Karfreitagspredigt 2020

Steine, die auf Jesus und auf unserer Seele liegen

Karfreitag 2020 – Onlinepredigt Manfred Lehnert, Trautskirchen

Markus 15,42-46 „Am Abend ging Josef aus Arimathäa, ein geachtetes Mitglied des Hohen Rates, zu Pilatus. Josef wartete auf das Kommen von Gottes Reich. Weil am nächsten Tag Sabbat war, entschloss er sich, Pilatus schon jetzt um den Leichnam von Jesus zu bitten. 44 Pilatus war erstaunt zu hören, dass Jesus schon tot war. Darum rief er den Hauptmann und erkundigte sich: »Lebt Jesus tatsächlich nicht mehr?« 45 Als der Hauptmann das bestätigte, überließ er Josef aus Arimathäa den Leichnam. 46 Josef kaufte ein feines Leinentuch, nahm Jesus vom Kreuz, wickelte ihn in das Tuch und legte ihn in eine Grabkammer, die in einen Felsen gehauen war. Dann wälzte er einen Stein vor den Eingang.“

Liebe Gemeinde!

„Dann wälzte er einen Stein vor den Eingang.“ Um diesen Stein geht es heute.

Ich stelle mir eine Traueranzeige vor:

Ganz groß darüber die Frage: Ein schwerer Stein liegt auf seinem Grab und auf unserer Seele!

Darunter neben einem schweren Kreuz der schlichte, aber unfassbare Satz

Wir gedenken an den Tod von Jesus Ben Josef .

  1. Ein schwerer Stein liegt auf seinem Grab.

Ein schwerer Stein liegt auf seinem Grab! Man muss die Schwere dieses Grabsteines erfassen und begreifen. Und nicht gleich an Ostern denken.

An Karfreitag wurde sein Leichnam vom Kreuz abgenommen und seine Leiche in ein Grab gelegt und davor ein schwerer Grabstein gerollt.

Dieser Grabstein symbolisiert etwas Endgültiges:

Es ist aus und vorbei. So dachten die Menschen, die um Jesus Ben Josef getrauert haben. Tief erschüttert von dem was sie erleben mussten: dies schändliche Kreuzigung, Leid und Schmerzen des Gekreuzigten.  Der Tod von Jesus machte für sie keinen Sinn.

Die Schwere des Grabsteines Jesu symbolisiert: Dieser Tod ist grausam und sinnlos! Viel zu früh ist er gestorben! Sein Sterben war grausam, sein Tod am Kreuz schändlich. Er wurde noch am Karfreitagabend  in aller Stille  wegen der Ausnahmesituation bestattet.

Ich lese diese Todesanzeige, sehe das Kreuz auf der Todesanzeige wie gewohnt auf den üblichen Todesanzeigen. Dann erschrecke ich aber doch: Jesus, Sohn des Josef, Geburtsjahr 4 v.Chr. und sein Todesjahr 34 n Chr.

Darunter der Vermerk der Hinterbliebenen:

„Mit ihm gestorben sind alle unsere Hoffnungen, die wir an ihn glaubten.
Viel zu früh haben wir ihn verloren.

Ein Leben ist viel zu früh mit 38 Jahren auf eine sinnlose Weise zu Ende gegangen.

Die Beisetzung fand wegen der momentanen Ausnahmesituation in aller Stille am Karfreitag

statt. Voller Trauer und Entsetzen die Hinterbliebenen „

In aller Stille beerdigt, noch weniger als momentan die 15 Leute, die erlaubt sind, eine momentane Ausnahmesituation, damals wie heute einfach schrecklich. Einfach nur schrecklich, zum Fürchten.

Ich stehe unter dem Kreuz.

Ich schaue auf das Kreuz in unserer Trautskirchener Kirche. Wie bei allen anderen Kirchen hängt  auch bei uns das Kreuz unübersehbar.

Ich schaue auf zu dem der da am Kreuz hängt.

Welchen Sinn hatte der Tod dieses Menschen am Kreuz?

In dem Moment, an Karfreitag und Karsamstag, hatte der Tod Jesu keinen Sinn.

Als ob man dem Tod einen Sinn geben könnte und dann alles nicht so schlimm wäre.

Der Tod bleibt grausam und sinnlos.

Auch der Tod Jesu am Kreuz war grausam und sinnlos.

Er war der Gipfel der Grausamkeit.

