Monatsarchiv: Mai 2021

Ein neuer Mensch sein – ein stückweit zumindestens

Joh 3,1-8 Predigt über Versöhntsein mit sich selbst 30.5.21 Trautskirchen

Neu geboren werden durch den Geist  Basisbibel

Joh 3 1 Unter den Pharisäern gab es einen, der Nikodemus hieß. Er war einer der führenden Männer des jüdischen Volkes.

2 Eines Nachts ging er zu Jesus und sagte zu ihm:

»Rabbi, wir wissen: Du bist ein Lehrer, den Gott uns geschickt hat.

Denn keiner kann solche Zeichen tun, wie du sie vollbringst, wenn Gott nicht mit ihm ist.«

3 Jesus antwortete: »Amen, amen, das sage ich dir:

Nur wenn jemand neu geboren wird, kann er das Reich Gottes sehen.«

4 Darauf sagte Nikodemus zu ihm:

»Wie kann denn ein Mensch geboren werden,  der schon alt ist? Man kann doch nicht in den Mutterleib zurückkehren  und ein zweites Mal geboren werden!«

5 Jesus antwortete: »Amen, amen, das sage ich dir:

Nur wenn jemand aus Wasser und Geist geboren wird,   kann er in das Reich Gottes hineinkommen.

6 Was von Menschen geboren wird, ist ein Menschenkind.

Was vom Geist geboren wird, ist ein Kind des Geistes.

7 Wundere dich also nicht, dass ich dir gesagt habe:  ›Ihr müsst von oben her neu geboren werden.‹

8 Auch der Wind weht, wo er will.  Du hörst sein Rauschen. Aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht.

Genauso ist es mit jedem, der vom Geist geboren wird.«

Liebe Mitchristen und Mitchristinnen,

Einmal neu anfangen!

Einmal ein anderer Mensch sein.

Wer von uns kennt ihn nicht, den Wunsch:
Ich möchte einmal ein ganz anderer Mensch sein?

Im Laufe des Lebens sehne ich mich vielleicht nach einem
Tapeten- und Rollenwechsel im Beruf oder in der Familie. Einmal neu anfangen!
Manchmal möchte ich auch– zumindest ab und zu – ein anderer Mensch sein als der, der ich nun mal bin.

Vielleicht möchte ich einmal nicht mehr so verklemmt sein, vielleicht nicht so spiessig und angepasst sein wie ich es bin.
Vielleicht möchte ich einmal ein klein wenig mehr Anerkennung von den Menschen in meinem Umfeld bekommen.

Vielleicht möchte ich auch etwas mehr Einfluss haben und manches in dieser Welt verändern können.

Einmal ein anderer Mensch sein!

Heute wünsche ich mir, ich könnte das Leben auch mal etwas gelassener und fröhlicher angehen und ich kann es doch nicht, weil ich in meiner Haut gefangen bin.

Spürt ihr nicht auch diesen Wunsch in Euch? Diesen Wunsch, ein anderer Mensch zu werden? Ich meine, er steckt in uns allen!

Und letztlich nehmen ja auch die Religionen, und auch natürlich das Christentum –
diese Ursehnsucht von uns Menschen auf, ein anderer Mensch zu werden.

Selbst Sekten behaupten, sie wüssten ein Rezept, womit sie die Menschen von sich selbst befreien, und zu einem neuen, ganz anderen Menschsein anleiten können.

Diese Sehnsucht, nochmals von neuem geboren zu werden
noch einmal neu sein zu dürfen, ist auch im Neuen Testa-ment da. Z.B. im heutigen Predigttext im Johannesevangelium.

Im 3. Kapitel des Johannesevangeliums sprechen Jesus und Nikodemus ziemlich ausführlich darüber: Ist es möglich ist, dass ein Mensch nochmals von neuem geboren wird?

Nikodemus bezweifelt dies, (Joh 3,4) »Wie kann denn ein Mensch geboren werden, der schon alt ist? Man kann doch nicht in den Mutterleib zurückkehren und ein zweites Mal geboren werden!«

Jesus dagegen behauptet:

Nur wenn jemand neu geboren wird, kann er das Reich Gottes sehen.« V3

Wundere dich also nicht, dass ich dir gesagt habe:    ›Ihr müsst von oben her neu geboren werden.‹ V7

Alles dreht sich in diesem Gespräch um die Frage:


Wie muss man denn nun von neuem geboren werden?
Wie kann man sich das überhaupt vorstellen, neu geboren zu werden?

Wenn wir heute Wiedergeburt hören, muss man erst mal wissen, was Wiedergeburt nicht ist.

Der Begriff Wiedergeburt kann zum einen missverstanden werden als Zeichen für richtiges Christsein: Die Vorstellung von der Wiedergeburt ist in manchen frommen Kreisen allein darauf beschränkt, dass man sich zu Jesus bekehrt hat. Die Wiedergeburt ist in solchen Kreisen die Bedingung dafür, dass man ein richtiger Christ ist. Denn ganz richtig Christ, so meinen sie, ist man nur als reborn Christian. So wird in evangelikalen Kreisen in den USA gedacht und stellen sich vor, kein Präsident kann es sich leisten, nicht reborn zu sein. Sonst würde er nicht gewählt. Auch Georg W Bush ist ein reborn Christ… Selbst Donald Trump wird von bestimmten evangelikalen Kreisen als reborn Christ immer noch angesehen, trotz seiner augenscheinlichen charakterlichen Fehler…

Ich glaube nicht, dass die Wiedergeburt, von der Jesus redet, darauf reduziert werden kann, dass man richtig entschiedener Christ ist.

Ein zweites Missverständnis, wenn heute von Wiedergeburt die Rede ist: Man kann es im buddhistischen Sinn missverstehen:

Von neuem geboren werden…

Wenn manche Menschen diesen Satz heute hören, hören sie mit einem buddhistischen Hintergrund: Wiedergeboren? Na klar, wiedergeboren werden wir nach dem Tod, immer und immer wieder. . Manche glauben auch, dass sie schon einmal gelebt haben, beispielsweise als historische Gestalten. Der Gedanke der Wiedergeburt im Sinne einer Reinkarnation ist heute eine wichtige religiöse Vorstellung nicht nur im Buddhismus. Aber Jesus meint nicht, dass man nach dem Tod wieder und wieder geboren wird, wenn er von Wiedergeburt redet.

