Monatsarchiv: Juli 2021

Leben und lieben wie ER

Trautskirchen, 9.7.21  Mt 28,16-20

Liebe Gemeinde

Was waren eigentlich die letzten Worte Jesu im Matthäusevangelium? Nein, nicht „ Eli, Eli lama asabthani.“ Nein, nicht „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen. Das sind im Matthäusevangelium die letzten Worte Jesu am Kreuz, bevor er gestorben ist. Aber die Geschichte Jesu geht weiter. Jesus wird von Gott auferweckt. Und als Auferstandener sagt Jesus zu seinen Jüngern diese letzten Worte:

„Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

So hört das Matthäusevangelium auf mit diesen Worten: „Siehe, ich bin bei euch,“ Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Das sind Jesu letzte Worte.

„Klar ist Jesus bei uns. Das ist doch selbstverständlich!“ möchte ich hier einwenden. Aber so selbstverständlich ist das gar nicht. Wer kann das schon versprechen: „Ich bin bei dir alle Tage!“?

Kein Mensch kann immer bei mir sein. Selbst der Ehepartner nicht. Wer wird bei uns sein, wenn es darauf ankommt? Nicht einmal bei den eigenen Kindern kann man da so sicher sein. Schon zu viele Menschen habe ich kennen gelernt, die von ihren Kindern und Enkelkindern alleingelassen worden sind.

Kein Mensch kann immer bei mir sein. Schon gar nicht alle Tage meines Lebens. Auch ein Pfarrer ist nicht für immer da. Ich habe euch nie versprochen: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Das wäre wirklich viel zu viel versprochen.

Kein Mensch, auch kein Pfarrer, kann dieses Versprechen auch nur annähernd einlösen. Ich habe das am Freitag gemerkt, als ich drei Besuche wegen den Überschwemmungen nicht machen konnte. Kein Durchkommen möglich.

 Kein Mensch kann immer da sein. Nicht rund um die Uhr, nicht Tag und Nacht, nicht Woche für Woche bis zum Ende aller Tage. Kein Mensch kann immer für andere da sein. Kein Mensch kann alle Tage deines Lebens für dich und mich da sein.

Das kann nur Jesus. Nicht der Mensch Jesus, sondern Jesus der Christus, der Messias, den Gott auferweckt hat und nun zur Rechten Gottes sitzt, der kann dir und mir versprechen:

Ich bin bei dir, ohne wenn und aber, jede einzelne Stunde deines Lebens bis ans Ende dieser Welt.

Ich bin bei euch. Das sagt Jesus. Was auch kommen mag, ich bin bei euch.

„Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Luther

„Seid gewiss: Ich bin immer bei euch,

jeden Tag, bis zum Ende der Welt.« Basisbibel

Das sind Jesu letzte Worte. Er sagt sie zu seinen Jüngern bei seinem letzten Abschied hier auf Erden. Ich möchte uns die ganze Geschichte vorlesen. Es ist eine Geschichte voller tiefer Symbolik. Und jeder kann darin sein eigenes Leben hier wieder finden.

16 Die elf Jünger gingen nach Galiläa.

Sie stiegen auf den Berg,

wohin Jesus sie bestellt hatte.

17 Als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder.

Aber einige hatten auch Zweifel.

18 Jesus kam zu ihnen und sagte:

»Gott hat mir alle Macht gegeben,

im Himmel und auf der Erde.

19 Geht nun hin zu allen Völkern

und ladet die Menschen ein,

meine Jünger und Jüngerinnen zu werden.

Tauft sie im Namen

des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!

20 Und lehrt sie, alles zu tun, was ich euch geboten habe!

Seid gewiss: Ich bin immer bei euch,

jeden Tag, bis zum Ende der Welt.«

„Elf Jünger gingen nach Galiläa. Sie stiegen auf den Berg…“

Elf  waren den Berg hoch gewandert, wohin Jesus sie bestellt hatte.  Wort für Wort fast  können wir diese Geschichte für uns erschließen:

Elf Jünger. Ein ganz kleiner Haufen. zwölf Jünger waren sie noch vor kurzem gewesen. Einer von ihnen hatte sich das Leben genommen. Das muss sie alle schrecklich getroffen haben. Einer von ihnen hatte Jesus verraten und hat dies nicht verkraftet. Dazu finde ich Gott sei Dank keine Parallele zu uns heute. Aber jeder von uns weiß um den Verlust von Menschen durch Unglück, Krankheit und Schicksalsschläge. Da fehlt uns jemand. Der 12., der sonst immer dabei war.

Gehen wir zurück zu unserer Geschichte. Wir sind an einer Stelle, wo wir uns nicht unbedingt wieder finden: Diese 11 Jünger waren ja voller Fragen. Ihnen ist mit dem Tod Jesu am Kreuz so vieles Selbstverständliche zerbrochen. Und so waren diese 11 Jünger voller Fragen:

Was wird denn jetzt aus uns?

Wir sind nicht mehr vollzählig, einer fehlt!

Wie soll es mit uns weiter gehen?

Wir können doch auch fast nicht mehr!

