Coronafasten – wenn Corona zu etwas gut ist…

Jesaja 58,1-11  Basisbibel Coronafasten     14.2.21 Trk

Liebe Gemeinde!

Was war das sicher für ein Jubel, als sie aus der babylonischen Gefangenschaft wieder zurückgekommen sind in die Heimat ihres Volkes. Endlich frei! Endlich daheim! Eine regelrechte Aufbruchstimmung tut sich auf. Jetzt wird in die Hände gespukt und alles wieder aufgebaut. So wie wir Deutschen nach dem 2. Weltkrieg.

Und wie wir Deutschen am Volkstrauertag an die Katastrophe der letzten Kriege gedenken, gedenken die wieder heimgekehrten Juden an ganz bestimmten Fastentagen der Katastrophe der Gefangenschaft: Nie wieder darf das geschehen, das wir uns unterjochen lassen! Nie wieder Sklaverei in Babylon! Der Blick geht zuversichtlich nach vorn.

Aber mit den Jahren holt sie der Alltag ein. Ernüchterung macht sich breit. Es geht nicht so, wie sie sich das vorgestellt haben. Die wirtschaftliche Not bringt ihre Pläne ins Stocken. Der Alltag ist hart.

Der Prophet, wir nennen ihn Tritojesaja, tritt auf.  Gott rührt sein Herz an, lässt ihm keine Ruhe, bis er die Menschen im Namen Gottes aufrüttelt:

581Ruf, so laut du kannst, halt dich nicht zurück! Lass deine Stimme erschallen wie ein Widderhorn! Halt meinem Volk seine Verbrechen vor, den Nachkommen Jakobs ihre Vergehen.2Sie befragen mich Tag für Tag und wollen wissen, was mein Wille ist. Als wären sie ein Volk, das Gerechtigkeit übt und das Recht seines Gottes nicht missachtet! Sie fordern von mir gerechte Entscheidungen und wollen, dass ich ihnen nahe bin.

Und dann zitiert Tritojesaja das jüdische Volk selber wie es mault:

3Und dann fragen sie mich: Warum achtest du nicht darauf, wenn wir fasten? Warum bemerkst du nicht, wie wir uns quälen?

Statt froh und dankbar zu sein, dass sie wieder im verheißenen Land leben dürfen, jammern und klagen sie. Mir kommt das bekannt vor: Jammern und klagen, das können auch wir Franken. Aber zurück zum jüdischen Volk: Kaum zurück aus dem babylonischen Exil jammern und klagen auch sie. Es geht ihnen ja so schlecht. Sie jammern Gott die Ohren voll: Sie fordern von ihm ihr vermeintliches Recht. Ist es nicht unser Recht, dass du Gott uns hilfst, dass es uns wieder besser geht?

Und darauf antwortet Tritojesaja im Auftrag Gottes:

Ich antworte: Was tut ihr denn an den Fastentagen? Ihr geht euren Geschäften nach und treibt eure Untergebenen zur Arbeit an!4Ihr fastet nur, um Zank und Streit anzuzetteln und mit roher Gewalt zuzuschlagen. So wie ihr jetzt fastet, findet eure Stimme im Himmel kein Gehör.5Meint ihr, dass ich ein solches Fasten liebe? Wenn Menschen sich quälen, den Kopf hängen lassen wie umgeknicktes Schilf und in Sack und Asche gehen? Nennst du das Fasten, einen Tag, der dem Herrn gefällt?

Nennst du das Fasten?  Das “Fasten” beim Volk Israel nach der Rückkehr aus dem Exil schaut anders aus als das Fasten 2021 bei uns Christen.Damals war das “Fasten” des jüdischen Volkes ein Ausdruck der Not und des Mangels im Volk! Nach der Rückkehr aus dem Exil hatten sie nichts, zu mindestens lebten sie nicht im Überfluss. Die Fastentage damals sind Tage der Trauer und der Klage: Menschen quälen sich, lassen den Kopf hängen wie umgeknick-tes Schilf und gehen in Sack und Asche.