Was Jesus mit wiedergeboren meint, hat nichts mit der buddhistischen Vorstellung des immer wieder neu wieder auf Erden Kommen müssen zu tun, aber auch nichts mit einer evangelikalen Verengung auf ein einmaliges Bekehrtwerden.

Aber was könnte Jesus mit seiner Rede von der Wiedergeburt meinen?

Nikodemus versteht die Rede von der Wiedergeburt wörtlich. Auch er unterliegt einem Missverständnis. Wiedergeburt wörtlich verstanden, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Niemand kommt als Erwachsener wieder in den Leib der Mutter und erlebt eine zweite Geburt.

Jesus versteht Wiedergeburt in einem übertragenen Sinn: Du kannst im übertragenen Sinn, geistig gesehen, wieder geboren werden und ein neuer Mensch werden.


Und ich ergänze: Ein neuer Mensch zu werden, das ist tatsächlich möglich, – zumindest ein stückweit. Aber das sollten wir immer im Blick haben: Ein Stückweit ist es tatsächlich möglich, von neuem anzufangen, ein neuer Mensch zu werden, aber nie total! Nie ganz und vollkommen. Zumindest nicht zu unseren Lebzeiten.

Wer das glaubt, jetzt schon zu Lebzeiten ein völlig anderer Mensch, ein vollkommener neuer Mensch geworden zu sein, der läuft Sektierern hinterher oder macht sich was vor.

Im Neue Testament spricht Paulus wiederholt von einem neuen Sein in Christus. Paulus schreibt z.B. im Galaterbrief:

„In der Taufe gehört ihr zu Christus.  Ihr habt Christus in der Taufe wie ein neues Kleid angezogen.“ (Gal. 3, 27),


Um in dem Bild vom Kleiderwechsel zu bleiben, muss man als Christ erst mal eines tun, bevor man Christus wie ein neues Gewand anziehen kann: Das Gewand des alten Adams
musss zuerst abgelegt werden. Und beide Kleider gleichzeitig zu tragen geht nicht.

Wir wissen es selbst von unserem Menschsein: Der alte Adam – das bisherige Menschsein – lässt sich gar nicht so leicht ablegen.

Wir wissen es selbst von unserem gelebten Christsein:
Obwohl Paulus immer wieder von einem neuen Sein in Christus spricht, also von einem neuen Leben für alle, die sich taufen lassen und zu Christus gehörig betrachten, komme ich nicht über eine nicht zu leugnende Tatsache drüber:
Auch im Leben des „frömmsten“ Christen zeigt sich der alte Adam
– nämlich das Menschlich-allzu-Menschliche –
und lässt sich nicht restlos überwinden.

Bei allem was wir als Christen tun, bleiben wir uns in unserem Adamssinn immer in einem gewissen Sinne treu. Wir sind unsere eigenen Gefangenen, kommen aus unserer alten Haut nicht heraus.

An Paulus kann man das gut beobachten: Paulus hatte eine radikale Bekehrung in seinem Leben erlebt. Aber er wiederholt als Paulus, wenn man genau hinsieht, alte Denk- und Lebensmuster des Saulus, der er einmal war.

So wie Paulus als Saulus zuerst die Anhänger Jesu mit Nachdruck bekämpft hat, so bekämpft er nach seiner Wende zu Jesus in ähnlicher Weise all die, die er als Feinde seines neuen Glaubens betrachtet.

Mit anderen Worten:
So ganz neu wird ein Mensch auch durch eine eigentliche Bekehrung nicht, selbst wenn bei Bekehrungspredigten dieser Eindruck entsteht. Es bleiben alte Denk- und Lebensmuster.

Wie auch immer das neue Leben aussieht, das wir uns erträumen, das  angebliche neue Leben, der Neuanfang, die neue Geburt ist oft genug nichts anderes als ein billiger Abklatsch der alten, bereits bekannten und realen Welt.

Menschen, die davon träumen, irgendwo anders auf der Insel der Seligen ganz neu anzufangen, bringen sich selbst und ihre eigene Lebensgeschichte mit eigenen Verstrickungen und Belastungen mit.  So wird ein Neuanfang nur unter erschwerten Bedingungen möglich sein oder gar unmöglich.

Wir können also gar nicht von neuem anfangen, geschweige denn von neuem geboren werden. Wir bringen unser Vorleben mit. Ob wir es wollen oder nicht. Neu anfangen? Schier unmöglich.

Im Grunde genommen beginnt jetzt meine wirkliche Predigt  erst an dieser Stelle: Sie will uns befreien und freimachen:


Denn die Frage muss nun heißen:
Was müsste sich denn nun wirklich ändern,
damit man von einem anderen Leben reden kann?

Was müsste sich denn nun wirklich ändern,
damit man tatsächlich von einem neuen Sein in Christus reden darf?

Ich meine:
Diese Frage ist nicht allein zum jetzigen Zeitpunkt
sondern grundsätzlich wichtig;
und deshalb will ich mich bemühen,
diese Frage zu beantworten:

Die Antwort und die Botschaft des Evangeliums in Jesus Christus lautet für mich in etwa so:


Damit du Mensch anders und befreiter und erlöster leben kannst,
musst du nicht versuchen ein anderer Mensch zu werden. Das ist ja ohnehin ein Ding der Unmöglichkeit .

Damit du Mensch anders und befreiter und erlöster leben kannst,

musst du nur eines tun:

Dich mit Dir selber und mit deiner Geschichte aussöhnen.

Dazu gehört auch: Dich mit deinen Mitmenschen und mit eurer gemeinsamen Lebensgeschichte aussöhnen!

Dazu gehört auch: Dich mit Gott und euer gemeinsamen Lebensgeschichte aussöhnen!

