Wenn Gott sauer ist und enttäuscht…

Jesaja 5,1-7 | 28.2.21  Trautskirchen Jesajas Weinberglied

Liebe Gemeinde,

unser heutiger Predigttext ist ein uraltes Lied. Es wurde vor rund 2.700 Jahren gesungen. Jesaja hat es gesungen einst auf den Gassen in Jerusalem. Den Leuten damals wird es gefallen haben, am Anfang wenigstens.

-1-          Jesaja 5, Vers 1 und ein Teil von Vers 2:

Ein Lied von meinem Freund will ich euch singen. Es ist das Lied von meinem Freund und seinem Weinberg: Mein Freund hatte einen Weinberg auf einem fruchtbaren Hügel.2Er grub ihn um, entfernte die Steine und bepflanzte ihn mit den besten Weinstöcken. Mittendrin baute er einen Wachturm. Auch eine Kelter zum Pressen der Trauben hob er aus. Dann wartete er auf eine gute Traubenernte,

Jesaja singt von seinem Freund. Er kennt ihn offenbar gut. Er schätzt, ja liebt ihn. Der Freund des Liedsängers legt einen Weinberg an. Dafür sucht er sich einen gut geeigneten Ort aus und macht sich umsichtig ans Werk. Er gräbt den Boden um. Steine werden entfernt, Die Reben werden gepflanzt. Der Freund tut noch mehr. Er baut einen Turm und gräbt eine Kelter, um später den Saft der Reben auf zu fangen. Damit ist alles getan. Nun beginnt wie auch für die Bauern nach der Saat das Warten. Der Freund ist erwartungsvoll. Er kann es auch sein, denn er hat alles, wirklich alles getan.

-2-  Aber. Ja, Aber. Es kommt ganz anders als der Freund es erwartet hat. Hören Sie selbst

Jesaja, 5 Vers 2b:

aber der Weinberg brachte nur schlechte Beeren hervor.

Jesaja sieht erstaunte Gesichter: „Das kann doch nicht wahr sein., denken sie. Doch es stimmt,  der Weinberg, brachte schlechte“ Früchte singt Jesaja.  Er geht noch einen Schritt weiter. Er ruf seine Zuhörer, Bürger Jerusalems, zu Zeugen auf. Sie verstehen offenbar Einiges vom Weinbau.  Und er macht noch etwas. Er wechselt die Person. Er spricht nicht mehr von „seinem Freund“, sondern von sich selbst. Er geht noch weiter. Er macht die Zuhörer zu Richtern. Er macht sie zu Richtern zwischen sich und dem Weinberg. Hören Sie selbst:

Jesaja 5, die Verse 3 und 4:

3Jetzt urteilt selbst, ihr Einwohner von Jerusalem und ihr Leute von Juda! Wer ist im Recht – ich oder mein Weinberg? 4Habe ich irgendetwas vergessen? Was hätte ich für meinen Weinberg noch tun sollen? Ich konnte doch erwarten, dass er gute Trauben trägt. Warum hat er nur schlechte Beeren hervorgebracht?

„Was sollte man noch mehr tun?“  Die Zuhörer, die Bürger Jerusalem – damals arbeiten sie offenbar in den Weinbergen der Umgebung. Sie, die Zuhörer sind Fachleute. Sie kennen den Weinbau, Die Lage eines Weinberges ist wichtig für die Güte des Weins. Sie wissen, wie ein Weinberg zu bearbeiten ist.

Ihre Antwort kann darum nur sein: Nichts. Nichts ist vergessen oder falsch gemacht worden.- Diese Antwort, aber wartet Jesaja gar nicht ab. Sie ist selbst verständlich. Er  kommt darum gleich zur Konsequenz.  Er sagt den Männern, was er tun wird. Hören Sie selbst:

-3-  Jesaja 5, die Verse 5 und 6:

5Ich will euch sagen, was ich mit meinem Weinberg tun werde: Die Hecke um ihn herum werde ich entfernen und seine Schutzmauer niederreißen. Dann werden die Tiere ihn kahl fressen und zertrampeln.6Ich werde ihn völlig verwildern lassen: Die Reben werden nicht mehr beschnitten und der Boden nicht mehr gehackt. Dornen und Disteln werden ihn überwuchern. Den Wolken werde ich verbieten, ihn mit Regen zu bewässern.

