Predigt 1. Advent 29.11.2020 Wenn man Sacharja einfach weiterliest…

Sacharja 9, 9-10  29.11.20 Trautskirchen 1. Advent

9 Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. 10 Denn ich will die Wagen wegtun aus Ephraim und die Rosse aus Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde.

Klingt gut dieser Prophet, wie er sich für Frieden einsetzt.  Auf diesen prophetischen Text geht Tochter Zion zurück, das wir danach singen werden.

Tochter Zion, freue dich!                                             Jauchze laut, Jerusalem!
Sieh, dein König kommt zu dir!
Ja, er kommt, der Friedensfürst.
Tochter Zion, freue dich!
Jauchze laut, Jerusalem!

Aber wissen wir überhaupt, wer da besungen wird? Wer ist diese Tochter Zion?

Tochter Zion steht für Jerusalem.  Gemeint ist das jüdische Volk Israel, zu dem Gott als König kommt.

Wir Christen sind erst mal nicht damit gemeint. In unseren christlichen Traditionen wurde dieser  prophetische Text aus der jüdischen Bibel vereinnahmt. Was wir AT nennen, sagen die jüdischen Gläubigen, das gehört zu unseren heiligen jüdischen Schriften.

Wie so vieles haben wir Christen von dem jüdischen Volk Israel vereinnahmt. Und jedes Jahr hören wir von Jesus, der mit einem Esel in Jerusalem einreitet, so wie es der Prophet Jahrhunderte zuvor vorausgesagt hat.

Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. 

Vielleicht hatte Jesus tatsächlich an diese Prophetenstelle in Sacharja gedacht, als er mit einem Esel in Jerusalem einritt.

Der Prophet Sacharja würde sich aber stark darüber wundern, was wir aus seinem Prophetentext gemacht haben. Wir konzentrieren uns weitgehend auf den adventlich adrett geschmückten Bibelvers:

Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer

Da kommt schon die erste adventliche Stimmung auf. Der Geschmack von weihnachtlicher Vorfreude. Bald ist Weihnachten, freut euch!

Sacharja hat nicht im geringsten Weihnachten im Blick, als er diese Worte sagt. Und der Prophet wird uns mit Sicherheit auch fremd, wenn wir weiterlesen, wie bei Sacharja der Friedenskönig einzieht:

10Denn ich will die Wagen wegtun aus Ephraim und die Rosse aus Jerusalem, und der Kriegs­bogen soll zerbrochen werden. […] 11Auch lasse ich um des Blutes deines Bundes willen deine Gefangenen frei aus der Grube, in der kein Wasser ist; 12so kehrt heim zur fes­ten Stadt, die ihr auf Hoffnung gefangen liegt. Denn heute verkündige ich, dass ich dir zwei­fach erstatten will. 13Denn ich habe mir Juda zum Bogen gespannt und Ephraim darauf ge­legt und will deine Söhne, Zion, aufbieten gegen deine Söhne, Griechenland, und will dich zum Schwert eines Riesen machen. 14Und der HERR wird über ihnen erscheinen, und seine Pfei­le werden ausfahren wie der Blitz, und Gott der HERR wird die Posaune blasen und wird ein­herfahren in den Stürmen vom Südland. 15Der HERR Zebaoth wird sie schützen, und die Schleu­dersteine werden fressen und niederwerfen und Blut trinken wie Wein und voll davon werden wie die Becken und wie die Ecken des Altars.

Der Friedenskönig, den der Prophet Sacharja verkündet, verschafft auch nur dem eige­nen Volk einen Frieden, genauer einen Gewaltfrieden nach der Niederlage der Gegner. Und da spielt es keine Rolle, ob er auf einem Esel daherreitet oder doch auf einem Schlachtross!

