Amanda und Rut und unsere Lebensperspektiven

Rut1,1-19     31.1.21  Trk

Am 20. Januar wurde Joe Biden in sein Amt als amerikanischer Präsident eingeführt. Viele haben diesen historischen Moment im Fernsehen, im Radio oder in den sozialen Medien verfolgt. Die Inszenierung war groß und würdevoll. Nicht der Präsident stand im Mittelpunkt, sondern die Demokratie und die Werte, die Amerika geprägt haben und eine Basis bilden, um den Herausforderungen der Gegenwart zu begegnen und gemeinsam in die Zukunft zu gehen.

Besonders beeindruckt hat mich die die junge Poetin Amanda Gorman mit ihrem Gedicht: The Hill we climb

Der Hügel, den wir erklimmen.

Das Gedicht beginnt mit den Worten:

„Wenn es Tag wird, fragen wir uns,

wo wir Licht zu finden vermögen,

in diesem niemals endenden Schatten?“

Es geht in ihrem Gedicht um Licht und Schatten, um einen Lichtblick, um Lebensperspektive des amerikanischen Volkes. Eigentlich geht es um Licht und Lebensperspektive der ganzen Menschheit.

Amanda Gorman verbindet ihre eigenen persönlichen Erfahrungen mit Licht und Hoffnung aller Menschen.

Sie erinnert als Tochter einer schwarzen, alleinerziehenden Frau an den amerikanischen Traum, genauso wie an den Traum Martin Luther Kings und die Vision, „ein Land zu bilden, das sich allen Kulturen, Farben, Charakteren und menschlichen Lebensverhältnissen verpflichtet fühlt“

Ihre Worte sind prophetisch – im Wissen um die Vergangenheit und die Probleme der Gegenwart richtet sie den Blick nach vorn:

„Wir schließen die Kluft, weil wir wissen, dass wir, um unsere Zukunft an erste Stelle zu setzen, zuerst unsere Unterschiede beiseitelegen müssen. Wir legen unsere Waffen nieder, damit wir unsere Arme nacheinander ausstrecken können.“-

Aus ihrem Bild eines geeinten Amerikas spricht eine große Sehnsucht, aber auch Hoffnung: Und so schließt ihr Gedicht mit den Worten:

„Wenn der Tag kommt, treten wir aus dem Schatten heraus, entflammt und ohne Angst. Die neue Morgendämmerung erblüht, wenn wir sie befreien. Denn es gibt immer Licht, wenn wir nur mutig genug sind, es zu sehen, wenn wir nur mutig genug sind, es zu sein.“

Das berührt mich.

Es gibt immer Licht, wenn wir nur mutig genug sind es zu sehen und es zu sein

Und es führt mich zum Buch Rut, Predigttext für heute. Das Buch Rut erzählt von Licht und Hoffnung, von der Lebensperspektive einer anderen Frau, Rut

Nachlesen können Sie die Geschichte im 1. Kapitel des Buches Rut. Jetzt erzähle ich den Predigttext:

Verschiedene Personen spielen eine Rolle: Zunächst Elimelech, der Mann von Noomi, ihr Söhne Machlan uns Kiljan, dann ihre Schwiegertöchter Orpa und Rut und ganz am Schluss spielt ein kleiner Obed eine Rolle in der Familiengeschichte. Alles sprechende  Namen, aber dazu später bei Gelegenheit mehr dazu.

1.Aufbruch mit Verlusten – und kam Ende wenig Lebensperspektive

Elimelech „Gott ist mein König“ ist ein frommer jüdischer Mann, der an seinen Gott glaubt und ihn tatsächlich für seinen König hält. Seine Glaube sagt ihm: Mein Gott sorgt für mich und meine Familie. Und so reagiert er auch relativ gelassen, als er merkt, dass im jüdischen Land eine Hungersnot sich anbahnt. Er lebt in Bethlehem, Brothausen.

Elimelech betrachtet die völlig vertrockneten Weizenhalme der Felder, nimmt eine vertrockneten Halm in seiner Hand. Er trägt ihn zu seiner Frau Noomi, legt ihn auf den Tisch und sagt: Sieh Dir das an, Noomi, meine Liebliche. Der Weizen vertrocknet. Wir werden in absehbarer Zeit nicht genug zu essen haben.

Entschlossen blickt er auf: Wir gehen woanders hin. Gott wird uns einen Ort zeigen, wo wir leben können, Lass uns gehen. Auch wenn der Ort, wo wir zu Hause sind, Bethlehem „Brothaus“ heißt: Hier gibt es kein Brot. Und ohne Brot ist „Brothaus“ nicht mehr unser Zuhause.

Wenig später schließt Elimelech das Haus ab und zieht mit Noomi und den beiden Söhnen Machlan und Kiljan los. Beides sprechende Namen: Machlan der Kränkliche, Kiljan, der Gebrechliche. Elimelech vertraut darauf, dass auch seine kränklichen und gebrechlichen Kinder eine Lebensperspektive haben. Elimelech lässt die vertraute Heimat zurück. Die vier gehen ins Ausland zu den Moabitern. Eigentlich sind es die Feinde des jüdischen Volkes. Aber die Moabiter haben ein Herz für diese hungernde jüdische Familie.  Dort im Ausland finden sie genug. Sie bleiben. Es gibt Essen und einen überschaubaren Alltag.