Dieser Teil des Liedes wird ihnen nicht gefallen haben: Das ist das Ende des Weinberges. Er wird zerstört. Und wieder geht Jesaja ins Detail. Der Zaun wird weggenommen, damit alle, Mensch und Tier drüber laufen können. Die Mauer wird eingerissen. Schritt für Schritt wird der Weinberg zerstört. Zum Schluss lässt er es sogar nicht regnen. Trockenheit ist angesagt.

Regen soll ausbleiben. Das kann ein Winzer nicht tun. Er ist nicht in der Lage, dem Wetter zu verbieten zu regnen. Das kann nur Gott. Damit wird klar:   Es geht hier um Gott. Wir Menschen sind sein Weinberg und Gott ist als Weinberg-besitzer über uns Menschen tief enttäuscht und frustriert.

Gott selbst ist enttäuscht und frustriert. Und dieser frustrierte Gott singt zornig sein Klagelied über die Menschen, die er liebt und die er gehegt und gepflegt hat, wie ein Winzer seinen Weinstock, aber einfach keine Frucht bringen wollen.

Nun das kennen wir doch auch. „Mensch, bin ich jetzt gefrustet! Alles umsonst, vergebliche Liebesmühe, alles für die Katz! Mensch, bin ich jetzt enttäuscht. Und sauer!“

Da gibst Du alles in der Schule, büffelst wie blöd und verzichtest auf alle Freizeit und wieder nur eine fünf  in der Matheklausur!

Da setzt Du Dich ein in Deinem Beruf, bist kreativ und voller Tatendrang und dann kriegst wieder eine auf die Fresse! Ja sogar bei den engsten Familienangehörigen kennen wir das. Mensch bin ich sauer auf meine Kinder! Mensch, was fällt meine Alten Eltern ein! Mensch, bin ich enttäuscht über den Ehepartner, den besten Freund! Sowas hätte ich ihm, ihr nicht zugetraut!

Wo immer wir mit Menschen zu tun haben, menschelt es und machen wir diese Erfahrungen: „Ich habe mich in jemanden schwer getäuscht. Ich bin einem Zerrbild hinterhergelaufen zu sein. Ich bin richtig frustiert!

Manchmal möchten wir am liebsten auf den Tisch hauen, auf den Boden stampfen, vor Wut brüllen: „Ach lasst mich doch in Ruh ihr blöden A…!“

So denken wir Menschen manchmal. Aber gilt das auch für Gott? Ist Gott ein enttäuschter Weinbergbesitzer, der alles  hinschmeißt, bloß weil es nicht so läuft wie er es erwartet?

In dem Weinberglied Jesajas können wir noch ein weiteres Gefühl nachspüren. Da ist nicht nur der Frust des Weinberg-besitzers zu spüren, der umsonst geschuftet hat. Es kommt noch schlimmer: In dem Weinberglied gibt sich Gott als schwer gekränkter Liebhaber des Lebens zu erkennen.

Der Weinberg, das ist ein allen Zuhörern vertrautes Bild für die Braut. An vielen Stellen der Bibel, besonders im Hohen Lied der Liebe, vergleicht der verliebte Bräutigam seine Braut mit dem Weinberg „deine Liebe ist köstlicher als Wein, Liebste. Du bist mein Weinberg, lass mich heran, Liebste!“ Im Hohen Lied geht es um ein  erotisches Verhältnis zwischen zwei verliebte Menschen. Und nehmen wir das Lied vom Weinberg Jesajas ernst, hat Gott auch ein erotisches Liebesverhältnis zu uns. Und so wie einem enttäuschten Bräutigam mit seiner treulosen und seiner Liebe nicht würdigen Braut geht es Gott mit uns. Das Lied besingt Gottes leidenschaftliche Liebe zu uns, die in enttäuschte Liebe und Wut und Hass umschlägt.

