Monatsarchiv: Juni 2021

99 verlorene Schafe oder warum Schafe das Weite suchen …

Predigt über Lukas 15,1-7 – die verlorenen 99 Schafe – 20.7.21 Trautskirchen

Das Gleichnis vom verlorenen Schaf

15 1 Alle Zolleinnehmer und andere Leute,

die als Sünder galten, kamen zu Jesus, um ihm zuzuhören.

2 Die Pharisäer und Schriftgelehrten ärgerten sich darüber.

Sie sagten: »Mit solchen Menschen gibt er sich ab

und isst sogar mit ihnen!«

3 Da erzählte ihnen Jesus dieses Gleichnis:

4 »Was meint ihr: Einer von euch hat hundert Schafe und verliert eines davon.

Wird er dann nicht die neunundneunzig Schafe

in der Wüste zurücklassen?

Wird er nicht das verlorene Schaf suchen,

bis er es findet?

5 Wenn er es gefunden hat, freut er sich sehr.

Er nimmt es auf seine Schultern

6 und trägt es nach Hause.

Dann ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen

und sagt zu ihnen: ›Freut euch mit mir!

Ich habe das Schaf wiedergefunden,

das ich verloren hatte.‹

7 Das sage ich euch:

Genauso freut sich Gott im Himmel

über einen Sünder, der sein Leben ändert.

Er freut sich mehr als über neunundneunzig Gerechte,

die es nicht nötig haben, ihr Leben zu ändern.«

Liebe Gemeinde,

ein einfaches Gleichnis, klar und verständlich: Auf einen Nenner gebracht:

Schaf läuft weg. – Hirte sucht Schaf. – Schaf wird gefunden. – Hirte bringt es nach Hause. – Hirte ist überglücklich.

Noch einfach die Deutung: Klar, Jesus selber ist der Hirte. Jesus läuft dem verlorenen Schaf hinterher und sucht bis er es findet, das verlorene Schaf, den verlorenen Menschen.

Wir kennen das Gleichnis vom verlorenen Schaf. Mal ehrlich: Kann uns dieser Jesus mit seinen Gleichnissen noch überraschen? Als ich merkte, dass für diesen Sonntag dieses Gleichnis dran ist, seufzte ich: Ach ja, wie bekannt, fast so bekannt wie das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Gleiche Botschaft anderes Gleichnis. Eigentlich immer dasselbe. Kann es bald nicht mehr hören.

Was mich ein bisschen beunruhigt hat: Dieses Gleichnis vom verlorenen Schaf hat mich nicht aufgewühlt. Ich habe innerlich abgewunken: Kenne ich schon, das nächste bitte!

Aber halt. Ich stelle mir vor, wie Jesus dieses Gleichnis den Menschen zum ersten Mal erzählt hatte, wie sie atemlos zugehört haben, wie sie in ihrem gewohnten Glauben erschüttert, aufgewühlt wurden, wie sich etwas in ihnen verändert und zum Guten hin bewegt hat. Nicht zu fassen: Sollte Gott wirklich so sein, dass er sich um einen einzigen Menschen so kümmert? Sollte Gott mich so lieb haben, dass er nach mir, ausgerechnet nach mir sucht und die anderen stehen lässt? Revolutionär war das Denken Jesu damals, so haben es die Menschen jedenfalls empfunden.

Und wir? Kann uns dieser Jesus Christus mit seiner revolutionären Botschaft von der radikalen Liebe Gottes nicht mehr erschüttern, aufwühlen, verändern und bewegen? Können wir aus unserem Alltag, aus unseren Denkgewohnheiten, aus unserem manchmal erstarrten Glaubensleben aus- und zu Christus hin aufbrechen? Mit der bekannten und uns doch so wohlvertrauten Geschichte über ein verlorenes Schaf?

Dieses Gleichnis lässt uns nicht mehr staunen. Wir nehmen das so hin. Wir meinen es zu kennen. Wir meinen es zu wissen, was Jesus damit sagen will. Aber im Grunde genommen haben wir nichts verstanden. Wir spüren, dass mit der Botschaft des Evangeliums irgendwie die ganze menschliche Existenz berührt und betroffen ist, aber leider merkt man nichts davon im Alltag.

Hören wir einfach noch einmal neu dieses Gleichnis vom verlorenen Schaf.

4 »Was meint ihr: Einer von euch hat hundert Schafe und verliert eines davon.

Wird er dann nicht die neunundneunzig Schafe

in der Wüste zurücklassen?

Wird er nicht das verlorene Schaf suchen,

bis er es findet?

5 Wenn er es gefunden hat, freut er sich sehr.

Er nimmt es auf seine Schultern

6 und trägt es nach Hause.

Dann ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen

und sagt zu ihnen: ›Freut euch mit mir!

Ich habe das Schaf wiedergefunden,

das ich verloren hatte.‹

Dass Jesus sich in der Geschichte mit dem guten Hirten selbst meint, ist klar, – das ist die klassische Auslegung. Mehr Worte sind dazu nicht nötig.
Aber nun möchte ich heute noch einen anderen Blick auf das Gleichnis werfen:

Habt Ihr Euch schon einmal gefragt: Warum ist das eine Schaf eigentlich abhandengekommen? Warum ist es verschwunden? Hat es nicht aufgepasst und deshalb den Anschluss an die Herde verloren? Kann sein.

Ich denke, es könnte aber auch ganz anders gewesen sein: Vielleicht hat sich das Schaf gedacht: „Mir reicht’s jetzt! Aus! Ich will weg von dieser doofen Schafsherde. Weg von diesen Schafsköpfen. Ich geh meinen eigenen Weg…“  Und vielleicht hatte dieses Schaf recht damit: Nur weg von diesen Schafsköpfen! Wenn ich bleibe, gehe ich unter in dieser Schafsherde. Und wenn es ganz schlimm kommt, gehe ich hier ein.

