorenen Schaf hat mich nicht aufgewühlt. Ich habe innerlich abgewunken: Kenne ich schon, das nächste bitte!

Aber halt. Ich stelle mir vor, wie Jesus dieses Gleichnis den Menschen zum ersten Mal erzählt hatte, wie sie atemlos zugehört haben, wie sie in ihrem gewohnten Glauben erschüttert, aufgewühlt wurden, wie sich etwas in ihnen verändert und zum Guten hin bewegt hat. Nicht zu fassen: Sollte Gott wirklich so sein, dass er sich um einen einzigen Menschen so kümmert? Sollte Gott mich so lieb haben, dass er nach mir, ausgerechnet nach mir sucht und die anderen stehen lässt? Revolutionär war das Denken Jesu damals, so haben es die Menschen jedenfalls empfunden.

Und wir? Kann uns dieser Jesus Christus mit seiner revolutionären Botschaft von der radikalen Liebe Gottes nicht mehr erschüttern, aufwühlen, verändern und bewegen? Können wir aus unserem Alltag, aus unseren Denkgewohnheiten, aus unserem manchmal erstarrten Glaubensleben aus- und zu Christus hin aufbrechen? Mit der bekannten und uns doch so wohlvertrauten Geschichte über ein verlorenes Schaf?

Dieses Gleichnis lässt uns nicht mehr staunen. Wir nehmen das so hin. Wir meinen es zu kennen. Wir meinen es zu wissen, was Jesus damit sagen will. Aber im Grunde genommen haben wir nichts verstanden. Wir spüren, dass mit der Botschaft des Evangeliums irgendwie die ganze menschliche Existenz berührt und betroffen ist, aber leider merkt man nichts davon im Alltag.

Hören wir einfach noch einmal neu dieses Gleichnis vom verlorenen Schaf.

4 »Was meint ihr: Einer von euch hat hundert Schafe und verliert eines davon.

Wird er dann nicht die neunundneunzig Schafe

in der Wüste zurücklassen?

Wird er nicht das verlorene Schaf suchen,

bis er es findet?

5 Wenn er es gefunden hat, freut er sich sehr.

Er nimmt es auf seine Schultern

6 und trägt es nach Hause.

Dann ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen

und sagt zu ihnen: ›Freut euch mit mir!

Ich habe das Schaf wiedergefunden,

das ich verloren hatte.‹

Dass Jesus sich in der Geschichte mit dem guten Hirten selbst meint, ist klar, – das ist die klassische Auslegung. Mehr Worte sind dazu nicht nötig.
Aber nun möchte ich heute noch einen anderen Blick auf das Gleichnis werfen:

Habt Ihr Euch schon einmal gefragt: Warum ist das eine Schaf eigentlich abhandengekommen? Warum ist es verschwunden? Hat es nicht aufgepasst und deshalb den Anschluss an die Herde verloren? Kann sein.

Ich denke, es könnte aber auch ganz anders gewesen sein: Vielleicht hat sich das Schaf gedacht: „Mir reicht’s jetzt! Aus! Ich will weg von dieser doofen Schafsherde. Weg von diesen Schafsköpfen. Ich geh meinen eigenen Weg…“  Und vielleicht hatte dieses Schaf recht damit: Nur weg von diesen Schafsköpfen! Wenn ich bleibe, gehe ich unter in dieser Schafsherde. Und wenn es ganz schlimm kommt, gehe ich hier ein.

Und damit bekommt das Gleichnis plötzlich eine brisante Note. Denn die Frage, die mich heute bewegt ist: Warum ist eigentlich keines der übrigen 99 Schafe aufgebrochen, um das verlorene zu suchen? Ist es überhaupt jemandem abgegangen? Hat es von den 99 anderen Schafen überhaupt einer vermisst? Gibt es da keinen Leithammel und keinen Schäferhund, die aufpassen könnten?

Vielleicht ist Euch das auch schon einmal so ergangen? Niemand fragt nach dir.  Niemand vermisst dich. Du gehst niemand ab. Den anderen ist es völlig wurscht, ob du da bist oder nicht. Sie vermissen dich nicht einmal. Wem das schon mal passiert ist, der weiß, wie weh das tut.