Gott macht schon etwas mit mit uns Menschen: Was investiert Gott nicht an Zeit und Liebesenergie in uns als Weinberg.

Wir kennen das auch von unserer Liebesmüh, die oft eine verlorene Liebesmüh wird. Da habe ich mich bemüht und ganz viel Zeit und Kraft in eine Freundschaft oder in eine Liebesbeziehung gesteckt und plötzlich scheint alles umsonst, weil andere Kräfte viel stärker sind. Das kann eine andere Liebe sein, die alles durcheinanderwirbelt, oder eine Alkoholabhängigkeit, die einen Menschen vollkommen verändert. Manchmal gehen Freundschaften aber auch schlicht an Bequemlichkeit zu Grunde. Jedenfalls ist es sehr enttäuschend, wenn man merkt: Ich habe so viel in diese Beziehung eingebracht und so viel von mir selbst gezeigt und am Ende kommt nichts zurück. Ich kenne Menschen die nach solch einer Erfahrung äußerst zurückhaltend bei jeder neuen Freundschaft geworden sind. Andere haben sich ein Leben lang auf keine weitere Beziehung mehr eingelassen aus Angst wieder enttäuscht zu werden

Und auch das kennen wir doch auch:  Die Erfahrung, mit Liebesentzug bestraft zu werden, wenn wir nicht sind wie wir sein sollten. Oder noch anders: Anderen Menschen, einst heiß geliebt, mit einem Mal die Liebe und Zuneigung zu entziehen, nur weil sie nicht unseren eigenen Erwartungen entsprechen.  Im zwischenmenschlichen Leben scheitern unsere Liebesbemühungen und schlagen um in Hass und Gleichgültigkeit. Ich mag diesen Menschen nicht mehr lieben. Ich hasse ihn und will nichts mehr mit ihm zu tun haben!

So denken wir manchmal. Aber trifft das auch auf Gott zu? Ist Gott ein enttäuschter Liebhaber, der uns nun hart mit Liebesentzug bestraft, weil wir nicht so sind wie wir sein sollen?

Wir merken:  Das Weinberglied des Propheten Jesajas, das so harmlos begann, ist kein fröhliches Liedchen, es ist ein bitterer Gesang ohne happy end. Es ist ein Lied von einer enttäuschten göttlichen Liebe, einer göttlichen Liebe, die in Bitterkeit, Wut und Enttäuschung endet.

Es ist Gott, der über uns Menschen frustriert und enttäuscht ist. Es ist Gott, der so richtig sauer ist wegen uns Menschen.

Es ist Gott, der uns Menschen androht, uns seine Liebe zu entziehen.

Es ist Gott, der alles andere als ein lieber Gott ist.

Dieser Gott kann richtig sauer sein. Dieser Gott gibt sich nicht dafür her, unsere Wünsche und Bedürfnisse zu befriedigen.

Dieser Gott ist nicht die Projektion unserer Wünsche. Der Gott dieses Weinbergliedes kann von uns richtig verletzt werden, und er von uns enttäuscht. Dieser Gott kann uns zum Gegenpart werden. Dieser Gott will von uns Antwort haben und gibt sich nicht damit zufrieden, wenn wir schweigen und alles verdrängen wollen. Dieser Gott findet unseren Lebensunsinn, den wir verbreiten, unerträglich. Ein Gott, dessen Liebe immer wieder von uns enttäuscht wird und der darauf sauer reagiert.

Ja, es stimmt: Jesaja singt ein Liebeslied. Ja, es stimmt: Auch die zornige Reaktion Gottes ist eingerahmt in die göttliche Liebe. Jesaja singt vom Schmerz der göttlichen Liebe, vom Schmerz der Liebe Gottes.