Und damit bekommt das Gleichnis plötzlich eine brisante Note. Denn die Frage, die mich heute bewegt ist: Warum ist eigentlich keines der übrigen 99 Schafe aufgebrochen, um das verlorene zu suchen? Ist es überhaupt jemandem abgegangen? Hat es von den 99 anderen Schafen überhaupt einer vermisst? Gibt es da keinen Leithammel und keinen Schäferhund, die aufpassen könnten?

Vielleicht ist Euch das auch schon einmal so ergangen? Niemand fragt nach dir.  Niemand vermisst dich. Du gehst niemand ab. Den anderen ist es völlig wurscht, ob du da bist oder nicht. Sie vermissen dich nicht einmal. Wem das schon mal passiert ist, der weiß, wie weh das tut.

Also noch einmal: Warum geht keines der 99 Schafe suchen? Waren sie nur achtlos, oder sogar froh, den Störenfried endlich vom Hals zu haben? Hat das schwarze Schaf nicht hineingepasst? Und als der Hirte es zurückbringt, ist keine Rede davon, dass die 99 Schafe sich darüber freuen. Der Hirte jubelt allein.

Die Geschichte vom verlorenen Schaf stellt uns eine ziemlich direkte Frage: Wie geht es in unseren Herden zu? Wie geht es in unseren Kirchen und Kirchengemeinden zu.

Gibt es dort für die einzelnen Freiräume? Gibt es auch für sogenannte schwarze Schafe Freiräume? Oder nur Zwang? Zwang zur Anpassung? Entweder du passt dich an oder… Lebt es sich eigentlich gut in unseren Gemeinden? Wer macht die Regeln? Es gibt ungeschriebene Gesetze auch für eine Schafsherde und ein einzelnes Schaf tut gut daran, sich daran zu halten. Sonst gibt es Hiebe und Knuffe von den anderen. Und die anderen sind stärker, können gehörig Druck machen.  Wie reagieren wir als Gemeindeglieder, wenn sich jemand im Gemeindeleben aus welchen Gründen auch immer nicht mehr sehen lässt? Fragen wir dann bei dem Betroffenen nach? Oder ist es uns egal, fällt uns womöglich gar nicht auf.

Die Herde mit den 99 Schafen steht für die Kirchen heute, aus deren Reihen immer mehr Menschen ausscheren. Das eine Schaf, das ausbüchst, steht für die Menschen, die keinen Bock auf diese Herden mehr haben. Sie haben den Herdenzwang satt, sie suchen ihre Freiheiten, oft natürlich auf sehr fragwürdige Weise. Für diese Menschen, die das Weite gesucht haben, steht dieses eine Schaf, das abgehauen ist: „Bloß weg von den 99 anderen, die sich eh nicht um mich gekümmert haben!“, sagt sich dieses eine Schaf.

Man kann es an den leeren Schafpferchen sehen. In den letzten Jahren habe ich darunter gelitten, dass die Gottesdienste in unserer Gemeinde immer leerer geworden sind. Ein schwacher Trost, dass es bei den meisten anderen Gemeinden nicht viel anders aussieht: Die alten treuen Kirchgänger sterben und es kommen wenig bis gar keine neuen Kirchgänger nach. Habt Ihr Euch einmal gefragt, warum eigentlich? Der Grund ist nicht, dass die Predigten so langweilig sind. Corona wird gerne vorgeschoben, ist aber nicht der eigentliche Grund.

Der Grund ist auch nicht, dass die Zeiten am Sonntagvormittag nicht passen, oder dass die Musik nicht passt. Die Kirchen – und da ist es egal, ob man evangelisch oder katholisch meint – haben ein großes Problem: Sie sind für viele Menschen nicht mehr glaubwürdig. Man glaubt uns das, was wir predigen, nicht mehr. Und ich sage: Ja, es stimmt: Die Kirchen und ihre Vertreter sind manchmal wirklich unglaubwürdig.

Die Kirchen predigen die Liebe Gottes – und sind selbst oft unerbittlich zu den eigenen Gläubigen. Sexueller Missbrauch von Kindern und Frauen, überhaupt Frauen haben bis zum heutigen Tag in der katholischen Kirche nichts zu sagen. Schwule sind Randgruppen und dürfen nicht gesegnet werden.

 Gut, das ist zugegeben ein mehr katholisches Leidensthema. Aber auch bei uns Evangelischen geht es mitunter hart zu: Es gibt auch bei uns Amtsmissbrauch von vereinzelten Pfarrern. Es wird auch bei unseren Gemeinden mitunter gemobbt und hinausgeekelt auf Teufel komm heraus. Wir brauchen uns nicht wundern, dass das eine oder andere Schaf das Weite sucht. Die Kirchen reden von Liebe, Barmherzigkeit und Frieden, und sind seit Jahrhunderten untereinander heillos zerstritten.  Immer noch können wir nicht Abendmahl/ Eucharistie miteinander feiern. In unseren Kirchen muss man manchmal die Möglichkeit, Gemeinschaft zu erleben suchen wie die Stecknadel im Heuhaufen.

Aber warum alle das? Warum so viel Spaltungen in einer Herde. Warum sucht jeder von uns das Seine und gehen dabei in die Irre? Wie kann es passieren, dass  uns so vieles in unserer Kirche wichtiger geworden ist und wir ständig nur um uns selbst kreisen?

Ich denke, all das geschieht, wenn der Blick auf den Hirten verloren geht. Wenn wir Jesus Christus nicht mehr im Blick haben. Wenn wir ihn und seine radikale Botschaft von der bedingungslosen Liebe Gottes aus den Augen verloren haben. Das Evangelium ist natürlich in unseren Kirchen noch da, aber ist im Laufe der Zeit durch Rituale, alte Traditionen, Verwaltungskram und Selbstbeschäftigungstherapien zugedeckt worden.