Wir haben doch auch keine Kraft mehr. Und keinen Mut. Unser Glaube ist doch auch gar nicht mehr so stark. Er ist doch am Zerbrechen wie vor kurzem bei Judas, der sich erhängt hat.

Wir müssen uns nicht in genau derselben Situation der Jünger von damals wieder finden. Aber es gibt sicherlich Zeiten in unserem Leben, in denen wir uns genauso wieder finden und uns genauso fühlen:  Schwach, ohne Hoffnung, verzagt.

So haben sich damals jedenfalls die Jünger gefühlt. Und nun müssen sie auch noch nach Galiläa gehen. Weg von Jerusalem in die Provinz. Galiläa, das ist Provinz, das ist Werktag, das ist grauer Alltag. Da ist nichts mehr los. Da ist nicht mehr viel zu erwarten. Nach Galiläa laufen, das bedeutet: Der Alltagstrott beginnt. Da muss man schuften in Galiläa. Da kennen einen die Leute in Galiläa. Die reden über einen, die Leute in Galiläa. Soll man ausgerechnet da Jesus begegnen, in Galiläa, im Alltag, im grauen Alltag?

Dorthin hatte Jesus die Jünger geschickt, nach Galiläa, wo nichts los ist und nichts Besonderes zu erwarten ist. Aber das ist noch nicht alles. In Galiläa angekommen sollen sie auch noch auf einen Berg steigen. Der Berg, den sie da mühsam hinaufsteigen, das ist nichts für abenteuerlustige Touristen.

Der Berg, das ist die Last, die wir zu bewältigen haben.

Der Berg, das ist vielleicht der morgige Tag:         

Was wird der morgige Tag mir an Sorgen und Problemen bringen?

Der Berg, das sind alle Probleme und Sorgen und Schwierigkeiten, die sich auf einmal vor einem auftürmen, so schwer, so groß.

Kein Wunder, wenn dieser Berg dir und mir dann so schrecklich Angst macht.

Und schon wieder bedrängen die Jünger die Fragen:

Muss es denn unbedingt ein Berg sein, den wir da hochsteigen müssen? Warum kann uns Jesus nicht im flachen Tal begegnen? Warum ist Glaube manchmal so mühselig und so schwer? Warum türmen sich vor mir Berge von Sorgen, Schwierigkeiten und Problemen auf, wo ich doch Christ bin? Warum ist Glaube oft genug kein schöner, ebener Weg?

Trotz aller Sorgen, Schwierigkeiten und Probleme, trotz aller offenen Fragen steigen die Jünger auf den Berg in Galiläa. Und es hat sich für sie gelohnt. Sie erleben einen dieser seltenen Augenblicke der Gottesbegegnung.  Noch einmal für einen winzigen Moment der Ewigkeit: Jesus kommt ihnen ganz nahe. Sie begegnen dem auferstandenen Herrn. Sie stehen ihm gegenüber wie ich Euch gegenüberstehe. Wir könnten neidisch auf sie sein, wenn es da nicht auch ausdrücklich heißen würde:

17 Als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder.

Aber einige hatten auch Zweifel.

Es ist schon seltsam. Während dieser unglaublichen Begegnung mit dem auferstandenen Herrn, lesen wir: Einige aber zweifelten.  Einige von diesen 11 Jüngern zweifelten. Nicht einer, nicht zwei. Mindestens drei, vier, viele zweifelten auf diesem Berg der Gottesbegegnung. Obwohl ihnen Jesus doch ganz nahe war.

11 Jünger waren es, so wenige. Und nicht einmal diese wenigen waren sich ihres Glaubens gewiss.

Es überrascht mich. Noch mehr aber freut es mich, dass das nicht verschwiegen wird: Dass da einige zweifelten. Auch im engsten Jüngerkreis gab es das also.  Selbst bei dieser letzten Jesusbegegnung ist der Zweifel bei den Jüngern nicht ganz verbannt. Und das wird nicht vertuscht oder verschwiegen, sondern ganz einfach berichtet:  Auch Jünger zweifeln. Auch Christinnen und Christen zweifeln und dürfen zweifeln. Mit keinem Wort hat Jesus den Zweifel einiger seiner Jünger kritisiert.

Dann trat Jesus auf sie zu und sprach zu ihnen, heißt es. Das heißt, den ersten Schritt macht Jesus. Er kommt ihnen buchstäblich entgegen. Er hält sie sich nicht auf Distanz. Er geht auf sie zu und macht den ersten Schritt.

So macht er es doch auch bei uns. Er kommt doch auch uns entgegen. In unseren ganzen Fragen. Und in unseren Zweifeln. Und in unseren Sorgen, Schwierigkeiten und Problemen. Und wenn der Berg noch so hoch ist, er lässt uns nicht hoffnungslos umherirren, wenn wir nur noch ratlos sind. Er weist uns nicht zurück, wenn wir zweifeln oder nicht so recht glauben können. Wer zu mir kommt, sagt er, den stoße ich nicht zurück, sagt er. Immer wieder kommt er auf uns zu, berührt uns sanft und richtet uns auf: Er nimmt uns an, so wie wir sind. Und dann macht er uns auf etwas aufmerksam:

»Gott hat mir alle Macht gegeben,

im Himmel und auf der Erde.“

Exusia, im Urtext. Das gleiche Wort, das die Menschen über Jesus von Nazareth sagten: Der redet mit Vollmacht und nicht wie Schriftgelehrte in ihrem Elfenbeinturm.

