Eine jüdische Ostergeschichte – Onlinepredigt Ostern 2021

Ostersonntag 2021, 2. Mose 14,7-14.19-23.28-30a; 15,20f

Eine jüdische Ostergeschichte 2021

Die christliche Ostergeschichte ist nicht nur in diesem Jahr eine jüdische Geschichte. Jesus war Jude. Er hat als Jude gelebt, ist als Jude im jüdischen Glauben gestorben. Und auch die Ostergeschichte, seine Ostergeschichte, ist einejüdische Geschichte. Zufälligerweise feiern wir heuer das christliche Osterfest und das jüdische Passafest zusammen.

Unser Ostertag 2021 ist der letzte Tag des diesjährigen Passafestes. Wir feiern Ostern in Anlehnung an das letzte Passamahl Jesu. Am Anfang dieses Passafestes steht in jüdischen Familien bis heute eine Frage des jüngsten Kindes: „Warum unterscheidet sich diese Nacht von allen anderen Nächten?“, so fragt in der Seder-Nacht, am Vorabend der Pessachwoche, das jüngste Kind. Daraufhin antwortet der Vater mit der alten Erzählung der Errettung der Israeliten aus der Knechtschaft in Ägypten. Dieses Ereignis feiern die Menschen jüdischen Glaubens bis zum heutigen Tag.

Es ist die jüdische Geschichte schlechthin: die Geschichte vom Auszug der Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten. Eine jüdische Befreiungs-geschichte.

Die Geschichte vom Auszug aus Ägypten und dem Durchzug durchs Schilfmeer ist einer der wichtigsten Texte für unsere jüdischen Mitmenschen. Diese jüdische Geschichte lebt von starken Bildern. Das Volk steckt fest in der Klemme. Von hinten kommen die ägyptischen Soldaten angeritten. Vorne das Meer unüberwindlich. Angst, Furcht, Panik.

Dann das Wasser teilt sich. Es überschwemmt die ägyptischen Soldaten

Und vor dem zögerlich vorwärtsschreitenden Volk tut sich ein Weg auf. Links, rechts die Wasserwände. Sie fallen nicht über die Menschen, erst über die nachrückenden Ägypter fallen sie her. Und das jüdische Volk kommt trockenen Fußes durch das Meer.

Ein eindrückliches Bild. Dieses Wasser, das die jüdischen Menschen vor den Gefahren beschützt, dieses Wasser, das die Ägypter überschwemmt und sie ersaufen. Dieses Wasser beflügelt und übersteigt gleichzeitig unsere Vorstellungskraft.

Und es ist auch ein passendes Bild für unsere Zeit, in die hinein wir dieses Osterfest 2021 feiern. Wir stecken fest im Lockdown einer Pandemie, hinter uns, ja sogar um uns herum, das tödliche Virus. Diese Pandemie ist auch so etwa wie eine Pandemieflut. Wir Menschen haben sie überlebt. Wir Überlebenden sind dieser furchtbaren entronnen sind. Aber sie ist noch lange nicht überwunden. Noch stecken wir fest im Lockdown dieser Pandemie. Eine Welle, die zweite, jetzt die dritte Welle. Und wir müssen gut auf uns aufpassen, dass diese Pandemieflut nicht bei uns alle Zuversicht und Hoffnung hinwegschwemmt.

Und was feiern wir Christen?

Zu meiner Überraschung ist diese jüdische Befreiungsgeschichte der Predigttext für uns Christen und Christinnen am Ostersonntag.

Ostern ist das christliche Fest der Auferstehung Jesu und gleichzeitig eine jüdische Befreiungsgeschichte:  Auferstehung ist Befreiung. Und Befreiung ist Auferstehung. Befreiung ist Auferstehung mitten im Leben. Davon will ich heute von der urjüdischen Befreiungsgeschichte aus christlicher Perspektive erzählen.


Sklaverei als Todesherrschaft

Die Israeliten waren Sklaven in Ägypten. Sklaverei, das heißt Tod. Sklaven gehören nicht sich selbst, sie gehören ihren Herren. Sklaven sind nicht frei, sie sind gefangen. Sklaven können sich nicht entfalten, können nicht leben, was in ihnen steckt; alles wird niedergedrückt und erstickt. Sklaven können nicht selbst bestimmen; sie werden gezwungen. Die Israeliten waren Sklaven in Ägypten. Sie waren mitten im Leben tot.

