99 verlorene Schafe oder warum Schafe das Weite suchen …

Predigt über Lukas 15,1-7 – die verlorenen 99 Schafe – 20.7.21 Trautskirchen

Das Gleichnis vom verlorenen Schaf

15 1 Alle Zolleinnehmer und andere Leute,

die als Sünder galten, kamen zu Jesus, um ihm zuzuhören.

2 Die Pharisäer und Schriftgelehrten ärgerten sich darüber.

Sie sagten: »Mit solchen Menschen gibt er sich ab

und isst sogar mit ihnen!«

3 Da erzählte ihnen Jesus dieses Gleichnis:

4 »Was meint ihr: Einer von euch hat hundert Schafe und verliert eines davon.

Wird er dann nicht die neunundneunzig Schafe

in der Wüste zurücklassen?

Wird er nicht das verlorene Schaf suchen,

bis er es findet?

5 Wenn er es gefunden hat, freut er sich sehr.

Er nimmt es auf seine Schultern

6 und trägt es nach Hause.

Dann ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen

und sagt zu ihnen: ›Freut euch mit mir!

Ich habe das Schaf wiedergefunden,

das ich verloren hatte.‹

7 Das sage ich euch:

Genauso freut sich Gott im Himmel

über einen Sünder, der sein Leben ändert.

Er freut sich mehr als über neunundneunzig Gerechte,

die es nicht nötig haben, ihr Leben zu ändern.«

Liebe Gemeinde,

ein einfaches Gleichnis, klar und verständlich: Auf einen Nenner gebracht:

Schaf läuft weg. – Hirte sucht Schaf. – Schaf wird gefunden. – Hirte bringt es nach Hause. – Hirte ist überglücklich.

Noch einfach die Deutung: Klar, Jesus selber ist der Hirte. Jesus läuft dem verlorenen Schaf hinterher und sucht bis er es findet, das verlorene Schaf, den verlorenen Menschen.

Wir kennen das Gleichnis vom verlorenen Schaf. Mal ehrlich: Kann uns dieser Jesus mit seinen Gleichnissen noch überraschen? Als ich merkte, dass für diesen Sonntag dieses Gleichnis dran ist, seufzte ich: Ach ja, wie bekannt, fast so bekannt wie das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Gleiche Botschaft anderes Gleichnis. Eigentlich immer dasselbe. Kann es bald nicht mehr hören.

Was mich ein bisschen beunruhigt hat: Dieses Gleichnis vom verlorenen Schaf hat mich nicht aufgewühlt. Ich habe innerlich abgewunken: Kenne ich schon, das nächste bitte!

Aber halt. Ich stelle mir vor, wie Jesus dieses Gleichnis den Menschen zum ersten Mal erzählt hatte, wie sie atemlos zugehört haben, wie sie in ihrem gewohnten Glauben erschüttert, aufgewühlt wurden, wie sich etwas in ihnen verändert und zum Guten hin bewegt hat. Nicht zu fassen: Sollte Gott wirklich so sein, dass er sich um einen einzigen Menschen so kümmert? Sollte Gott mich so lieb haben, dass er nach mir, ausgerechnet nach mir sucht und die anderen stehen lässt? Revolutionär war das Denken Jesu damals, so haben es die Menschen jedenfalls empfunden.

Und wir? Kann uns dieser Jesus Christus mit seiner revolutionären Botschaft von der radikalen Liebe Gottes nicht mehr erschüttern, aufwühlen, verändern und bewegen? Können wir aus unserem Alltag, aus unseren Denkgewohnheiten, aus unserem manchmal erstarrten Glaubensleben aus- und zu Christus hin aufbrechen? Mit der bekannten und uns doch so wohlvertrauten Geschichte über ein verlorenes Schaf?

Dieses Gleichnis lässt uns nicht mehr staunen. Wir nehmen das so hin. Wir meinen es zu kennen. Wir meinen es zu wissen, was Jesus damit sagen will. Aber im Grunde genommen haben wir nichts verstanden. Wir spüren, dass mit der Botschaft des Evangeliums irgendwie die ganze menschliche Existenz berührt und betroffen ist, aber leider merkt man nichts davon im Alltag.