Der Auferstandene hat noch mehr Exusia, noch mehr Vollmacht: im Himmel und auf der Erde. Von jetzt an Vollmacht überall.

Verwechseln wir die Vollmacht nicht mit Macht, wie es viele Christen verwechselt haben und mit weltlicher Macht Mission verbreitet haben. Das hat mit seiner Vollmacht nichts zu tun. Es ist kein Missionsbefehl, sondern eine Vollmacht, an der er alle seine Jünger und Jüngerinnen teilhaben lässt. Als seine Jünger habt auch ihr Vollmacht. Ihr habt Vollmacht, im Namen Jesu zu reden, zu handeln, zu leben.

Und dann hat er auch für uns einen Auftrag.

Nicht schon wieder, höre ich mich sagen, bin echt bedient von dem letzten Auftrag. Ich habe keine Bock mehr auf noch mehr Aufträge.

Keine Angst, höre ich Jesus zu mir sagen: Dieser Auftrag ist nichts Schlimmes und für Dich keine Last.

Hören wir erst einmal hin, wie dieser Auftrag lautet, den Jesus zunächst an die 11 Jünger gerichtet hat:

19 Geht nun hin zu allen Völkern

und ladet die Menschen ein,

meine Jünger und Jüngerinnen zu werden.

Tauft sie im Namen

des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!

Ich kann euch Jünger und Jüngerinnen gebrauchen. So verstehe ich diesen fälschlicherweise so genannten Missionsbefehl Jesu. Das ist kein Befehl und ein Missionsbefehl schon gar nicht. Es ist ein: „Du wirst noch gebraucht.“ Es ist ein „Dein Leben hat Sinn, trotz allem.“ Nichts ist umsonst und für die Katz. Alles hat seinen Sinn. Und du bist dabei!

Ladet mit eurem Leben die Menschen ein, meine Jünger und Jüngerinnen zu werden.

Das Leben der Jünger bekommt mit einem Male einen Sinn durch diesen Satz. Er kann sie noch gebrauchen: seine Jünger und Jüngerinnen:

Er kann diese Zweifler gebrauchen. Er kann diese ungebildeten Fischer gebrauchen. Er kann auch diese ehemaligen Zöllner und Sünder gebrauchen. Er kann diese kleinen Leute gebrauchen. Er kann diese paar Hansel mit ihren Sorgen, Schwierigkeiten und Problemen gebrauchen.

Mit diesen 11 Jüngern will Jesus die Welt verändern. Und er hat sie verändert. Und er wird auch unsere Welt mit uns elf Christen verändern.

19 Geht nun hin zu allen Völkern

und ladet die Menschen ein,

meine Jünger und Jüngerinnen zu werden.

Geht zu  allen Völkern. Alle Völker. Oder geht wenigstens zu euren Kindern. Macht sie nicht bloß zu anständigen Menschen. Macht sie zu echten Jüngern, zu Menschen, die Jesus nachfolgen. Nachfolgen heißt: Jesus hinterher. Lebe so wie er gelebt hat.

Ich denke, diese 11 Jünger waren erst einmal starr vor Schreck. Aber dann begriffen sie später: So Großes traut uns Jesus zu. So Großes traut Gott uns zu: Lebe so wie er gelebt hat.

Wir blenden uns hier aus der Geschichte aus. Denn genau an dieser Stelle geht es ja auch um uns, um euch und um mich. So Großes traut Gott uns heute zu: Leben wie er, wie Jesus es uns vorgelebt hat.

Dazu braucht es kein Bibelwissen, kein Theologiestudium, kein spezielles Epertenwissen.

Lebe wie Jesus es uns vorgelebt hat.

Sei barmherzig, er war es auch.

Habe ein Herz für die Armen und Schwachen, er hatte es auch.

Liebe und lebe wie er.

Du kannst es. Ich kann es. Wir können es. Gott traut es uns zu.

Wir dürfen auch darauf vertrauen:

 Jesus ist da, hier, gegenwärtig. In seinem Geist ist Jesus da.

Und sein Geist Jesu hört nicht auf, unter uns Menschen zu wirken durch liebevolle Gesten. Sein Geist es, der durch Menschen, die da sind, die dir und mir zuhören, die dir und mir Mut machen, die dich und mich aufrichten. Jesu Geist berührt uns, mitten in unserem Alltag mit allem, was uns da gerade beschäftigt. Jesu Geist berührt ist, was uns Sorgen macht. Und auf einmal spüren wir: Wir sind nicht allein.

So verstehe und erlebe ich diesen letzten Satz Jesu:

Seid gewiss: Ich bin immer bei euch,

jeden Tag, bis zum Ende der Welt.«

Amen.