Wenn Steine schreien…

Kantate 2.5.21  Trautskirchen    Wenn Steine schreien  Luk 19,37-40

Liebe Gemeinde!

 “Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien!” Diesen Satz sagte Jesus  im Evangelium für den Sonntag Kantate. Nie war uns dieser Satz näher als heute. Einen größeren Gegensatz kann man sich nicht denken.

Auf der einen Seite das fröhliche Gotteslob und die Ermutigung: Kantate! Singt! Singt aus vollem Herzen! Singt laut! Macht dabei den Mund auf und singt aus voller Kehle!

Auf der anderen Seite: Das ist uns verboten! Wenn ihr Gottesdienst feiert, dürft ihr  dabei nicht singen. Nur die Organistin, Frau Stigler darf singen. Alle anderen schweigen. Schon Wochen vor Weihnachten geht das so. Es darf längst wieder Gottesdienst gefeiert werden. Aber zu welchen Auflagen und Bedingungen? Singen verboten! Gott sei es geklagt! Nicht nur, dass wir nicht singen dürfen!

Aber hören wir uns zunächst den biblischen Text aus dem Lukasevangelium an: Luk 19

37 So kam Jesus zu der Stelle,

wo der Weg vom Ölberg nach Jerusalem hinabführt.

Da brach die ganze Schar der Jüngerinnen und Jünger

in lauten Jubel aus.

Sie lobten Gott für all die Wunder, die sie miterlebt hatten.

38 Sie riefen:

»Gesegnet ist der König, der im Namen des Herrn kommt!

Friede herrscht im Himmel

und Herrlichkeit erfüllt die Himmelshöhe!«

39 Es waren auch einige Pharisäer unter der Volksmenge.

Die riefen ihm zu: »Lehrer, bring doch deine Jünger zur Vernunft!«

40 Jesus antwortete ihnen: »Das sage ich euch:

Wenn sie schweigen, dann werden die Steine schreien!«

„Wenn sie schweigen, dann werden die Steine schreien!“

Können Steine schreien?

Vielleicht hatte Jesus den Propheten Habakuk im Sinn.  In seinen Wehe-Rufen verkündet der Prophet Habakuk (Hab 2,11): „Denn auch die Steine in der Mauer werden schreien, und die Sparren am Gebälk werden ihnen antworten.“

Es ist kein Zufall: Unmittelbar im Anschluss dieser Bemerkung Jesu:  „Wenn sie schweigen, dann werden die Steine schreien!“ berichtet Lukas, wie Jesus über Jerusalem weint:

41 Als Jesus sich der Stadt näherte und sie vor sich liegen sah, weinte er über sie:

42 »Wenn doch auch du heute erkannt hättest, was dir Frieden bringt!

Aber jetzt ist es vor deinen Augen verborgen.

43 Denn es wird eine schlimme Zeit über dich herein-brechen:

Deine Feinde werden einen Wall aus spitzen Pfählen

rings um dich errichten.

Sie werden dich umzingeln und von allen Seiten einschließen.

44 Dich und deine Bewohner werden sie restlos vernichten.

Keinen Stein werden sie auf dem anderen lassen –

weil du den Tag nicht erkannt hast,

an dem Gott dir zu Hilfe gekommen ist.«

Steine schreien, weil sie ineinander krachen. Steine schreien, wenn Häuser und Städte in Trümmer fallen. Jesus ahnte, dass diese wunderschöne Stadt Jerusalem in ein paar Jahrzehnten dem Erdboden gleich gemacht wird. Kein Stein wird auf dem anderen bleiben. Kein Gebäude wird verschont werden. Auch der Tempel wird zerstört werden, bis am Ende für die jüdischen Menschen nur die Klagemauer übrigbleibt.