Wir kennen das auch von uns her, von unseren Glaubenserfahrungen, in irgendetwas gefangen zu sein. Wir können uns nicht selbst befreien von unseren Ängsten, Sorgen und Todesfurcht. Und unsere Zeit kennt auch so etwas wie Sklaverei. Wir sind durch Corona nicht frei in unseren Entscheidungen, können nicht hinfahren, wohin wir wollen, uns versammeln wie wir wollen, einander begegnen wie wir wollen. So verzichten wir auch heuer auf Präsenzgottesdienste an Karfreitag und den Ostertagen Alles wegen dieses tödlichen Corona-Virus!

Das Gefühl, gefangen zu sein kennen wir. Was Sklaverei bedeutet, können wir nur erahnen. Wir spüren die Sehnsucht, endlich wieder frei zu sein. Noch viel mehr spüren die Menschen damals die Sehnsucht, endlich frei zu sein. Zuerst war sie noch ganz klein, diese Sehnsucht. Ganz klein nur, kaum mehr als ein Funke, zart und verletzlich wie ein Vogel. Diese Sehnsucht nach der Freiheit. Dies Sehnsucht nach Freiheit lässt sie träumen. Und klagen: Wer führt uns aus diesem Elend der Sklaverei heraus?– Gott hört ihre Klagen. Er ruft Mose: Führe mein Volk in die Freiheit! Es folgt ein langes Hin und Her. Doch dann ist es so weit: Sie ergreifen die Flucht. Bei Nacht und Nebel verlassen sie ihre Sklavenhäuser und werfen die Sklavenketten ab.

Sie verlassen die Brutstätten des Schreckens. Den Geruch von Schweiß und Blut. Sie treten ins Freie. Sie atmen auf. Sie atmen ein: frische, kühle Luft. Sie rennen los. Doch dann …


14.8. „Denn der Herr hatte es so gefügt, dass der Pharao, der König von Ägypten, nicht begriff und die Israeliten verfolgte. Die aber zogen aus mit erhobener Hand. 9 Die Ägypter jagten ihnen nach – alle Pferde und Wagen des Pharao, seine Reiter und sein Heer.

Die Israeliten lagerten noch am Meer, bei Pi-Hahirot vor Baal-Zefon.       Dort holten die Ägypter sie ein.“



Der Tod lässt sie nicht los. Niemanden gibt er her. Der Tod ist es gewohnt, immer das letzte Wort zu haben. Er ist die Endstation. Auch für uns. Auch zu Coronazeiten. Wenn der Tod uns holen kommt, hilft kein Mittel. Es trifft jeden. Wer seinen Krallen jetzt entwischt, wird gejagt, erbarmungslos gejagt. Bislang hat der Tod noch jeden gekriegt. Auch jetzt holt er auf …

Angst als Helferin des Todes

10 Als der Pharao näher kam, blickten die Israeliten auf und sahen: Die Ägypter rückten hinter ihnen heran!

Da bekamen die Israeliten große Angst und schrien zum Herrn um Hilfe.

11Sie beklagten sich bei Mose: »Gab es denn keine Gräber in Ägypten? Hast du uns in die Wüste gebracht, damit wir hier sterben? Wie konntest du uns aus Ägypten führen! 12Haben wir nicht schon in Ägypten zu dir gesagt: Lass uns in Ruhe! Wir wollen lieber den Ägyptern dienen! Es ist besser, dass wir in Ägypten Sklaven sind, als in der Wüste zu sterben.«

Die Angst ist die rechte Hand des Todes. Mit ihrer Hilfe holt sich der Tod seine Beute zurück. Denn die Angst lähmt. Auch die Israeliten. Sie hören die Pferde und Wagen der Ägypter. Sie hören die Rufe der Verfolger. Sie sehen den Staub in der Ferne aufwirbeln. Und sie bekommen Angst, Todesangst. Sie kommen nicht weiter. Der Antrieb schwindet, die Ideen gehen aus, die Beine werden schwer. Sie schauen nicht mehr nach vorn in die Freiheit, sie starren zurück in den Rachen des Todes. Sie schreien. Sie verzweifeln. Von Sehnsucht keine Spur mehr. Sie sehnen sich zurück. Die Angst verklärt die Vergangenheit: Warum nur sind wir geflohen? War es denn wirklich so schlimm im Grab? Schmeckte der Tod nicht auch süß? Waren wir da nicht geborgen? Ging es uns nicht eigentlich ganz gut? – Wo die Angst lähmt, wo die Angst die Sehnsucht nach der Freiheit erstickt und das Sklavendasein verklärt, da hat der Tod leichtes Spiel. Der Vorsprung schmilzt. Gleich haben die Verfolger das Volk am Meer eingeholt. Und dann gibt es keinen Ausweg mehr …

