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Was jeder verstehen kann

13.6.21 Trautskirchen        1. Korinther 14,1-12 Basisbibelübersetzung

„Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe!

Strebt nach den Gaben, die der Heilige Geist schenkt – vor allem aber danach, als Prophet zu reden.

2 Wer in unbekannten Sprachen redet, spricht nicht zu den Menschen, sondern zu Gott. Denn niemand versteht ihn. Was er unter dem Einfluss des Geistes sagt, bleibt vielmehr ein Geheimnis.

3 Wer dagegen als Prophet redet, spricht zu den Menschen. Er baut die Gemeinde auf, er ermutigt die Menschen und tröstet sie.

4 Wer in unbekannten Sprachen redet, baut damit nur sich selbst auf.

Wer aber als Prophet redet, baut die Gemeinde auf.

5 Ich wünschte mir, dass ihr alle in unbekannten Sprachen reden könntet.

Noch lieber wäre es mir, wenn ihr als Propheten reden könntet. Wer als Prophet redet, ist bedeutender als derjenige, der in unbekannten Sprachen redet – es sei denn, er deutet seine Rede auch. Das hilft dann mit, die Gemeinde aufzubauen. Reden in unbekannten Sprachen bleibt ohne Auslegung unverständlich.

6 Was wäre, Brüder und Schwestern, wenn ich zu euch komme und in unbekannten Sprachen rede.

Was habt ihr davon, wenn ich euch nichts Verständliches vermittle?

Das kann eine Vision sein oder eine Erkenntnis, eine prophetische Botschaft oder eine Lehre.

7 So ist es ja auch bei den Musikinstrumenten,

zum Beispiel bei einer Flöte oder Leier:                                Nur wenn sich die Töne unterscheiden, kann man die Melodie der Flöte oder Leier erkennen.

8 Oder wenn die Trompete kein klares Signal gibt, wer rüstet sich dann zum Kampf?

9 Genauso wirkt es, wenn ihr in unbekannten Sprachen redet.

Wenn ihr keine verständlichen Worte gebraucht, wie soll man das Gesagte verstehen können?

Ihr werdet in den Wind reden!

10 Niemand weiß, wie viele Sprachen es auf der Welt gibt. Und kein Volk ist ohne Sprache.

11 Wenn ich eine Sprache nicht verstehe, werde ich für den ein Fremder sein, der sie spricht.

Und wer sie spricht, ist umgekehrt ein Fremder für mich.

12 Das gilt auch für euch. Ihr strebt nach den Gaben des Heiligen Geistes.

Dann strebt nach Gaben, die die Gemeinde aufbauen. Davon könnt ihr nicht genug haben.

„Wie kannst du nur diesen Fehler machen! Unverzeihlich!
„Du hast schon wieder nicht! Nein, so geht das nicht!“ Was bist du nur für ein Loser! Du Depp!“

Manchmal werfen wir Worte wie Giftpfeile auf andere oder werden damit beworfen. Solche Worte oder auch noch schlimmere vergiften die Beziehung. Sie verletzen und grenzen aus.  Und auf einmal geschieht Spaltung, Streit, ein tiefer Riss. – Genau das soll nicht passieren, sagt Paulus in seinem Brief an die Korinther. Eure Worte sollen Gemeinschaft ermöglichen. Eure Worte sollen Menschen  trösten und ermutigen. Nicht ausgrenzen, Nicht verletzen. Sagt er.


„Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe!schreibt Paulus.

Die Liebe ist  d e r  Maßstab. Auch wenn es um Worte geht, ob ich sie sage oder lieber den Mund halte. Die Liebe sagt mir: Moment mal, überlege dir genau, was du dem anderen sagst. Und wenn deine Worte möglicherweise verletzend oder ausgrenzend sind, lass sie lieber bleiben. Denn auf dem Weg der Liebe wird kein Mensch ausgegrenzt. Paulus hat dabei eine Gruppe in Korinth im Auge. Diese kleine, aber feine Gruppe von Christen und Christinnen war auf ihr inniges Verhältnis zu Gott besonders stolz. Vielleicht sogar zu Recht. Denn sie haben dafür sogar eine eigene Sprache, die Zungenrede. Eine Sprache, die nur sie selber und Gott verstehen. Mit Gott auf du und du. Wir verstehen Gott und er uns.