Was können wir tun, damit die Schafe da draußen wieder zu uns zurückfinden? Was können wir tun, um wieder glaubwürdig zu werden?  Eigentlich ist es einfach. Und wie alles, was einfach ist, auch so schwer.  Wir können wieder glaubwürdig werden durch Umkehr. Umkehr heißt: 99 Schafe kehren um, und denken darüber nach, wie sie ihre Gemeinschaft leben können ohne Gruppendruck und inneren Zwängen. Umkehr heißt: Wir gehen auf die scheinbar verlorenen Schafe da draußen zu und fragen sie: Was müsste sich bei uns Kirchens ändern, damit ihr euch wieder bei uns wohlfühlt? Corona hatte ein Gutes:  So manche heiß geliebte alte Traditionen konnte ganz plötzlich aufgegeben werden, war auf einmal nicht mehr so wichtig. So manche festfixierte Blickrichtung hat sich coronabedingt verändert. Wir 99 Schafe sind längst nicht mehr so verbissen darauf bedacht, dass sich aber auch ja nichts verändert. Es hat sich schon ganz viel verändern und wird sich noch mehr verändern.

Im Gleichnis macht sich der Hirte auf die Suche nach dem verlorenen Schaf.  Über die verlorenen Schafe brauchen wir uns keine Sorge zu machen. Der gute Hirte wird auf seine Weise die verlorenen Schafe suchen gehen. Er wird sie finden, selbst wenn die traditionelle Herde, die Kirche versagt. Im Gleichnis lässt er wegen einem einzelnen Schaf die anderen 99 zurück. Auf sich allein gestellt. Manchmal hab ich den Eindruck, dass genau das gerade geschieht. Vielleicht sind wir die 99 Schafe im Gleichnis, die der Hirte allein auf sich gestellt, gerade zurück gelassen hat. Und vielleicht ist deshalb die Herde etwas ratlos, verwirrt, weiß nicht, wohin es einmal gehen wird. Und verzagt an der Aussicht einer Zukunft ohne den guten Hirten.

Eines steht fest: Der gute Hirte Jesus Christus ist nicht der Besitz der Kirche, weder der evangelischen oder der katholischen. Wir können nicht sagen: Wir haben die Wahrheit für alle Zeiten gepachtet, ihr müsst zu uns kommen und genauso angepasst leben wie wir. Nein Jesus Christus ist der Hirte der evangelischen und der katholischen Herde und vieler anderer Herden. Und er ist von uns nicht immer zu begreifen. Er entzieht sich uns und verlässt seine Kirchen von Zeit zu Zeit, um verlorene Schafe suchen zu gehen. Und: Er sucht sie auf seine Weise. Nicht wie wir meinen.

Vielleicht gelingt es uns, diese Zeit ohne Hirten zum Nachdenken zur Umkehr, zur Veränderung unseres Lebensstiles zu nützen. Dann können wir jubeln, wenn der Hirte wieder kommt mit dem verlorenen Schaf auf seinen Schultern.

Was machen eigentlich die 99 Schafe ohne Hirten? Wir können einander ankläffen wie die Hirtenhunde, oder gar angiften wie die Schlangen. Manchmal geschieht es. Aber besser ist es, wenn wir in diesen Zeiten zusammenhalten. Wir können aufeinander achtsam und behutsam aufpassen, bis der Hirte wieder kommt mit dem verlorenen Schaf auf dem Schultern. Und er wird wieder kommen. Und ich glaube, dass er für unsere Augen unsichtbar auch über uns 99 Schafe wacht.

Es ist wohl wahr: Die 99 Schafe, die Kirchen werden sich ändern müssen. Erst wenn die 99 Schafe aus Sehnsucht aufbrechen, um das Einzelne zu suchen, erst dann ist die Herde auf den richtigen Weg.

Und eines ist wohl klar: Wir werden uns damit abfinden müssen, dass wir manche Schafe nicht mehr finden. Sie haben andere Herden gefunden. Wünschen wir ihnen Gottes Segen und urteilen wir nicht über sie. Es steht uns nicht zu, dass wir andere verurteilen. Wir sind nicht die Hirten. Wir sind nur eins der 99 Schafe, die am besten vor der eigenen Schafstür kehren sollten.

Falls Euch der Vergleich der 99 Schafe mit den Kirchen zu weit gegriffen war, möchte ich Euch noch einen Gedanken zum Schluss mit geben: In jeder Familie und in jedem Dorf gibt es verlorene Schafe. Menschen, die man abgeschrieben hat. Die man verstoßen hat. Die man ausgebootet hat. Ich glaube, der gute Hirte würde sie suchen gehen. Such doch mal das Gespräch mit einem solchen Menschen in deiner Familie oder im Dorf. Vielleicht warten sie schon darauf.

Jeder einzelne Mensch ist wertvoll, denn er trägt in sich als Kind Gottes das Geheimnis des Lebens.
Man könnte sagen: Finde einen verlorenen Menschen und du findest ein Stück deines eigenes Lebens.

Amen

Was jeder verstehen kann

13.6.21 Trautskirchen        1. Korinther 14,1-12 Basisbibelübersetzung

„Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe!

Strebt nach den Gaben, die der Heilige Geist schenkt – vor allem aber danach, als Prophet zu reden.

2 Wer in unbekannten Sprachen redet, spricht nicht zu den Menschen, sondern zu Gott. Denn niemand versteht ihn. Was er unter dem Einfluss des Geistes sagt, bleibt vielmehr ein Geheimnis.

3 Wer dagegen als Prophet redet, spricht zu den Menschen. Er baut die Gemeinde auf, er ermutigt die Menschen und tröstet sie.

4 Wer in unbekannten Sprachen redet, baut damit nur sich selbst auf.

Wer aber als Prophet redet, baut die Gemeinde auf.