Du darfst und kannst dich annehmen – und mit samt deinen Schattenseiten annehmen lernen (!) – , wie du bist. Denn Gott hat dich schon längst angenommen, samt deinen Schattenseiten!


Gott nimmt uns Menschen an, so wie wir sind.

Aber ich weiß:
Manches Versöhnungsgeschehen mit mir selber
ist oft schneller gesagt, als getan.
Oft gehe ich mit mir selber sehr, sehr hart ins Gericht!

Ich weiß: Sich mit den Menschen um mich herum auszusöhnen, ist auch nicht leicht. Oft sind mir die Bilder, die ich mir vom anderen gemacht habe, im Wege.

Und ich weiß: Selbst das dritte ist auch nicht leicht, sich mit Gott auszusöhnen. Oft sind mir die Bilder von Gott im Wege.

Allerdings
der Schlüssel zu einem anderen Leben
und zu einem neuen Sein in Christus,
liegt nicht darin,
dass wir uns zu ändern versuchen.

Der Schlüssel zu einem anderen Leben
liegt darin,
dass wir uns mit uns selber und mit unserer Biographie
versöhnen und uns mit dem Leben aussöhnen.

Vielleicht können wir es erst am Ende so sagen:

„ Dieses mein Leben, so wie es nun mal ist, mit all seinen hellen und dunklen Seiten ist in Gott versöhnt und aufgehoben.“

Am Ende ist alles Leben, so wie es nun einmal war mit den hellen und den finstersten Seiten in Gott versöhnt und aufgehoben.

Noch erleben wir das nur stückweise. Aber Jesus ist so etwas wie das geöffnete Fenster zu Gott. Wir können hineinschauen mitten ins Herz Gottes.

Im Blick auf unseren Bibeltext  heißt das: Wenn du dich mit Jesus beschäftigst, kannst du ein stückweit erleben, was es heißt, von neuem geboren werden. Sein Geist lässt dich aufatmen. Du darfst ein stückweit die Last deiner bisherigen Lebensgeschichte, die du dir aufgebürdet hast oder die dir aufgebürdet worden ist, zurücklassen. Du darfst von neuem geboren sein, ein neuer Mensch sein. Jetzt!

Unglaublich sagt der Nikodemus in uns. Unerhört, es kann doch nicht für alle gelten, denke ich an unheilbare Alkoholiker, Drogensüchtige, gewalttätige Menschen, oder Menschen, die sich im Hass verrannt haben.

Unglaublich! Trotzdem gilt auch dir die Freiheit: Du darfst als Mensch wie neu geboren sein, ganz neu anfangen. Du bist willkommen wie ein neugeborenes Kind. Du darfst neu anfangen und das gilt auch für dich, wenn du dich völlig ohnmächtig fühlst angesichts der vielen Defizite deines Lebens. Du darfst neu anfangen, selbst wenn sich ein riesiger Krater auftut zwischen dem, was dein Leben sein könnte und dem, was es wirklich ist.

Unglaublich, sagt der Nikodemus in mir: Ich darf neugeboren werden, ich bin im Leben willkommen trotz meiner Hoffnungen, die zerbrochen sind. Ich darf mir noch was vom Leben wünschen, trotz meiner verronnenen Lebenswünsche. Ich darf noch einmal neu anfangen, trotz meiner vertanen und verspielten Chancen, Ich darf immer wieder neu anfangen, und wenn ich morgen schon wieder versage.

Unglaublich, sagt der Nikodemus in mir. Ich darf mein Leben als Fragment verstehen, das Gott vollenden wird. Ich darf mein Leben leben als etwas, was nicht vollkommen  ist. Und Gott wird es vollenden. Und ich bin schon jetzt nicht mehr völlig gebunden an meiner Lebensgeschichte. Sie mag mich vielleicht belasten und verklagen. Aber ich darf mich jeden Tag meines Lebens neu von Jesus, von seinem Geist, ansprechen und berühren lassen.

Ja, das heißt, aus dem Geist Jesu neu geboren sein. Amen.

Lesung und Gebete, die ihr Konfis gehalten habt.

Lukas 11,5-13 Beten – was bringt´s?  Rogate 9.5.2021 Trautskirchen

5 Dann sagte Jesus zu seinen Jüngern:

»Stellt euch vor: Einer von euch hat einen Freund.

Mitten in der Nacht geht er zu ihm und sagt:

›Mein Freund, leih mir doch drei Brote!

6 Ein Freund hat auf seiner Reise bei mir haltgemacht.

Ich habe nichts im Haus, was ich ihm anbieten kann.‹

7 Aber von drinnen kommt die Antwort:

›Lass mich in Ruhe!

Die Tür ist schon zugeschlossen,

und meine Kinder liegen bei mir im Bett.

Ich kann jetzt nicht aufstehen

und dir etwas geben.‹

8 Das sage ich euch:

Schließlich wird er doch aufstehen und ihm geben,

was er braucht –

wenn schon nicht aus Freundschaft,

dann doch wegen seiner Unverschämtheit.

9 Ich sage euch:

Bittet und es wird euch gegeben!

Sucht und ihr werdet finden!

Klopft an und es wird euch aufgemacht!

10 Denn wer bittet, der bekommt.

Und wer sucht, der findet.

Und wer anklopft, dem wird aufgemacht.

11 Welcher Vater unter euch

gibt seinem Kind eine Schlange,

wenn es um einen Fisch bittet?

12 Oder einen Skorpion, wenn es um ein Ei bittet?

13 Ihr Menschen seid böse.

Trotzdem wisst ihr,

was euren Kindern guttut,

und gebt es ihnen.

Wie viel mehr wird der Vater im Himmel

den Heiligen Geist denen geben, die ihn darum bitten.«

Eingangsgebet

Du Gott hörst unsere Gebete.

Was wir aussprechen – es geht dir nicht verloren.

Wofür uns die Worte fehlen – du weißt davon.

In Not und Freude,

in kleinen Dingen

und großen Fragen

schenkst du uns dein Ohr –

im Namen Jesu, der uns beten lehrt.

