Wer wälzt uns den schweren Stein von der Seele?

Ostern 2020 Onlinepredigt Trautskirchen  Manfred Lehnert  Mk 15,42-47+ Mk 16,1-8

Liebe Gemeinde!
Es ist die Frage aller Trauernden:

„Wer wälzt uns den Stein von dem Grab?“

Ich hatte für Karfreitag eine Todesanzeige entworfen:

Ganz groß darüber die Überschrift: Ein schwerer Stein liegt auf seinem Grab und auf unserer Seele!

Darunter neben einem schweren Kreuz der schlichte, aber unfassbare Satz. Wir gedenken an den Tod von Jesus Ben Josef .

Darunter der Vermerk der Hinterbliebenen:

„Mit ihm gestorben sind alle unsere Hoffnungen, die wir an ihn glaubten.
Viel zu früh haben wir ihn verloren.

Ein Leben ist viel zu früh mit 38 Jahren auf eine sinnlose Weise zu Ende gegangen.

Die Beisetzung fand wegen der momentanen Ausnahmesituation in aller Stille am Karfreitag

statt. Voller Trauer und Entsetzen die Hinterbliebenen „

Ich hatte an Karfreitag darüber nachgedacht, was das für ein schwerer Stein war, der auf seinem Grab liegt und was für schwere Steine auf unserer Seele liegen. Und ich hatte gesagt: Nur nicht zu schnell nach Ostern schielen. Erst heißt es Karfreitag auszuhalten und mit diesem Tag das Leid in der Welt und bei sich selbst wahrzunehmen. Dann heißt es Karsamstag auszuhalten, diese innere Leere und Erschöpfung, die einen Menschen ausfüllen kann, wenn es nichts mehr zu hoffen gibt, wenn es aus und vorbei ist. Nun naht der dritte Tag, der anbrechende Tag, der Ostermorgen. Noch heißt er nicht so, Ostermorgen. Das kommt erst später. Noch ist es der dritte Tag nach Tod und Trauer.

Nun beginnen die Menschen, die Jesus geliebt haben, die Trauerarbeit. Sie trauern um Jesus und sammeln an guten Erinnerungen, was sie mit ihm erlebt haben. Und sie wollen seinem Leichnam einen letzten Liebesdienst erweisen, den sie in dem Chaos des Karfreitages nicht mehr tun konnten: Sie wollten seinen toten Leib salben und würdig für das Grab herrichten. Es ist ja alles so schnell gegangen. Dafür war an Karfreitag keine Zeit mehr.

Hören wir und den Anfang einer der Geschichten von damals, die den Menschen damals zur Trauerbewältigung und zur Erinnerung wichtig waren: Mk15,42-47 + Mk 16,1-3

 „Am Abend ging Josef aus Arimathäa, ein geachtetes Mitglied des Hohen Rates, zu Pilatus. Josef wartete auf das Kommen von Gottes Reich. Weil am nächsten Tag Sabbat war, entschloss er sich, Pilatus schon jetzt um den Leichnam von Jesus zu bitten. 44 Pilatus war erstaunt zu hören, dass Jesus schon tot war. Darum rief er den Hauptmann und erkundigte sich: »Lebt Jesus tatsächlich nicht mehr?« 45 Als der Hauptmann das bestätigte, überließ er Josef aus Arimathäa den Leichnam. 46 Josef kaufte ein feines Leinentuch, nahm Jesus vom Kreuz, wickelte ihn in das Tuch und legte ihn in eine Grabkammer, die in einen Felsen gehauen war. Dann wälzte er einen Stein vor den Eingang. 47 Maria aus Magdala und Maria, die Mutter von Joses, beobachteten, wohin er Jesus legte.

Am Abend, als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala, Salome und Maria, die Mutter von Jakobus, wohlriechende Öle, um den Leichnam von Jesus zu salben. 2 Früh am Sonntagmorgen, gerade als die Sonne aufging, kamen die Frauen damit zum Grab. 3 Schon unterwegs hatten sie sich besorgt gefragt: »Wer wird uns nur den schweren Stein vor der Grabkammer beiseite wälzen?«


„Wer wird uns nur den schweren Stein vor der Grabkammer beiseite wälzen?«

Ich verstehe den Stein, der vor dem Grab liegt, auch als ein Symbol für unsere angstvollen Gedanken, die oft wie Steine auf unserer Seele liegen – schwer und erdrückend, oft

unbeweglich und unüberwindlich.

Der Stein auf unserer Seele – welchen Namen trägt er? Vielleicht heißt er „Angst“. Vielleicht heißt

unser Stein „Einsamkeit“. Vielleicht trägt er auch den Namen „Traurigkeit“, oder er heißt „Stress

und Ehrgeiz“. Vielleicht heißt der Stein auch „Schuld“ oder „Versagen“.

Vielleicht aber hat Ihr Stein, liebe Gemeindeglieder, auch einen ganz anderen Namen. Einen Namen,

den nur Sie selbst kennen.