5 Ich wünschte mir, dass ihr alle in unbekannten Sprachen reden könntet.

Noch lieber wäre es mir, wenn ihr als Propheten reden könntet. Wer als Prophet redet, ist bedeutender als derjenige, der in unbekannten Sprachen redet – es sei denn, er deutet seine Rede auch. Das hilft dann mit, die Gemeinde aufzubauen. Reden in unbekannten Sprachen bleibt ohne Auslegung unverständlich.

6 Was wäre, Brüder und Schwestern, wenn ich zu euch komme und in unbekannten Sprachen rede.

Was habt ihr davon, wenn ich euch nichts Verständliches vermittle?

Das kann eine Vision sein oder eine Erkenntnis, eine prophetische Botschaft oder eine Lehre.

7 So ist es ja auch bei den Musikinstrumenten,

zum Beispiel bei einer Flöte oder Leier:                                Nur wenn sich die Töne unterscheiden, kann man die Melodie der Flöte oder Leier erkennen.

8 Oder wenn die Trompete kein klares Signal gibt, wer rüstet sich dann zum Kampf?

9 Genauso wirkt es, wenn ihr in unbekannten Sprachen redet.

Wenn ihr keine verständlichen Worte gebraucht, wie soll man das Gesagte verstehen können?

Ihr werdet in den Wind reden!

10 Niemand weiß, wie viele Sprachen es auf der Welt gibt. Und kein Volk ist ohne Sprache.

11 Wenn ich eine Sprache nicht verstehe, werde ich für den ein Fremder sein, der sie spricht.

Und wer sie spricht, ist umgekehrt ein Fremder für mich.

12 Das gilt auch für euch. Ihr strebt nach den Gaben des Heiligen Geistes.

Dann strebt nach Gaben, die die Gemeinde aufbauen. Davon könnt ihr nicht genug haben.

„Wie kannst du nur diesen Fehler machen! Unverzeihlich!
„Du hast schon wieder nicht! Nein, so geht das nicht!“ Was bist du nur für ein Loser! Du Depp!“

Manchmal werfen wir Worte wie Giftpfeile auf andere oder werden damit beworfen. Solche Worte oder auch noch schlimmere vergiften die Beziehung. Sie verletzen und grenzen aus.  Und auf einmal geschieht Spaltung, Streit, ein tiefer Riss. – Genau das soll nicht passieren, sagt Paulus in seinem Brief an die Korinther. Eure Worte sollen Gemeinschaft ermöglichen. Eure Worte sollen Menschen  trösten und ermutigen. Nicht ausgrenzen, Nicht verletzen. Sagt er.


„Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe!schreibt Paulus.

Die Liebe ist  d e r  Maßstab. Auch wenn es um Worte geht, ob ich sie sage oder lieber den Mund halte. Die Liebe sagt mir: Moment mal, überlege dir genau, was du dem anderen sagst. Und wenn deine Worte möglicherweise verletzend oder ausgrenzend sind, lass sie lieber bleiben. Denn auf dem Weg der Liebe wird kein Mensch ausgegrenzt. Paulus hat dabei eine Gruppe in Korinth im Auge. Diese kleine, aber feine Gruppe von Christen und Christinnen war auf ihr inniges Verhältnis zu Gott besonders stolz. Vielleicht sogar zu Recht. Denn sie haben dafür sogar eine eigene Sprache, die Zungenrede. Eine Sprache, die nur sie selber und Gott verstehen. Mit Gott auf du und du. Wir verstehen Gott und er uns.

Das ist schön für euch und euer Gemeinschaftsgefühl, schreibt Paulus dieser Gemeindegruppe. Aber was ist mit den anderen in der Gemeinde und draußen?  Eure Wellnesszungensprache, euer „mit Gott per Du- Gebet“, hilft ganz offensichtlich nicht den anderen, schreibt Paulus. Im Gegenteil: es schließt die anderen aus, weil sie nicht verstehen, worum es geht. Vielleicht bekommen sie sogar das Gefühl, dass sie noch nicht fest genug glauben oder dass an ihrer Beziehung zu Gott was nicht stimmt. Und das ist lieblos. Und unbarmherzig.

Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe!“ schreibt Paulus.
Eure Worte sollen verbinden, nicht ausschließen. Und doch tun sie es. Oft sogar unbeabsichtigt. Auch hier bei uns. Hier in der Kirche.


Bis zur Reformation haben die Pfarrer auf Latein gepredigt. Das Volk verstand sie nicht. Die Laien nahmen am Schauspiel der Kleriker teil, aber gehörten nicht wirklich dazu. Auch die Bibel gab es noch nicht in Deutsch.


Das änderte sich dann. Plötzlich gab es die Muttersprache in der Bibel und auf der Kanzel. Aber verstanden die Leute wirklich, was gesagt wurde?

Ich fasse mir an meine eigene Nase: Wie oft habe ich viel zu lange Sätze verwendet? Und Worte, die nur die wirklich Eingeweihten verstehen?

Dazu kommt: Ich lebe ja auch in meiner Welt. Und ihr als Hörer und Hörerinnen lebt in eurer Welt. Manchmal habe ich den Eindruck, ich lebe in einer ganz anderen Welt als ihr…

Meine Erfahrungen sind nicht eure.  Eure Erfahrungen sind nicht meine. Wir sprechen und verstehen zwar deutsch. Und ich gehe davon aus, dass wir uns verstehen, weil wir doch dieselbe Sprache haben. Aber manchmal sprechen wir doch nicht dieselbe Sprache. Sonst gäbe es nicht so viele Missverständnisse. Und ja, ich ertappe ich mich dabei, wie auch ich Worte benutze, die ausgrenzen, und Sätze, die ihr nicht versteht. So verstehen wir uns und verstehen uns vielleicht doch nicht.  So muss ich vielleicht noch deutlicher wie damals in Memmingen.