Solche schreiende Steine kennen auch wir in unserer Geschichte: die schreienden Steine der deutschen Städte , die durch Bomben dem Erdboden gleich gemacht haben; die schreienden Steine von Ruinen, auch Kirchenruinen, die Dresdner Frauenkirche etwa.  Schreiende Steine sind aber auch Stolpersteine, die uns in denselben Städten an Namen von jüdischen Menschen erinnern, die einmal in diesen Häusern gewohnt haben und zur Vergasung in Viehwaggons abtransportiert wurden. Schreiende Steine gibt es auch in unserem eigenen Leben.                    Gott sei es geklagt!

„Wenn sie schweigen, dann werden die Steine schreien!“ Auch aus dem biblischen Gesamtzusammenhang wird deutlich, dass die Steine, wenn sie anfangen zu schreien, eher klagen und aufschreien als jubeln. Nicht bald darauf werden sie den, der andere vor der Steinigung bewahrt hat, ans Kreuz nageln. Bald wird Jesus das Leid der Welt, das Unrecht am eigenen Leib spüren. Und er wird verzweifelt seinem Gott klagen, warum er ihn verlassen hat. Gott sei es geklagt!

Und heute?

In Indien kämpfen die Krankenhäuser um das Überleben ihrer Patienten. In Brasilien, Niederlanden, Polen auch. Und bei uns kämpfen auch Menschen tagtäglich auf den Intensivstationen ums Überleben. Gott sei’s geklagt.

Im Mittelmeer ertrinken afrikanische Menschen. Bei uns geraten immer mehr Menschen unverschuldet in Schulden. Gott sei’s geklagt.

So beklagen die Steine, die Jesus im Blick hat, zunächst all die Trümmerhaufen, Scherbenhaufen, das Elend der Welt. Steine klagen, wenn sie schreien.

Vielen Menschen geht es genauso. Es ist ihnen zum Schreien. Sie wollen Gott nicht immer nur loben, sie wollen berechtigterweise auch ihre Klagen hervorbringen. Und Jesus verbietet das nicht. Wir dürfen auch als gläubige Menschen Krankheiten herausschreien, Enttäuschungen herausschreien, Fehler und Sünden herausschreien, Mühsal und Überforderung herausschreien. AHHH!

Wer schreit, der gibt Gott nicht auf: Gott, ich klage dir mein Leid. Hast du mir nicht was ganz anderes versprochen! Ich nehme dich beim Wort. Ich nehme dich ernst. So klage ich dir mein Leid und klage dir die Ohren voll. Du hälst es aus. Du hälst mich aus!

Manchmal leiden Menschen leiden unter unheilbaren Krankheiten, die so schwer sind, dass sie die Leidenden zum Verstummen bringen. Dann fangen die Steine an zu schreien. Die Steine treten  schreiend an die Stelle der verstummten, am Leid erstickenden Menschen.

„Die Klage erdet das Gotteslob, weil die eigene Not, die Not anderer und die Not der Mitwelt nicht verschwiegen werden müssen“ Michala Will hat das geschrieben. Ich kenne diese Frau nicht. Aber ich kenne die Tiefe ihrer Aussage: Gotteslob muss geerdet sein und die Klage erdet das Gotteslob.

Klage ist ein wichtiger Bestandteil des Gotteslobes. In guten Zeiten Gott danken und dankbar sein ist schon eine Kunst. Erst recht in schlechten Zeiten sich trotzdem an Gott wenden und den Halt bei ihm suchen.

Steine können auch jubeln und vor Freude hüpfen. Wenn wir es nicht tun, dann tun es die Steine vor Glück.

„Wenn sie schweigen, dann werden die Steine schreien!“

Jesus sagt diesen Satz zum Abschluss einer Szene, in der die Jünger vor lauter Jubel anfangen, herumzuschreien, und Hände hochzureißen, zu jubeln mit klatschenden Händen. Mir ist eines aufgefallen:  Lukas hat beim Einzug Jesu nach Jerusalem die jubelnden Jünger und Jüngerinnen im Blick. Die anderen Evangelisten betonen das nicht so sehr. Da ist es mehr allgemein das jubelnde Volk. Bei Lukas speziell die Jünger Jesu. Sie fangen plötzlich an zu jubeln und sich zu freuen.