Fürbitten

Gott, wir bitten dich für

die  Menschen, die dich im Gebet suchen.
Lass sie es spüren: Du hörst ihr Gebet.


Gott, wir bitten dich für

die Menschen, denen zum Beten die Worte fehlen.

Schenke ihnen Worte oder Menschen, die für sie beten.


Gott, wir bitten dich für

die Menschen, die glauben, dass Beten nichts hilft.

Schenke ihnen gute Erfahrungen mit dem Gebet, dass sie Kraft bekommen.


Gott, wir bitten dich für
für gelingende Gespräche zwischen Eltern und Kindern in den Familien

Und für gelingende Gespräche in Politik und Gesellschaft.

Lass uns zueinander finden.


Gott, wir bitten dich für um den Mut, den Schwachen eine Stimme zu geben und für die Schwachen einzutreten.


In der Stille legen wir in deine Hände, Gott,
was uns persönlich bewegt

Stille             Vaterunser

Von Schwuppdiwupp-Gebeten und ob`s das Beten überhaupt bringt.

Lukas 11,5-13 Beten – was bringt´s?  Rogate 9.5.2021 Trautskirchen

Liebe Gemeinde, und liebe Konfis,

ich wünschte, es wäre so einfach: Ich bete und bekomme prompt, was ich möchte. Ich bitte Gott um etwas und er wird es mir geben. Ich suche etwas, ein kurzes Stoßgebet nach oben, und schon habe ich gefunden, was ich verloren habe. Ich klopfe an bei Gott und prompt wird mir von ihm die Tür aufgetan und ein freundlicher Gott fragt mich: „Manfred, wie schön, dass du bei mir anklopfst! Was kann ich für dich tun?“

Ich stelle mir für einen kurzen Moment vor, es würde wirklich so sein, wie ich es gerade geschildert habe: Jedes Gebet von mir findet seine Erhörung. Ich bitte und bekomme prompt. Kein Gebet ist unerhört! Unerhört wäre das!

Wenn jedes Gebet von mir erhört wird, dann werde ich als Allererstes Gott um das Ende von Corona bitten: Also, Gott, ich bitte dich, mach dem Coronavirus ein Ende, das es von heute auf morgen nicht mehr da ist. Schwuppdiwupp. Kein einziger Coronakranker mehr!

Wenn jedes Gebet von mir erhört wird, dann werde ich als zweites bei jedem Kranken, der mir begegnet, ob unheilbar oder nicht, getrost und heiter Gott um Heilung bitten. Mensch, das wäre doch was! Schwuppdiwupp. Kein Kranker mehr! Ich gehe durch das Krankenhaus, und schwuppdiwupp  die Krankenbetten leeren sich kraft meines Gebetes.

Wenn jedes Gebet von mir erhört wird, werde ich Gott nicht so allgemein um Frieden in der Welt bitten: o Nein, Gott, ich bitte dich, beende jetzt sofort alle Kriege auf dieser Welt. I Schwuppdiwupp! In Syrien und Afghanistan sollen die Waffen einrosten. Schwuppdiwupp! Den Terroristen und den Waffennarren der Welt sollen ihre Waffen zu Bananen werden, wenn sie sie auch nur anfassen. Schwuppdiwupp!

Und Gott, wenn ich schon dabei bin:  Lass die Menschen in der AFD, diese Querdenker und Wutbürger einfach zu Verstand kommen. Schwuppdiwupp!

Na, das schaut doch ganz gut aus, Gott! Auf einmal haben diese Leute Verstand und gehen achtsam mit dem Leben um. Weil das so gut geklappt hat, bitte ich dich, Gott um Verstand und Weisheit für alle Politiker.  Schwuppdiwupp!  Ich bitte dich Gott für die Armen um ein Grundeinkommen, das keiner von Harz4 leben muss und lass die Reichen großzügig werden. Schwuppdiwupp! Wahnsinn, was da alles passiert, nur wenn ich bete.

Ach, dann fällt mir ein, ich kann Gott natürlich auch die Kirchen bitten. Letzten Sonntag waren so wenig Leute in der Kirche. Bitte, lieber Gott. Ab sofort wieder volle Kirchen, interessierte Gemeindeglieder, engagierte Christen und jedes Jahr solch am Glauben interessiere Konfis wie Euch. Schwuppdiwupp!

Wenn jedes Gebet von mir erhört wird,  … Ich geb´s zu, vermutlich hätte ich zuallererst lange vor all diesen Wünschen Gott um das Eine oder Andere für meine Familie und mich gebeten. Bittet, so wird euch gegeben. Warum nicht auch an sich selber und die eigene Familie denken? Also vielleicht doch auch gleich am Anfang: Lieber Gott, ich bitte Dich für den einen oder anderen in meiner Familie… Ach, was ich da Gott bitte, geht keinen sonst was an. Das ist privat.   Pause  –  Also Gott mach mal: Schwuppdiwupp!

Bittet, so wird euch gegeben. Ja, wenn das Beten so einfach wäre!  Schwuppdiwupp!

Mir ist Wolfgang Niedecken eingefallen, mit seiner Kölschen Band BAP hat er schon 1982 das Lied auf kölsch gesungen:                                     Lied kurz anspielen

Wenn et Bedde sich lohne däät

Ich trage eine Übersetzung ins Hochdeutsche vor:

„Wenn das Beten sich lohnen täte, was meinst du wohl, was ich dann beten täte. Ohne Prioritäten, einfach so wie es käme finge ich an. Nicht bei Adam und nicht bei Unendlich, trotzdem jeder und jedes käme dran. Für all das, wo der Wurm drin, für all das, was mich immer schon quält, für all das, was sich wohl niemals ändert. Klar – und auch für das, was mir gefällt. … für das Wetter und die Stunden mit dir, die zu kurz. Ich täte beten, was das Zeug hält, ich täte beten auf Teufel komm raus, ich täte beten für was ich gerade Lust hätte, doch für nichts, wo mir wer sagt: „Du mußt! …

Ich täte beten für Sand im Getriebe, und jede Klofrau bekäme Riesenapplaus. … Täte die Rubel bremsen, die rollen, Kronjuwelen verbannen auf den Schrott, ließe alle Grenzen und Schranken verschwinden, jeden Speer, jedes Gewehr, jedes Schafott.