Vor vielen Jahren war ich damals in Memmingen nebenamtlich Gefängnisseelsorger. Ich traf im Knast auf eine ganz andere, mir fremde Welt. Ich gab mir Mühe, sie zu verstehen und mich verständlich zu machen. Die Knackis haben kein Kirchenlatein verstanden und auch kein Kirchendeutsch. Sie haben nicht gewusst, was eine Liturgie ist und haben sich auch nicht darangehalten. Sie konnten kein Glaubensbekenntnis und kein Vaterunser. Lieder von anno dazumal haben sie weder gesungen noch verstanden. Selbst bei modernen Liedern haben lieber miteinander getratscht und Tabak getauscht, als mitgesungen.

Ich habe mein Predigtmanuskript abgelegt und frei gesprochen. Frei von der Leber habe ich gesprochen, auch  derb. Ich habe das Wort Scheiße in den Mund genommen. Warum? Nun viele von ihnen sagten mir im Knast: Alles ist Scheiße. Das Gerichtsurteil, die Schließer, das Essen, die anderen Kriminellen: alles Scheiße! Also habe ich den Strafgefangenen an einem Tag vor Heiligabend frei und ungeschönt  vor Augen gemalt, wie dreckig der Schafsstall war, in dem Jesus geboren ist, die Scheiße bis hierher. Da stand ein Knacki lässig an der Wand gelehnt, mit verschränkten Armen und sagte grinsend: „Vielleicht steht Gott auf Scheiße!“.  Ich war glücklicherweise so schlagfertig  und habe ihm geantwortet haben:

„Gott steht nicht auf Scheiße, sondern auf die Leute, die Scheiße gebaut haben!“

Da haben diese Knackis, die alle Scheiße der Welt gebaut haben, vom Dieb bis zum Mörder, ganz anders hingehört als all die Christen in der Kirche nachher. Eigentlich habe ich den braven, anständigen Christenmenschen danach in der Kirche die gleiche Botschaft gesagt, auch wenn ich das Wort Scheiße nicht gesagt habe: Der Stall voller Scheiße heißt, wir dürfen zu Jesus kommen, wie wir sind, als Sünder oder auch als Menschen, die ganz viel Dreck am Stecken haben, ja auch Scheiße gebaut habe.

Sünder willkommen. So steht es auf dem Schild.  Hier steht nicht: Sünde willkommen! Gott liebt den Sünder, auch den der den allergrößten Scheiß gebaut hat. Aber die Sünde hasst Gott. Gott findet Scheiße genauso Scheiße wie wir.

So findet es Gott genauso Scheiße, wenn wir hartherzig und erbarmungslos miteinander umgehen. Sünde ist Scheiße. Und Scheiße ist es, wenn Menschen einander mit Dauer-kritik überziehen. Sünde ist Scheiße. Und Scheiße ist es, wenn wir über andere herziehen, hinter ihrem Rücken sie und die Gemeinde schlecht machen. Warum ist das Scheiße? Weil es spaltet zwischen denen, die Recht haben und denen die nicht recht haben. Sünde ist Scheiße. Und Scheiße ist es,  wenn Worte ausgesprochen werden, die, einmal ausgesprochen nicht zurückgeholt werden können. Worte vernichten, spalten, zerstören. Worte grenzen aus und verletzen.

Schluss mit der Scheiße! Ich hoffe, dass ihr mich jetzt versteht. Dass ihr mir aufmerksam zuhört und nicht missversteht. Ich hoffe, dass ihr noch dabei seid. Und mir innerlich zustimmen könnt, zu dem, was ich jetzt sage:


Mir liegt ganz viel an einer Kirche, die niemanden ausgrenzt und verletzt. Niemanden. Mir liegt ganz viel an einer
Kirche, die für euch und auch für mich ein guter, ein sicherer, ein liebevoller Ort ist. Ein Ort, wo jeder und jede von uns aufatmen kann, wo wir zur Stille, zu Gott kommen können. Ein Ort, der mir sagt: Ich bin nicht allein auf dieser Welt. Ich bin nicht allein mit meinen Sorgen und Ängsten. Ich habe nicht nur meinen Ehepartner und meine Familie. Ich habe nicht nur meine vertraute Gruppe, meinen Freundeskreis. Ich finde in dieser Kirche Menschen vor, die auch ihre Sorgen und Ängste haben und manchmal viel, viel größere Sorgen und Ängste. Kirche als Zufluchtsort.

Was sind so manche Streitpunkte letztlich nichtige Lappalien angesichts einer schweren Corona- oder Krebserkrankung! In dieser Woche ist mir ein junger Mann begegnet, der einmal an einer Nervenkrankheit erkrankt war, von Kopf bis Fuß bewegungsunfähig, musste er ins Koma versetzt werden, musste er wieder neu lernen, zu gehen, zu essen… Dieser junge Mann sieht die Welt anders, Er ist wieder gesund geworden und weiß, wie schnell es anders werden kann.. Er sieht sein Leben als Geschenk.

Was ist letztlich unser Jammern und Klagen auf hohem Niveau in unserer Gesellschaft gegenüber denen, die um ihre Existenz kämpfen, den Obdachlosen, den Flüchtlingen, den Hungernden dieser Welt.

Corona hat mich eines gelehrt: Es ist toll, mit dieser Kirche hier einen Zufluchtsort zu haben. Es ist toll, dass wir hier Gottesdienst feiern können. Ich freue mich, dass wir wieder singen können, zwar mit Maske, aber auch das wird auch einmal vorbei sein. Und ich schätze den Gesang und das Orgelspiel von Ingrid Stigler, die Mesner- und Lektoren-dienste von Elke Jakob. Ich schätze eure Beiträge als Konfirmanden und Konfirmandinnen. Schön, dass ihr überhaupt da seid, und auch ihr Gottesdienstbesucher, wie gut, dass es euch gibt. Manchmal bin ich richtig traurig, wenn ich die leeren Bänke anschaue, aber selbst dann ich dankbar für Euch, die ihr gerade seid, ob ihr gerade viel oder wenige seid. Schön, dass ihr da seid.

