Monatsarchiv: März 2020

Kirche einmal anders – So soll es bei euch nicht sein! Markus 10,35-45 Predigt

Markus 10,35-45 Judika, 29.3.20 Manfred Lehnert Onlinepredigt  Trautskirchen 

Kirche einmal anders – So soll es nicht bei euch sein!

Lieber Zuhörerinnen und Zuhörer, liebe Leser und Leserinnen!

Kirche einmal anders. Das zweite Mal ist mein Schreibtisch meine Kanzel und das Internet die erhoffte Möglichkeit, Menschen trotz gottesdienstloser Zeiten doch irgendwie zu erreichen. Keine Predigt in der  Kirche, keine Gesichter, die mich ansehen, aber hoffentlich Zuhörer auf Facebook oder Leserinnen auf meiner Homepage.

Kirche einmal anders. Ich sitze da und denke nach über unsere Kirche, weniger über das Kirchengebäude, das zur Zeit leer und ungenützt ist. Ich nehme schon wahr, dass die Kirchen zunehmend leerer werden. Wenn es nicht gerade Konfirmationen sind, sind es zu normalen Zeiten vielleicht 20-30 Kirchgänger. Eine Schande, nicht nur in Trauts-kirchen. Ich denke nach: Kirche einmal anders. Wie können wir die Menschen ansprechen, dass mehr Leute in die Kirche gehen, wenn es wieder möglich ist. Aber ich spüre, darum geht es gar nicht, dass mehr Leute in die Kirche gehen. In Brasilien und Teilen Afrikas strömen die Leute in die Kirchen als Massenveranstaltung ungeachtet der Corona-Virus -Gefahr. Kirche als Massenverstaltung kann heutzutage gesundheitsgefährlich sein, wenn die Verantwortlichen nicht verantwortlich sind.

Kirche einmal anders. Ich denke über das Leben von uns als Kirche und Kirchengemeinde nach, über die Gemeinschaft, wie wir heute Kirche erleben. Kirche vor Ort.

Mir fallen zwei der wenigen Leute ein, die mir in dieser Woche begegnet sind in gebotener Distanz. Der eine Handwerker vor Ort, der schon lange nicht mehr in die Kirche geht und den ich nach eineinhalb Jahren auch das erste Mal sehe. Der andere, auch Handwerker, der mir angesichts der ausfallenden Gottesdienste ganz offen sagt: Ich brauche keine Kirche!

Kirche einmal anders. Ich brauche keine Kirche! So denken heutzutage viele Menschen und ich kann es ihnen nicht einmal verdenken. Mir fällt auf: Selbst eine solche Katastrophe wie die Corona-Virus – Epidemie treibt die Menschen nicht in die Kirche, nicht aus Angst vor der Ansteckungsgefahr, sondern eher, weil sie sich von Kirche nichts oder nicht mehr viel erwarten.

Kirche einmal anders.  Kirche war schon einmal anders. Ganz anders als das damalige Umfeld gewohnt war. Und wenn Menschen von den ersten Christen Geschichten wie die folgende gehört haben, werden sie gestaunt haben: So soll es bei euch nicht sein! Ach, wie dann? Ach was! Das sind ja ganz neue Töne! Habe ich sonst nie gehört!

Aber hören wir selber hin:  (Markus 10,35-45 Hoffnung für alle )