Und nein: An Karfreitag deutet noch nichts darauf hin, dass dieser Tod irgendeinen Sinn haben könnte. Später kommt den Jüngern manches in den Sinn, was seinem Tod einen Sinn geben könnte. Aber jetzt an Karfreitag und Karsamstag nicht.

Da stehe ich unter dem Kreuz.

Ich schaue auf zu dem der da hängt.

Für ihn und die Menschen um ihn war sein Tod einfach nur grausam und sinnlos.

Da stehe ich unter dem Kreuz.

Ich schaue auf zu dem der da hängt.

Ich denke mir:

Ja, irgendwann ist diese schwere Zeit vorüber.

Sie wird vorübergehen.

Noch können wir das nicht sehen.

Noch ist Karfreitag.

Noch kommt Karsamstag

Noch liegt ein schwerer Stein auf seinem Grab.

Noch.

  • Ein schwerer Stein liegt auf unserer Seele          Corona Deutschland: Zahl der Fälle übersteigt 100.000 – Karte ...

Ein anderer schwerer Stein liegt im Moment auf unserer Seele. In Miniaturform sieht er wie ein Stein mit Stacheln aus, das Corona-Virus – tödlich, sinnlos und grausam.

Das muss ich gerade jetzt laut und deutlich sagen. Jetzt, wo wir alle umgeben sind von Nachrichten über Epidemie und Tod.

Wo wir diese schrecklichen Bilder von vielen Särgen in Leichenhäusern, Lastzügen und Kühlwägen sehen.

Gerade jetzt will ich laut und deutlich sagen: Dieses Virus ist grausam und sinnlos.

Es widerstrebt mir, diesem Virus einen Sinn unterstellen zu wollen.

Nein, dieses Virus ist nicht die Strafe Gottes, der damit die Menschheit züchtigt.

Dieses Virus fragt nicht, ob die, die sterben, es verdient haben oder unschuldig sind. Dieses Virus macht keine Bogen um die Kinder und jungen Menschen. Dieses Virus holt sich alte Menschen und Menschen mit bestimmten Krankheitsvorgeschichten. Aber auch die jungen Menschen, die Menschen in der Mitte des Lebens, die Gesunden und Starken sind nicht davor gefeit, mit diesem Virus tödlich angsteckt zu werden. Dieses Virus ist einfach unberechenbar tödlich.

Und dieses Virus ist auch nicht die Gelegenheit, dass wir uns als Gesellschaft endlich wieder auf das Gute, auf die Solidarität und den Zusammenhalt besinnen.

Dieses Virus fragt nicht, ob wir solidarisch waren oder nicht. Dieses Virus ist einfach tödlich.

Der massenhafte Tod durch dieses Virus ist einfach sinnlos und grausam. Der einsame Tod irgendwo im Altenheim genauso wenig.

Warum versuchen wir, diesem Virus irgendeinen Sinn zu geben?

Vielleicht kommt es daher, dass Menschen sich schwer tun, dass es das gibt: das einfach nur Sinnlose und das einfach nur Grausame.

Lieber erfinden wir einen Sinn, dann können wir damit besser umgehen.

Aber worin soll der Sinn liegen davon, dass vielleicht hunderttausende Menschen auf der ganzen Welt an diesem Virus sterben müssen?

Worin soll der Sinn liegen davon, dass Menschen in unseren Altenheimen keinen Besuch von ihren Angehörigen mehr empfangen dürfen. Dass ihre Kinder, ihre Enkel ihnen nicht die Hand halten dürfen?

Worin soll der Sinn liegen davon, dass so viele Menschen Angst um ihre wirtschaftliche Zukunft haben müssen?

Worin soll der Sinn liegen davon, dass Kinder auch dann in der Wohnung bleiben müssen, wenn die Eltern immer ungeduldiger und schließlich vielleicht sogar gewalttätig werden?

Nein, dieses Virus tötet blindlings und ist einfach nur sinnlos tödlich.

Auch wir Christen sollten nicht versuchen, ihm einen fragwürdigen Sinn zu geben.

Dieses Virus ist ein schwerer Stein auf unserer Seele.

Es gibt noch andere große und schwere Steine in unserem Leben. Ich halte einen Stein in meiner Hand und betrachte ihn. Wenn Sie wollen, nehmen Sie sich auch einen Stein Ihrer Wahl zu Hause in die Hand und betrachten ihn.

Dieser Stein ist klein.

Den braucht mir keiner wegrollen.

Kein Problem. Denn kann ich weglegen.