Aber – und das ist mir wichtig: Der Schmerz Gottes wird nicht zugedeckt von seiner Liebe. Wenn wir den Schmerz Gottes wie Jesaja nachspüren, ist Gott abgrundtief weit weg von uns. Der enttäuschte, zornige Gott ist uns fremd, muss uns fremd sein. Und wir sind Gott auch fremd. Da ist keine Nähe. Da ist Gott verborgen und vielleicht sich selbst fremd.

Auch das kennen wir doch vom uns selber. Es gibt Phasen in meinem Leben, in denen ich vom Leben und von mir selber enttäuscht bin, Phasen, in ganz auf mich selbst zurückgeworfen bin, wo ich nur noch mich selber habe. Dann warte ich vergeblich darauf, angesprochen zu werden, angesehen, berührt, herausgeholt zu werden aus meiner Menschen-, Welt- und Gottverschlossenheit. In meiner Einsamkeit höre ich kein Wort und finde keinen Lichtblick.

Wüste, Dornen und Disteln, auch das gehört zu unserem Leben. Enttäuschung, nichts an Hoffnung will wachsen und gedeihen, und auch eine feindlich gesinnte Umwelt,  auch das kann  zu unseren Glaubenserfahrungen als Gotteserfahrungen gehören. Zur Liebe und zum Glauben, das lehrt uns das Weinberglied, gehört auch die Passion, das Leiden, der Schmerz.

Das gehört auch zur Passion Gottes. Gott leidet. Gott leidet nicht nur mit uns. Gott leidet auch an uns. Gottes Schmerz gehört auch zum Glauben dazu, wie unser Schmerz zum Leben dazugehört.

Gott weiß also auf schmerzhafte Weise, , was es heißt, sich umsonst abgemüht und vergeblich geliebt zu haben. Der schmerzhafte Weg, den Gott mit Jesus später gegangen ist, lässt uns ahnen: Für Gott ist kein „Umsonst“ endgültig. Für Gottes Schmerz gibt es kein Zu-spät und kein Aus und Vorbei.  Mit der Passion Jesu zeigt Gott: Gott begibt sich selber ins Leid der Welt, sogar ins selbstverschuldete Leid der Welt. Seitdem haben der Schatten des Umsonst und des vernichtenden Zorns, die Dornen und die Wüste unseres kleinen Lebens und des ungeheuren Leides der Welt nicht mehr das letzte Wort.

Das Lied vom Schmerz und der Liebe Gottes wird weiter gesungen, auch in der Heiligen Schrift. Dort gibt es dann das Lied vom lieblichen Weinberg, den Gott Tag und Nacht behütet (Jesaja 27, 2-5). Und es gibt im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg das Lied vom überraschend großzügigen und seine Liebe völlig unverdient und nicht berechnend austeilenden Gott (Matthäus 20, 1-15).

-4-     Ganz zum Schluss lesen wir am Schluss des Liedes vom Weinberg in Vers 7:

7Wer ist dieser Weinberg? Der Weinberg des Herrn Zebaot, das sind die Bewohner von Israel. Die Leute von Juda, sie sind sein Lieblingsgarten. Der Herr wartete auf Rechtsspruch, doch seht her, da war Rechtsbruch. Er wartete auf Gerechtigkeit, doch hört nur, wie der Rechtlose schreit.

Gott wartet auf Rechtsspruch. Gott wartet auf Gerechtigkeit.

Was  Rechtsbruch und das Geschrei der Rechtlosen bedeuten, dazu brauchen wir keine Auslegung. Das wissen wir alle. Was Recht und Gerechtigkeit in unserer Welt bedeuten, wissen wir eigentlich auch. Wir müssen es nur tun, das Recht einhalten und für Gerechtigkeit sorgen.

Und das wäre dann auch ein gutes Ende des Weinbergliedes:

Wir sind Gottes Weinberg und Gott erfreut sich an den Früchten der Gerechtigkeit und des Rechtes. Amen.

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