Beten in einer vollen Vorratskammer -Predigt 17.6.20

Das Vaterunser als volle Vorratskammer

Predigt zu Mt 6, 5-15 zum Sonntag Rogate, 17. Mai 2020

Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.

Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.

Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten: „Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“ Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

Ich war die letzten Wochen öfter da drinnen. All die Sachen, die ich am Anfang der Krise gekauft habe, sicherheitshalber gekauft habe: Konservendosen, Nudeln, Milchpackungen, Hundedosenfutter, ja auch das begehrte Klopapier, Schokolade, Bier, Wein. All das habe ich verstaut. Und ich war beruhigt: Ein paar Wochen werden wir schon aushalten, wenn es nichts mehr geben sollte.

Später stellte sich heraus: So schlimm ist es gar nicht. Hamsterkäufe sind unnötig. Man kann alles in Maßen kaufen und braucht es nicht in Massen. Ich selber habe auch schon eingekauft mit Maske. Gibt mehr als genug. So schnell geht uns nichts aus. Beruhigend so eine volle Vorratskammer.

„Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein“, sagt Jesus. Jesus meint die Vorratskammer. Es gab sie zu seiner Zeit in jedem Haus, denn Vorratshaltung war lebenswichtig. Ein Raum ohne Fenster, dunkel und kühl, ziemlich eng und bestimmt nicht besonders aufgeräumt, denn wer guckt da schon hinein. Aber darin ist alles aufbewahrt, was man zum Leben braucht. Man kann sich dort holen, was einen nährt. So wie diese Vorratskammer sollen die Orte sein, an denen ihr betet, sagt Jesus. Ein Teil eures Alltags, eine kurze Unterbrechung, schnell etwas holen und wieder raus. Oder auch einen Moment bleiben, weil ihr was sucht. Und ihr könnt immer sicher sein, es hier zu finden. „Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“

Ich gebe zu, ich habe mich nicht in die Vorratskammer zurückgezogen, um dort zu beten. Das Haus ist mehr als groß und die Kirche ist ja nebenan. Aber im Nachhinein ist mir aufgefallen:

Die vielen Nudeln und Klopapierhamsterkäufe haben mir etwas von der Panik der Leute am Anfang erzählt.

Die auf Vorrat gekauften Konservendosen und Milchpackungen haben davon erzählt, dass unsere Sorge schon berechtigt waren. Es ist gut, wenn Vorrat da ist. Schokolade ist gut für die Nerven. Alkohol macht die Lage erträglicher, man darf sich nur nicht daran gewöhnen.

Unsere Vorratskammern schauen sicher unterschiedlich aus. Der eine hamstert tatsächlich, der andere nimmst leichter. Die eine braucht dies, die andere das. So unterschiedlich die Vorratskammern in unseren Häusern und Wohnungen aussehen, so unterschiedlich schauen auch unsere Herzenskammern aus.

Manchmal schaut es in meiner Herzenskammer so aus: So richtig durcheinander und unaufgeräumt und immer zu voll.

 „Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“

So versteht Jesus also Beten: Im Bild der Vorratskammer: Gott hockt irgendwo in dieser Vorratskammer  in einer Ecke auf einem Sack Kartoffeln. Und er sieht uns sofort, wie wir durch die Tür kommen auch im Dämmerlicht dieser Kammer. Und jedes Mal begrüßt Gott dich und mich mit den Worten: „Ich weiß, was du brauchst“. Gott weiß, was sich hinter dem Vorrat an Konservendosen, Nudeln und selbst Klopapier verbirgt. Gott versteht unsere Sucht auch Schokolade und Alkohol jetzt in diesen Zeiten.  Gott kann bis in unsere Herzenskammern sehen, Gott sieht und spürt die Panik, es könnte nicht langen. Gott sieht und spürt die nutzlose Sorge in Hamsterkäufen aller Art. Gott spürt auch unsere blankliegenden Nerven. Gott sieht auch, wie wir das eine oder andere, mit dem wir nicht fertig werden, verdrängen, diese Kiste ganz hinten, wo sie keiner sieht und wo ich sie irgendwann selbst vergesse. Kein Wunder, dass in meiner Kammer alles so durcheinander und unaufgeräumt und immer zu voll ist.

Gott braucht von uns auch keine langen Erklärungen: Warum  brauchst du das unbedingt? Und warum willst du dir dieses und jenes auf Vorrat kaufen. Er braucht keine langen Erklärungen, wie das sich so anfühlt, wenn plötzlich so eine Epidemie sich ausbreitet. Gott braucht keine Analyse, ob die Lage wirklich so schlimm ist, wie wir fürchten. Mit Gott ist es so, wie wir es uns schon immer insgeheim im tiefsten Herzen wünschen: Wir werden von Gott verstanden und müssen es nicht einmal aussprechen. Wir lassen Gott für einen Moment in unsere unaufgeräumten Herzen schauen. Das ist Beten.  Ob das ist der Vorratskammer oder doch in der Kirche geschieht, ist wurscht.

