Wie man durch Verzicht auf Rache und Vergeltung und einseitiges Vergeben neue Wege gehen kann

05.07.2020   9.30 Trautskirchen 4. Sonntag nach Trinitatis  Röm 12,17-21

Liebe Gemeinde!

„Oh, Entschuldigung, ich habe Sie verletzt! Das wollte ich nicht. Ich habe Sie sogar gedemütigt! Das wollte ich schon gar nicht. Tut mir wirklich leid!“

Das sind Worte, die ich mir gerne vor etwa einem Jahr von einem ganz bestimmten Menschen ganz konkret gewünscht hätte. Niemand von hier.

Es sind Worte, die aber ausgeblieben und nicht gesagt worden sind. Dieser Mensch hatte mich damals ziemlich verletzt und gedemütigt.

Was löst das bei Ihnen aus, wenn jemand Sie verletzt, gedemütigt hat, aber kein Wort der Entschuldigung über die Lippen gebracht hat?

Bei mir hat es erst einmal Hass und Wut ausgelöst. Gefühle, die ich so intensiv nie gekannt hatte. Der Wunsch nach Rache, Vergeltung kam in mir hoch. Hass! Dem zahle ich es heim!

Ich habe dann am eigenen Leib gespürt:  menschliche Gefühle können etwas sehr Aggressives sein. Meine Gefühle diesem Menschen gegenüber waren aggressiv und voller Wut. Gut so, denn dem christlichen Glauben sind Wut und Aggressionen nicht fremd. Leider gibt es in den Kirchen eine lange Tradition, in der aggressive Gefühle verdrängt werden: „Als Christ (und als Pfarrer schon gleich) musst du immer schön lieb und freundlich bleiben, halte dich bloß zurück. Zeige bloß nicht, wie sauer du bist. Schlucke deinen Ärger herunter.“

Oft ist für diese Gefühle kein Platz. Dabei gehört es zu  unserem Menschsein einfach dazu, dass wir auch mal wütend und sauer sind. Diese Gefühle sind da, werden

dann oft eher verdrängt.
Da wird dann lieber heimlich die Faust in der Tasche geballt oder man lässt lieber in der vermeintlichen Anonymität des Internets seinem Hass freien Lauf.
Gut ist es da, dass die Bibel diese aggressiven Gefühle nicht verdrängt, sondern zum Ausdruck bringt. Sie tut es in Worten und Bildern, die uns dabei helfen, unseren Zorn auf Unrecht angemessen auszudrücken und ihn in etwas Positives zu verwandeln.

Röm 12,17-21


Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.
 Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.
 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«
Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln«.

Wenn man richtig wütend und stinksauer auf jemanden ist, weil dieser Mensch einen schwer gedemütigt hat, tut es richtig gut, sich mal einen der Rachepsalme , z.B. den Psalm 58, herzunehmen, und ihn für sich laut vorzulesen. Ich lese ihn in einer modernen Fassung für uns laut vor:

Ihr Mächtigen, sprecht ihr in Wahrheit Recht?

Wie sieht es in der Welt aus?

Gelten die Menschenrechte?

Gilt Gottes Recht?

Richtet ihr Mächtigen euch danach?

Im Gegenteil: Überall missbraucht ihr eure Macht,  dass unsägliches Leid entsteht

Und überall behandelt ihr Machthaber                             die Menschen wie Dreck.

Die Verletzung der Menschenwürde ist bei euch zur Seuche geworden.

Mein Gott, kannst du solchen Menschen

nicht den Giftzahn ziehen?

O Gott, schlage ihnen die Zähne aus!

Diesen Leuten soll es ergehen wie Schnecken in sengender Hitze! Weg mit ihnen!

Denn solche Leute haben taube Ohren

Und können den Zauber und das Wunder deiner beschwörenden Liebe gar nicht vernehmen.

Ich merke, ich bin auf Vergeltung aus,

ich habe so richtig Rachegefühle.

Aber es ist doch wahr: Die mit eurem Narzismus zerstört doch alles.

Irgendetwas muss doch geschehen,

damit die Welt aufatmen kann und sagen:                 Ja, Gott regiert doch!

 Also, Gott, rechne mit ihnen ab!