Also noch einmal: Warum geht keines der 99 Schafe suchen? Waren sie nur achtlos, oder sogar froh, den Störenfried endlich vom Hals zu haben? Hat das schwarze Schaf nicht hineingepasst? Und als der Hirte es zurückbringt, ist keine Rede davon, dass die 99 Schafe sich darüber freuen. Der Hirte jubelt allein.

Die Geschichte vom verlorenen Schaf stellt uns eine ziemlich direkte Frage: Wie geht es in unseren Herden zu? Wie geht es in unseren Kirchen und Kirchengemeinden zu.

Gibt es dort für die einzelnen Freiräume? Gibt es auch für sogenannte schwarze Schafe Freiräume? Oder nur Zwang? Zwang zur Anpassung? Entweder du passt dich an oder… Lebt es sich eigentlich gut in unseren Gemeinden? Wer macht die Regeln? Es gibt ungeschriebene Gesetze auch für eine Schafsherde und ein einzelnes Schaf tut gut daran, sich daran zu halten. Sonst gibt es Hiebe und Knuffe von den anderen. Und die anderen sind stärker, können gehörig Druck machen.  Wie reagieren wir als Gemeindeglieder, wenn sich jemand im Gemeindeleben aus welchen Gründen auch immer nicht mehr sehen lässt? Fragen wir dann bei dem Betroffenen nach? Oder ist es uns egal, fällt uns womöglich gar nicht auf.

Die Herde mit den 99 Schafen steht für die Kirchen heute, aus deren Reihen immer mehr Menschen ausscheren. Das eine Schaf, das ausbüchst, steht für die Menschen, die keinen Bock auf diese Herden mehr haben. Sie haben den Herdenzwang satt, sie suchen ihre Freiheiten, oft natürlich auf sehr fragwürdige Weise. Für diese Menschen, die das Weite gesucht haben, steht dieses eine Schaf, das abgehauen ist: „Bloß weg von den 99 anderen, die sich eh nicht um mich gekümmert haben!“, sagt sich dieses eine Schaf.

Man kann es an den leeren Schafpferchen sehen. In den letzten Jahren habe ich darunter gelitten, dass die Gottesdienste in unserer Gemeinde immer leerer geworden sind. Ein schwacher Trost, dass es bei den meisten anderen Gemeinden nicht viel anders aussieht: Die alten treuen Kirchgänger sterben und es kommen wenig bis gar keine neuen Kirchgänger nach. Habt Ihr Euch einmal gefragt, warum eigentlich? Der Grund ist nicht, dass die Predigten so langweilig sind. Corona wird gerne vorgeschoben, ist aber nicht der eigentliche Grund.

Der Grund ist auch nicht, dass die Zeiten am Sonntagvormittag nicht passen, oder dass die Musik nicht passt. Die Kirchen – und da ist es egal, ob man evangelisch oder katholisch meint – haben ein großes Problem: Sie sind für viele Menschen nicht mehr glaubwürdig. Man glaubt uns das, was wir predigen, nicht mehr. Und ich sage: Ja, es stimmt: Die Kirchen und ihre Vertreter sind manchmal wirklich unglaubwürdig.

Die Kirchen predigen die Liebe Gottes – und sind selbst oft unerbittlich zu den eigenen Gläubigen. Sexueller Missbrauch von Kindern und Frauen, überhaupt Frauen haben bis zum heutigen Tag in der katholischen Kirche nichts zu sagen. Schwule sind Randgruppen und dürfen nicht gesegnet werden.

 Gut, das ist zugegeben ein mehr katholisches Leidensthema. Aber auch bei uns Evangelischen geht es mitunter hart zu: Es gibt auch bei uns Amtsmissbrauch von vereinzelten Pfarrern. Es wird auch bei unseren Gemeinden mitunter gemobbt und hinausgeekelt auf Teufel komm heraus. Wir brauchen uns nicht wundern, dass das eine oder andere Schaf das Weite sucht. Die Kirchen reden von Liebe, Barmherzigkeit und Frieden, und sind seit Jahrhunderten untereinander heillos zerstritten.  Immer noch können wir nicht Abendmahl/ Eucharistie miteinander feiern. In unseren Kirchen muss man manchmal die Möglichkeit, Gemeinschaft zu erleben suchen wie die Stecknadel im Heuhaufen.