Wir könnten uns als Christen zurücklehnen und arrogant auf den jüdischen Propheten Sacharja herabschauen und sagen: Wussten wir es doch, unser Jesus ist anders. Unser Jesus reitet mit dem Esel ein und verzichtet darauf, mit Macht und Gewalt für Frieden zu sorgen. Aber ich höre von außerhalb unserer Christengemeinden Einwände, die wir hören müssen. Ich höre Außenstehende mit Recht fragen:

Was ist da in eurer christlichen Tradition anders als bei Sacharja? Der Frie­dens­­könig, den die christliche Tradition am 1. Advent und am Palmsonntag feiert, hat seine Anhänger 2000 Jahre nicht zur Ver­­­nunft bringen können: Ketzerprozesse, Religionskriege, Kreuzzüge.  Die Menschenrechte sind im 18. und 19. Jahrhundert gegen den Widerstand der Kirchen durch­gesetzt worden. Und heute?

Denke ich an die evangelikale christliche Bewegung in den USA, von denen nach wie vor 70 Prozent Trump ein zweites Mal gewählt haben, dann schaudere auch ich vor Teilen der heutigen Christenheit. Auch diese evangelikalen Christen heute sind der Versuchung erlegen, auf einen Trump als Gesalbten zu setzen und von ihm gewalttätige Politik im In- und Ausland zu erwarten. Gott sei Dank ist der Gesalbte der Evangelikalen nicht gewählt worden!

Nun sind wir Christen in unseren deutschen Landeskirchen alles andere als gewaltbereite christliche Fanatiker. Gott sei Dank! Wir haben aus unserer Geschichte gelernt. Wir haben aus unserer Kirchengeschichte gelernt, dass Ketzerverfol-gungen, Hexenverbrennungen, Religionskriege, Kreuzzüge einfach etwas abgrundtief Böses war, was sich absolut nicht mit dem Namen Jesu vereinbaren lässt. Wir haben auch aus unserer jüngsten deutschen Geschichte gelernt, dass wir das jüdische Volk für unsere Zwecke nicht vereinnahmen oder gar missbrauchen dürfen.  Es ist gut, wenn wir unsere  Stimme als Christen erheben, wenn das jüdische Naziopfer Anne Frank bei Querdenkerdemos vereinnahmt wird. Es ist gut, wenn wir dagegen protestieren, dass der Judenstern auf solchen Demos missbraucht wird.

Darüber hinaus  befinden wir uns als Christen in Europa auch in einer Umbruchsituation, in der unser christliche Glaube und unsere christlichen Traditionen immer wieder überprüft werden müssen, ob sie den Menschen in der heutigen Zeit noch etwas sagen können.

Unsere Bibeln müssen durchforstet werden. Unsere christlich tradierten Texte sind voll von Feindschaft und einer ra­dikalen Tren­nung in Gute und Böse. Voll von kriegerischen Bildern, voll von Königen und pa­triar­cha­li­schen Despoten, von Herrschern und Feldherrn. Und immer wieder: voll von einem ge­walt­tä­tigen Gottesbild.

Was soll uns diese Vorstellung von Gott als oberstem Herrscher. Wir Europäer haben in einer leidvollen Geschichte die Herrscher abgeschafft! Wir leben in einer Demokratie, in der alle Bürger für die Herrschaft verantwortlich sind. Menschen, die heute an Gott glauben, müssen sich Gott nicht als Alleinherrscher vorstellen. Auch die Vorstellung von Christus als König ist für viele Menschen eine heute schwer verständliche Vorstellung.  Könige sind für viele Figuren aus Märchen. Christus als König ist aber mehr als ein Märchen.

Und noch ein Letztes: Gott, der Allmächtige. Das ist der Gott also, der alles kann, was wir selber so gerne könn­ten. Der Allmächtige, das ist der Gott, der alles so macht, wie wir es uns in unseren Allmachts-Phantasien wün­schen, einer, der alle Gegner besiegt. Wir können in unserer Zeit  lernen, dass Gott anders mächtig ist. Unvorstellbar anders. Durch unsere Bilder nicht einholbar.

