Mündliche Überlieferung – der erinnerte Jesus

Zunächst wurden einzelne Perikopen, Sinnsprüche, kurze Geschichten von Jesus als Logien mündlich weitergegeben. Dabei ist festzuhalten, dass es immer der erinnerte Jesus ist, nie der wirkliche Jesus, den wir vor uns haben. Und wenn ich an mein Erinnerungsvermögen, was vor 20/30 Jahren war denke, bekomme ich schon meine Zweifel, ob es bei den ersten Christen mit dem Erinnerungs-vermögen nach 30/40 Jahren noch so weit her war. Schon das, woran sich Menschen erinnern konnten, ist schwammig, selbst wenn man sich nach besten Wissen und Gewissen zu erinnern versucht hat. Selbst die beste Erinnerung ist immer auch ein Konstrukt unseres menschliches Hirns: Wir erinnern uns, woran wir uns erinnern wollen, legen uns Dinge zurecht, dass sie passen, anderes wird verdrängt oder vergessen. Gut erinnern wird man sich an provokante Erinnerungen, Dinge und Ereignisse, die dem gewohnten Denkvermögen quer standen: Dass Jesus getauft wurde, dass Jesus mit seiner Familie Streit hatte und sie ihn für verrückt hielt, dass er gekreuzigt wurde, das und anderes sind unbequeme Erinnerungen, die das Erzählte historisch wahrscheinlich machen.
Dann gibt es in der Zeit der mündlichen Überlieferung auch Herrenworte, die nachösterlich neu entstanden sind. Die ersten Christen sahen keinen Unterschied zwischen Herrenworte eines Jesus vor seiner Auferstehung und Herrenworte ihres auferstandenen Herren. Wenn ihnen ein Wort des Herrn (durch Meditation und Gebet) eingegeben wurde, war es von Jesus selbst und wurde entsprechend auch als Jesuswort verschriftet. So erklären sich nachösterliche Jesusüberlieferungen. Die Jesu-Worte wurden weitererzählt, umgeformt, neu erzählt in die jeweils neue Situation hinein.
Das geschah nicht mit der Absicht eines Betruges, sondern in der ehrlichen Absicht, die Jesustradition in die eigene Zeit hinein zu übersetzen. Trotzdem genügen diese Weitererzählungen und Ausschmückungen natürlich nicht unseren heutigen historischen Grundsätzen. Historiker waren die Evangelisten nicht, sondern Leute, die Jesus verherrlichen wollten.

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