Aber dann stirbt Elimelech. Übrig bleiben Noomi als Witwe und zwei Halbwaisen. Und jetzt? Die Söhne, inzwischen alt genug zum Heiraten, treffen die Entscheidung: Wir heiraten in der Fremde. Wir bleiben bei den Moabitern. Es geht uns hier gut. Auch wenn wir nicht so gesund und leistungsfähig sind, wird Gott für uns sorgen. Wir können arbeite und haben eine Lebensperspektive.

Noomi ist zufrieden, es gibt Essen und erneut einen überschaubaren Alltag. Schade, dass die Ehen ihrer Söhne kinderlos bleiben. Und dass ihr Mann Elimelech fehlt, schmerzt. Aber dann sterben auch die beiden jungen Männer Machlan und Kiljan. Von der ursprünglichen

Familie bleibt nur eine übrig: nur Noomi. Als Witwe in der Fremde. Die Verluste ihrer beiden Söhne tun so weh. Und der Blick in die Zukunft auch: Wer wird für sie sorgen? Hier im Ausland gibt es kein Netzwerk für sie, die Übriggebliebene, für die Fremde in der Fremde. Und erneut und verschärft lautet die Frage: Habe ich noch eine Lebensperspektive? Wie kann es weitergehen? Eigentlich gibt es für mich keine Hoffnung, keinen Lichtblick mehr. Noomi ist nahe dabei, sich aufzugeben.

2. Erneuter Aufbruch aus Hunger – bitter und wie ein Albtraum

Noomi gibt sich einen Ruck und steht auf. Sie

geht zurück. Den Ausschlag gibt ein Gerücht: Gott gibt wieder tägliches Brot – seinem jüdischen Volk. Bethlehem ist wieder „Brothaus“. Bethlehem hat wieder Brot. Vielleicht auch für Noomi?

. Sie macht sich auf,

steht auf, wird aktiv, bricht auf, bricht ihre Situation auf.

Ihre Schwiegertöchter Orpa und Rut hat sie im Schlepptau.

Unterwegs kommt Noomi ins Grübeln. Ja, sie stammt aus Bethlehem. Sie hat dort noch Verbindungen.

Sie wird eine Chance haben. Doch die fremden Witfrauen? Sie werden dort so verloren sein wie Noomi es

in der Fremde war. Noomi bleibt stehen. Sie muss die beiden Frauen wieder zurückschicken. Und das tut sie. Mit den besten Wünschen und einem Abschiedskuss.

Aber die beiden jungen Frauen, Orpa und Rut,

weigern sich. Sie beteuern lauthals: „Wir wollen bei Dir bleiben.“ Sie sind bereit, das Vertraute hinter sich

zu lassen um der einen Vertrauten willen. Doch Noomi widersetzt sich. Keine Zeit für Gefühle. Hier muss

pragmatisch gedacht und gehandelt werden. Und so malt Noomi den Frauen klipp und klar vor Augen: Mit

mir habt ihr keine Zukunft, keine Lebensperspektive. Noomi unterstreicht: Mit ihr mitzugehen bedeutet, Gott gegen sich

zu haben. Denn so erlebt Noomi ihre Situation, so deutet sie sie: Gott war anscheinend gegen sie, ihr Leben ist anscheinend auf ganzer Linie gescheitert. Kein Brot. Kein Mann. Keine Söhne. Keine Hoffnung. Keine Zukunft. Alles hat ihr Gott genommen. Bitter, hebräisch „mara“, ist ihr Leben. Nennt mich nicht mehr Noomi, die Liebliche, nennt mich Mara, die Bittere! Sagt sie den beiden Frauen.

Zum Albtraum ist mein Leben geworden. Ich habe keine Lebensperspektive , keine Hoffnung. Das ist nichts für euch jungen Frauen!

3. Rut bindet sich fest an Noomi und begleitet sie nach Bethlehem

Diesmal gibt Orpa nach, Orpa, die wörtlich heißt „Die den Rücken kehrt“ dreht Noomi den Rücken zu und kehrt heim.

Aber Rut, wörtlich die Freundin oder Gefährtin erweist sich als treue Freundin und Lebensgefährtin. Sie hängt sich an Noomi. Ein drittes Mal schickt Noomi Rut weg: „Geh zurück, schnell, lauf Orpa nach!“

Doch Rut weigert sich. Rut hat sich entschieden. Sie bleibt bei Noomi. Wie ernst es ihr ist, macht Rut mit einer großen Selbstverpflichtung deutlich:

„Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk,

und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der

HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.“

Mit großer Ernsthaftigkeit bindet Rut ihr Leben an das von Noomi, hängt sich an sie, als wollte sie sagen: Ich lasse

dich nicht, du segnest mich denn. Soll heißen, ich darf mitgehen, bei dir bleiben Tag und Nacht bis zum

Ende. Und Rut besiegelt ihre Entscheidung mit einem Schwur bei dem Gott, den Noomi als feindlich

gesinnt erlebt. Rut weiß, was sie hinaufbeschwören könnte. Und sie tut’s trotzdem. Oder gerade deshalb.