35 Jakobus und Johannes, die Söhne von Zebedäus, gingen zu Jesus und sagten: »Lehrer, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst.« 36 »Was wollt ihr?«, fragte Jesus. 37 Sie antworteten: »Wenn deine Herrschaft begonnen hat, dann gewähre uns die Ehrenplätze rechts und links neben dir!« 38 Jesus entgegnete: »Ihr wisst ja gar nicht, was ihr euch da wünscht! Denn auf mich wartet schweres Leid. Meint ihr, ihr könnt den bitteren Kelch trinken, so wie ich es tun muss? Oder könnt ihr die Taufe ertragen, die mir bevorsteht?[4]« 39 »Ja, das können wir!«, antworteten sie. Darauf erwiderte ihnen Jesus: »Ihr werdet tatsächlich so wie ich leiden und euer Leben hingeben müssen. 40 Aber trotzdem kann ich nicht bestimmen, wer einmal die Plätze rechts und links neben mir einnehmen wird. Das hat bereits Gott entschieden.« 41 Die anderen zehn Jünger hatten das Gespräch mit angehört und waren empört über Jakobus und Johannes. 42 Da rief Jesus alle zusammen und sagte: »Ihr wisst, wie die Großen und Mächtigen dieser Welt ihre Völker unterdrücken. Wer die Macht hat, nutzt sie rücksichtslos aus. 43 Aber so soll es bei euch nicht sein! Im Gegenteil: Wer groß sein will, der soll den anderen dienen, 44 und wer der Erste sein will, der soll sich allen unterordnen. 45 Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen. Er kam, um zu dienen und sein Leben als Lösegeld hinzugeben, damit viele Menschen aus der Gewalt des Bösen befreit werden.«

Zunächst erkenne ich in dieser Jesus- Geschichte ein Schema, wie wir es in der Welt- und Kirchengeschichte oft beobachten können:

Zwei seiner Jünger nehmen Jesus beiseite und versuchen, sich den besten Platz an seiner Seite zu sichern. Ja, so haben sie sich das gedacht, diese beiden Schlaumeier. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Also wozu unnötig Zeit verlieren? Raffiniert fädeln die beiden Jünger ihren Coup ein.  Jesus, kannst du mal für uns… die Plätze.. links und rechts.. neben dir…

„Ja, ja, die Ehrenplätze links und rechts neben deinem künftigen Thron sollen es schon sein. Sobald du die Macht in Jerusalem ergriffen hast. Reserviere uns zweien bitte einen Platz  gleich neben dir, Jesus. Einer links, der andere rechts. Wir wollen ganz vorn sein, ganz oben, neben dir. Wenn du, Jesus die Macht greifst, sichere uns schon mal die wichtig-sten Ministerposten.“

So stellen die beiden sich das vor. Dass die anderen Zehn in der Gruppe vor Wut schäumen, stört sie nicht.

Es kommt unter den Jünger zu einem handfesten Konflikt. Jesus selbst muss eingreifen. Er ruft sie zunächst einmal zu sich. Indem er sie zu sich ruft, unterbricht er ihr Kreisen um Fragen nach Hierarchie. Indem er sie zu sich ruft unterbricht er ihr Kreisen um Fragen nach Prestige und Macht.

Und dann macht er seinen Jüngern klar: „Keiner von euch kann für sich den Anspruch erheben, mir besonders nahe zu sein. Keiner von euch kann für sich beanspruchen, über die anderen Jünger zu herrschen und zu bestimmen, wo es lang geht. Die Ehrenplätze zu meiner Rechten und zu meiner Linken sind nicht zu vergeben. Die einzigen Plätze, die ich euch vergeben kann, sind, dass ihr genau wie ich Unrecht erleiden werdet, wenn ihr meinen Weg geht.“

 Und tatsächlich, die einzige Stelle, wo es später noch mal heißen wird: „einer zu seiner Rechten und einer zu seiner Linken“ ist die Kreuzigung. Und sie kreuzigten mit ihm zwei Räuber, einen zu seiner Rechten und einen zu seiner Linken.

Nichts mit Macht und Herrlichkeit oder Privilegien für einzelne. Der Wunschtraum von Jakobus und Johannes ist geplatzt, noch ehe er Gestalt annehmen konnte. Die Kreuzigung Jesu ist das Ende aller Jünger- Träume von Macht und Herrlichkeit.

Aber nach wie vor träumen diese Wunschtraum Menschen in der Kirche. Ich muss nicht einmal in die katholische Kirche blicken, ein Blick in unsere evangelische Kirche genügt. Da träumen nach wie vor Menschen den Traum von Aufstieg, Macht und Privilegien. Kirche wie wir sie vielleicht kennen:  Hierarchie gibt es auch in der evangelischen Kirche. Herrschen, Bestimmen, Macht ausüben wollen manche in der Kirche genauso. Das ist für sich genommen weder gut noch böse. Macht kann verantwortlich ausgeübt werden. Wir sehen es momentan von staatlicher Seite. Es ist überaus verantwortungsvoll, wenn Politiker ihre Macht ausüben und eine Ausgangssperre verhängen und selbst Gottesdienste untersagen. Das ist Macht, die verantwortungsbewusst ausgeübt wird. Letztlich ist es sogar eine dienende Macht, weil sie dem Erhalt der Gesundheit aller Menschen dient.

