Ein Lied in schweren Zeiten -Predigt 10.5.20

Apostelgeschichte 16,23-34  Kantate 10.5.2020 Trautskirchen, Pfarrer Manfred Lehnert

Liebe Gemeindeglieder,

heute feiern wir in unserer Kirche nach sieben langen Wochen erstmals wieder miteinander Gottesdienst. Wenn auch mit Einschränkungen, Abstand, strengen Hygienevorschriften und Maskenpflicht, wir feiern wieder miteinander Gottesdienst. Darüber freuen wir uns alle! Die Corona-Virus-Epidemie hat uns ja inzwischen zwei lange Monate voneinander getrennt, manche fühlen sich direkt eingesperrt in ihren Wohnungen, wie im Gefängnis gefangen in dieser Epidemie, die ja noch lange nicht zu Ende ist.

Als ich vor zwei Wochen erstmals einen Blick auf den Predigttext geworfen habe, war meine Entscheidung schnell gefallen: Diesen Bibeltext nehme ich nicht. Ich nehme die biblische Geschichte aus der Apostelgeschichte, über die ebenfalls am Sonntag Kantate gepredigt wird. Es ist eine Befreiungsgeschichte. Was Menschen fesselt, löst sich, Mauern beben und Menschen werden frei. Eine Geschichte, die zu dem heutigen Tag passt:

23 Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen. 24 Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block. 25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie. 26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, so dass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen, und von allen fielen die Fesseln ab. 27 Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offenstehen, zog er das Schwert und wollte sich töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen. 28 Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier! 29 Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. 30 Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde? 31 Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! 32 Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren. 33 Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen 34 und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Haus, dass er zum Glauben an Gott gekommen war. [Apg16,23-34]

Liebe Gemeindeglieder aus nah und fern!   

Ich werde die Ausnahme unter uns sein. Ich war im Knast. 7 Jahre war ich im Memminger Gefängnis nebenamtlicher Gefängnisseelsorger. Zunächst war für mich eines eindrücklich: Dieser schwere Schlüsselbund des JVA-Beamten. Nicht ich hatte die Schlüsselgewalt, sondern die Begleitperson. Und eine Tür nach der anderen wurde aufgesperrt und hinter mir wieder zugesperrt. Eindrücklich war für mich, wenn dann hinter mir die Tür zugefallen ist und ich war mit jemanden allein, den ich besucht hatte, allein und  eingesperrt. Ich war abhängig von jemandem, der mir die Tür wieder aufsperrte. 

Der Alltag eines antiken Gefängnisses in unserer Geschichte ist freilich ein anderer als der in den Gefängnissen von heute. Damals wurden die Füße der Gefangenen in einen Block gelegt. Es gab ein innerstes Gefängnis, ein Loch, wo man die schlimmsten Verbrecher hineinge-worfen und an den Füßen gefesselt hatte. Die Aufseher waren harte Kerle, langten auch schon mal hin, wenn einer nicht gespurt hatte.

Paulus und Silas liegen also im innersten Loch des Gefängnisses. Die Füße im Block gefesselt. Es ist kein Licht, zappenduster ist es, kein Licht und keine Hoffnung. Und sie sind unschuldig, sie haben sich nichts zuschulden kommen, außer dass sie kurz vorher einer einfachen Magd den Wahrsagegeist ausgetrieben haben und damit deren Besitzer die Geschäfte vermasselt haben. Erregung öffentlichen Ärgernises, das wird man ihnen vorgeworfen haben.

Ich versuche nun, mich in verschiedene Personen in der Geschichte hinzudenken.

Da ist zunächst Paulus:

„Gefangen in meiner Angst lieg ich zusammengekauert in der tiefsten Zelle meines inneren Gefängnisses. Ohne Hoffnung und Lebensmut, unschuldig. Da höre ich auf einmal tief in mir, in meinem Herzen, ein Lied. Und es dringt aus meinem Herzen, aus meinem Mund:“

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. : Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag!“

Da ist Silas, der Begleiter des Paulus:

„Gefangen in meiner Angst lieg ich zusammengekauert in der tiefsten Zelle meines inneren Gefängnisses ohne Hoffnung und Lebensmut, unschuldig. Da höre ich auf einmal, wie mein Mitmensch neben mir , wie Paulus singt In meiner Zelle, die ich mit ihm teile.

Und ich fange an, mitzusingen und mitzubeten:“

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. : Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag!“

Da ist noch jemand. Neben Paulus und Silas gibt es im Gefängnis noch weitere Gefangene:

„Gefangen in meiner Angst lieg ich zusammengekauert in der tiefsten Zelle meines inneren Gefängnisses ohne Hoffnung und Lebensmut, schuldig. Da höre ich auf einmal, wie einer singt. Nein, ich höre, wie zwei singen neben mir in der Nachbarzelle.

Sie singen und beten, um Mitternacht, obwohl es doch aus ist.

Und ich und die anderen Mitgefangenen fangen an hinzuhören, mit zu singen:“

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. : Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag!“

Von guten Mächten wunderbar geboren…

Es dürfte klar sein, ganz historisch ist das nicht, was ich da mir ausgemalt habe. Natürlich werden Paulus und Silas etwas anderes gesungen und gebetet haben. Von guten Mächten, mein Lieblingslied wurde 1944 im Gefängnis geschrieben. Dietrich Bonhoeffer dichtete es zu Weihnachten 1944. Damals hatte es noch keine Melodie. Seine Worte sind tröstlich: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“