An Karfreitag bat ich Sie, zu Hause einen Stein in die Hand zu nehmen. Er sollte ein Zeichen sein für all die schweren

Steine, die auf unserer Seele liegen und die einen ganz individuellen Namen tragen.

Vielleicht ist das ein Stein, an dessen Last Sie sich längst gewöhnt haben. Vielleicht ist es auch ein Stein, an dem Sie schwer zu tragen haben – vielleicht bis an die Grenze Ihrer Belastungsfähigkeit.

Vielleicht heißt dieser Stein Corona oder Krebs oder steht für eine andere Krankheit oder körperliche Einschränkung.

Vielleicht steht der Stein auch bei Ihnen ein Grabstein wie bei den Frauen am Grab Jesu: die ohnmächtige, verzweifelte Trauer um einen lieben Menschen. Wie ein Stein lastet ein Grabstein auf den Herzen von uns Menschen.

Denn in der Trauer leben die Toten immer noch weiter.
Ihre Macht zeigt sich in den Tränen, die sie aufwühlen, und in den Träumen, in denen sie uns heimsuchen.
Beim Gang auf den Friedhof verspüren wir immer wieder diesen Wunsch:
Der Stein soll weg.
Aber wie soll diese Last so einfach weg sein? Wer kommt gegen einen solch riesigen Steinbrocken der inneren Leere und der Sinnlosigkeit an? Wer kann einen solchen riesigen Steinbrocken wegwälzen?

 Wer wälzt uns den Stein von dem Grab? So fragen die Frauen damals, so fragen wir in unserer Trauer.
Aber genauso fragen immer wieder auch Menschen mitten im Leben, wenn sie das Gefühl haben, vom Leben abgetrennt zu sein:
Wenn tote Gewohnheiten das Leben haben erkalten lassen,
wenn tödliche Selbstverständlichkeiten die Tage grau gemacht haben,
wenn Hoffnungen begraben werden mussten.
Wenn man nur noch nach rückwärts gewandt ist,
das große, gute Gestern verklärt,
die Jugend, die längst vergangenen Jahre preist:
Früher war alles besser!
Weißt du noch, damals?
Wenn Träume sterben, dann wirst du alt , heißt es.
Oder: Wer aufhört zu lernen, hört auf zu leben.
Dann schiebt sich die Lebensmüdigkeit oder das Alter wie ein Schleier vor das Leben.
Dann ist der Blick getrübt für die Schönheiten des Frühlings,
dann scheint es Herbst zu werden in Erwartung des Winters.

Gut ist es und heilsam kann es sein, diese Frage nach dem Leben dann überhaupt noch zu hören:  

Wer wälzt mir diesen Stein vom Grab?                                     Wer gibt mir neue Hoffnung auf dem Friedhof meiner Träume?
Wer schenkt mir Mut und Herausforderungen,
neuen Glauben und neue Kraft zum Leben?

Sie haben als Ostergruß ein Gedicht von Inge Müller bekommen:

„Immer wenn…

das Licht aufersteht,
ein neuer Tag beginnt,
ein Frühling,
ein zweiter Frühling,
immer wenn
eine Krankheit sich bessert,
ein Streit mit einer Versöhnung endet,
ein Mensch eine zweite Chance bekommt,
immer wenn
ich einen schweren Stein beiseite rolle,
den Stein meines Schweigens,
meiner Angst,
meiner Verlassenheit,
immer wenn man mir sagt,
dass das Ende nie das Ende ist,
und ich glaube es
… dann ist Ostern.“

Inge Müller

Wer wälzt uns den Stein von dem Grab? Im Evangelium des Markus ist dies der letzte Satz, den Menschen in der Geschichte Jesu von Nazareth sprechen.
Aber diese Frage geht durch die Welt:
Bei den Trauernden, bei den Angefochtenen, bei den Enttäuschten.
Wir alle müssen mit den Verlusten und mit den Enttäuschungen unseres Lebens fertig werden.
Und wir alle müssen darauf achten, dass mit all den Verlusten und mit den Enttäuschungen unseres Lebens unsere Herzen nicht zu Stein werden.
Wer wälzt uns den Stein von des Herzens Tür?

Wie viele Menschen muss man verloren haben,
wie viele Ideale müssen verflogen sein,
wie viele Verletzungen muss man erlitten haben,
damit man kalt wird wie Stein?
Ich denke an Lebensgeschichten, an Lebensschicksale, die gehen über alles hinaus, was Menschen ertragen können.
How many roads ? How many years?
So hat Bob Dylan gefragt und keine Antwort gegeben.
The answer, my friend, is blowing in the wind…

Im Markusevangelium hören wir eine andere Antwort:

„4 Umso erstaunter waren sie, als sie merkten, dass der riesige Stein nicht mehr vor dem Grab lag. 5 Sie betraten die Grabkammer, und da sahen sie auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der ein weißes Gewand trug. Die Frauen erschraken sehr. 6 Aber der Mann sagte zu ihnen: »Habt keine Angst! Ihr sucht Jesus aus Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist nicht mehr hier. Er ist auferstanden! Seht her, das ist die Stelle, wo man ihn hingelegt hatte. 7 Und nun geht zu seinen Jüngern und zu Petrus und sagt ihnen, dass Jesus euch nach Galiläa vorausgehen wird. Dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch angekündigt hat.«

Seitdem suchen Menschen den Auferstandenen.
Sie graben unter den Steinen und in der Erde,
sie untersuchen Leichentücher,
sie schauen in Emmaus vorbei und am See Genezareth,
sie forschen in den Schriften,
bauen Dome und Kirchen auf der Suche nach ihm.
Aber sie finden ihn nicht, denn sie suchen den Lebendigen bei den Toten und erfahren immer wieder:
Er ist nicht hier.

In der Kirche werden Sie dieses Schild sehen:

Wo er gerade ist, das ist nie ganz sicher.
Manche sagen, er komme immer wieder mit Leuten zusammen,
Menschen mit schwerem Gemüt,
Menschen, deren Tränen nicht trocknen,
Menschen, die vor Verzweiflung nicht in den Schlaf finden.

Wo er gerade ist, das können wir nie ganz begreifen. Aber eines ist sicher, und daran können wir begreifen, dass sich an Ostern etwas getan hat:

Der Grabstein ist weg. Der Stein ist fort.

Der Stein, der das Grab verschloss, war nicht das Ende, nach dem es zunächst aussah. Es ging im Leben weiter, und die Frauen mussten nicht unverrichteter Dinge umkehren. Gott kann Steine wegschieben. Er hatte durch einen Engel den Stein von Jesu Grab beiseitegeschoben. Gott kann auch die Steine auf unserer Seele beiseiteschieben. Der Stein vom Corona-Virus, der Stein der Angst; der Stein der Einsamkeit; der Stein des Stresses und des falschen Ehrgeizes; der Stein der Schuld; der Stein mit seinem ganz persönlichen Namen – er kann von Gott beiseite geschoben werden, damit es auch in uns licht und hell werden kann.

Ostern heißt: der Stein ist weg, und der Weg ist wieder frei. Ein neuer Weg ins Leben ist wieder möglich. Gott selbst befreit uns von den Steinen auf der Seele. Uns können physisch wie psychisch Steine vom Herzen fallen, weil Gott diesen Stein von uns nimmt. Dadurch wird es in unserem Herzen hell und licht. Die Osterkerze zeugt von diesem Licht, das von Ostern ausgeht. Sie leuchtet in den Gottesdiensten, um das Licht des Lebens anzuzeigen, das Gott uns allen schenkt.

Sie haben beim Nachdenken über den Stein in Ihrem Leben Ihrem Stein einen Namen gegeben: einen Namen, der anzeigen soll, für welche Last in Ihrem Leben dieser Stein steht. Sie können, wenn Sie möchten, Ihren Stein irgendwann in der Osterwoche in die Kirche bringen und vor dem Altar ablegen.

Was immer Sie bedrückt und beschäftigt, legen Sie diesen Stein in Gottes Hände und lassen Sie sich von dem österlichen Licht des Lebens beschenken. Lassen Sie sich durch diese Osterlichter sagen: Gottes Licht ist stärker als alle Steine dieser Welt.

Amen.

Österliches Vaterunser

Vater unser im Himmel.
Dein Sohn hat durch seine Auferstehung den Himmel uns nahe gebracht.

Geheiligt werde Dein Name.
Wir wollen ihn heiligen, indem wir immer mit Jesu Gegenwart rechnen.

Dein Reich komme.
Durch Ostern ist ein neuer Anfang gemacht: Dein Reich ist nahe herbeigekommen. Dein Reich der Liebe und des Friedens.

Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Dein Wille ist, dass Du uns durch Ostern neues Leben geben willst jetzt und in Ewigkeit.

Unser tägliches gib uns heute.
Das Brot auf dem Tisch und das Osterwort, das unseren Glauben stärkt, gib uns täglich.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Vergib, wenn wir mit unserem Glauben immer wieder hinter Deine Ostertat zurückfallen.

Und führe uns nicht in Versuchung,
durch das, was wir vor Augen haben, wie Leid, Krankheit und Tod, an Dich nicht mehr zu glauben.

Sondern erlöse uns von dem Bösen.
Erlöse uns von dem, was uns noch gefangen hält und uns davon abhält, ganz auf Deiner Seite zu stehen.

Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Österlicher Segen:

Möge das Licht der Auferstehungssonne
unsrem Dunkel heimleuchten

Mögen die Risse und Brüche unseres Lebens
es einlassen
durchscheinen lassen
in ihm
verwandelt werden

Mögen uns die Augen des Herzens aufgehen
für seine Gegenwart
in uns
durch uns
unter uns

und unsere Arme sich weit
öffnen
zu empfangen
und weiterzugeben

Katja Süss

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