Beten braucht keine Worte. Aber wenn ihr doch welche braucht, sagt Jesus, wenn ihr beten wollt und nicht so recht wisst, was für Worte ihr da sagen wollt. Wenn euch alle normalen Worte hohl und leer vorkommen, dann nehmt dafür die Worte, die ich euch gebe. Mit diesen Worten könnt ihr ein wenig in euren Herzenskammern aufräumen, wenn ihr wollt.

Also betet: Vater unser im Himmel.

Sprecht langsam und bewusst. Dieses Gebet ist selbst eine Vorratskammer. Es ist alles darin, was ihr zum Leben braucht. Wenn ihr es betet, sprecht ihr mit Gott wie mit einem guten Vater.

Wenn ihr wollt, sprecht mit Gott: Abba, lieber Papa! Sagt Jesus. Ich bete so zu Gott, Ihr dürft so auch zu Gott beten.

Gott mit Papa anzureden, das ist mir ehrlich gesagt zu vertraulich. Ich bete nicht zu Gott Papa. Ich brauche ein wenig Distanz. Auch zu Gott als Vater.

 Ich weiß von anderen, die sagen: „Ich tue mir schwer,  mit meinem leiblichen Vater habe ich schlechte Erfahrungen gemacht oder gar keine Erfahrungen, weil er nie da war. Und deshalb tue ich mir schwer, Gott als Vater anzureden.“

Und ich höre noch jemanden sagen: „Also ich tue mir schwer, überhaupt an einen himmlischen Vater zu glauben:

Ist kein Vater mehr dort oben, der mein Schrein und Flehn erhört. Auch kein Finger, streng erhoben,  und kein Arm, der Schutz gewährt. Eine Mutter nie gewesen, die mich tröstet, sanft und zart. Keine Hand, die vor dem Bösen meinen Schritt bewahrt.

So singt es Claudia Mitscha-Eibl. Abschied vom himmlischen Vater haben viele schon genommen oder tun sich schwer, daran zu glauben.

Die ganze Palette am Gläubigkeit, distanzierter Gläubigkeit, bis hin, es nicht mehr glauben zu können, steckt in dieser Anrede, Vater unser im Himmel.

Ganz egal, was da in euch hochkommt an gemischten Gedanken und Gefühlen, alles darf sein. Vertrauen wir Jesus. Tauchen wir für einen kurzen Moment in sein Gottvertrauen hinein:

 Geheiligt werde dein Name!  Setzt gegen eure Angst und Panik auf seine Nähe. Ich bin da!

Geheiligt werden dein Name, das ist eine jüdische Umschreibung für Gott selbst. Der Name Gottes Jahwe „Ich bin für euch da.“ Es ist, wie wenn ein Kind in der Dunkelheit die Stimme vom Papa oder auch die Stimme von der Mama hört: “Ich bin da. Brauchst keine Angst zu haben.“

Gott ist da, selbst wenn du schon lange aufgehört hast, ihn zu suchen. Du darfst zu diesem Gott, Vater sagen, oder Papa. Gott ist da.

Geheiligt werde dein Name!“ Ganz tief tauchen wir in das Gottvertrauen Jesu ein. Gott ist da. Das ist ihm heilig.

 Dein Reich komme! Setzt gegen eure Angst und Panik auf seine Liebe. Seine Liebe wird sich bei uns, in unserem Leben durchsetzen wird. Was mit Jesus begonnen hat, wird bei uns Wirklichkeit werden: das Reich Gottes ist mitten unter euch! Überall dort, wo Menschen heil werden, überall dort, wo Menschen einander vergeben, überall wo Menschen sich selbst vergessen und die alt vertrauten Wege verlassen, ist Gottes Liebe greifbar nahe.  Also, wenn ihr in eurem Leben die Panik spürt und die Angst, es könnte für euch nicht reichen: Setzt auf seine Liebe, setzt auf sein Reich. Dein Reich komme!

Dein Wille geschehe – wie im Himmel so auf Erden!        Setzt gegen eure Ohnmacht und Hilflosigkeit auf den Willen Gottes!

Was Gott will, ist klar: Gott will, dass sein Reiche komme, dass überall Menschen heil werden an Leib und Seele. Dass das Leben gelingt und zur Erfüllung kommt. Gott will nur eines: Dass die Liebe zur Vollendung kommt und das wird sie.