Solche Worte trösten, auch wenn man sie nicht ganz verstehen kann, wenn man sich nicht in einer solchen Lage befindet. Wie kann der Mann solche Worte finden? Denn während Bonhoeffer diese Worte einfallen und er sie notiert, zittern dabei die Wände des Kerkers von den Schreien der Gefangenen. In diesen Monaten bombardierten die Engländer und Amerikaner systematisch Berlin. Die Bomben krachten, die Wachmannschaften hatten sich im Luftschutzkeller in Sicherheit gebracht, aber die Gefangenen in den Zellen eingeschlossen gelassen. Und das fast jeden Tag. „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.“ Singen hilft dabei. Beten, Dichten und Briefe schreiben und Kirchenlieder gegen die Angst. „Ich höre nachts die Ketten der Männer in den anderen Zellen“ schreibt er. Aber dann findet er diese Worte:

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. : Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag!“

Seine Worte rühren bis heute Menschen an, die im Gefängnis ihrer Seele sitzen, und Trost und Hoffnung suchen. Sein Lied rührt uns an. Sein getrostes Sterben vor 75 Jahren mit diesem Gottvertrauen genauso. Das tröstet und gibt uns Mut. Auch wir sind behütet und geborgen, ganz gleich was kommen mag.

Aber zurück zu unserer biblischen Geschichte. Es gibt noch jemanden , in den ich mich hineinversetzen möchte:          Der Gefängniswärter:

„Gefangen in meiner Angst lieg ich zusammengekauert in meinem Bett, meiner tiefsten Zelle meines inneren Gefängnisses ohne Hoffnung und Lebensmut, voller Ängste und Probleme, die mir schlaflose Nächte bereiten.

Mein Leben verbringe ich im Gefängnis, tue meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, mache meinen Dienst nach Vorschrift immer in der Angst, zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Da erwache ich von einem Beben. Die Gefängnismauern beben und die Mauern meines innersten Gefängnisses. Und ich springe auf und merke voller Entsetzen: Die Gefangenen sind frei!

Entsetzt will ich mich schon selbst bestrafen, obwohl ein Erdbeben kein Dienstvergehen ist, Da höre ich Paulus rufen: Tu dir nichts an. Wir sind alle noch da! Zutiefst erschüttert frage ich: Was bringt mich aus dieser für mich furchtbaren Situation heraus? Was muss ich tun, um gerettet zu werden?

Nein, ich habe kein Lied: Von guten Mächten wunderbar geboren… gehört.  Ich habe die zupackende Hand des Paulus gespürt, der mich davor bewahrt, mich umzubringen und dieser Satz von Paulus, der mich aus meiner inneren Gefangenschaft erlöst:

Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!  Das hat mich aus meiner Gefangenlage hinausgeführt in die Freiheit und hin zu Jesus.“

Es gibt einen Weg, auch wenn alles aussichtslos ist. Es wird nicht erzählt, wie es weitergegangen ist, nachdem der Gefängniswärter von seinen Fesseln befreit sich und seine ganze Familie hat taufen lassen. Aber es gibt immer einen Weg, auch wenn es aussichtslos ist. (Denken wir an Dietrich Bonhoeffer).

Liebe Gemeindeglieder!

Unsere Gefängnismauer schauen anders aus. Äußerlich sind es momentan die Viren, die für Abstand und Abschottung, für Quarantäne und tausend Ängste in der Bevölkerung sorgen. Es kann auch eine Krankheit sein, die mich aus dem Alltagsleben herausnimmt. Oder die Angst vor der Arbeitslosigkeit, die jetzt wieder um sich greift.

Unsere Gefängnismauern können auch innerlich sein. Äußerlich bin ich frei, innerlich gefangen in meinen Ängsten und Sorgen, gefangen in dem, was mich bindet und fesselt. Es kann eine Sucht sein, die mich fesselt oder auch mein Gefühl: Ich kann irgendwas irgendwem nicht verzeihen.

Was uns bindet und fesselt, sieht unterschiedlich aus: Unsere Füße sind unbeweglich gemacht, wie wenn sie in einem Block eingeschlossen sind, unsere Hände sind gefesselt, wir können nicht tun, was zu tun wäre. Oder der Mund verschlossen und kein Ton kommt heraus.

Drei Personengruppen habe ich uns vorgestellt, die gefangen sind. Da sind Menschen wie Paulus und Silas, die unschuldig in ihrem Gefängnis sitzen. Sie haben sich für eine gerechte Sache eingesetzt und haben auf einmal Probleme. Da sind Mitgefangene im Gefängnis, die in der Regel schuldig sind. Und da sind Gefängniswärter, die eigentlich genauso wie die Gefangenen unter den Mauern des Gefängnisses leiden. Den ganzen Tag sehen sie keine Blumen, keine Bäume, sie sehen keinen offenen Himmel über sich und sie müssen ausführen, was andere angeordnet haben.

Was können wir tun, ganz gleich in welcher Situation wir gerade sind? Was können wir tun in dieser Corona-Krise?

Wir können ein Lied singen oder ein Lied uns mit den Herzen anhören. Wir können uns von Liedern anrühren und inspirieren lassen. Und manchmal erleben wir es im übertragenen Sinn, dass dabei die Mauern erbeben, die Fesseln von uns abfallen und wir frei sind.

Zugegeben, noch sind wir nicht frei. Noch bestehen Ausgangssperren und gesellschaftliche Einschränkungen. Noch sind wir im Leben von diesen und anderen Dingen gefangen. Aber wir können es erleben, wie sie Stück für Stück von uns abfallen. Am Ende unseres Lebens werden wir frei sein wie auch Dietrich Bonhoeffer am Tag seiner Hinrichtung vor 75 Jahren gefasst gestorben ist, weil er wusste: Jetzt müssen die Häscher und Henker zurückbleiben. Und ich bin frei.

Sein Lied ertönt noch weiter und gibt uns bis zum heutigen Tag Mut und Hoffnung:

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. : Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag!“

Amen.

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