Vielleicht beneide ich auch die glauben können, doch was soll das, ich jage doch kein Phantom. Gott, wäre Beten bloß nicht so sinnlos…“

BAP steht stellvertretend für so viele Menschen, die sich ernsthaft fragen:  Na, ob sich das Beten wirklich lohnt? Sehr viele Menschen stehen dem Glauben distanziert gegenüber. Für sie ist Beten logischerweise auch eine etwas fragwürdige Angelegenheit: „Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ob Beten sich wirklich lohnt? Beten bringt´s das?““ Mit dieser Haltung steht BAP nicht allein. Und der Sänger Wolfgang Niedecken hält sich das Beten als Möglichkeit ja noch offen. Vielleicht, singt er, kommen wir ja mal zu dem Punkt, wo Beten sich vielleicht doch lohnen „dät“.

Andere Menschen beten gerne und viel. Und sind auch fest davon überzeugt: Beten bringt´s. Beten bewirkt etwas. Wenn wir am Ende sind mit unserem Latein und unserer Weisheit, dann, sagen sie, können wir nur noch beten.

Ich gestehe, ich bin skeptisch, wenn ich diesen Satz höre:  Da hilft nur beten! Nicht in dem Sinn: Ich möchte etwas. Bitte Gott. Er schweigt. Ich bete wieder und wieder und dann mit Verstärkung mit anderen. Und gemeinsam bringen wir Gott dazu, unser Gebet zu erfüllen. So möchte ich Beten nicht verstehen. Wir können schon Gott ernsthaft bitten, auch miteinander. Aber wenn Gott unser Gebet nicht erhört, ist es gut. Geben wir vor allem dem anderen nicht die Schuld: Du hast halt nicht ernsthaft gebetet oder nicht genug gebetet. Irgendwann ist Schluss mit dem Beten. Und ich muss es akzeptieren, wie es ist. Irgendwann muss ich Amen sagen: So sei es nun. Amen.

Bittet, so wird euch gegeben! Ich merke, auf diesen Satz reagiere ich selbst zwiespältig. Ich glaube es ja tatsächlich. Beten lohnt sich. Ich glaube es ja tatsächlich: Da ist ja wirklich jemand da, der mein Gebet hört. Aber dieser jemand erhört in den seltensten Fällen mein Gebet und schon gar nicht sofort.

Bittet, so wird euch gegeben! Vor diesem Satz schrecke ich zurück. Klingt nach: Gebet und Schwuppdiwupp!

Manchmal habe ich Gebet als so eine Art Schwuppdiwupp-Gebet verstanden. Manchmal habe ich so schwuppdiwupp-mäßig gebetet. Manchmal habe ich, wie es BAP im Lied formuliert hat, auch „auf Teufel komm heraus“ gebetet. Aber gerade denn, wenn ich was mit dem Gebet schwuppdiwupp-mäßig erzwingen wollte, habe ich es oft genug erlebt: Schwuppdiwupp  – Ätschibätsch! Gott läßt sich nicht nach meinen Wünschen und Vorstellungen verbiegen.

Gott sei Dank! Gott steht uns für Schwuppdiwupp -Gebete nicht zur Verfügung. Er greift nicht ein, nur weil ich so gerne hätte.

So  höre ich bei diesen Satz Jesu immer einen Nachsatz mit: „oder auch nicht“:

Bittet Gott, und er wird euch geben, oder auch nicht mit! Sucht, und ihr werdet finden, oder auch nicht. Klopft an, dann wird euch die Tür geöffnet.  Oder auch nicht!

Ja, ich weiß, Jesus will uns mit diesem Satz Mut machen zum Gebet: Traut Euch zu Gott zu kommen mit eurem Gebet. Gott hört euer Gebet und Beten bewirkt etwas bei Gott!

Ich selber kann es momentan glauben: Im Beten steckt auch heute eine Kraft, die etwas bewegen kann. Eine Kraft, die etwas verändern kann. Eine Kraft, die in unserem Leben das, was in uns zerbrochen ist, wieder heilen kann. Achtsames Beten hilft uns, auf Gottes Wirken in unserem Leben zu achten. Beten weckt in uns Kräfte, gerade dann, wenn wir am Ende unserer Möglichkeiten sind.

Aber das können wir nicht herbeizaubern. Schwuppdiwupp! Es ist auch durch noch so ausgefeilte Gebetsübungen nicht herzustellen.  Wir haben es nicht in der Hand, ob und wie Gott auf unsere Gebete antwortet. Ob das Beten was bringt, hängt nicht von uns ab.

Wenn wir Menschen  zu Gott beten,  erfahren wir beides: Dass Gott mein Gebet erhört oder auch das andere: Dass er mein Gebet anscheinend nicht erhört.

Ihr kennt vielleicht auch solche Erfahrungen mit Gebet:   Ich bitte und merke beim Bitten, dass es nicht ins Leere geht. Ich bete und ich spüre dabei Gottes Nähe, die mich trägt, die mir die Kraft gibt, etwas durchzustehen, noch während ich nach einem Weg suche. Viele von uns kennen solche intensiven Gebetserfahrungen. Ich bete und merke, da geht eine Tür auf, da tut sich etwas. Mein Gebet wird erhört. Da steckt Kraft drin, Power. Da geschieht was!

Aber bestimmt kennt ihr auch diese anderen Erfahrungen mit dem Gebet:  Ich bitte und bete und spüre nur Leere und Bodenlosigkeit. Ich kann nicht mehr bitten. Ich höre nur ständig die Fragen in mir laut werden: Wie kann das Schreckliche nur geschehen? An Corona sterben mit 32? Oder wie können sich Menschen dies alles antun? Gewalt, Hass, bis Mord und Totschlag bis hin zum Holocaust. Wie kannst Du Gott das zulassen?  Mein Gott, wo bist du überhaupt? Und ich bete und merke, die Tür bleibt verschlossen. Ich renne gegen eine Tür an und sie bleibt verschlossen.