Sie stehen nach einem langen Aufstieg am Ölberg und haben die volle Sicht auf Jerusalem. Sie jubeln sicher einer großen Erwartung heraus: Jetzt ist es so weit. Bald wird unser Messias die Macht antreten. Wir wissen, dass es anders geschehen ist.

Die Jünger und Jüngerinnen Jesu jubeln auch, weil ihnen in einer Rückschau plötzlich einfällt, was sie alles mit Jesus erlebt haben, als sie mit ihm unterwegs waren: so viele Heilungen, Befreiungsgeschichten, auch Wunder des Lebens:  wie Jesus eine gekrümmte Frau wieder aufrichtet. Wie Jesus Blinde geheilt, wie er 10 Aussätzige gesund gemacht hat (und nur einer ihm gedankt hat). Selbst totgeglaubte Menschen, wie den jungen Mann in Nain oder die Tochter des Jairus hat er zum Leben verholfen.

Wir kennen diese Geschichten, die diese Jünger mit Jesus erlebt haben, nur vom Hörensagen oder vom Bibellesen. Ich kann mir vorstellen, wenn uns das passiert wäre, wir hätten Blinde wiedersehend gesehen, Lahme wieder laufen sehen, sogar dem Tod geweihte Menschen wieder leben sehen, wir wären genauso ausgeflippt wie diese Jünger.  Halleluja!

Naja vielleicht nicht ganz so ausgeflippt. Als Franken hätte wir vielleicht anerkennenend, Basd scho! Gesagt. Unsere Art des Ausgeflipptseins.

Wunder des Lebens erfahren wir auch heute: Ist es nicht ein Wunder: Wir sind von Corona weitgehend verschont geblieben oder nicht daran gestorben. Wir erleben nicht nur in Corona-Zeiten Momente der glücklichen Bewahrung und Fügungen, Zeiten des Glückes. Wunder des Lebens sind unsere Kinder, unsere Mitmenschen an der Seite und überhaupt, das Leben kann so schön sein auch trotz Corona. Basd scho!

Die Jünger Jesu waren auch nicht dauern im Ausflippen und Halleluja-Singen. Aber der eine Moment hat sie gepackt. Da konnten sie nicht anders, als jubeln, Halleluja singen und Gott loben.

Die Pharisäer, Vertreter einer erstarrten Religiosität, wollten dieses ungehemmte, ausgelassene Gotteslob verbieten.

Die riefen ihm zu: »Lehrer, bring doch deine Jünger zur Vernunft!« 40 Jesus antwortete ihnen: »Das sage ich euch:

Wenn sie schweigen, dann werden die Steine schreien!«

                                                                                                                                                                   Ja. Auch Steine können zum Jubel schreien. Wenn ihr Jünger und Jüngerinnen den Mund nicht aufmacht, werden die Steine jubeln.

Heute: Überall, wo sich Menschen engagieren, auch in den Kirchengemeinden halten viele Ehrenamtliche Kontakt zu Menschen, um der Vereinsamung entgegenzutreten. Gott sei Dank!

 Impfstoffe sind da, inzwischen mehr als genug und wir können geimpft werden oder sind schon geimpft. Gott sei Dank!

Ein Benediktinermönch von Münsterschwarzach ist bereit, für Kirchenasyl Bestrafung auf sich zu nehmen. Gott sei Dank!

Immer mehr junge Menschen engagieren sich im Klimaschutz, in politischer Arbeit, geben Kindern Nachhilfe und gute Begleitung, damit die nicht in den Zeiten der Pandemie den Anschluss verlieren. Gott sei Dank!