Aber warum alle das? Warum so viel Spaltungen in einer Herde. Warum sucht jeder von uns das Seine und gehen dabei in die Irre? Wie kann es passieren, dass  uns so vieles in unserer Kirche wichtiger geworden ist und wir ständig nur um uns selbst kreisen?

Ich denke, all das geschieht, wenn der Blick auf den Hirten verloren geht. Wenn wir Jesus Christus nicht mehr im Blick haben. Wenn wir ihn und seine radikale Botschaft von der bedingungslosen Liebe Gottes aus den Augen verloren haben. Das Evangelium ist natürlich in unseren Kirchen noch da, aber ist im Laufe der Zeit durch Rituale, alte Traditionen, Verwaltungskram und Selbstbeschäftigungstherapien zugedeckt worden.

Was können wir tun, damit die Schafe da draußen wieder zu uns zurückfinden? Was können wir tun, um wieder glaubwürdig zu werden?  Eigentlich ist es einfach. Und wie alles, was einfach ist, auch so schwer.  Wir können wieder glaubwürdig werden durch Umkehr. Umkehr heißt: 99 Schafe kehren um, und denken darüber nach, wie sie ihre Gemeinschaft leben können ohne Gruppendruck und inneren Zwängen. Umkehr heißt: Wir gehen auf die scheinbar verlorenen Schafe da draußen zu und fragen sie: Was müsste sich bei uns Kirchens ändern, damit ihr euch wieder bei uns wohlfühlt? Corona hatte ein Gutes:  So manche heiß geliebte alte Traditionen konnte ganz plötzlich aufgegeben werden, war auf einmal nicht mehr so wichtig. So manche festfixierte Blickrichtung hat sich coronabedingt verändert. Wir 99 Schafe sind längst nicht mehr so verbissen darauf bedacht, dass sich aber auch ja nichts verändert. Es hat sich schon ganz viel verändern und wird sich noch mehr verändern.

Im Gleichnis macht sich der Hirte auf die Suche nach dem verlorenen Schaf.  Über die verlorenen Schafe brauchen wir uns keine Sorge zu machen. Der gute Hirte wird auf seine Weise die verlorenen Schafe suchen gehen. Er wird sie finden, selbst wenn die traditionelle Herde, die Kirche versagt. Im Gleichnis lässt er wegen einem einzelnen Schaf die anderen 99 zurück. Auf sich allein gestellt. Manchmal hab ich den Eindruck, dass genau das gerade geschieht. Vielleicht sind wir die 99 Schafe im Gleichnis, die der Hirte allein auf sich gestellt, gerade zurück gelassen hat. Und vielleicht ist deshalb die Herde etwas ratlos, verwirrt, weiß nicht, wohin es einmal gehen wird. Und verzagt an der Aussicht einer Zukunft ohne den guten Hirten.

Eines steht fest: Der gute Hirte Jesus Christus ist nicht der Besitz der Kirche, weder der evangelischen oder der katholischen. Wir können nicht sagen: Wir haben die Wahrheit für alle Zeiten gepachtet, ihr müsst zu uns kommen und genauso angepasst leben wie wir. Nein Jesus Christus ist der Hirte der evangelischen und der katholischen Herde und vieler anderer Herden. Und er ist von uns nicht immer zu begreifen. Er entzieht sich uns und verlässt seine Kirchen von Zeit zu Zeit, um verlorene Schafe suchen zu gehen. Und: Er sucht sie auf seine Weise. Nicht wie wir meinen.

Vielleicht gelingt es uns, diese Zeit ohne Hirten zum Nachdenken zur Umkehr, zur Veränderung unseres Lebensstiles zu nützen. Dann können wir jubeln, wenn der Hirte wieder kommt mit dem verlorenen Schaf auf seinen Schultern.

Was machen eigentlich die 99 Schafe ohne Hirten? Wir können einander ankläffen wie die Hirtenhunde, oder gar angiften wie die Schlangen. Manchmal geschieht es. Aber besser ist es, wenn wir in diesen Zeiten zusammenhalten. Wir können aufeinander achtsam und behutsam aufpassen, bis der Hirte wieder kommt mit dem verlorenen Schaf auf dem Schultern. Und er wird wieder kommen. Und ich glaube, dass er für unsere Augen unsichtbar auch über uns 99 Schafe wacht.