Manche Menschen gieren leider nach der Macht um der Macht willen. Sie wollen das Leben anderer bestimmen, ihnen Dinge aufzwingen, die diese eigentlich nicht wollen. Macht um der Macht willen, gibt es leider auch in der Kirche.  Diese  Beobachtung, dass es ein Oben und ein Unten in der Kirche gibt, habe ich kürzlich in einen Gedicht so fest gehalten:

Was in der Kirche  gesagt wird,

hängt davon ab,

wer was sagen darf

ungeachtet dessen,

ob er etwas zu sagen hat.

Was in der Kirche  nicht gesagt wird,

hängt davon ab,

wer was verschweigen darf

ungeachtet dessen,

ob er etwas zu sagen hat.

Kirche ist leider doch

Oben und Unten

Kirche

ist eben doch

kein herrschaftsfreier Raum

Ein wirklich herrschaftsfreier Dialog in der Kirche

geschieht nur ganz selten.

Kirche einmal anders. Vielleicht ist ein herrschaftsfreier Dialog in der Kirche eine Utopie, d.h. ein Ort, der noch keine Wirklichkeit ist. Aber was noch nicht ist, kann ja noch werden: Eine Kirche, in der kein oben und unten ist. Eine Kirche, in der keine Herrschaft und Macht ausgeübt wird. Was heute noch Utopie ist, kann morgen zur Realität werden.

Kirche einmal anders. Kirche auf Augenhöhe. Wir begegnen uns auf Augenhöhe. Keiner von uns soll sich einbilden, etwas Besseres als der andere zu sein. Keine von uns soll meinen müssen, was soll ich unbedeutendes Würstchen in dieser erlesenen Runde?

Kirche einmal anders. Ich träume von einem Ort oder einem Menschen, wo ich sein kann wie ich bin: unvollkommen, alles andere als perfekt, ich muss in keine Rollen schlüpfen, um anerkannt zu werden.

Kirche einmal anders. Ein Ort oder ein Mensch, wo auf Macht verzichtet wird. Keine Macht, keine Gewalt, kein Zwang, auch kein innerer Zwang. Niemand nötigt und niemand wird genötigt.

Kirche einmal anders. Der Dialog Jesu mit seinen Jüngern träumt diese Utopie:

„Ihr wisst, wie die Großen und Mächtigen dieser Welt ihre Völker unterdrücken. Wer die Macht hat, nutzt sie rücksichtslos aus. 43 Aber so soll es bei euch nicht sein!“

„So soll es bei euch nicht sein!“

In der Gemeinde, in der Kirche Jesu soll also anders miteinander umgegangen werden als wir es oft genug in dieser Welt erfahren. Statt durch Macht sich durchsetzen und von oben bestimmen zu wollen, soll es uns ums Dienen gehen. Statt die einen über die anderen Macht ausüben zu lassen, und den anderen Gehorsam einzupläuen, soll es uns Christen um Hingabe gehen.

„Wer groß sein will, der soll den anderen dienen..“

Wir wissen nur zu gut: Auch dieser Anspruch des Dienens wird in Kirche und Gemeinde immer wieder missbraucht. Nicht nur durch den Macht- und Amtsmissbrauch eines Pfarrers, der vorgibt, zu dienen, in Wirklichkeit aber alles zu seinen Gunsten auslebt. Auch das kommt in unserer Kirche leider vor. Aber es geht weiter: Es gibt in unseren Gemeinden auch Menschen, die durch Dienen Macht ausüben. Auch durch aufopferungsvolle Hingabe kann unterschwellig auch sehr viel Macht ausgeübt werden. Den Willen zur Macht und zur Herrschaft gibt es eben auch in unserer Kirche., „Alle wollen in der Kirche dienen – am liebsten in leitender Stellung.“ Der Satz stammt von Hanns Lilje, das war jemand, der selbst in der Kirche in leitender Position einmal war.  Selbst Pfarrer, Dekane oder Bischöfe sind nicht davor gefeit, dienend in leitender Stellung über andere  Macht auszuüben und sie rücksichtslos auszunützen.