Und wenn nicht wir Menschen Gott sei Dank! sagen, dann tun es die umherliegende Steine für uns.

Gott wird immer gelobt, dauernd, nachhaltig, ohne Unterbrechung. Die  ganze Schöpfung  lobt Gott, dafür dass sie da ist. Wir gläubigen Menschen loben Gott für sein Tun und Wirken in unserer Welt. Sogar die Menschen, die Gott nicht kennen, loben Gott, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst sind: die schreienden Babies loben Gott, die kleinen Kinder, die am Strand singend ins Wasser hüpfen, loben Gott und auch die seufzenden, klagenden, dankbaren und lebenslustigen Menschen loben Gott auf ihre Art.  Und nicht zu vergessen: Es ist auch möglich, durch die FFP-2 Maske hindurch Gott zu loben, zu beten,  für Gott und in Gottes Namen zu schreien.

Und wenn wir nicht laut loben können, tun es die Steine. Auch die Steine dieser Kirche hier. Sie fangen an zu reden, zu singen, zu loben.

Der Taufstein dort drüben fängt an zu sprechen:  So viele haben ihre Kinder zu mir gebracht, ihre Kinder über mich gehalten und ich spüre den Segen Gottes, der über diese Kinder gesprochen wurde. Ich hoffe, dass wieder Kinder zu mir zur Taufe gebracht werden!

Der Altarstein hinter mir fängt an zu sprechen: Mich könnt ihr nicht verrücken. Ich bin groß und schwer wie der Grundstein, der mit Christus unverrückbar gelegt ist. Vieles wird sich in der Kirche ändern, der Grundstein steht!

Und der Eckstein im Gewölbe fängt an zu wispern: Seht doch, wie alles auf Christus zuläuft und er den Glauben von ganzen Kirchen wie das Gewölbe zusammenhält.

Und die vielen, vielen Steine im Gemäuer dieser Kirche höre ich wispern: Wir sind verbaut, viele von uns kann man nicht sehen, wir sind verbunden mit euren Vorfahren, die diese Kirche gebaut haben. Und ihr könnt lebendige Steine sein, eingebaut in unserer Kirche.

Der Stein, den ich in der Hand halte, spricht auch zu mir, wenn ich ihn länger in der Hand halte. Was spricht, singt, schreit dieser Stein in meiner Hand?

Erinnere ich dich an eine Last, die du dauernd mit dir herumschleppst. Du musst sie nicht dauernd herumschleppen. Lege sie mit mir in dieser Kirche ab. Gott sei es geklagt!

Erinnere ich dich an einen unscheinbaren Stein? Jeder Stein ist etwas ganz Besonderes. Auch du bist in Gottes Augen etwas Besonderes. Du bist ein Wunder und alles Leben um dich herum ist ein Wunder. Gott sei Dank!

Erinnere ich dich an ein wunderschönes Erlebnis. Ein Stein aus den Bergen, ein Stein aus dem Meer oder sonst etwas, das dich richtig mit Freude erfüllt: Gott sei Dank!

Die Steine von Kirchen, Synagogen und Moscheen fangen an zu schreien, wenn wir unseren Mund wegen Corona nicht aufmachen können, entweder weil uns das Singen verboten ist und weil es uns vergangen ist.  Auch andere Steine fangen an zu schreien, wenn wir verstummen.

Gott kann in so vielen Gestalten gelobt werden. Im Flüstern, im Sprechen, im gemeinsamen Beten, im vielstimmigen Chor. Im Schrei der Klage ebenso wie im Jubel über die Schönheit der Welt. Im Schweigen oder im stummen Verweis auf die Steine, die Lob und Klage übernehmen, wenn aus welchen Gründen auch immer die Worte fehlen.

Wenn Steine all das tun können, Gott all das Leid klagen und gleichzeitig all das Wunderbare, Wunderschöne Gott danken, wenn Steine das tun können, können wir das auch: Gott sei Dank!

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