Es ist wohl wahr: Die 99 Schafe, die Kirchen werden sich ändern müssen. Erst wenn die 99 Schafe aus Sehnsucht aufbrechen, um das Einzelne zu suchen, erst dann ist die Herde auf den richtigen Weg.

Und eines ist wohl klar: Wir werden uns damit abfinden müssen, dass wir manche Schafe nicht mehr finden. Sie haben andere Herden gefunden. Wünschen wir ihnen Gottes Segen und urteilen wir nicht über sie. Es steht uns nicht zu, dass wir andere verurteilen. Wir sind nicht die Hirten. Wir sind nur eins der 99 Schafe, die am besten vor der eigenen Schafstür kehren sollten.

Falls Euch der Vergleich der 99 Schafe mit den Kirchen zu weit gegriffen war, möchte ich Euch noch einen Gedanken zum Schluss mit geben: In jeder Familie und in jedem Dorf gibt es verlorene Schafe. Menschen, die man abgeschrieben hat. Die man verstoßen hat. Die man ausgebootet hat. Ich glaube, der gute Hirte würde sie suchen gehen. Such doch mal das Gespräch mit einem solchen Menschen in deiner Familie oder im Dorf. Vielleicht warten sie schon darauf.

Jeder einzelne Mensch ist wertvoll, denn er trägt in sich als Kind Gottes das Geheimnis des Lebens.
Man könnte sagen: Finde einen verlorenen Menschen und du findest ein Stück deines eigenes Lebens.

Amen

Was jeder verstehen kann

13.6.21 Trautskirchen        1. Korinther 14,1-12 Basisbibelübersetzung

„Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe!

Strebt nach den Gaben, die der Heilige Geist schenkt – vor allem aber danach, als Prophet zu reden.

2 Wer in unbekannten Sprachen redet, spricht nicht zu den Menschen, sondern zu Gott. Denn niemand versteht ihn. Was er unter dem Einfluss des Geistes sagt, bleibt vielmehr ein Geheimnis.

3 Wer dagegen als Prophet redet, spricht zu den Menschen. Er baut die Gemeinde auf, er ermutigt die Menschen und tröstet sie.

4 Wer in unbekannten Sprachen redet, baut damit nur sich selbst auf.

Wer aber als Prophet redet, baut die Gemeinde auf.

5 Ich wünschte mir, dass ihr alle in unbekannten Sprachen reden könntet.

Noch lieber wäre es mir, wenn ihr als Propheten reden könntet. Wer als Prophet redet, ist bedeutender als derjenige, der in unbekannten Sprachen redet – es sei denn, er deutet seine Rede auch. Das hilft dann mit, die Gemeinde aufzubauen. Reden in unbekannten Sprachen bleibt ohne Auslegung unverständlich.

6 Was wäre, Brüder und Schwestern, wenn ich zu euch komme und in unbekannten Sprachen rede.

Was habt ihr davon, wenn ich euch nichts Verständliches vermittle?

Das kann eine Vision sein oder eine Erkenntnis, eine prophetische Botschaft oder eine Lehre.

7 So ist es ja auch bei den Musikinstrumenten,

zum Beispiel bei einer Flöte oder Leier:                                Nur wenn sich die Töne unterscheiden, kann man die Melodie der Flöte oder Leier erkennen.

8 Oder wenn die Trompete kein klares Signal gibt, wer rüstet sich dann zum Kampf?

9 Genauso wirkt es, wenn ihr in unbekannten Sprachen redet.

Wenn ihr keine verständlichen Worte gebraucht, wie soll man das Gesagte verstehen können?

Ihr werdet in den Wind reden!

10 Niemand weiß, wie viele Sprachen es auf der Welt gibt. Und kein Volk ist ohne Sprache.

11 Wenn ich eine Sprache nicht verstehe, werde ich für den ein Fremder sein, der sie spricht.

Und wer sie spricht, ist umgekehrt ein Fremder für mich.

12 Das gilt auch für euch. Ihr strebt nach den Gaben des Heiligen Geistes.

Dann strebt nach Gaben, die die Gemeinde aufbauen. Davon könnt ihr nicht genug haben.