Es sind gegensätzlichen Erfahrungen, die wir im Leben auf ganz unterschiedliche Weise machen. Ich möchte als Christ beides sagen, möchte beides tun können:

a) Ich möchte das Beten nicht aufgeben. Ich spüre ein unendliches Gottvertrauen, eine unglaubliche Gelassenheit, in  die mich Jesus hineinnimmt, wenn er sagt, „Bittet, so wird euch gegeben!“   Ich möchte dieses schlichte Gottvertrauen immer wieder neu spüren, wenn ich Gott um etwas bitte. „Euer Vater im Himmel weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr es im Gebet aussprecht!“ Beten lohnt sich. Selbst wenn es anders kommt als gedacht.

b) Aber gleichzeitig möchte ich die Dunkelheiten in meinem Leben nicht verschweigen, in denen ich nicht mehr bitten kann, nur noch klagen oder schweigen; wo mir jede Bitte leer erscheint, kraftlos, ohnmächtig. Es gibt doch solche Zeiten im Glaubensleben vieler Christen und anderer religiöser Menschen, wo wir nur noch eines hoffen können:  dass Gott da ist, auch wenn wir ihn nicht spüren in unserem Schreien, Klagen und  Verstummen.  Und diese Zeiten gehören genauso zu den Glaubenserfahrungen, in denen ich durch das Gebet Kraft und Mut schöpfe und sich tatsächlich in mir etwas zum Guten verändert.

Es gibt eben auch das Schweigen Gottes.  Manchmal schweigt Gott. Am Kreuz hat Jesus dieses Schweigen Gottes aushalten müssen: „Mein Gott, warum!“ Da hat Gott geschwiegen!

Jesus kennt also auch die andere Seite des Gebetes. Deshalb würden wir seine Geschichte vom bittenden Freund gründlich falsch verstehen: Wenn du Gott genug nervst, wird Gott deine Wünsche so erfüllen, wie du dir das wünscht. So nicht. Das wird auch am Ende klar.

Am Ende sagt Jesus etwas, was wir gewöhnlich übersehen, überhören, überlesen: Gott gibt uns im Gebet nicht Kraft, Mut, nicht Heil oder das, was wir uns wünschen. Gott gibt uns            seinen Geist.

„Wie viel mehr wird der Vater im Himmel

den Heiligen Geist denen geben, die ihn darum bitten.«

Wenn wir beten, wird er uns seinen Geist geben. Sein Geist wird uns helfen, einen Weg zu finden. Sein Geist wird uns zeigen, wo unser Beten Sinn macht und wo es besser ist zu schweigen.. Und wenn wir selber nicht mehr beten können aus lauter Verzweiflung, wird sein Geist für uns beten.

Amen.

Wenn Steine schreien…

Kantate 2.5.21  Trautskirchen    Wenn Steine schreien  Luk 19,37-40

Liebe Gemeinde!

 “Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien!” Diesen Satz sagte Jesus  im Evangelium für den Sonntag Kantate. Nie war uns dieser Satz näher als heute. Einen größeren Gegensatz kann man sich nicht denken.

Auf der einen Seite das fröhliche Gotteslob und die Ermutigung: Kantate! Singt! Singt aus vollem Herzen! Singt laut! Macht dabei den Mund auf und singt aus voller Kehle!

Auf der anderen Seite: Das ist uns verboten! Wenn ihr Gottesdienst feiert, dürft ihr  dabei nicht singen. Nur die Organistin, Frau Stigler darf singen. Alle anderen schweigen. Schon Wochen vor Weihnachten geht das so. Es darf längst wieder Gottesdienst gefeiert werden. Aber zu welchen Auflagen und Bedingungen? Singen verboten! Gott sei es geklagt! Nicht nur, dass wir nicht singen dürfen!

Aber hören wir uns zunächst den biblischen Text aus dem Lukasevangelium an: Luk 19

37 So kam Jesus zu der Stelle,

wo der Weg vom Ölberg nach Jerusalem hinabführt.

Da brach die ganze Schar der Jüngerinnen und Jünger

in lauten Jubel aus.

Sie lobten Gott für all die Wunder, die sie miterlebt hatten.

38 Sie riefen:

»Gesegnet ist der König, der im Namen des Herrn kommt!

Friede herrscht im Himmel

und Herrlichkeit erfüllt die Himmelshöhe!«

39 Es waren auch einige Pharisäer unter der Volksmenge.

Die riefen ihm zu: »Lehrer, bring doch deine Jünger zur Vernunft!«

40 Jesus antwortete ihnen: »Das sage ich euch:

Wenn sie schweigen, dann werden die Steine schreien!«

„Wenn sie schweigen, dann werden die Steine schreien!“

Können Steine schreien?

Vielleicht hatte Jesus den Propheten Habakuk im Sinn.  In seinen Wehe-Rufen verkündet der Prophet Habakuk (Hab 2,11): „Denn auch die Steine in der Mauer werden schreien, und die Sparren am Gebälk werden ihnen antworten.“

Es ist kein Zufall: Unmittelbar im Anschluss dieser Bemerkung Jesu:  „Wenn sie schweigen, dann werden die Steine schreien!“ berichtet Lukas, wie Jesus über Jerusalem weint:

41 Als Jesus sich der Stadt näherte und sie vor sich liegen sah, weinte er über sie:

42 »Wenn doch auch du heute erkannt hättest, was dir Frieden bringt!

Aber jetzt ist es vor deinen Augen verborgen.

43 Denn es wird eine schlimme Zeit über dich herein-brechen:

Deine Feinde werden einen Wall aus spitzen Pfählen

rings um dich errichten.

Sie werden dich umzingeln und von allen Seiten einschließen.