Hören wir einfach noch einmal neu dieses Gleichnis vom verlorenen Schaf.

4 »Was meint ihr: Einer von euch hat hundert Schafe und verliert eines davon.

Wird er dann nicht die neunundneunzig Schafe

in der Wüste zurücklassen?

Wird er nicht das verlorene Schaf suchen,

bis er es findet?

5 Wenn er es gefunden hat, freut er sich sehr.

Er nimmt es auf seine Schultern

6 und trägt es nach Hause.

Dann ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen

und sagt zu ihnen: ›Freut euch mit mir!

Ich habe das Schaf wiedergefunden,

das ich verloren hatte.‹

Dass Jesus sich in der Geschichte mit dem guten Hirten selbst meint, ist klar, – das ist die klassische Auslegung. Mehr Worte sind dazu nicht nötig.
Aber nun möchte ich heute noch einen anderen Blick auf das Gleichnis werfen:

Habt Ihr Euch schon einmal gefragt: Warum ist das eine Schaf eigentlich abhandengekommen? Warum ist es verschwunden? Hat es nicht aufgepasst und deshalb den Anschluss an die Herde verloren? Kann sein.

Ich denke, es könnte aber auch ganz anders gewesen sein: Vielleicht hat sich das Schaf gedacht: „Mir reicht’s jetzt! Aus! Ich will weg von dieser doofen Schafsherde. Weg von diesen Schafsköpfen. Ich geh meinen eigenen Weg…“  Und vielleicht hatte dieses Schaf recht damit: Nur weg von diesen Schafsköpfen! Wenn ich bleibe, gehe ich unter in dieser Schafsherde. Und wenn es ganz schlimm kommt, gehe ich hier ein.

Und damit bekommt das Gleichnis plötzlich eine brisante Note. Denn die Frage, die mich heute bewegt ist: Warum ist eigentlich keines der übrigen 99 Schafe aufgebrochen, um das verlorene zu suchen? Ist es überhaupt jemandem abgegangen? Hat es von den 99 anderen Schafen überhaupt einer vermisst? Gibt es da keinen Leithammel und keinen Schäferhund, die aufpassen könnten?

Vielleicht ist Euch das auch schon einmal so ergangen? Niemand fragt nach dir.  Niemand vermisst dich. Du gehst niemand ab. Den anderen ist es völlig wurscht, ob du da bist oder nicht. Sie vermissen dich nicht einmal. Wem das schon mal passiert ist, der weiß, wie weh das tut.

Also noch einmal: Warum geht keines der 99 Schafe suchen? Waren sie nur achtlos, oder sogar froh, den Störenfried endlich vom Hals zu haben? Hat das schwarze Schaf nicht hineingepasst? Und als der Hirte es zurückbringt, ist keine Rede davon, dass die 99 Schafe sich darüber freuen. Der Hirte jubelt allein.

Die Geschichte vom verlorenen Schaf stellt uns eine ziemlich direkte Frage: Wie geht es in unseren Herden zu? Wie geht es in unseren Kirchen und Kirchengemeinden zu.

Gibt es dort für die einzelnen Freiräume? Gibt es auch für sogenannte schwarze Schafe Freiräume? Oder nur Zwang? Zwang zur Anpassung? Entweder du passt dich an oder… Lebt es sich eigentlich gut in unseren Gemeinden? Wer macht die Regeln? Es gibt ungeschriebene Gesetze auch für eine Schafsherde und ein einzelnes Schaf tut gut daran, sich daran zu halten. Sonst gibt es Hiebe und Knuffe von den anderen. Und die anderen sind stärker, können gehörig Druck machen.  Wie reagieren wir als Gemeindeglieder, wenn sich jemand im Gemeindeleben aus welchen Gründen auch immer nicht mehr sehen lässt? Fragen wir dann bei dem Betroffenen nach? Oder ist es uns egal, fällt uns womöglich gar nicht auf.

Die Herde mit den 99 Schafen steht für die Kirchen heute, aus deren Reihen immer mehr Menschen ausscheren. Das eine Schaf, das ausbüchst, steht für die Menschen, die keinen Bock auf diese Herden mehr haben. Sie haben den Herdenzwang satt, sie suchen ihre Freiheiten, oft natürlich auf sehr fragwürdige Weise. Für diese Menschen, die das Weite gesucht haben, steht dieses eine Schaf, das abgehauen ist: „Bloß weg von den 99 anderen, die sich eh nicht um mich gekümmert haben!“, sagt sich dieses eine Schaf.