„Wie kannst du nur diesen Fehler machen! Unverzeihlich!
„Du hast schon wieder nicht! Nein, so geht das nicht!“ Was bist du nur für ein Loser! Du Depp!“

Manchmal werfen wir Worte wie Giftpfeile auf andere oder werden damit beworfen. Solche Worte oder auch noch schlimmere vergiften die Beziehung. Sie verletzen und grenzen aus.  Und auf einmal geschieht Spaltung, Streit, ein tiefer Riss. – Genau das soll nicht passieren, sagt Paulus in seinem Brief an die Korinther. Eure Worte sollen Gemeinschaft ermöglichen. Eure Worte sollen Menschen  trösten und ermutigen. Nicht ausgrenzen, Nicht verletzen. Sagt er.


„Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe!schreibt Paulus.

Die Liebe ist  d e r  Maßstab. Auch wenn es um Worte geht, ob ich sie sage oder lieber den Mund halte. Die Liebe sagt mir: Moment mal, überlege dir genau, was du dem anderen sagst. Und wenn deine Worte möglicherweise verletzend oder ausgrenzend sind, lass sie lieber bleiben. Denn auf dem Weg der Liebe wird kein Mensch ausgegrenzt. Paulus hat dabei eine Gruppe in Korinth im Auge. Diese kleine, aber feine Gruppe von Christen und Christinnen war auf ihr inniges Verhältnis zu Gott besonders stolz. Vielleicht sogar zu Recht. Denn sie haben dafür sogar eine eigene Sprache, die Zungenrede. Eine Sprache, die nur sie selber und Gott verstehen. Mit Gott auf du und du. Wir verstehen Gott und er uns.

Das ist schön für euch und euer Gemeinschaftsgefühl, schreibt Paulus dieser Gemeindegruppe. Aber was ist mit den anderen in der Gemeinde und draußen?  Eure Wellnesszungensprache, euer „mit Gott per Du- Gebet“, hilft ganz offensichtlich nicht den anderen, schreibt Paulus. Im Gegenteil: es schließt die anderen aus, weil sie nicht verstehen, worum es geht. Vielleicht bekommen sie sogar das Gefühl, dass sie noch nicht fest genug glauben oder dass an ihrer Beziehung zu Gott was nicht stimmt. Und das ist lieblos. Und unbarmherzig.

Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe!“ schreibt Paulus.
Eure Worte sollen verbinden, nicht ausschließen. Und doch tun sie es. Oft sogar unbeabsichtigt. Auch hier bei uns. Hier in der Kirche.


Bis zur Reformation haben die Pfarrer auf Latein gepredigt. Das Volk verstand sie nicht. Die Laien nahmen am Schauspiel der Kleriker teil, aber gehörten nicht wirklich dazu. Auch die Bibel gab es noch nicht in Deutsch.


Das änderte sich dann. Plötzlich gab es die Muttersprache in der Bibel und auf der Kanzel. Aber verstanden die Leute wirklich, was gesagt wurde?

Ich fasse mir an meine eigene Nase: Wie oft habe ich viel zu lange Sätze verwendet? Und Worte, die nur die wirklich Eingeweihten verstehen?

Dazu kommt: Ich lebe ja auch in meiner Welt. Und ihr als Hörer und Hörerinnen lebt in eurer Welt. Manchmal habe ich den Eindruck, ich lebe in einer ganz anderen Welt als ihr…

Meine Erfahrungen sind nicht eure.  Eure Erfahrungen sind nicht meine. Wir sprechen und verstehen zwar deutsch. Und ich gehe davon aus, dass wir uns verstehen, weil wir doch dieselbe Sprache haben. Aber manchmal sprechen wir doch nicht dieselbe Sprache. Sonst gäbe es nicht so viele Missverständnisse. Und ja, ich ertappe ich mich dabei, wie auch ich Worte benutze, die ausgrenzen, und Sätze, die ihr nicht versteht. So verstehen wir uns und verstehen uns vielleicht doch nicht.  So muss ich vielleicht noch deutlicher wie damals in Memmingen.

Vor vielen Jahren war ich damals in Memmingen nebenamtlich Gefängnisseelsorger. Ich traf im Knast auf eine ganz andere, mir fremde Welt. Ich gab mir Mühe, sie zu verstehen und mich verständlich zu machen. Die Knackis haben kein Kirchenlatein verstanden und auch kein Kirchendeutsch. Sie haben nicht gewusst, was eine Liturgie ist und haben sich auch nicht darangehalten. Sie konnten kein Glaubensbekenntnis und kein Vaterunser. Lieder von anno dazumal haben sie weder gesungen noch verstanden. Selbst bei modernen Liedern haben lieber miteinander getratscht und Tabak getauscht, als mitgesungen.