Schwer ist er allerdings schon, wenn ich ihn in meiner Hand fühle. Und hart ist er. Und kalt. Und er erinnert mich an andere Steine: große, schwere, kalte Steine in meinem Leben.

Es sind Steine, die ich mir nicht selbst freiwillig in die Hand genommen habe. Die ich auch nicht einfach weglegen kann. Steine in meinem Leben.

Die sind wie Grabsteine manchmal: sie sperren ein. Sie lassen kein Licht hinein und kein Leben.

Steine wie diese sind wie eine Last, die ich mit mir herumtrage. Die mir die Luft abdrückt. Unter der ich zusammenbreche.

Wer nimmt mir den Stein weg, der auf mir ruht? Schwer, niederdrückend, kalt, eckig und kantig?

Ich kann dem Stein einen Namen geben: er kann den Namen von einem Menschen haben, von einem der mir das Leben schwermacht, ein Vorgesetzter, ein Arbeitskollege, ein Nachbar, ein Mensch, dem ich nichts gut genug mache, der immer wieder mit einem solchen Stein nach mir wirft und mich wohlwissend an den schmerzhaftesten Wunden meines Lebens trifft.

Dieser Stein kann den Namen eines Menschen haben, dessen Schicksal mir wehtut. Den ich mit mir trage in meinen Gedanken. Dieser Stein kann der Grabstein eines Menschen sein, von dem ich mich letztes Jahr verabschieden musste.

Mein Stein, das kann der Name eines Ortes sein, behaftet mit einer schlimmen Erinnerung. Er kann nach einem Problem benannt sein, mit dem ich nicht fertig werde. Nach dem großen Fehler, den ich gemacht habe – und nun weiß ich nicht, wie es weitergehen soll.

Mein Stein kann den Namen Corona oder Krebs tragen oder den einer anderen schlimmen Krankheit. Hart und unnachgiebig ist diese Krankheit, wie dieser Stein hier. Kantig und eckig, Schmerzen bereitend, wenn er auf einem drückt.

Vielleicht ist das ein Stein, an dessen Last Sie sich bereits seit Jahren gewöhnt haben. Vielleicht ist es auch ein Stein, an dem Sie schwer zu tragen haben – vielleicht bis an die Grenze Ihrer Belastungsfähigkeit und drüber hinaus. Vielleicht als Pfleger und Arzt, als Pflegerin und Ärztin in den Altenheimen und auf den Intensivstationen…

Hat Ihr Stein auch einen Namen?

Nehmen Sie sich für einen Moment Zeit, diesen Stein zu fühlen. Diesen Stein in meiner Hand, und den anderen Stein oder die anderen Steine, die auf unsere Seele lasten.

Geben Sie dem Stein, der auf Sie lastet ist, einen Namen. Wir  lauschen für einen kurzen Moment der Stille unseres Herzen und werden dabei still.

Stille

Der Stein kann viele Namen haben. Er sperrt ein. Er belastet. Er macht mir das Leben schwer. Wer nimmt mir diesen Stein von meiner Seele?

  • Ein schwerer Stein liegt nicht für immer auf uns.
  • Nicht immer auf dem Grab Jesu
  • Nicht immer auf unserer Seele

Eines ist sicher: Egal wie schwer die Steine, die auf unserer Seele lasten, sie werden nicht für immer auf uns lasten. Es kommt die Zeit, da wird Gott „ wird ihnen alle Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid, keine Klage und keine Schmerzen; denn was einmal war, ist für immer vorbei.« Off 21,4)

Aber noch ist es nicht soweit. Noch ist auch nicht Ostern.

Noch ist Karfreitag: Es ist die Zeit, das Leid wahrzunehmen, und der Schwere in unserem Leben nicht auszuweichen.

Noch ist noch nicht Karsamstag: Es ist die Zeit, die innere Leere und das Gefühl der Sinnlosigkeit aushalten.

Erinnern wir uns an die schweren Steine´, die in unserem Leben sich schon in irgendeiner Weise gelöst haben

Das Leben findet seinen Weg. Das Leben geht weiter.

Ich stehe

vor dem steinernen Kreuz in der Trautskirchener Kirche,

lauter Steine sind zu einem Kreuz zusammengefügt.

Ich ahne, dass die Steine in meinem Leben und im Leben meiner Mitmenschen doch einen Sinn haben. Ich ahne, dass auch der Tod Jesu im Nachhinein von Gott Sinn und Würde bekommen wird.

Aber noch ist Karfreitag

Noch kommt Karsamstag

Noch

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