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Ein Stachel gegen eine Mythisierung Jesu

In der Historischen Jesus Forschung  hat sich in den letzten Jahren etwas getan und weiterentwickelt. Ich verweise auf E.P. Sanders, Sohn Gottes und W. Stegemann, Jesus und seine Zeit. So hat man z.B. Jesus in seinem jüdischen Umfeld genauer in den Blick genommen und Jesus als Jude seiner Zeit wahrgenommen. Wenn man Wolfgang Stegemann folgt, ist Jesus ein jüdischer Rabbi, der aus dem jüdischen Kontext kaum herausragt: Er hält sich an die Thora, kritisiert die erweiterten Überlieferungen dazu, akzeptiert jüdische Reinigungsvorschriften und Opfer. Selbst die Feindesliebe ist im jüdischen Kontext nichts, was es auch schon gegeben hat.

Auch andere amerikanische Neutestamentler gehen sozialkritisch vor: Crossan, John ; Reed, Jonathan , mit dem etwas seltsamen Titel „Jesus ausgraben. Zwischen den Steinen – hinter den Texten.“ Das jüdische Umfeld zur Zeit Jesu kann man da als ziemlich kleinkariert wahrnehmen. Nazareth ein Dorf mit 150 bis 300 Einwohner, wahrscheinlich nicht einmal eine Synagoge. Kapernaum vielleicht 1000 Einwohner, alles ärmlich. Überhaupt Galiläa tiefste Provinz. Es gibt zwei größere Städte Tiberias und Sepphoris, in die Jesus vermutlich nicht hineingegangen ist. Seine Anhängerschaft ist untere soziale Schicht in tiefster Provinz. Jesus ist also ein ziemlich kleines Licht in der Provinz.
Eine zweites  interessantes Ergebnis: Die Reichs-Gottes-Botschaft Jesu ist sozialpolitisch. Wir haben sie spiritualisiert. Ähnlich wie aus den materiell Armen die geistlich Armen wurden, wurde das Reich Gottes vergeistlicht und verinnerlicht und damit entschärft. Ursprünglich war die Botschaft vom Königreich Gottes ein sozialutopischer Gegenentwurf zum römischen Weltreich: Nicht den Römern gehört das Land, sondern, von der Thora her, Gott gehört das Land und er fordert soziale Gerechtigkeit auf dem Land, das ihm gehört. Durch Botschaft und praktiziertes Umsetzen der Botschaft (Tischgemeinschaften mit allen Schichten, Teilen und Heilen) vom Reich Gottes war die Jesus-Bewegung ähnlich wie die Täuferbewegung ein Gegenentwurf zum römischen Reich, das einige Sprengkraft enthielt. Es war nur eine Frage der Zeit, dass Jesus mit dem römischen Reich zusammen-prallen musste.
Für mich ist diese sozialpolitische Reichs-Gottes-Botschaft hochaktuell in einer Welt, die nach soziale Gerechtigkeit schreit. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist heute wohl noch krasser als damals zur Zeit Jesu. Aber auch damals waren die Villen der Reichen protzig gebaut neben den ärmlichen Hütten und Häusern einer armen jüdischen Landbevölkerung.

Ich sehe es kritisch, wie aus einem armen Wanderprediger ein erhöhter Gottessohn geworden ist. Ich stelle fest, die zunehmende Mystifizierung der geschichtlichen Gestalt Jesus von Nazareth hat ihn und seine Botschaft auch entschärft und verharmlost. Aus einem Wanderprediger mit einer sozialkritischen Botschaft gegen die Ungerechtigkeit dieser Welt, der dafür als Rebell am Kreuz geendet hat, ist ein erhöhter Gottessohn geworden, der sich einreiht in die Reihe der vergöttlichten Menschen der Antike. Einer, der sich für die Gerechtigkeit Gottes eingesetzt hat ist damit einverleibt und vereinnahmt worden von einer antiken Religiösität, die das politische System stützt und damit auch die Ungerechtigkeit.
Die Frage nach dem historischen Jesus wird immer auch ein Stachel im Fleisch einer Religion sein, die theologisch systemstützend ist.

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