Jesus ist zutiefst in dieses Gottvertrauen eingetaucht: Was Gott will, geschieht und setzt sich durch.

Aber gleichzeitig machen wir alle doch auch gegenläufige Erfahrungen: Gottes Wille geschieht ganz offensichtlich nicht.

Es ist nicht Gottes Wille, wenn ein Mensch vorzeitig stirbt. Es ist nicht Gottes Wille, an Corona-Virus angesteckt zu Werden. Es ist nicht Gottes Wille, wenn Leid geschieht.

Manche Not bleibt. In diesem Leben geschieht Gottes Wille viel zu oft nicht. Warum das so ist? Am Ende werde ich ihn fragen. Jetzt halte ich an ihm fest, wider allen Augenschein. Wenn ich bete: Dein Wille geschehe, dann ist das manchmal ein Ringen, manchmal ein getrostes Gebet und manchmal eine zornige Klage.

Unser täglich Brot gib uns heute. Wenn ihr das sprecht, sprecht ihr vom Brot, das an jedem Tag da ist und eure Sorgen kleiner werden lässt.

Es gibt Zeiten, da nehme ich mein tägliches Brot für selbstverständlich. Ich weiß, alles ist genug da. Ich brauche mir keine Sorgen darum machen, wie ich den morgigen Tag überleben kann. Das Gebet Unser tägliches Brot gib uns heute macht mich dankbar in Zeiten, in denen es mir gut geht.

Dann gibt es aber auch Zeiten, da fühle ich mich wie abgeschnitten von der Quelle. Das sind Zeiten, in denen mir das tägliche Brot ausgeht. Wie soll ich meine Familie versorgen? Wie soll ich mit dieser Krankheit weiterleben? Wo kommt mein Einkommen her? In diesen Zeiten nimmt mich das Gebet in das Vertrauen Jesu hinein. Sorge dich nicht, denn dein himmlischer Vater weiß, was du brauchst.  Es ist genug für alle da.

Und vergib uns unsere Schuld, wie wir unseren Schuldigern vergeben.

Wenn ihr das betet, sagt Jesus, dann erinnert ihr euch, wie viel wir einander zu vergeben haben.

Wir sind Menschen und werden aneinander schuldig.

Ich verletze dich: manchmal ohne es zu wollen, manchmal nehme ich es auch bewusst in Kauf, um meine Interessen durchzusetzen. Manchmal ist der Schmerz ist groß, den ich bei dir auslöse. Und auch ich trage Wunden an mir, die immer wieder aufreißen, weil du mir weh getan hast.

Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern – mit dieser Bitte legen wir unsere Wunden und Narben bewusst in Gottes Hand. Wer einem anderen vergibt, gewinnt seine Freiheit zurück. Er ist nicht mehr Opfer, und der andere, der ihm etwas angetan hat, hat keine Macht mehr über ihn. Das Gift, das er im Herzen getragen hat, kann abfließen. Und wer um Vergebung bittet, lässt sich selbst verwandeln. Er lässt sich in die Liebe hineinziehen, die zwischen Tat und Täter unterscheidet. Er übernimmt Verantwortung für das, was er getan hat und zeigt den ehrlichen Wunsch, sich anstecken zu lassen von der Liebe und dem Vertrauen Jesu.

Und führe uns nicht in Versuchung…

Es gibt im Leben Versuchungen, die unser Leben bedrohen. Es ist die Versuchung, das Leben aufzugeben, die Versuchung, den Glauben hinzuschmeißen, die Versuchung, alle Hoffnung aufzugeben, die Versuchung, die Liebe stillschweigend aufzugeben… Und führe uns nicht in Versuchung!

…sondern erlöse uns von dem Bösen.

Ja, sagt uns Jesus, sprecht ruhig und ganz offen von dem Bösen, das sich bei euch versteckt in dunklen Ecken eures Herzens. Das Böse ist in eurer Kammer da, auch wenn ihr es verdrängt. Das Böse gibt es auch in uns und auch in mir.

Es ist da. Es ist in uns da. Es steckt in uns, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Sogar in den frömmsten Menschen steckt das Böse, das macht das Ganze auch so gefährlich.

Auch dann und gerade dann, wenn ich es doch gut meine, kann das Böse in mir sich entfalten.  Darum erlöse uns von dem Bösen, das auch in uns steckt.

Nicht alles in diesem Gebet braucht ihr zu allen Zeiten in eurem Leben. Aber in diesem Gebet ist alles aufbewahrt, bis ihr es braucht. Und an diese Vorräte gehen, das ist Beten.

Amen

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen

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