Man kann es an den leeren Schafpferchen sehen. In den letzten Jahren habe ich darunter gelitten, dass die Gottesdienste in unserer Gemeinde immer leerer geworden sind. Ein schwacher Trost, dass es bei den meisten anderen Gemeinden nicht viel anders aussieht: Die alten treuen Kirchgänger sterben und es kommen wenig bis gar keine neuen Kirchgänger nach. Habt Ihr Euch einmal gefragt, warum eigentlich? Der Grund ist nicht, dass die Predigten so langweilig sind. Corona wird gerne vorgeschoben, ist aber nicht der eigentliche Grund.

Der Grund ist auch nicht, dass die Zeiten am Sonntagvormittag nicht passen, oder dass die Musik nicht passt. Die Kirchen – und da ist es egal, ob man evangelisch oder katholisch meint – haben ein großes Problem: Sie sind für viele Menschen nicht mehr glaubwürdig. Man glaubt uns das, was wir predigen, nicht mehr. Und ich sage: Ja, es stimmt: Die Kirchen und ihre Vertreter sind manchmal wirklich unglaubwürdig.

Die Kirchen predigen die Liebe Gottes – und sind selbst oft unerbittlich zu den eigenen Gläubigen. Sexueller Missbrauch von Kindern und Frauen, überhaupt Frauen haben bis zum heutigen Tag in der katholischen Kirche nichts zu sagen. Schwule sind Randgruppen und dürfen nicht gesegnet werden.

 Gut, das ist zugegeben ein mehr katholisches Leidensthema. Aber auch bei uns Evangelischen geht es mitunter hart zu: Es gibt auch bei uns Amtsmissbrauch von vereinzelten Pfarrern. Es wird auch bei unseren Gemeinden mitunter gemobbt und hinausgeekelt auf Teufel komm heraus. Wir brauchen uns nicht wundern, dass das eine oder andere Schaf das Weite sucht. Die Kirchen reden von Liebe, Barmherzigkeit und Frieden, und sind seit Jahrhunderten untereinander heillos zerstritten.  Immer noch können wir nicht Abendmahl/ Eucharistie miteinander feiern. In unseren Kirchen muss man manchmal die Möglichkeit, Gemeinschaft zu erleben suchen wie die Stecknadel im Heuhaufen.

Aber warum alle das? Warum so viel Spaltungen in einer Herde. Warum sucht jeder von uns das Seine und gehen dabei in die Irre? Wie kann es passieren, dass  uns so vieles in unserer Kirche wichtiger geworden ist und wir ständig nur um uns selbst kreisen?

Ich denke, all das geschieht, wenn der Blick auf den Hirten verloren geht. Wenn wir Jesus Christus nicht mehr im Blick haben. Wenn wir ihn und seine radikale Botschaft von der bedingungslosen Liebe Gottes aus den Augen verloren haben. Das Evangelium ist natürlich in unseren Kirchen noch da, aber ist im Laufe der Zeit durch Rituale, alte Traditionen, Verwaltungskram und Selbstbeschäftigungstherapien zugedeckt worden.

Was können wir tun, damit die Schafe da draußen wieder zu uns zurückfinden? Was können wir tun, um wieder glaubwürdig zu werden?  Eigentlich ist es einfach. Und wie alles, was einfach ist, auch so schwer.  Wir können wieder glaubwürdig werden durch Umkehr. Umkehr heißt: 99 Schafe kehren um, und denken darüber nach, wie sie ihre Gemeinschaft leben können ohne Gruppendruck und inneren Zwängen. Umkehr heißt: Wir gehen auf die scheinbar verlorenen Schafe da draußen zu und fragen sie: Was müsste sich bei uns Kirchens ändern, damit ihr euch wieder bei uns wohlfühlt? Corona hatte ein Gutes:  So manche heiß geliebte alte Traditionen konnte ganz plötzlich aufgegeben werden, war auf einmal nicht mehr so wichtig. So manche festfixierte Blickrichtung hat sich coronabedingt verändert. Wir 99 Schafe sind längst nicht mehr so verbissen darauf bedacht, dass sich aber auch ja nichts verändert. Es hat sich schon ganz viel verändern und wird sich noch mehr verändern.