Das ist schön für euch und euer Gemeinschaftsgefühl, schreibt Paulus dieser Gemeindegruppe. Aber was ist mit den anderen in der Gemeinde und draußen?  Eure Wellnesszungensprache, euer „mit Gott per Du- Gebet“, hilft ganz offensichtlich nicht den anderen, schreibt Paulus. Im Gegenteil: es schließt die anderen aus, weil sie nicht verstehen, worum es geht. Vielleicht bekommen sie sogar das Gefühl, dass sie noch nicht fest genug glauben oder dass an ihrer Beziehung zu Gott was nicht stimmt. Und das ist lieblos. Und unbarmherzig.

Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe!“ schreibt Paulus.
Eure Worte sollen verbinden, nicht ausschließen. Und doch tun sie es. Oft sogar unbeabsichtigt. Auch hier bei uns. Hier in der Kirche.


Bis zur Reformation haben die Pfarrer auf Latein gepredigt. Das Volk verstand sie nicht. Die Laien nahmen am Schauspiel der Kleriker teil, aber gehörten nicht wirklich dazu. Auch die Bibel gab es noch nicht in Deutsch.


Das änderte sich dann. Plötzlich gab es die Muttersprache in der Bibel und auf der Kanzel. Aber verstanden die Leute wirklich, was gesagt wurde?

Ich fasse mir an meine eigene Nase: Wie oft habe ich viel zu lange Sätze verwendet? Und Worte, die nur die wirklich Eingeweihten verstehen?

Dazu kommt: Ich lebe ja auch in meiner Welt. Und ihr als Hörer und Hörerinnen lebt in eurer Welt. Manchmal habe ich den Eindruck, ich lebe in einer ganz anderen Welt als ihr…

Meine Erfahrungen sind nicht eure.  Eure Erfahrungen sind nicht meine. Wir sprechen und verstehen zwar deutsch. Und ich gehe davon aus, dass wir uns verstehen, weil wir doch dieselbe Sprache haben. Aber manchmal sprechen wir doch nicht dieselbe Sprache. Sonst gäbe es nicht so viele Missverständnisse. Und ja, ich ertappe ich mich dabei, wie auch ich Worte benutze, die ausgrenzen, und Sätze, die ihr nicht versteht. So verstehen wir uns und verstehen uns vielleicht doch nicht.  So muss ich vielleicht noch deutlicher wie damals in Memmingen.

Vor vielen Jahren war ich damals in Memmingen nebenamtlich Gefängnisseelsorger. Ich traf im Knast auf eine ganz andere, mir fremde Welt. Ich gab mir Mühe, sie zu verstehen und mich verständlich zu machen. Die Knackis haben kein Kirchenlatein verstanden und auch kein Kirchendeutsch. Sie haben nicht gewusst, was eine Liturgie ist und haben sich auch nicht darangehalten. Sie konnten kein Glaubensbekenntnis und kein Vaterunser. Lieder von anno dazumal haben sie weder gesungen noch verstanden. Selbst bei modernen Liedern haben lieber miteinander getratscht und Tabak getauscht, als mitgesungen.

Ich habe mein Predigtmanuskript abgelegt und frei gesprochen. Frei von der Leber habe ich gesprochen, auch  derb. Ich habe das Wort Scheiße in den Mund genommen. Warum? Nun viele von ihnen sagten mir im Knast: Alles ist Scheiße. Das Gerichtsurteil, die Schließer, das Essen, die anderen Kriminellen: alles Scheiße! Also habe ich den Strafgefangenen an einem Tag vor Heiligabend frei und ungeschönt  vor Augen gemalt, wie dreckig der Schafsstall war, in dem Jesus geboren ist, die Scheiße bis hierher. Da stand ein Knacki lässig an der Wand gelehnt, mit verschränkten Armen und sagte grinsend: „Vielleicht steht Gott auf Scheiße!“.  Ich war glücklicherweise so schlagfertig  und habe ihm geantwortet haben:

„Gott steht nicht auf Scheiße, sondern auf die Leute, die Scheiße gebaut haben!“

Da haben diese Knackis, die alle Scheiße der Welt gebaut haben, vom Dieb bis zum Mörder, ganz anders hingehört als all die Christen in der Kirche nachher. Eigentlich habe ich den braven, anständigen Christenmenschen danach in der Kirche die gleiche Botschaft gesagt, auch wenn ich das Wort Scheiße nicht gesagt habe: Der Stall voller Scheiße heißt, wir dürfen zu Jesus kommen, wie wir sind, als Sünder oder auch als Menschen, die ganz viel Dreck am Stecken haben, ja auch Scheiße gebaut habe.

Sünder willkommen. So steht es auf dem Schild.  Hier steht nicht: Sünde willkommen! Gott liebt den Sünder, auch den der den allergrößten Scheiß gebaut hat. Aber die Sünde hasst Gott. Gott findet Scheiße genauso Scheiße wie wir.

So findet es Gott genauso Scheiße, wenn wir hartherzig und erbarmungslos miteinander umgehen. Sünde ist Scheiße. Und Scheiße ist es, wenn Menschen einander mit Dauer-kritik überziehen. Sünde ist Scheiße. Und Scheiße ist es, wenn wir über andere herziehen, hinter ihrem Rücken sie und die Gemeinde schlecht machen. Warum ist das Scheiße? Weil es spaltet zwischen denen, die Recht haben und denen die nicht recht haben. Sünde ist Scheiße. Und Scheiße ist es,  wenn Worte ausgesprochen werden, die, einmal ausgesprochen nicht zurückgeholt werden können. Worte vernichten, spalten, zerstören. Worte grenzen aus und verletzen.

Schluss mit der Scheiße! Ich hoffe, dass ihr mich jetzt versteht. Dass ihr mir aufmerksam zuhört und nicht missversteht. Ich hoffe, dass ihr noch dabei seid. Und mir innerlich zustimmen könnt, zu dem, was ich jetzt sage:


Mir liegt ganz viel an einer Kirche, die niemanden ausgrenzt und verletzt. Niemanden. Mir liegt ganz viel an einer
Kirche, die für euch und auch für mich ein guter, ein sicherer, ein liebevoller Ort ist. Ein Ort, wo jeder und jede von uns aufatmen kann, wo wir zur Stille, zu Gott kommen können. Ein Ort, der mir sagt: Ich bin nicht allein auf dieser Welt. Ich bin nicht allein mit meinen Sorgen und Ängsten. Ich habe nicht nur meinen Ehepartner und meine Familie. Ich habe nicht nur meine vertraute Gruppe, meinen Freundeskreis. Ich finde in dieser Kirche Menschen vor, die auch ihre Sorgen und Ängste haben und manchmal viel, viel größere Sorgen und Ängste. Kirche als Zufluchtsort.

Was sind so manche Streitpunkte letztlich nichtige Lappalien angesichts einer schweren Corona- oder Krebserkrankung! In dieser Woche ist mir ein junger Mann begegnet, der einmal an einer Nervenkrankheit erkrankt war, von Kopf bis Fuß bewegungsunfähig, musste er ins Koma versetzt werden, musste er wieder neu lernen, zu gehen, zu essen… Dieser junge Mann sieht die Welt anders, Er ist wieder gesund geworden und weiß, wie schnell es anders werden kann.. Er sieht sein Leben als Geschenk.

Was ist letztlich unser Jammern und Klagen auf hohem Niveau in unserer Gesellschaft gegenüber denen, die um ihre Existenz kämpfen, den Obdachlosen, den Flüchtlingen, den Hungernden dieser Welt.