Ich habe mein Predigtmanuskript abgelegt und frei gesprochen. Frei von der Leber habe ich gesprochen, auch  derb. Ich habe das Wort Scheiße in den Mund genommen. Warum? Nun viele von ihnen sagten mir im Knast: Alles ist Scheiße. Das Gerichtsurteil, die Schließer, das Essen, die anderen Kriminellen: alles Scheiße! Also habe ich den Strafgefangenen an einem Tag vor Heiligabend frei und ungeschönt  vor Augen gemalt, wie dreckig der Schafsstall war, in dem Jesus geboren ist, die Scheiße bis hierher. Da stand ein Knacki lässig an der Wand gelehnt, mit verschränkten Armen und sagte grinsend: „Vielleicht steht Gott auf Scheiße!“.  Ich war glücklicherweise so schlagfertig  und habe ihm geantwortet haben:

„Gott steht nicht auf Scheiße, sondern auf die Leute, die Scheiße gebaut haben!“

Da haben diese Knackis, die alle Scheiße der Welt gebaut haben, vom Dieb bis zum Mörder, ganz anders hingehört als all die Christen in der Kirche nachher. Eigentlich habe ich den braven, anständigen Christenmenschen danach in der Kirche die gleiche Botschaft gesagt, auch wenn ich das Wort Scheiße nicht gesagt habe: Der Stall voller Scheiße heißt, wir dürfen zu Jesus kommen, wie wir sind, als Sünder oder auch als Menschen, die ganz viel Dreck am Stecken haben, ja auch Scheiße gebaut habe.

Sünder willkommen. So steht es auf dem Schild.  Hier steht nicht: Sünde willkommen! Gott liebt den Sünder, auch den der den allergrößten Scheiß gebaut hat. Aber die Sünde hasst Gott. Gott findet Scheiße genauso Scheiße wie wir.

So findet es Gott genauso Scheiße, wenn wir hartherzig und erbarmungslos miteinander umgehen. Sünde ist Scheiße. Und Scheiße ist es, wenn Menschen einander mit Dauer-kritik überziehen. Sünde ist Scheiße. Und Scheiße ist es, wenn wir über andere herziehen, hinter ihrem Rücken sie und die Gemeinde schlecht machen. Warum ist das Scheiße? Weil es spaltet zwischen denen, die Recht haben und denen die nicht recht haben. Sünde ist Scheiße. Und Scheiße ist es,  wenn Worte ausgesprochen werden, die, einmal ausgesprochen nicht zurückgeholt werden können. Worte vernichten, spalten, zerstören. Worte grenzen aus und verletzen.

Schluss mit der Scheiße! Ich hoffe, dass ihr mich jetzt versteht. Dass ihr mir aufmerksam zuhört und nicht missversteht. Ich hoffe, dass ihr noch dabei seid. Und mir innerlich zustimmen könnt, zu dem, was ich jetzt sage:


Mir liegt ganz viel an einer Kirche, die niemanden ausgrenzt und verletzt. Niemanden. Mir liegt ganz viel an einer
Kirche, die für euch und auch für mich ein guter, ein sicherer, ein liebevoller Ort ist. Ein Ort, wo jeder und jede von uns aufatmen kann, wo wir zur Stille, zu Gott kommen können. Ein Ort, der mir sagt: Ich bin nicht allein auf dieser Welt. Ich bin nicht allein mit meinen Sorgen und Ängsten. Ich habe nicht nur meinen Ehepartner und meine Familie. Ich habe nicht nur meine vertraute Gruppe, meinen Freundeskreis. Ich finde in dieser Kirche Menschen vor, die auch ihre Sorgen und Ängste haben und manchmal viel, viel größere Sorgen und Ängste. Kirche als Zufluchtsort.