Befreiung aus der Todesmacht als Geschenk

13 Darauf sagte Mose zum Volk: »Fürchtet euch nicht! Stellt euch auf und seht, wie der Herr euch heute retten wird! Denn so, wie ihr die Ägypter jetzt seht, werdet ihr sie nie wieder sehen.

14 Der Herr wird für euch kämpfen. Ihr aber sollt still sein.

21 Mose streckte die Hand aus über das Meer. Da trieb der Herr das Meer die ganze Nacht durch einen Ostwind zurück.

Er machte das Meer zum trockenen Land, und das Wasser teilte sich.

22 So konnten die Israeliten auf trockenem Boden mitten durch das Meer ziehen. Das Wasser stand rechts und links von ihnen wie eine Mauer.


Nicht zu fassen! Da, ein Weg! Auf einmal tut sich ein Weg auf, wo kein Weg vorher zu finden war. Wo vorhin noch wild die Wellen schlugen, bahnt sich jetzt ein Weg. Ein Weg einfach aus dem Nichts. Vorhin war er noch nicht da. Gott hat ihn gemacht. Dass sich in der Sackgasse ein Weg auftut, das kann nicht ich machen, das kann nur Gott. Dass die Sackgasse entgegen allem Augenschein nicht das Ende ist, dass aus der Sackgasse ein Weg herausführt – und zwar nicht ein Weg zurück, sondern nach vorn! –, das kann nur ein Gott machen, der stärker ist als der Tod. Der Gott Israels ist ein Gott, der stärker ist als der Tod. „Fürchtet euch nicht! Haltet still, Gott kämpft für euch.“ – Die Klagen verstummen. Das Volk fasst Vertrauen. Vertrauen gegen die Angst. Sie starren nicht länger zurück. Sie schauen wieder nach vorn. Und gehen los.

23 Die Ägypter aber verfolgten sie. Sie jagten hinter ihnen her mitten in das Meer – alle Pferde des Pharao, seine Streitwagen und Reiter.

24 Kurz vor Morgengrauen sah der Herr nach den Ägyptern. Er blickte aus der Feuer- und Wolkensäule auf sie und brachte das Heer der Ägypter in Verwirrung.

25 Er bremste die Räder ihrer Streitwagen. Sie kamen nur mit Mühe voran.

Da sprachen die Ägypter: »Lasst uns vor Israel fliehen! Denn der Herr kämpft für sie gegen Ägypten.«

26 Darauf sagte der Herr zu Mose: »Strecke die Hand aus über das Meer! Das Wasser soll über die Ägypter zurückfluten – über ihre Streitwagen und über ihre Reiter.«

27 Mose streckte die Hand aus über das Meer. Da flutete das Wasser gegen Morgen wieder zurück. Die Ägypter aber flohen dem Wasser entgegen. So stürzte der Herr die Ägypter mitten ins Meer.

28 Das Wasser flutete zurück und bedeckte Wagen und Reiter. Das ganze Heer, das dem Pharao folgte, ging unter. Kein Einziger von ihnen blieb am Leben.

29 Aber die Israeliten waren auf trockenem Boden mitten durch das Meer gekommen. Denn das Wasser stand rechts und links von ihnen wie eine Mauer.

30 So rettete damals der Herr die Israeliten vor den Ägyptern. Israel sah die Ägypter tot am Ufer liegen.“



Das jüdische Volk zieht durch die Fluten in die Freiheit. Über den Verfolgern aber schlagen die Wellen zusammen. Der Tod ertrinkt. Der Tod wird in den Sieg verschlungen. Nie wieder wird er nach ihnen ausgreifen. Nie wieder wird er über sie herrschen. Nie wieder wird er sie demütigen, erniedrigen, versklaven. Er ist ein für alle Mal besiegt. Sie erreichen das andere Ufer. Vergnügt, erlöst, befreit. Das lässt sie singen. Sie singen, spielen und tanzen. Sie stimmen das allererste Osterlied an.