44 Dich und deine Bewohner werden sie restlos vernichten.

Keinen Stein werden sie auf dem anderen lassen –

weil du den Tag nicht erkannt hast,

an dem Gott dir zu Hilfe gekommen ist.«

Steine schreien, weil sie ineinander krachen. Steine schreien, wenn Häuser und Städte in Trümmer fallen. Jesus ahnte, dass diese wunderschöne Stadt Jerusalem in ein paar Jahrzehnten dem Erdboden gleich gemacht wird. Kein Stein wird auf dem anderen bleiben. Kein Gebäude wird verschont werden. Auch der Tempel wird zerstört werden, bis am Ende für die jüdischen Menschen nur die Klagemauer übrigbleibt.

Solche schreiende Steine kennen auch wir in unserer Geschichte: die schreienden Steine der deutschen Städte , die durch Bomben dem Erdboden gleich gemacht haben; die schreienden Steine von Ruinen, auch Kirchenruinen, die Dresdner Frauenkirche etwa.  Schreiende Steine sind aber auch Stolpersteine, die uns in denselben Städten an Namen von jüdischen Menschen erinnern, die einmal in diesen Häusern gewohnt haben und zur Vergasung in Viehwaggons abtransportiert wurden. Schreiende Steine gibt es auch in unserem eigenen Leben.                    Gott sei es geklagt!

„Wenn sie schweigen, dann werden die Steine schreien!“ Auch aus dem biblischen Gesamtzusammenhang wird deutlich, dass die Steine, wenn sie anfangen zu schreien, eher klagen und aufschreien als jubeln. Nicht bald darauf werden sie den, der andere vor der Steinigung bewahrt hat, ans Kreuz nageln. Bald wird Jesus das Leid der Welt, das Unrecht am eigenen Leib spüren. Und er wird verzweifelt seinem Gott klagen, warum er ihn verlassen hat. Gott sei es geklagt!

Und heute?

In Indien kämpfen die Krankenhäuser um das Überleben ihrer Patienten. In Brasilien, Niederlanden, Polen auch. Und bei uns kämpfen auch Menschen tagtäglich auf den Intensivstationen ums Überleben. Gott sei’s geklagt.

Im Mittelmeer ertrinken afrikanische Menschen. Bei uns geraten immer mehr Menschen unverschuldet in Schulden. Gott sei’s geklagt.

So beklagen die Steine, die Jesus im Blick hat, zunächst all die Trümmerhaufen, Scherbenhaufen, das Elend der Welt. Steine klagen, wenn sie schreien.

Vielen Menschen geht es genauso. Es ist ihnen zum Schreien. Sie wollen Gott nicht immer nur loben, sie wollen berechtigterweise auch ihre Klagen hervorbringen. Und Jesus verbietet das nicht. Wir dürfen auch als gläubige Menschen Krankheiten herausschreien, Enttäuschungen herausschreien, Fehler und Sünden herausschreien, Mühsal und Überforderung herausschreien. AHHH!

Wer schreit, der gibt Gott nicht auf: Gott, ich klage dir mein Leid. Hast du mir nicht was ganz anderes versprochen! Ich nehme dich beim Wort. Ich nehme dich ernst. So klage ich dir mein Leid und klage dir die Ohren voll. Du hälst es aus. Du hälst mich aus!

Manchmal leiden Menschen leiden unter unheilbaren Krankheiten, die so schwer sind, dass sie die Leidenden zum Verstummen bringen. Dann fangen die Steine an zu schreien. Die Steine treten  schreiend an die Stelle der verstummten, am Leid erstickenden Menschen.

„Die Klage erdet das Gotteslob, weil die eigene Not, die Not anderer und die Not der Mitwelt nicht verschwiegen werden müssen“ Michala Will hat das geschrieben. Ich kenne diese Frau nicht. Aber ich kenne die Tiefe ihrer Aussage: Gotteslob muss geerdet sein und die Klage erdet das Gotteslob.

Klage ist ein wichtiger Bestandteil des Gotteslobes. In guten Zeiten Gott danken und dankbar sein ist schon eine Kunst. Erst recht in schlechten Zeiten sich trotzdem an Gott wenden und den Halt bei ihm suchen.

Steine können auch jubeln und vor Freude hüpfen. Wenn wir es nicht tun, dann tun es die Steine vor Glück.

„Wenn sie schweigen, dann werden die Steine schreien!“

Jesus sagt diesen Satz zum Abschluss einer Szene, in der die Jünger vor lauter Jubel anfangen, herumzuschreien, und Hände hochzureißen, zu jubeln mit klatschenden Händen. Mir ist eines aufgefallen:  Lukas hat beim Einzug Jesu nach Jerusalem die jubelnden Jünger und Jüngerinnen im Blick. Die anderen Evangelisten betonen das nicht so sehr. Da ist es mehr allgemein das jubelnde Volk. Bei Lukas speziell die Jünger Jesu. Sie fangen plötzlich an zu jubeln und sich zu freuen.

Sie stehen nach einem langen Aufstieg am Ölberg und haben die volle Sicht auf Jerusalem. Sie jubeln sicher einer großen Erwartung heraus: Jetzt ist es so weit. Bald wird unser Messias die Macht antreten. Wir wissen, dass es anders geschehen ist.

Die Jünger und Jüngerinnen Jesu jubeln auch, weil ihnen in einer Rückschau plötzlich einfällt, was sie alles mit Jesus erlebt haben, als sie mit ihm unterwegs waren: so viele Heilungen, Befreiungsgeschichten, auch Wunder des Lebens:  wie Jesus eine gekrümmte Frau wieder aufrichtet. Wie Jesus Blinde geheilt, wie er 10 Aussätzige gesund gemacht hat (und nur einer ihm gedankt hat). Selbst totgeglaubte Menschen, wie den jungen Mann in Nain oder die Tochter des Jairus hat er zum Leben verholfen.

Wir kennen diese Geschichten, die diese Jünger mit Jesus erlebt haben, nur vom Hörensagen oder vom Bibellesen. Ich kann mir vorstellen, wenn uns das passiert wäre, wir hätten Blinde wiedersehend gesehen, Lahme wieder laufen sehen, sogar dem Tod geweihte Menschen wieder leben sehen, wir wären genauso ausgeflippt wie diese Jünger.  Halleluja!