Ihr müsst übrigens nicht alles verstehen. Manches ist Kirchendeutsch, schwer verständlich für Menschen, die nicht so oft kommen. Es kommt nicht darauf an, zu wissen, was Zungenrede ist. Es ist letztlich nicht wichtig zu wissen, was Kyrie eleison heißt, oder die Epistel oder das Evangelium. Es kommt darauf an, das Evangelium vom Herzen zu verstehen und zu begreifen: Euangelion, die gute Nachricht von Gott, durch Jesus an uns.

Die gute Nachricht kann das kleinste Kind und der dümmste Mensch genauso wie der superkluge Mensch begreifen. Die gute Nachricht ist ganz einfach zu verstehen: Da ist eine Botschaft von Gott übermittelt durch Jesus an Dich und mich: Wir sind geliebt, bejaht, bedingungslos.

Es fällt mir manchmal schwer zu glauben, dass da ein Gott ist, der mich liebt und sogar bedingungslos. Ein Gott, dem nicht wurscht es, wie es mir geht. Ein Gott, der mich liebend umfängt, aber dich auch.

Es fällt mir manchmal schwer zu glauben, dass da ein Gott ist, der einfach nur barmherzig  mit mir ist, ein bares Herz für meine verwundete Seele hat. Ein barmherziger Gott, der meinen eigenen Verstrickungen im Leben liebevoll nachgeht und sie lösen kann.

Aber manchmal ist die Botschaft auch für mich ganz einfach und schlicht und wahr : Gott ist barmherzig, ein Backofen glühender Liebe und in seiner Gegenwart darf ich einfach ich sein. Das gilt aber natürlich auch für meinen Mitmenschen genauso. Nur die Liebe zählt und sonst nichts.

Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe. Schreibt Paulus.


Jesus lebt sie, diese Liebe. Geht diesen Weg. Jesus hat sich schützend vor Kindern gestellt, er hat sich zu Sündern wie Zachäus zum Essen eingeladen lassen. Er hat sich vor die Frau gestellt, die vom selbstgerechten Mob gesteinigt werden sollte. Wer ohne Sünde ist, wer keinen Dreck am Steck hat, wer noch nie Scheiße gebaut hat, der werfe den ersten Stein! hat Jesus einfach gesagt.


Vor wen würde er sich heute stellen? Jesus würde sich ganz bestimmt vor den vielen missbrauchten Kindern dieser Welt schützend stellen. ganz bestimmt, auch bei allen verwundeten Seelen. Jesus steht auf Seiten der Schwachen, bei denen, die immer übersehen werden.


Und das gilt auch für mich. Und für euch.
Niemand wird von ihm übersehen. Jedes verwundete Herz umarmt Jesus und vermag es zu heilen. Das gilt auch für euch.

Bleibt deshalb unbeirrt auf dem Weg der Liebe. Amen.

Menschen können sich ändern!

Menschen können sich ändern. Jeder Mensch kann sich ändern, auch die Menschen von Ninive. Gott hat sie noch nicht aufgegeben. Darum schickt er ihnen einen Propheten. Der soll ihnen sagen, was Sache ist:  “Noch vierzig Tage, dann ist es vorbei mit Ninive. Dann geht die Stadt unter!”

Lesung Jona1, 1–2

1 Das Wort des HERRN kam zu Jona, dem Sohn des Amittai:

2 »Auf! Geh nach Ninive, in die große Stadt, und rede ihr ins Gewissen! Ihr böses Tun ist mir zu Ohren gekommen.«

Auf, geh nach Ninive! Jona. Jona Jedermann oder Jederfrau. Jona lebt überall und zu allen Zeiten. Es könnte also auch heißen: Auf, Jona, geh nach Belaruss oder all diese Länder heißen, wo Korruption herrscht, Mord und Totschlag. Auf, Jona, geh dahin, wo Geld und Macht wichtiger sind als Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Auf, Jona, geh dorthin, wo krumme Geschäfte gemacht werden auf Kosten der Umwelt und der Ärmsten dieser Welt. Auf, Jona, geh dorthin, wo Kriege geplant und Waffen zur Vernichtung geschmiedet werden. Denn dafür steht Ninive in der biblischen Erzählung. Auf, Jona, geh nach Ninive – und sag allen: „Unser Gott spricht: So geht es nicht weiter! So werdet ihr alle untergehen! Kehrt um!“ Los, Jona, mache dich auf die Socken! Lauf, denn die Zeit ist knapp!

Ninive gibt es nicht nur im Großen. Ninive ist zum Beispiel auch da, wo in unseren Beziehungen Hochmut und falscher Stolz herrschen. Ninive ist in unserem direkten Umfeld da, wo Menschen ausgenutzt und unwürdig behandelt werden. Auf, Jona, geh nach Ninive könnte dann heißen: Schau dahin, wo deine Beziehungen verkorkst sind, wo ihr einander verletzt und gemein seid. Auf, Jona, geh genau dorthin! Denn dort wartet eine Aufgabe auf dich, vor der du schon so lange wegläufst:


Da ist eine Frau in unmittelbarer Nachbarschaft. Ihre Ehe ist schon jahrelang schwierig ist. Ihr Mann trinkt zu viel und macht ihr das Leben zur Hölle. Immer wieder und wieder hat sie verziehen, ausgehalten und konnte sich nicht durchringen, sich von ihm zu trennen.  Vielleicht ist ihr Auftrag, nun endlich in ihr „Ninive“ zu gehen:  Auf! Jona, geh nach Ninive. Schau genau hin, wie es dir damit geht und treffe endlich eine Entscheidung. So geht das nicht weiter. Es ist Zeit umzukehren, sonst werden beide untergehen.