Wer die Macht hat, nutzt sie womöglich rücksichtslos aus. Aber so soll es bei euch nicht sein! So sagt es uns Jesus.

So soll es bei euch nicht sein! „Wer groß sein will, der soll den anderen dienen..“

Und doch gibt es in den Gemeinden und in den Kir-chen immer wieder Menschen, die dem Wort Jesu „wer unter euch groß sein will, der soll den anderen dienen“ sehr nahe kommen. In meiner Laufbahn als Gemeindepfarrer sind mir immer wieder Menschen begegnet, die einfach dienen, die einfach da sind, ohne Macht ausüben zu wollen. So mancher Kirchenvorsteher, so manche Mesnerin oder Organistin verrichtet still und ohne groß Aufhebens zu machen, einen wichtigen Dienst für die Gemeinde. Und die wenigsten bekommen es mit, was diese Menschen in ihrer Gemeinde an Hingabe und Liebesdiensten einfach für andere tun.

Mein Blick fällt auch auf die nichtkirchliche Welt. Auch dort und gerade dort gibt es Menschen, die der Gesellschaft dienen, ohne groß Aufsehens zu machen, ohne Macht ausüben zu wollen.

Bundespräsident Steinmeier bedankte sich neulich bei Corona-Heldinnen und -Helden. Er telefonierte in diesen Tagen mit Menschen, die in der Corona-Krise besonders gefordert sind. Er sprach mit Pflegern, Ärztinnen, Sozialarbeitern, Lehrerinnen, Apothekerinnen, Mitarbeitern von Supermärkten und Behörden. Dabei nutzt er die Telefonate auch, um sich für ihre Arbeit und für ihr oftmals auch risikobehaftetes Engagement, für ihre Beharrlichkeit, Besonnenheit und ihre Geduld zu bedanken.

Was leisten Kassiererinnen an der Kasse, was müssen sie sich manchmal anhören, die stillen Helden des Alltages, die einfach für andere Menschen da sind und denen selbst das Wort „dienen“ zu viel wäre. Sie sind da, wenn sie gebraucht werden.

Kirche einmal anders! Ich komme zurück zu meinem Ausgangspunkt: Kirche einmal anders. So kann man auch Kirche sehen: So möchte ich jedenfalls Kirche verstehen: wir dienen einander und sind für einander da. Und Kirche ist da, wenn sie gebraucht wird und für andere Menschen da ist. Ohne Macht und Pomp, einfach so.

Wenn wir Menschen innerhalb und außerhalb unserer Gemeinden und Kirchen das begriffen haben, hat die Utopie einer anderen Kirche doch schon Gestalt angenommen. Gott sei Dank! Amen.

Der Gott, der wie eine Mutter tröstet Jes 66,10-14

Predigt vom 22.3.20

Wir hören Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja 66

10 Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.

11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.

12 Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen.

13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.

14 Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

Liebe Gemeinde, liebe Hörerinnen und Hörer!

Sind wir noch ganz bei Trost?

Angesichts der Corona-Pandemie kann man bei so manchen Menschen den Eindruck haben, die sind anscheinend nicht ganz bei Trost. Wenn ich höre, dass Leute Desinfektionsmittel in den Krankenhäusern klauen, meine ich schon, diese Menschen sind nicht ganz bei Trost. Wenn wir redensartlich sagen: Die sind nicht ganz bei Trost, meinen wir; die sind leicht verrückt. Sie tun  etwas Unverständliches, Blödsinniges; Sie sind nicht recht bei Verstand. Nun wer  Klopapier und andere eher nicht lebensnotwendige Dinge hamstern muss, und umgekehrt die Ansteckungsgefahr derart ignoriert, dass man sich zu Corona-Parties getroffen hat, ist nicht ganz bei Trost.