Was aber ist falsch an ihrem “Fasten”? Die Fastentage erinnern an die Katastrophe der Gefangennahme und der Gefangenschaft. Aber anscheinend wurden sie nicht mehr so verstanden. Sie haben ihren Sinn verloren. Die Menschen damals haben den Sinn dieser speziellen Feiertage nicht mehr verstanden, diese Feiertage sind zu leeren und hohlen Ritualen verkommen – darum bleiben sie wirkungslos. Eigentlich tun sie im Alltagsleben genau das ihren Mitmenschen an, was sie damals vor Jahren selber erlitten haben und woran ihre Fastentage erinnern. Ihr Fasten ist sinnentleert und hohl. Die Menschen wissen nicht einmal mehr, warum und wozu sie diese Fastentage frei haben!

Damals zur Zeit Tritojesajas hatten sich die “Fastentage” sogar in ihr Gegenteil verkehrt: Wie könnt ihr – während ihr anscheinend eurer Gefangenschaft und Unterdrückung gedenkt, selber eure Mitmenschen unterdrücken? Wie könnt ihr gnadenlos eure Geschäfte machen, den alltäglichen Kleinkrieg gegeneinander führen?

Wir haben auch unsere Fastentage und Feiertage, zum Teil völlig sinnentleert. Aber darauf will ich heute nicht eingehen. Seit März 2020 und weit über heute hinaus befinden wir uns in einem zwanghaften Dauer-Fasten. Ob wir wollen oder nicht, wir müssen seit vielen Monaten fasten und verzichten. Nicht freiwillig, sondern mit staatlichen Auflage, Gesetzen und Verboten leben wir 2020 und 2021 in einem Dauerfasten und Dauerverzicht. Wir leben in erheblichen Einschränkungen. Wir müssen kein Klopapier horten, und die Lebensmittelvorräte reichen allemal. Aber keine Schule, kein Kindergarten, für viele keine Arbeit und vor allem immer auf Abstand zum Mitmenschen mit Maske. Das ist unser Fasten heute!

Seit März 2020 und sicher weit bis in die Mitte das Jahres 2021 hinein müssen wir uns erheblich  einschränken. Ich nenne es mal das Doppeljahr von Corona.

Ich finde, dieses Jahr des Verzichts, diese sechzehn oder achtzehn Monate, in denen wir uns einschränken müssen,

dieses Doppeljahr von Corona stellt vieles in Frage:

Worauf kommt es an?

Welche Wünsche willst du dir noch erfüllen?

Welche Träume hast du auf Eis gelegt.

Was bedeutet dir wirklich etwas?

Und wo hast du dir selbst nur etwas vorgespielt – und den anderen?

Ich finde, dieses Jahr des Verzichts,

diese sechzehn oder achtzehn Monate, in denen wir uns einschränken müssen,

dieses Doppeljahr von Corona stellt die Frage nach dem wahren Wert unseres Miteinanders.

Was wäre für dich die Krönung deines Lebens?

Was ist dir am Ende wirklich wichtig?

Wollte ich tatsächlich noch einmal Kreuzfahrten machen, an Orte, die ich eh schon kenne?

Einmal noch mit dem Flugzeug fliegen, die Schönheit der Korallen im Meer sehen? Oder die Schönheit der Gletscher Islands?

Noch einmal die Welt besehen? Und da dabei die Welt verpesten?

Angesichts der Todeszahlen überlege auch ich neu,

wie ich meine Prioritäten aufstelle:

Was bleibt von den Lebensträumen?

Was ist mir wirklich wichtig?

Dieses Jahr des Verzichts,

diese sechzehn oder achtzehn Monate, in denen wir uns einschränken müssen, dieses Doppeljahr von Corona stellt jeden und jede von uns in Frage:

Verschleudere nicht deine Resourcen und die Resourcen der Welt? Geh achtsam mit deinem Leben und deiner Welt um!