„15,20 Die Prophetin Mirjam, die Schwester Aarons, nahm ihre Pauke in die Hand. Auch alle anderen Frauen griffen zu ihren Pauken und zogen tanzend hinter ihr her.

21 Mirjam sang ihnen vor:

Singt für den Herrn: Hoch und erhaben ist er.

Rosse und Wagen warf er ins Meer.“

Vom Wert der Freiheit in unfreien Zeiten

Auferstehung ist Befreiung. Befreiung mitten im Leben. Nicht erst am jüngsten Tag, nein, schon jetzt. Auferstehung geschieht überall da, wo sich ein Weg durch das Nichts bahnt, wo der Stein weggerollt wird, wo wir allem entkommen, was uns klein und würdelos macht. Auferstehung geschieht überall da, wo die Angst verstummt, weil Gott uns einen Weg weist. Auferstehung geschieht überall da, wo das, was uns kaputt macht, selbst kaputt geht. Auferstehung geschieht überall da, wo sich unser Mund öffnet und wir anfangen zu singen: „Lasst uns dem HERRN singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt.“

Auferstehung ist Befreiung. Dass wir Christen das wissen, das verdanken wir unseren jüdischen Glaubensgeschwistern. Sie haben ihre Freiheitsgeschichte mit ihrem jüdischen Mitmenschen Jesus und seinen Jüngern geteilt. Und Jesus teilt diese jüdische Freiheitsgeschichte  mit uns, seinen Nachfolgern und Christen zu allen Zeiten und Jahrhunderten. Egal ob evangelisch, katholisch, orthodox, oder was weiß ich, wir feiern als Christenheit miteinander und mit unseren jüdischen Glaubensgeschwistern ihre uralte Freiheitsgeschichte. Und mit dem, was Jesus damals widerfahren ist, damals nach seinem letzten Passahmahl, dieses österliche Ereignis hat sie uns zur Ostergeschichte werden lassen.

Das Grab ist leer, der Tod hat plötzlich nicht mehr das letzte Wort und das Leben feiert seinen Sieg immer wieder über das, was uns gefangen nehmen will.


In der Pandemie fehlt uns die Freiheit sehr. Ich hoffe zumindest, dass sie uns fehlt. Ich hoffe sehr, dass wir uns zuhause nicht zu sehr einrichten. Es ist gemütlich in den eigenen vier Wänden, ohne viele Kontakte, ohne Begegnungen mit anderen Menschen, die einem sonst zu nahe rücken. Aber dieses Leben in der Pandemie ist auch ein Gefängnis, ein Sklavenhaus, dem das echte Leben fehlt. Und die Lebensfreude auch. Ich nehme wahr, wie wenig sich die Menschen freuen können. Dabei gibt es doch auch die kleinen Dinge, die uns das Herz aufgehen lassen. Wie Mehltau legt sich diese Pandemiedepression auf unsere Gemüter. Wir Menschen sehen gedrückt und müde aus.

Aber dann entdecke ich doch den einen oder anderen Funken Sehnsucht nach einem Ende der Gefangenschaft und den einen oder anderen Funken  Sehnsucht nach Freiheit in uns. Klar, Freiheit ist immer riskant. Wer weiß, was auf uns zukommt, wenn wir durch diese Pandemie sind, oder durch das, was uns sonst bindet und gefangen nimmt? Aber – und das dürfen wir mit Ostern als Auferstehungsgeschichte glauben: Der Tod konnte Jesus nicht zurückhalten. Wir stecken mitten in der Ostergeschichte, die auch eine Befreiungsgeschichte vom Tod ist.  Wie es am Ende drüben am anderen Ufer dann aussieht, wissen wir nicht. Aber ich finde es einen tröstenden Gedanken, wir werden am Ende, wenn wir durch sind, von Jesus und all den anderen empfangen und einen österlichen Tanz beginnen, vor Freude hüpfen und springen, weil wir durch sind und das Land der Freiheit gefunden haben. 
Amen.

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