Der Begriff „Trost“ ist mit „treu“ und „trauen“ verwandt. Trost bezeichnet überwiegend die Festigkeit, die durch Zuspruch als seelische Stärkung gegeben und erhalten wird (Trost des Glaubens, Seelentrost u.ä.). Dieser Trost ist gleichzusetzen mit innerer Stärke und Festigkeit, so dass „nicht bei Trost sein“ bedeutet: geistig nicht gefestigt sein, verrückt sein.

Gleich im 2. Vers gebraucht der Prophet Jesaja ein wunderbares Bild von einem Gott, der uns trösten kann wie eine Mutter ihr kleines Kind tröstet:

11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.

13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.

Der Gott allen Trostes – so können wir unseren Gott auch nennen. Schade, dass das nicht im Glaubensbekenntnis steht, es würde manchen Menschen vielleicht etwas sehr Wichtiges über Gott sagen. „Der Gott allen Trostes“ – das ist Gott, weil er ein Tröster ist. Gott ist für uns ein vertrauenserweckendes Gegenüber, Gott ist stark, unseren Kummer auszuhalten, aber auch fähig, mit uns mitzuleiden. Hier verstehen wir etwas von der Passion Jesu: Dass Jesus gelitten hat, ist Ausdruck von Gottes Solidarität mit uns als leidenden Menschen. Aber nicht der große Gott im Himmel, vor dem wir uns in Ehrfurcht niederwerfen, ist der Tröster, sondern der Gott, der selbst Mensch gewesen ist, und als Mensch durchgemacht hat, was Menschen durchmachen müssen in einem Menschenleben. Und weil wir einen solchen Gott haben, sind wir fähig und imstande, andere zu trösten.

Ich nehme heute an 22. März 2020 ganz besonders den tröstenden Gott in den Blick.

Denn ich glaube, gerade in diesen schon schwierigen Zeiten sind wir alle höchst trostbedürftige Menschen. Da ist kein Mensch, der mich mal in den Arm nimmt. Geht nicht wegen der Ansteckungsgefahr. Kein Händedruck, kein sachtes Streichen, keinerlei Berührung. Wie kann Gott uns in dieser Situation trösten?

Gott tröstet

Wir alle haben schon einmal im Leben Trost erfahren. Manchmal als Menschen in den besten Jahren und waren wir so richtig  trostbedürftig. Trost ist nicht nur etwas für weinende Babys oder kleine Kinder, die sich das Knie aufgeschlagen haben. Jeder Mensch, auch ich, braucht gelegentlich Trost. Kinder und Erwachsene kennen die Traurigkeit: Wenn der beste Freund nicht vertrauenswürdig war, brauchst du Trost. Wenn der Lehrer oder Vorgesetzte sich ungerecht verhalten hat, brauchst du Trost. Wenn du sitzengelassen wurdest von der Freundin, im eigenen Wert verkannt oder regelrecht zurückgestoßen aus der Gemeinschaft,  brauchst du Trost.

Jeder/jede von uns braucht mal Trost, ist mal trostbedürftig. Überlegen wir mal kurz, wann und zu welcher Gelegenheit das bei uns war: Wann war ich zuletzt trostbedürftig und warum?

Was uns dann jeweils tröstet, ist abhängig von unserem Alter, aber auch von unserem Temperament. Ein kleines Kind wird am ehesten in den Armen der Mutter oder des Vaters ruhig. Ein größeres Kind braucht die konkrete Erfahrung nach einem Misserfolg: die Mathearbeit ging zwar daneben, aber Sport kann ich gut!  Oder nach einem Streit mit dem Freund oder der Freundin: aber der Martin steht zu mir oder: aber meine Clique fängt mich auf. Wenn wir um einen Menschen trauern, so tröstet es, andere an der Seite zu haben, die diese Trauer mittragen. Und schließlich: Uns Erwachsenen hilft es besonders, wenn wir eigenes Leid irgendwann für uns selbst deuten können. Wenn wir ihm einen Sinn geben können und es integrieren können in unsere Lebensgeschichte.