Das ist die Predigt, die ich mir selbst predigen will:

Das Leben ist zu kurz, um Unnützes zu pflegen.

Das Leben ist viel zu schön, als dass man sich verzetteln könnte.

Du hast zu wählen. Du wirst dich entscheiden müssen.

Diese Corona- Fastenzeit, die sich keiner freiwillig aussucht, hilft dabei,

noch einmal in uns hinein zu hören:

die Prioritäten neu aus zu richten,

die Dinge ins rechte Licht zu stellen,

und auch die Träume zu bewerten.

Was habe ich erreicht? Was will ich noch erleben?

Ich habe schon von Menschen kurz vor dem Ruhestand gehört, die den Traum von Kreuzfahrten aufgegeben haben, weil sie den jungen Menschen nicht ihre Zukunft verbauen wollen.

Nicht nur im Alter stehen wir vor solchen Entscheidungen.

Auch in jungen Jahren tut es gut,

sich die Zeit zur Besinnung

zu organisieren,

einzurichten.

Etwas weniger Fernsehen, mehr Sport und Bewegung.

Auch als junger Mensch kann man mal

auf einen Friedhof gehen,

ein Buch lesen,

sich zu bilden und weise zu leben,

all das kann helfen – und vieles andere mehr,

damit wir uns auf das bleibend Wichtige besinnen.

Was will ich im Leben noch erreichen?

Wofür hat es sich zu leben gelohnt?

Da ist es eine gute Übung, Gewohnheit zu unterbrechen,

den Rhythmus des Lebens umzulenken,

einmal etwas anderes zu denken und zu tun.

Ernährung          bewusste Entscheidungen treffen:

All das ist gemeint, wenn wir fasten;

genauer gesagt – und mit den Worten Tritojesajas:

richtig fasten. In sich gehen.

Sich an die Brust schlagen

und den Puls fühlen:

Wo ist echt Bedarf?

Was macht Sinn?

Wo engagiere ich mich?

Hören wir noch mal diese Worte des Propheten:

6Löst die Fesseln der zu Unrecht Gefangenen, bindet ihr drückendes Joch los! Lasst die Misshandelten frei und macht jeder Unterdrückung ein Ende!

7Teil dein Brot mit dem Hungrigen, nimm die Armen und Obdachlosen ins Haus auf. Wenn du einen nackt siehst, bekleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Nächsten!

8Dann bricht dein Licht hervor wie die Morgenröte, und deine Heilung schreitet schnell voran. Deine Gerechtigkeit zieht vor dir her, und die Herrlichkeit des Herrn folgt dir nach.

9Dann antwortet der Herr, wenn du rufst. Wenn du um Hilfe schreist, sagt er: Ich bin für dich da!

Hören wir, was Gott hier zusagt und verspricht: Ich bin für euch da! Aber nicht, wenn ihr beim Fasten eure Mitmenschen bescheißt!  Ich, Gott, bin für euch da, bei eurem Fasten, wenn es dabei gerecht zu geht. 

In eurem gerechten Tun verkörpert sich Gott. Darum sagt der Prophet:

Schaff die Unterdrückung bei dir ab, zeig auf niemanden mit dem Finger und unterlass üble Nachrede. 10Nimm dich des Hungrigen an und mach den Notleidenden satt.

Das Tun des Guten ist wichtiger als religiöse Wahrheiten.

Tue das Gute! Das sind klare Ansagen und Herausforderungen – die auch für uns heute auch unter völlig veränderten Lebensumständen genau so aktuell sind:

Löst die Fesseln der zu Unrecht Gefangenen, bindet ihr drückendes Joch los! Lasst die Misshandelten frei und macht jeder Unterdrückung ein Ende!7Teil dein Brot mit dem Hungrigen, nimm die Armen und Obdachlosen ins Haus auf. Wenn du einen nackt siehst, bekleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Nächsten   (V6+7).

In all dem, was Tritojesaja gerechtes Tun, das Tun des Guten nennt, verkörpert sich das, was wir Gott nennen.