Naja vielleicht nicht ganz so ausgeflippt. Als Franken hätte wir vielleicht anerkennenend, Basd scho! Gesagt. Unsere Art des Ausgeflipptseins.

Wunder des Lebens erfahren wir auch heute: Ist es nicht ein Wunder: Wir sind von Corona weitgehend verschont geblieben oder nicht daran gestorben. Wir erleben nicht nur in Corona-Zeiten Momente der glücklichen Bewahrung und Fügungen, Zeiten des Glückes. Wunder des Lebens sind unsere Kinder, unsere Mitmenschen an der Seite und überhaupt, das Leben kann so schön sein auch trotz Corona. Basd scho!

Die Jünger Jesu waren auch nicht dauern im Ausflippen und Halleluja-Singen. Aber der eine Moment hat sie gepackt. Da konnten sie nicht anders, als jubeln, Halleluja singen und Gott loben.

Die Pharisäer, Vertreter einer erstarrten Religiosität, wollten dieses ungehemmte, ausgelassene Gotteslob verbieten.

Die riefen ihm zu: »Lehrer, bring doch deine Jünger zur Vernunft!« 40 Jesus antwortete ihnen: »Das sage ich euch:

Wenn sie schweigen, dann werden die Steine schreien!«

                                                                                                                                                                   Ja. Auch Steine können zum Jubel schreien. Wenn ihr Jünger und Jüngerinnen den Mund nicht aufmacht, werden die Steine jubeln.

Heute: Überall, wo sich Menschen engagieren, auch in den Kirchengemeinden halten viele Ehrenamtliche Kontakt zu Menschen, um der Vereinsamung entgegenzutreten. Gott sei Dank!

 Impfstoffe sind da, inzwischen mehr als genug und wir können geimpft werden oder sind schon geimpft. Gott sei Dank!

Ein Benediktinermönch von Münsterschwarzach ist bereit, für Kirchenasyl Bestrafung auf sich zu nehmen. Gott sei Dank!

Immer mehr junge Menschen engagieren sich im Klimaschutz, in politischer Arbeit, geben Kindern Nachhilfe und gute Begleitung, damit die nicht in den Zeiten der Pandemie den Anschluss verlieren. Gott sei Dank!

Und wenn nicht wir Menschen Gott sei Dank! sagen, dann tun es die umherliegende Steine für uns.

Gott wird immer gelobt, dauernd, nachhaltig, ohne Unterbrechung. Die  ganze Schöpfung  lobt Gott, dafür dass sie da ist. Wir gläubigen Menschen loben Gott für sein Tun und Wirken in unserer Welt. Sogar die Menschen, die Gott nicht kennen, loben Gott, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst sind: die schreienden Babies loben Gott, die kleinen Kinder, die am Strand singend ins Wasser hüpfen, loben Gott und auch die seufzenden, klagenden, dankbaren und lebenslustigen Menschen loben Gott auf ihre Art.  Und nicht zu vergessen: Es ist auch möglich, durch die FFP-2 Maske hindurch Gott zu loben, zu beten,  für Gott und in Gottes Namen zu schreien.

Und wenn wir nicht laut loben können, tun es die Steine. Auch die Steine dieser Kirche hier. Sie fangen an zu reden, zu singen, zu loben.

Der Taufstein dort drüben fängt an zu sprechen:  So viele haben ihre Kinder zu mir gebracht, ihre Kinder über mich gehalten und ich spüre den Segen Gottes, der über diese Kinder gesprochen wurde. Ich hoffe, dass wieder Kinder zu mir zur Taufe gebracht werden!

Der Altarstein hinter mir fängt an zu sprechen: Mich könnt ihr nicht verrücken. Ich bin groß und schwer wie der Grundstein, der mit Christus unverrückbar gelegt ist. Vieles wird sich in der Kirche ändern, der Grundstein steht!

Und der Eckstein im Gewölbe fängt an zu wispern: Seht doch, wie alles auf Christus zuläuft und er den Glauben von ganzen Kirchen wie das Gewölbe zusammenhält.

Und die vielen, vielen Steine im Gemäuer dieser Kirche höre ich wispern: Wir sind verbaut, viele von uns kann man nicht sehen, wir sind verbunden mit euren Vorfahren, die diese Kirche gebaut haben. Und ihr könnt lebendige Steine sein, eingebaut in unserer Kirche.

Der Stein, den ich in der Hand halte, spricht auch zu mir, wenn ich ihn länger in der Hand halte. Was spricht, singt, schreit dieser Stein in meiner Hand?

Erinnere ich dich an eine Last, die du dauernd mit dir herumschleppst. Du musst sie nicht dauernd herumschleppen. Lege sie mit mir in dieser Kirche ab. Gott sei es geklagt!

Erinnere ich dich an einen unscheinbaren Stein? Jeder Stein ist etwas ganz Besonderes. Auch du bist in Gottes Augen etwas Besonderes. Du bist ein Wunder und alles Leben um dich herum ist ein Wunder. Gott sei Dank!

Erinnere ich dich an ein wunderschönes Erlebnis. Ein Stein aus den Bergen, ein Stein aus dem Meer oder sonst etwas, das dich richtig mit Freude erfüllt: Gott sei Dank!

Die Steine von Kirchen, Synagogen und Moscheen fangen an zu schreien, wenn wir unseren Mund wegen Corona nicht aufmachen können, entweder weil uns das Singen verboten ist und weil es uns vergangen ist.  Auch andere Steine fangen an zu schreien, wenn wir verstummen.

Gott kann in so vielen Gestalten gelobt werden. Im Flüstern, im Sprechen, im gemeinsamen Beten, im vielstimmigen Chor. Im Schrei der Klage ebenso wie im Jubel über die Schönheit der Welt. Im Schweigen oder im stummen Verweis auf die Steine, die Lob und Klage übernehmen, wenn aus welchen Gründen auch immer die Worte fehlen.

Wenn Steine all das tun können, Gott all das Leid klagen und gleichzeitig all das Wunderbare, Wunderschöne Gott danken, wenn Steine das tun können, können wir das auch: Gott sei Dank!