Wie aber tröstet Gott? Was sagt die Bibel, dieses kluge Buch, darüber? Von all den eben genannten Tröstungen finden wir darin Spuren:
– „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet!“ heißt es im heutigen Predigtabschnitt über Gott bei Jesaja im Bild der liebevoll zugewandten Mutter. „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen“ verheißt der Seher Johannes im letzten Buch der Bibel. Tröstende Nähe im tiefen Schmerz erfahren wir meistens über andere Menschen, die einfach da sind, das Leid mit aushalten und mit uns teilen.

Gott sammelt unsere Tränen in einem Krug   In Psalm 56,9 heißt es:

9 Zähle die Tage meiner Flucht, / sammle meine Tränen in deinen Krug; ohne Zweifel, du zählst sie. 

In Ps 80,6 kann man nachlesen:

6 Du speisest sie mit Tränenbrot und tränkest sie mit einem großen Krug voll Tränen.


– Wie tröstet Gott noch? Wenn wir versagen, die Leistung nicht bringen, die wir selbst oder andere von uns fordern … – Gott tröstet mit der kraftvollen Zusage: du bist einmalig und wertvoll, unabhängig von dem, was du leistest. Die vielen Gleichnisse, die Jesus über Gott erzählte, malen davon anschauliche Bilder: der Weinbergsbesitzer zahlt allen den gleichen Lohn, unabhängig von ihrer Leistung, und das tröstet vor allem diejenigen, die keine Chance zur Arbeit hatten. Der Vater freut sich über den heimgekehrten Sohn, der fast alles falsch gemacht hat. Seine väterliche liebevolle Umarmung tröstet den Sohn angesicht seines Versagens. Die Frau freut sich über den wiedergefundenen Groschen, der kaum von Wert scheint und das tröstet die Witwe selber. Jesus zeigte es besonders den aus dem sozialen Netz Gefallenen, den in die Gosse Geratenen, den so genannten Sündern, den Schwerkranken: Ihr seid in Gottes Augen wertvoll. Gott will dass ihr lebt, wirklich lebt und inneren Frieden findet. Und das tröstet.


– Wie tröstet Gott noch? Trostbedürftig sind wir vor allem in der Trauer. Und Gott sieht Menschen in ihrer Trauer beim Verlust eines geliebten Menschen. Die Abschiedsreden Jesu im Johannesevangelium sind eigentlich Trostreden, seelsorgerliche Reden zur Bewältigung des Abschieds und der Trauer. Noch am Kreuz – so erzählt es das Johannesevangelium – tröstet Jesus seine Mutter Maria und seinen geliebten Jünger Johannes in ihrem tiefen Schmerz, indem er sie aufeinander verweist und ihnen so jeweils einen Halt gibt.

– Wie tröstet Gott? Gott tut Menschen in besonderen Momenten ihres Lebens die Augen auf, so dass sie mit einem Mal klarer sehen. So geschah es den Jüngern nach Ostern auf dem Weg nach Emmaus, als ihnen plötzlich klar wurde: „Musste nicht Jesus das alles leiden, so wie es in den Schriften stand?“ Ein tiefer Sinn ging ihnen auf. Und auf einmal waren sie wieder bei Trost, sind getrost ihren Weg weitergegangen.

 – Und nun sind wir wieder bei Jesaja:

13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.

Ja, ein ganzes Volk war damals auch trostbedürftig. Einen Krieg verloren, von den Feinden überrannt, nach Babylon verschleppt und furchtbare Zukunftsaussichten: Wer weiß, ob wir wieder nach Hause kommen dürfen? Wer weiß, ob wir Jerusalem wieder sehen! ; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.

Ihr sollt Jerusalem wieder sehen dürfen. Es wird euch über all das Leid und all die schlimme Zeit hinwegtrösten. Diese schlimme Zeit wird ein Ende haben. Jerusalem wartet auf euch.