Auch das Umgekehrte kann ein Auftrag sein: Auf, ihr Jonase geht aufeinander zu, auf, Jona, biete Versöhnung an, Auf, Jona sei barmherzig. So legt es uns die Jahreslosung (Lukas 6,36) ans Herz legt: Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!

Los, Jona, mach dich auf!


Was hält ihn ab, was lässt ihn zögern? Nun, Ninive ist kein Ort, wo er gerne leben möchte. Jona, das Landei soll in die Großstadt nach Ninive! Heute wäre Ninive New York, Berlin, oder Bombay. In eine dieser fürchterlich großen Städte mit den Slums. Wo er niemanden kennt. Wo Millionen Menschen durch die Straßen rennen. Wo die Menschen hetzen. Wo die Autos rasen Wo man keine Sterne mehr sieht, aber für Geld alles bekommen kann. Wie soll das gehen? Niemand wird auf dieses Landei Jona hören. Jona denkt: „Was hast du dir dabei gedacht, Gott? Sie werden mich auslachen oder mundtot machen. Denn ich störe. Niemand wird auf mich hören. Und außerdem ich habe Angst. Nimm jemand anderen, Gott, lass mich mit diesem Auftrag in Ruhe. Ich will kein Unheilsprophet sein, der durch die Fußgängerzonen schreiend zieht und alle lachen über mich!“

So ist das bei unseren Ninives, den großen und den persönlichen: Da wartet unangenehme Arbeit auf uns, da wird es schmerzlich. Da stoße ich auf Ablehnung und Spott – oder ich stoße auf meine eigenen Abgründe und verkorksten Geschichten: „Will ich mir das wirklich anschauen und antun? Wie soll mein Leben denn dann weitergehen? Ich weiß doch nicht wohin und was werden soll.“

Jona also läuft– nein, nicht nach Ninive – sondern in die entgegengesetzte Richtung. Ziel: Am besten bis ans Ende der Welt, dort, wo Gottes Arm nicht hinreicht. Ein Schiff soll ihn dorthin bringen … Er zahlt den Fahrpreis, zieht sich im hintersten Winkel des Schiffes zurück. Und das Schiff legt ab. Aber es kommt, wie es kommen muss: Die See wird rau, dann stürmisch, bis schließlich der Orkan losbricht. So ist das, wenn wir die Augen verschließen– vor den Folgen unseres nicht nachhaltigen Wirtschaftens und ungerechten Lebens in der gesamten Welt. So ist das, wenn wir die Augen verschließen vor den ersten Störungs-Anzeichen in unseren Beziehungen. Wir verschließen die Augen – aber der Sturm lässt sich nicht aufhalten. Er wird nur noch schlimmer. Irgendwann hilft nur noch: hinsehen und handeln.

Ein letzter Ausweichversuch ist dann häufig: Hinsehen und verhandeln. Also nicht wirklich etwas tun, sondern fragen: Wen können wir verantwortlich machen? Und damals wie heute fragen die Menschen an Bord: Wer ist schuld? Es muss doch jemanden geben, der für diese Misere verantwortlich ist. Welcher Gott hat uns das eingebrockt? Deiner oder meiner? Oder gar der merkwürdige Gott des Hebräers? Antisemitismus kommt daher: Irgendjemand muss doch schuld sein für die Pandemie oder das Unglück, also sind es die Juden.


Ich bin schuld – sagt Jona. Und mit diesem Satz hat er seine Flucht eigentlich schon beendet. Vor meinem Gott, vor seinem Auftrag kann ich nicht davonlaufen – merkt er. Vor mir und meiner Verantwortung kann ich nicht davonlaufen.

Jona gibt die Flucht auf, aber stellt sich der Aufgabe noch nicht: Wenn ich schon nicht fliehen kann, dann eben untergehen? Die anderen sind einverstanden! Ein Opfer muss her – das hat doch bisher meistens geholfen. Ein Sündenbock – her damit! Werft mich ins Meer! Lieber einer stirbt – als alle zusammen.

Und so werfen sie ihn, nach vergeblichem Versuch, gegen den Sturm anzurudern, in des Meeres Rachen.
Und es wird still, ganz still. Der Sturm legt sich, spiegelglatt das Meer und Jona sinkt in die tiefe Stille.
Und auf einmal kommt da ein Fisch, groß wie ein Haus, mit weit aufgerissenem Maul. Und er verschluckt den Jona mit einem Happs! Das dürfte dann wohl wirklich das Ende sein. Jona fällt  in einen tiefen Schlaf. Doch anstatt in die Hölle zu versinken, wacht er wieder auf. Im Bauch des Fisches – umgeben von, ja was eigentlich? Er erinnert sich an dieses Gefühl – damals, als er noch nicht geboren war. Im Bauch der Mutter war er geborgen, geschützt vor allen Gefahren der gleißenden Welt da draußen.

Und im Bauch des großen Fisches, in der Tiefe seines Daseins beginnt es in ihm zu singen:

3 Als ich in Not war, schrie ich laut.

Ich rief zum HERRN und er antwortete mir.

Aus dem Innern des Totenreichs rief ich um Hilfe.

Da hast du mein lautes Schreien gehört.

4 In die Tiefe hattest du mich geworfen,

mitten in den Strudel der Meere hinein.

Wasserströme umgaben mich.

Alle deine Wellen und Wogen –

sie schlugen über mir zusammen!

5 Da dachte ich: Jetzt bin ich verloren,

verstoßen aus deinen Augen.

Wie kann ich je wieder aufschauen,

um deinen heiligen Tempel zu sehen?

6 Das Wasser stand mir bis zum Hals.

Fluten der Urzeit umgaben mich.