Das laute Lesen dieses Rache-Psalmes  hat eine Ventilfunktion. Man kann seine eigene Wut rauslassen und sie Gott vor die Füße werfen. Es ist immer besser, seine Wut nicht gegenüber dem Mitmenschen rauszulassen. Besser ist es, sie Gott hinzuwerfen. Und kann man auch mal in seiner Wut übers Ziel hinausschießen und dem anderen den Schneckentod in der sengenden Hitze wünschen (Psalm 54).

Ähnlich Paulus in unserem Predigttext: „Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: ,Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.‘“

Die Rache gehört Gott. Verzichtet auf Rache und Vergeltung. Gebt dem Zorn Gottes Raum! Ich verstehe das so: Wirf deine Wut, deinen Hass Gott vor die Füße. Ja, wir können Gott unsere Wut und unsere hässlichsten Gedanken hinknallen. Selbst Gedanken, für die wir uns später, wenn wir wieder ruhiger geworden sind, schämen. Gott hält auch die hässlichsten Gedanken aus. Damit sind natürlich unsere aggressiven Gefühle nicht weg. Aber es tut gut, sie laut auszusprechen und mich auszukotzen.

Wenn ich das tue, spüre ich: Gott ist es absolut nicht egal, wie wir Menschen miteinander umgehen. Gott ist das Böse nicht egal. Wenn Kinder missbraucht werden, wenn Frauen geschlagen werden, wenn Menschen erniedrigt werden, ist das böse. Und Gott leidet mit den Menschen, denen Böses angetan wird.  Und Gott ist auch richtig zornig auf die, die seine geliebten Geschöpfe mit Füßen treten.

Zorn Gottes heißt: Der Tag wird kommen, an dem sich die Übeltäter dieser Welt vor Gott für ihre üblen Taten verantworten müssen. Mit dem Glauben an diesen Gott und mit der Hoffnung auf diesen Tag können wir unsere eigenen Rachegelüste loslassen. Mit diesem Loslassen werden wir frei. Wir packen das Leben neu an. Wir begegnen den Menschen, die unsere Feinde sind, neu. Vielleicht schaffen wir es sogar, ihnen auch noch die andere Wange hinzu- halten, weil wir keine Angst mehr vor ihnen haben. Wir werden getragen von einem Gott, den sie leider nicht spüren und den sie vor lauter Hass in ihren Augen nicht mehr erkennen können.

Nun werden wir selten richtige Feinde im Leben haben. Es reicht, wenn es Menschen sind, die mir das Leben schwer machen.  Es fällt mir vielleicht leichter, sich bei diesen Menschen nicht zu rächen, wenn ich mir eines klar mache. Hin und wieder gehöre ich womöglich selber zu den Menschen, die das Leben anderer Menschen schwer machen, bewusst oder nicht bewusst.  Da bin ich dann eigentlich ganz froh, wenn der andere, dem ich womöglich gerade das Leben schwer mache, sich nicht rächt. Da bin ich eigentlich ganz dankbar, wenn der andere, den ich verletzt habe, mich nicht schneidet, sondern womöglich ganz überraschende Schritte tut, damit wir endlich wieder gut miteinander sind.

Und damit bin ich beim letzten Satz des Paulus:

21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Das sagt sich so leicht, aber manchmal ist das schon schwer, in die Tat umzusetzen. Keine Frage, leicht ist das nicht, sich vom Bösen nicht vereinnahmen zu lassen. Und der zweite Schritt ist noch schwerer:  Das Böse mit Gutem zu über-winden.

Wir tun uns auf jeden Fall leichter im Leben, wenn wir daran glauben, dass das Böse am Ende nicht das letzte Wort haben wird. Wir tun uns auf jeden Fall leicht, wenn wir im Konfliktfall uns bewusstmachen: Rache und Vergeltung haben noch nie was Gutes hervorgebracht.

Und wir tun uns auf Dauer leichter, wenn wir aktiv nach guten Wegen suchen, mit denen wir das Böse mit Gutem überwinden können.

Wie habe ich damals meinen Hass, meine Wut, mein Bedürfnis nach Rache überwunden?

Ich hatte richtig damit zu kämpfen, dass dieser Mensch sich nicht entschuldigen konnte oder wollte.