Auf unser heutige Zeit übertragen, verstehe ich es so: Auch auf uns wartet ein Jerusalem, eine Zeit ohne Corona-Virus-Epidemie. Es kommt wieder die Zeit, da wir wieder normales zwischenmenschliches Leben leben können. Wir werden wieder uns in Gottesdiensten sehen und miteinander Gottesdienste und Konfirmationen feiern. Wir werden alle Gottesdienste wieder zu schätzen wissen, wenn sie wieder stattfinden können. Diesen Gedanke finde ich schon tröstlich: Alles, was noch auf uns zu kommen mag, wird auch ein Ende haben.

 Wie gehen wir in dieser schweren Zeit miteinander um?  Wir können das, was uns momentan und für die Zukunft tröstet, an andere Menschen weitergeben, die momentan trostlos und einsam in ihren Wohnungen und Häusern leben.

Wir können Gemeinschaft und menschliche Begegnung erleben auch ohne körperliche Berührung. Wir können unsere Mitmenschen wahrnehmen, achtsam mit ihnen umgehen, einander von der Ferne grüßen. Das und vieles anderes wird uns trösten und über die Corona-Krise hinweghelfen.

Was geben Sie an Trost weiter? Welche Fähigkeiten und Begabungen haben Sie empfangen? Welchen Trost? Das Wort Trost kommt etymologisch von „Trauen, vertrauen, sich etwas trauen“ – Wenn wir trösten, verhelfen wir Menschen dazu, dem Leben wieder zu trauen. Sich selbst und anderen.

Unsere Sprache kennt nicht nur das Wort „Trösten“, sondern auch „Vertrösten“ – und das ist etwas Schlimmes, vertröstet zu werden, und es ist auch schlimm, als Tröster zu spüren, dass man jemanden bloß vertröstet hat, der gut gemeinte Trost ins Leere läuft. Was macht es also aus, dass Trost gelingt, dass nicht bloß ein Vertrösten dabei herauskommt?

Auf billige Phrasen verzichten „Wird schon wieder“, wenn es noch nicht wieder wird….

Authentisch bleiben: Nur das was mich selber tröstet, kann von mir auch authentisch weitergegeben werden.

Es aushalten können, keinen billigen Trost zu geben, nichts zu sagen oder zu machen, was die Trostlosigkeit der Lage überdecken würde.

Auf den Trost Gottes hoffen. Gott tröstet, wo und wann er will.  Trösten kann ich letztlich nicht machen.

Das Leben liegt auch vor uns. „Lätare“ heißt dieser Sonntag, „Freut euch!“, trotz allem, was euch den Mut nehmen will. Gottes Macht ist stärker. Amen.

Leicht wie eine Feder

In Zeiten von Coronavirus-Pandemie

und nicht zu vergessen in Zeiten von rechtsextremen Auswüchsen

und dem Elend der Flüchtlingskinder an den Grenzen vor der EU

ist es vielleicht überraschend,

sich den christlichen Glauben

als Feder

vor Augen zu stellen.

Wie leicht

schwebt

eine Feder, 

vom Wind getrieben.

Auch unser Glaube ist wie

eine Feder,

vom Wind getrieben.

Erst kürzlich die Windstöße von Rechts,

dann der heftige Windstoß vom Corona-Virus,

der alles öffentliche Leben zum Stillstand bringt,

selbst unser gottesdienstliche Leben

und uns um das Leben unserer Lieben

und um unser eigenes Leben fürchten lässt.

Manchmal erschrecken wir

vor den Winden und Stürmen des Lebens.

Eine Pandemie, weltumfassende Seuche, Krieg und Gewalt

oder auch nur die ganz alltäglichen Sorgen

sie beschäftigen uns und ängstigen uns.

Vertraue dich dem an, der größer ist als der Wind,

mag er noch so heftig sein.

So macht mir die Feder Mut,

unser Glaube,

der sich Gott überlässt.

Wenn wir uns Gott überlassen

wie eine Feder dem Wind,

gibt unser Glaube,

unser Gottvertrauen ,

uns selbst im heftigsten Windsturm Halt.

Wir werden von dem Wind über unsere Sorgen und Ängsten getragen.

Wir  dürfen darauf vertrauen,

dass sie ein Anderer für uns löst

Wir können darauf vertrauen,

dass Einer uns am Ende hält.