Was sind so manche Streitpunkte letztlich nichtige Lappalien angesichts einer schweren Corona- oder Krebserkrankung! In dieser Woche ist mir ein junger Mann begegnet, der einmal an einer Nervenkrankheit erkrankt war, von Kopf bis Fuß bewegungsunfähig, musste er ins Koma versetzt werden, musste er wieder neu lernen, zu gehen, zu essen… Dieser junge Mann sieht die Welt anders, Er ist wieder gesund geworden und weiß, wie schnell es anders werden kann.. Er sieht sein Leben als Geschenk.

Was ist letztlich unser Jammern und Klagen auf hohem Niveau in unserer Gesellschaft gegenüber denen, die um ihre Existenz kämpfen, den Obdachlosen, den Flüchtlingen, den Hungernden dieser Welt.

Corona hat mich eines gelehrt: Es ist toll, mit dieser Kirche hier einen Zufluchtsort zu haben. Es ist toll, dass wir hier Gottesdienst feiern können. Ich freue mich, dass wir wieder singen können, zwar mit Maske, aber auch das wird auch einmal vorbei sein. Und ich schätze den Gesang und das Orgelspiel von Ingrid Stigler, die Mesner- und Lektoren-dienste von Elke Jakob. Ich schätze eure Beiträge als Konfirmanden und Konfirmandinnen. Schön, dass ihr überhaupt da seid, und auch ihr Gottesdienstbesucher, wie gut, dass es euch gibt. Manchmal bin ich richtig traurig, wenn ich die leeren Bänke anschaue, aber selbst dann ich dankbar für Euch, die ihr gerade seid, ob ihr gerade viel oder wenige seid. Schön, dass ihr da seid.

Ihr müsst übrigens nicht alles verstehen. Manches ist Kirchendeutsch, schwer verständlich für Menschen, die nicht so oft kommen. Es kommt nicht darauf an, zu wissen, was Zungenrede ist. Es ist letztlich nicht wichtig zu wissen, was Kyrie eleison heißt, oder die Epistel oder das Evangelium. Es kommt darauf an, das Evangelium vom Herzen zu verstehen und zu begreifen: Euangelion, die gute Nachricht von Gott, durch Jesus an uns.

Die gute Nachricht kann das kleinste Kind und der dümmste Mensch genauso wie der superkluge Mensch begreifen. Die gute Nachricht ist ganz einfach zu verstehen: Da ist eine Botschaft von Gott übermittelt durch Jesus an Dich und mich: Wir sind geliebt, bejaht, bedingungslos.

Es fällt mir manchmal schwer zu glauben, dass da ein Gott ist, der mich liebt und sogar bedingungslos. Ein Gott, dem nicht wurscht es, wie es mir geht. Ein Gott, der mich liebend umfängt, aber dich auch.

Es fällt mir manchmal schwer zu glauben, dass da ein Gott ist, der einfach nur barmherzig  mit mir ist, ein bares Herz für meine verwundete Seele hat. Ein barmherziger Gott, der meinen eigenen Verstrickungen im Leben liebevoll nachgeht und sie lösen kann.

Aber manchmal ist die Botschaft auch für mich ganz einfach und schlicht und wahr : Gott ist barmherzig, ein Backofen glühender Liebe und in seiner Gegenwart darf ich einfach ich sein. Das gilt aber natürlich auch für meinen Mitmenschen genauso. Nur die Liebe zählt und sonst nichts.

Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe. Schreibt Paulus.


Jesus lebt sie, diese Liebe. Geht diesen Weg. Jesus hat sich schützend vor Kindern gestellt, er hat sich zu Sündern wie Zachäus zum Essen eingeladen lassen. Er hat sich vor die Frau gestellt, die vom selbstgerechten Mob gesteinigt werden sollte. Wer ohne Sünde ist, wer keinen Dreck am Steck hat, wer noch nie Scheiße gebaut hat, der werfe den ersten Stein! hat Jesus einfach gesagt.


Vor wen würde er sich heute stellen? Jesus würde sich ganz bestimmt vor den vielen missbrauchten Kindern dieser Welt schützend stellen. ganz bestimmt, auch bei allen verwundeten Seelen. Jesus steht auf Seiten der Schwachen, bei denen, die immer übersehen werden.


Und das gilt auch für mich. Und für euch.
Niemand wird von ihm übersehen. Jedes verwundete Herz umarmt Jesus und vermag es zu heilen. Das gilt auch für euch.

Bleibt deshalb unbeirrt auf dem Weg der Liebe. Amen.