Wir befinden uns als Christen in Europa in einer Umbruchssituation. Wir werden uns im Laufe der Zeit von so manchen alten Gottesbildern und Gottesanreden verabschieden, so schwer es auch manchmal fällt. Natürlich sind sie Teil unserer Kultur. Natürlich singen wir das alles in der Kir­chenmusik. Tochter Zion! Ich kann darauf nicht ganz verzichten. Aber wir dürfen den abgrundtiefen Graben nicht zuschütten, der uns gedanklich und objektiv von alten Gottesbildern trennt. Wir müssen uns sehr gut überlegen, wie wir künftig zu religionsfernen Generationen glaubwürdig von Gott sprechen. Jedenfalls nicht als König und Herr, als Herrscher und allmächtiger Pa­tri­arch …

Wenn Jesus Christus mit seinem Leben und Sterben wirklich das Ebenbild Gottes, oder das Vorbild sein soll, dann dürfen wir nicht Bilder der Gewalt und der Herrschaft auf ihn übertragen.

Ich möchte Sie einladen, sich ein paar Minuten Zeit zu nehmen, um sich auf ihre eigenen Gefühle und Gedanken einzulassen: Wie haben Sie ganz persönlich Gott oder Jesus als Messias, als Heiland, als Gott-für-mich erfahren? In welches Bild können Sie Ihren Glauben kleiden? Welche Namen und Rollen passen zu Jesus?

Meditative Musik  Tochter Zion

Erlauben Sie mir, selber persönlich zu werden.

Gott ist für mich die Quelle meiner Kraft. Ich komme immer wieder in Situationen, die mir meine Grenzen aufzeigen. Ich habe mich nicht selbst gemacht und ich kann nicht alles, was ich will, auch werden oder bleiben.

Gott ist für mich der Freund. Mit ihm kann ich reden, auch wenn ich weiß, dass Gott weit, weit mehr ist als ein Du, eine Person. Gott kann ich ver­trauen und ihm kann ich mich anvertrauen, weil er mich wie ein Freund ermuntert und  auch mal wie ein Freund kritisiert. Aber ich bin nicht sein Knecht. Ich bin sein Freund. Gott lässt mich als seinen Freund mein Leben so leben wie ich will, auch wenn ich dann mal Fehler mache. Und wenn ich Mist gebaut habe, ist Gott als dieser Freund immer noch an meiner Seite. Gott als Freund ist natürlich auch ein Gottesbild.

Ein weiteres Bild: Gott ist für mich parteiisch. Er hat durch Jesu Leben und Sterben gezeigt hat, dass er nicht auf der Seite der Täter ist. Gott steht immer auch Seiten der Schwachen und Armen. Das ist für mich auch Mahnung und Stachel, wenn ich es mir zu gut gehen lasse. Denke an die Armen.

Gott ist für mich letztlich ein Geheimnis. Ein Geheimnis, das sich nie ganz enthüllt. Was für einen Sinn das Leben hat mit all seinen Niederlagen und Widersprüchlichkeiten wird sich uns erst in der Ewigkeit erschließen.

Gott als Quelle, als Freund, als Parteinehmer für die Armen, Gott als Geheimnis. Fügen Sie ruhig ihr eigenes Gottesbild hinzu. Wer oder was „Gott“ ist, erschließt sich uns dann, wenn wir uns Gott öffnen.

Ich persönlich sage inzwischen Nein zu einem Friedenskönig, der durch Siege regiert.

Nein zu einem Weltbild, das uns zu Untertanen machen will, die von der Herrschaft eines Königs abhängig sind. Nein zu überholten und gewalttätigen Gottesbildern.

Mit dem Nein sage ich aber gleichzeitig Ja zu einem Gott, der Juden und Christen und Muslime und alle Menschen zum Frieden bringen will. Die traditionellen Bilder dieses Friedens können unsere Hoffnung stärken und unsere Aktivität beflügeln.

Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer

Diese und andere biblischen Worte können die schlimmen anderen biblischen Ge­schich­ten überstrahlen.

Ich sage Ja zu einem Gott, der sich in Jesus Christus als bedingungslose Liebe gezeigt hat. Die­ser Liebe gilt es – so bruchstückhaft auch unsere Versuche sind – nachzueifern.

Dazu helfe uns der in der Bibel als Jahwe offenbarte Gott, der Gott, der für uns sein will, von dem wir uns kein Bild machen sollen. Der wird uns den Frieden bringen, den wir selber nicht bringen können. Amen.

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