Im Gleichnis macht sich der Hirte auf die Suche nach dem verlorenen Schaf.  Über die verlorenen Schafe brauchen wir uns keine Sorge zu machen. Der gute Hirte wird auf seine Weise die verlorenen Schafe suchen gehen. Er wird sie finden, selbst wenn die traditionelle Herde, die Kirche versagt. Im Gleichnis lässt er wegen einem einzelnen Schaf die anderen 99 zurück. Auf sich allein gestellt. Manchmal hab ich den Eindruck, dass genau das gerade geschieht. Vielleicht sind wir die 99 Schafe im Gleichnis, die der Hirte allein auf sich gestellt, gerade zurück gelassen hat. Und vielleicht ist deshalb die Herde etwas ratlos, verwirrt, weiß nicht, wohin es einmal gehen wird. Und verzagt an der Aussicht einer Zukunft ohne den guten Hirten.

Eines steht fest: Der gute Hirte Jesus Christus ist nicht der Besitz der Kirche, weder der evangelischen oder der katholischen. Wir können nicht sagen: Wir haben die Wahrheit für alle Zeiten gepachtet, ihr müsst zu uns kommen und genauso angepasst leben wie wir. Nein Jesus Christus ist der Hirte der evangelischen und der katholischen Herde und vieler anderer Herden. Und er ist von uns nicht immer zu begreifen. Er entzieht sich uns und verlässt seine Kirchen von Zeit zu Zeit, um verlorene Schafe suchen zu gehen. Und: Er sucht sie auf seine Weise. Nicht wie wir meinen.

Vielleicht gelingt es uns, diese Zeit ohne Hirten zum Nachdenken zur Umkehr, zur Veränderung unseres Lebensstiles zu nützen. Dann können wir jubeln, wenn der Hirte wieder kommt mit dem verlorenen Schaf auf seinen Schultern.

Was machen eigentlich die 99 Schafe ohne Hirten? Wir können einander ankläffen wie die Hirtenhunde, oder gar angiften wie die Schlangen. Manchmal geschieht es. Aber besser ist es, wenn wir in diesen Zeiten zusammenhalten. Wir können aufeinander achtsam und behutsam aufpassen, bis der Hirte wieder kommt mit dem verlorenen Schaf auf dem Schultern. Und er wird wieder kommen. Und ich glaube, dass er für unsere Augen unsichtbar auch über uns 99 Schafe wacht.

Es ist wohl wahr: Die 99 Schafe, die Kirchen werden sich ändern müssen. Erst wenn die 99 Schafe aus Sehnsucht aufbrechen, um das Einzelne zu suchen, erst dann ist die Herde auf den richtigen Weg.

Und eines ist wohl klar: Wir werden uns damit abfinden müssen, dass wir manche Schafe nicht mehr finden. Sie haben andere Herden gefunden. Wünschen wir ihnen Gottes Segen und urteilen wir nicht über sie. Es steht uns nicht zu, dass wir andere verurteilen. Wir sind nicht die Hirten. Wir sind nur eins der 99 Schafe, die am besten vor der eigenen Schafstür kehren sollten.

Falls Euch der Vergleich der 99 Schafe mit den Kirchen zu weit gegriffen war, möchte ich Euch noch einen Gedanken zum Schluss mit geben: In jeder Familie und in jedem Dorf gibt es verlorene Schafe. Menschen, die man abgeschrieben hat. Die man verstoßen hat. Die man ausgebootet hat. Ich glaube, der gute Hirte würde sie suchen gehen. Such doch mal das Gespräch mit einem solchen Menschen in deiner Familie oder im Dorf. Vielleicht warten sie schon darauf.

Jeder einzelne Mensch ist wertvoll, denn er trägt in sich als Kind Gottes das Geheimnis des Lebens.
Man könnte sagen: Finde einen verlorenen Menschen und du findest ein Stück deines eigenes Lebens.

Amen

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