Es ist ihr bitterernst. So kehrt Noomi als Witwe mit nichts außer einer Geschichte des Scheiterns und des

Verlustes und einer fremden Frau, die selbst bereits Witwe ist, nach Bethlehem zurück. Mit nichts in den

Händen außer der Hoffnung auf Brot und einem sozialen  Netzwerk, das sie hoffentlich irgendwie tragen wird.

Pläne? Ein Fremdwort. Leben von Tag zu Tag ist angesagt. Wann hört es endlich auf? Wann wird sie

wieder gerne vom Tisch aufstehen?

4. Zwei Neuanfänge

So kehrt Noomi zurück: als „Rest“ ihrer ursprünglichen Familie. Mitten in ihrer Perspektivlosigkeit sieht sie nicht, was kommt. Und doch ist es längst angelegt: eine bessere Zeit. Denn immerhin: Ein Rest kehrt zurück. Und mit einem Rest hat Gott in seiner Geschichte mit Israel, mit den

Menschen immer wieder etwas vor. Dem Rest gilt seine besondere Liebe. Der Rest bildet den Sauerteig

für einen Neuanfang. Und ein Zweites ist angelegt: Obgleich fremd, kommt Rut mit. Und diese Fremde

wandert ein. Nach Bethlehem. In das Volk Gottes. In den Stammbaum Davids wandert sie ein und so in

den Stammbaum Jesu. Rut wird als moabitische Frau Teil der Geschichte Gottes mit seinem Volk und allen Menschen.

6. Noomi, Obed und die Zukunft

All das bekommt Noomi nicht mit. Wie auch? Sie steckt ja mittendrin. So wie wir. Noch ehe die nächsten 10 Jahre vergangen sind, am Ende des Buches Rut, wird erzählt, wie Noomi einen kleinen Jungen auf dem Schoss hält, Obed, den Sohn von Rut. Bestimmt hat Noomi dem Obed

Geschichten erzählt. Von früher. Zum Beispiel wie sie nach Bethlehem zurückkam. Wir hören Noomi

erzählen: „Nur ich allein war übriggeblieben. Wozu?“ „Na um auf mich aufzupassen!“, ruft ihr Enkel Obed, wörtlich „Verehrer“begeistert. Noomi lacht. „Damals hab ich mir doch nicht vorstellen können, noch einmal einen solchen

Schatz verehren darf! Jedenfalls habe ich unterwegs nachgedacht: Ich geh nach Hause, nach

Bethlehem zurück. Allein.“ „Biste aber nicht!“, quakt Obed dazwischen. Noomi nickt versonnen. „Hast

recht, bin ich nicht. Deine Mutter, die Rut hing an mir wie eine Freundin und wollte unbedingt bei mir bleiben.

Unbedingt! Bei Gott hat sie es geschworen. Und dann blieb sie bei mir, bei Tag und bei Nacht.“ „Und bei

mir und bei Papa und in Bethlehem und bei Gott.“, ergänzt Obed begeistert. Noomi nickt. „Es war so gut,

dass sie ihren Sturkopf durchgesetzt hat! Sonst gäbe es dich nicht. Und mir ginge es bestimmt schlechter.

Wer hätte das damals gedacht, dass alles so gut werden würde!“ In dem Moment tritt Obeds Mutter Rut

vor die Tür und ruft: „Zu Tisch!“ Und aus dem Haus dringt der Duft von frischem Brot.

7. Das Besser hat längst angefangen. Unsichtbar, doch gegenwärtig.

Tatsächlich: Es werden kommen vom

Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes. Und es

wird gut sein. Menschen werden gerne vom Tisch aufstehen, weil sie sich auf das freuen, was vor ihnen

liegt. Wann wird das sein? Wann bekommen wir einen Vorgeschmack, wann wird es besser? Wenn ich

von unserem Predigttext her denke: Das hat schon längst angefangen. Und das Gerücht, das gute

Gerücht vom Brot, von Leben und Zukunft dringt auch uns entgegen. Der Geruch, der Duft von frischem

Brot, weht hinein in unser Mittendrin mit all seinen Rückschlägen und Verlusten. Und dieser Duft lockt.

Von daher: Vielleicht ist es an der Zeit, sich aufzumachen. Mal sehen, was werden wird. Mal sehen, wen

wir mitbringen werden dorthin, wo aller Hunger gesättigt wird. Mal sehen, wann er uns aufgeht, der

Sauerteig von Gottes Güte, der Kern vom guten Ende. Denn der steckt unsichtbar, doch gegenwärtig

auch in unserem Mittendrin. Amen.

IV. Zum Schluss noch einmal Amanda Gorman:

Wenn der Tag kommt, treten wir aus dem Schatten heraus,

entflammt und ohne Angst.

Die neue Morgendämmerung erblüht, wenn wir sie befreien.

Denn es gibt immer Licht,

wenn wir nur mutig genug sind, es zu sehen,

wenn wir nur mutig genug sind, es zu sein.

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