Wenn Gott da ist, dann darf es keine Unterdrückung geben. Und Unterdrückung kann viele Facetten: jedes Ausgrenzen von Menschen ist eine Form der Unterdrückung. Ausgrenzen heißt: jemanden die Lebensmöglichkeiten beschneiden, jemandem die Luft zum Atmen nehmen.

Wenn Gott da sein soll, dann dürfen wir uns auch im Blick auf die Lebensmittel nicht uns unseren Mitmenschen entziehen. „Unser tägliches Brot gib uns heute“ beten wir und damit beten wir ausdrücklich dazu: alle Menschen mögen genug zu essen haben, nicht nur du und ich, die gerade Nahrung in Fülle haben. Und das gilt sogar für den Impfstoff. Er soll gerecht verteilt werden und Impfdränglern eine Absage erteilt werden, selbst wenn sie Landrat oder Bischof sind.

Kurz und knapp gesagt: Gott ist da,  indem wir – gemeinsam, aber auch jede und jeder einzeln – die Gegenwart Gottes und seine liebevolle Zuwendung zu uns Menschen verkörpern, indem wir ihr einen Körper, ihre Gestalt geben.  Das können wir ganz wörtlich verstehen, liebe Gemeinde: Wir verkörpern die Liebe Gottes auf dieser Welt.

Das Elend in der Welt werden wir nicht abstellen – aber die Liebe Gottes gewinnt dort eine sichtbare Gestalt durch uns, wenn wir andere ‘unser Herz finden’ lassen. Dann ist Gott da, dann geschieht Gott. Dann lässt Gott sich bei uns auch finden.

Lass die Menschen in Not “dein Herz finden” und du findest Gott.  Gottes Liebe verkörpert sich in uns Menschen.

Aber wie übersetzen wir das in unsere Zeit, in unser Leben, in unseren Alltag? –

Wir können beten, dass Gott für Gerechtigkeit in dieser Welt sorgt und dass er Menschen das Thema aufs Herz legt! Und Gott wird sich von uns finden lassen.

Wir können bewusster einkaufen und unseren übermäßigen Konsum überdenken. Jeder von uns hat täglich Kontakt mit Sachen die von ausgebeuteten Menschen erstellt wurden: Socken die wir tragen, Schokolade die wir essen, T-Shirts die wir kaufen,…  Und Gott wird sich von uns finden lassen.

Wir können Geld in Menschen investieren, z.B. durch eine Kinderpatenschaft statt es auf dem Bankkonto zu bunkern. Und Gott wird sich von uns finden lassen.

Wir dürfen kreativ werden und auf ganz unterschiedliche Weisen Armut und Ungerechtigkeit bekämpfen Und Gott wird sich von uns finden lassen. Gott wird sich verkörpern in unserer Liebe, in unserem gerechten Tun auf Erden.

Gottes Liebe verkörpert sich in uns Menschen. Diesen Satz können wir auch in das Leben  unserer Gemeinden übersetzen: Als Gemeinde sind wir nicht bloß für uns da, dass es uns gut geht, dass Gott uns behütet und mit allem versorgt, was wir brauchen. Nein, als Gemeinde sind wir immer für einander und für andere Menschen da. Das können Mitmenschen im unmittelbaren Umfeld sein: Einander besuchen, auch die, die wegen Corona sich nicht aus ihren Häusern trauen. Auf außenstehende Menschen achten, gerade wenn sie alt, einsam, krank sind. Immer wenn das in einer Gemeinde getan wird, berührt das das Herz vieler Menschen: Das finden sie gut und dadurch  finden sie sogar Gott in unserer Mitte.

Dann strahlt im Dunkeln ein Licht für dich auf. Die Finsternis um dich herum wird hell wie der Mittag.11Der Herr wird dich immer und überall führen. Er wird dich auch in der Dürre satt machen und deinen Körper stärken. Dann wirst du wie ein gut bewässerter Garten sein, wie eine Quelle, die niemals versiegt.  Amen

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