Ein einfaches Wort, wie „Es tut mir leid.“ hätte bei mir lösende Bindung gehabt, wenn dieser Mensch, der mich gedemütigt hatte, dieses Wort mir gegenüber ausgesprochen hätte. Ein einziges Wort der Entschuldigung hätte alles lösen können.

Nun hat dieser Mensch aber dieses einzige Wort der Entschuldigung, aus welchen Gründen auch immer,

nicht über die Lippen gebracht.

Dieser Mensch schwieg und meinte, es wird sich schon weiter von selbst regeln.

Es hätte sich aber nichts von selbst geregelt,

was geblieben wäre, ist eine gestörte Beziehung.

Ich wäre es gewesen, der womöglich dem anderen die Schuld nachgetragen hätte.

Dem anderen wäre es wurscht gewesen.

Ich merkte, wie in mir das Bedürfnis wuchs,

mich aus dem Bann dieser nicht ausgesprochenen Entschuldigung zu lösen.

Ich fasste deshalb einen Beschluss:


Es ist mir ab sofort völlig egal sein,

ob dieser Mensch sich entschuldigen konnte oder nicht.

Ab heute habe ich von meiner Seite einen Schlussstrich gezogen, 

man kann es einseitiges Verzeihen nennen,

aber völlig unabhängig davon,                                              ob dieser Mensch es merkt oder nicht,

ich verzeihe ihm.

Ich verzeihe ihm,

das heißt, sein kränkendes Verhalten wird mich ab sofort nicht mehr kränken.

Ich bin nicht gekränkt.

Ich bin voller Mitgefühl,

weil dieser Mensch, im Gegensatz zu mir,

anscheinend nicht aus seiner Haut kommt.

Ich habe diesen Schritt des einseitigen Verzeihens nicht bereut. Dieser Schritt hat nicht bei dem anderen etwas verändert. Der wusste ja nichts davon. Dieser Schritt des einseitigen Verzeihens hat aber etwas bei mir verändert. Meine Gefühle von Hass und Wut konnte ich Gott vor die Füße werfen. Ich musste sie nicht verdrängen. Und meine bewusste Entscheidung. Ich vergebe diesem Menschen, aber auch ich vergebe auch mir selber, dass ich es zugelassen habe, gedemütigt zu werden, hat mich stark gemacht.

Mich hat diese positive Erfahrung eines gelehrt: Wir Menschen können tatsächlich das Böse mit Gutem überwinden. Wir müssen nicht verharren in Rachegedanken.  Wir müssen nicht verbittern. Schon gar nicht müssen wir unseren Hass und unsere Wut auf Kosten anderer ausleben. Wir können uns unserer Wut bewusstwerden. Wir können unsere Wut Gott vor die Füße werfen. Wir können uns dazu durchringen, zu verzeihen, selbst wenn das Gegenüber nichts davon weiß oder nichts davon hält. Wir Menschen sind fähig, uns nicht vom Bösem  überwinden zu lassen. Und darüber hinaus können wir Böses mit Gutem überwinden.

Zum Schluss möchte ich Ihnen und Euch die Geschichte von dem alten Indianer erzählen, der seinem Sohn am Lagerfeuer von zwei Wölfen erzählt: „Mein Sohn, in jedem von uns tobt ein Kampf zwischen zwei Wölfen. Der eine Wolf ist böse. Er kämpft mit Neid, Eifersucht, Gier, Arroganz, Selbstmitleid, Lügen, Überheblichkeit, Egoismus und Missgunst. Der andere Wolf ist gut. Er kämpft mit Liebe, Freude, Frieden, Hoffnung, Gelassenheit, Güte, Mitgefühl, Großzügigkeit, Dankbarkeit, Vertrauen und Wahrheit.” Der Sohn fragt: „Und welcher der beiden Wölfe gewinnt?“ Der alte Indianer schweigt eine Weile. Dann sagt er: „Der, den du fütterst.“

Der Kampf zwischen Gut und Böse tobt nicht nur in der Welt. Er findet auch in jedem Einzelnen von uns statt. Auch in uns Christen. Ich wünsche uns, dass wir den Mut aufbringen, den guten Wolf in uns zu füttern.  Amen.

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