Seetang schlang sich mir um den Kopf.

7 Zum Grund der Berge bin ich hinabgestiegen,

in das Reich hinter den Toren des Todes.

Sie sollten für immer hinter mir zugehen.

Du aber hast mein Leben aus dem Abgrund gezogen,

du HERR, du bist ja mein Gott.

8 Als ich am Ende war,

erinnerte ich mich an den HERRN.

Mein Gebet drang durch zu dir,

bis in deinen heiligen Tempel.

9 Ja, wer sich an Nichtigkeiten klammert,

verliert seinen einzigen Halt im Leben.

10 Ich aber will dir mit lauter Stimme danken,

Schlachtopfer will ich dir darbringen.

Auch meine Gelübde werde ich erfüllen.

Hilfe findet sich beim HERRN!

Lied 630 Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir….

11 „Da befahl der HERR dem Fisch, Jona an Land zu bringen. Dort spuckte der Fisch ihn aus.“


Jona weiß jetzt: Ich kann nicht vor Gott fliehen! Ich kann nicht vor seinem Auftrag fliehen. Ich muss nach Ninive gehen. Davonlaufen ist zwecklos. Noch nicht verstanden hat er, dass der Auftrag selbst gut ist, lebensnotwendig. Aber er weiß schon – was er vorher nicht wusste –, dass Gott mit ihm geht. Dass er sich nicht zu fürchten braucht.

Als Jona endlich in Ninive eintrifft, ist seine Botschaft von großem Erfolg gekrönt:

3 1 Das Wort des HERRN kam zum zweiten Mal zu Jona:

2 »Auf! Geh nach Ninive, in die große Stadt,

und rede ihr ins Gewissen!

Ich werde dir sagen, was du ihr verkünden sollst.«

3 Da machte sich Jona auf und ging nach Ninive.

Diesmal folgte er dem Wort des HERRN.

Ninive war aber eine ungeheuer große Stadt.

Man brauchte drei Tage, um sie zu durchwandern.

4 Jona wanderte einen Tag in die Stadt hinein

und rief: »Noch 40 Tage, dann wird Ninive zerstört!«

Der Erfolg ist atemberaubend:

 Die ganze Stadt geht in Sack und Asche, von den einfachen Leuten bis zum König gehen sie buchstäblich in Sack und Asche in der Hoffnung, dass sie doch noch einmal Gnade vor Gott finden möchten. Sie geben ihr böses Treiben auf und machen einen neuen Anfang.

Ich sagte eingangs:

Menschen können sich ändern. Jeder Mensch kann sich ändern, auch die Menschen von Ninive. Gott hat sie noch nicht aufgegeben. Gott sei Dank können sich Menschen ändern. Gott sei Dank gibt Gott uns Menschen nicht auf.


Auch der Gott des Alten Testamentes ist ein Gott der Liebe. Er ist geduldig und von großer Güte. Wenn Menschen auf Abwege geraten, wünscht er sich nichts sehnlicher, als dass sie umkehren und auf den rechten Weg zurückfinden. Er tut alles dafür, sie zu einer Sinnesänderung zu bewegen. Das gilt für auch für die Menschen in Ninive. Das haben die Menschen gespürt und deshalb kehren sie um, nicht aus Angst, sondern weil sie spüren, Gott ist ein Gott der Liebe.

Wir sind nicht nur Jona. Wir sind auch die Leute in Ninive. Wir sind verstrickt in einen Lebensstil, der uns selbst schadet, aber auch unseren Mitmenschen und der ganzen Schöpfung. Wir sind angewiesen auf Menschen wie Jona, die uns die Augen öffnen und uns für andere Wege öffnen. Wir sind angewiesen auf Menschen wie Jona, der uns die Augen dafür öffnet, dass uns eine göttliche Liebe umfängt.


Und Jona? Seine Begeisterung hält sich in Grenzen. Jetzt, wo er mit dem sanften Druck Gottes doch nach Ninive gegangen ist, möchte er auch den Untergang der Stadt sehen. Dass Gott sich erweichen lässt, passt ihm gar nicht. Obwohl er selbst die Güte Gottes gerade erst am eigenen Leib erlebt hat. Gottes Güte ist größer, als Jona es sich ausmalen kann. Gottes Liebe ist so unendlich viel größer als wir Menschen es sich ausmalen können oder wollen. Gott will, dass Menschen ihr Leben ändern, nicht, dass sie zugrunde gehen. Darum gibt er nicht auf. Niemanden. Auch heute nicht. Auch Jona nicht, der missgünstig unter dem Rizinusstrauch hockt und am Leben verzweifelt, weil Gott so gütig ist und kein Unheil über Ninive schickt. Als die Rizinus-Pflanze, die Jona Schatten gespendet hatte, verdorrt, heult er. Die ganze Jona-Geschichte endet mit einer Frage Gottes an Jona:

Du heulst wegen einer Rizinus-Pflanze.

10 Da sagte der HERR:

»Die Rizinus-Pflanze tut dir leid.

Doch du hast keine Mühe mit ihr gehabt

und sie auch nicht großgezogen.

Sie wuchs über Nacht und verdarb über Nacht.

11 Und jetzt frage ich dich:

Sollte Ninive mir nicht leidtun –

eine große Stadt mit mehr als 120.000 Menschen?

Sie alle wissen nicht, was links und was rechts ist.

Dazu kommen noch die vielen Tiere.

Sollte es mir da nicht leidtun?«

So tut es Gott unendlich leid, wenn Leben verkehrt läuft, ohne Liebe, mit Hass. Und umgekehrt freut sich Gott, wenn Leben wieder in Bahnen läuft mit Liebe und Herzenswärme. Jeder Tag meines Lebens bietet uns eine

Möglichkeit, unser Leben Guten hin  zu verändern.
Amen.