Corona hat mich eines gelehrt: Es ist toll, mit dieser Kirche hier einen Zufluchtsort zu haben. Es ist toll, dass wir hier Gottesdienst feiern können. Ich freue mich, dass wir wieder singen können, zwar mit Maske, aber auch das wird auch einmal vorbei sein. Und ich schätze den Gesang und das Orgelspiel von Ingrid Stigler, die Mesner- und Lektoren-dienste von Elke Jakob. Ich schätze eure Beiträge als Konfirmanden und Konfirmandinnen. Schön, dass ihr überhaupt da seid, und auch ihr Gottesdienstbesucher, wie gut, dass es euch gibt. Manchmal bin ich richtig traurig, wenn ich die leeren Bänke anschaue, aber selbst dann ich dankbar für Euch, die ihr gerade seid, ob ihr gerade viel oder wenige seid. Schön, dass ihr da seid.

Ihr müsst übrigens nicht alles verstehen. Manches ist Kirchendeutsch, schwer verständlich für Menschen, die nicht so oft kommen. Es kommt nicht darauf an, zu wissen, was Zungenrede ist. Es ist letztlich nicht wichtig zu wissen, was Kyrie eleison heißt, oder die Epistel oder das Evangelium. Es kommt darauf an, das Evangelium vom Herzen zu verstehen und zu begreifen: Euangelion, die gute Nachricht von Gott, durch Jesus an uns.

Die gute Nachricht kann das kleinste Kind und der dümmste Mensch genauso wie der superkluge Mensch begreifen. Die gute Nachricht ist ganz einfach zu verstehen: Da ist eine Botschaft von Gott übermittelt durch Jesus an Dich und mich: Wir sind geliebt, bejaht, bedingungslos.

Es fällt mir manchmal schwer zu glauben, dass da ein Gott ist, der mich liebt und sogar bedingungslos. Ein Gott, dem nicht wurscht es, wie es mir geht. Ein Gott, der mich liebend umfängt, aber dich auch.

Es fällt mir manchmal schwer zu glauben, dass da ein Gott ist, der einfach nur barmherzig  mit mir ist, ein bares Herz für meine verwundete Seele hat. Ein barmherziger Gott, der meinen eigenen Verstrickungen im Leben liebevoll nachgeht und sie lösen kann.

Aber manchmal ist die Botschaft auch für mich ganz einfach und schlicht und wahr : Gott ist barmherzig, ein Backofen glühender Liebe und in seiner Gegenwart darf ich einfach ich sein. Das gilt aber natürlich auch für meinen Mitmenschen genauso. Nur die Liebe zählt und sonst nichts.

Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe. Schreibt Paulus.


Jesus lebt sie, diese Liebe. Geht diesen Weg. Jesus hat sich schützend vor Kindern gestellt, er hat sich zu Sündern wie Zachäus zum Essen eingeladen lassen. Er hat sich vor die Frau gestellt, die vom selbstgerechten Mob gesteinigt werden sollte. Wer ohne Sünde ist, wer keinen Dreck am Steck hat, wer noch nie Scheiße gebaut hat, der werfe den ersten Stein! hat Jesus einfach gesagt.


Vor wen würde er sich heute stellen? Jesus würde sich ganz bestimmt vor den vielen missbrauchten Kindern dieser Welt schützend stellen. ganz bestimmt, auch bei allen verwundeten Seelen. Jesus steht auf Seiten der Schwachen, bei denen, die immer übersehen werden.


Und das gilt auch für mich. Und für euch.
Niemand wird von ihm übersehen. Jedes verwundete Herz umarmt Jesus und vermag es zu heilen. Das gilt auch für euch.

Bleibt deshalb unbeirrt auf dem Weg der Liebe. Amen.

Lesung und Gebete, die ihr Konfis gehalten habt.

Lukas 11,5-13 Beten – was bringt´s?  Rogate 9.5.2021 Trautskirchen

5 Dann sagte Jesus zu seinen Jüngern:

»Stellt euch vor: Einer von euch hat einen Freund.

Mitten in der Nacht geht er zu ihm und sagt:

›Mein Freund, leih mir doch drei Brote!

6 Ein Freund hat auf seiner Reise bei mir haltgemacht.

Ich habe nichts im Haus, was ich ihm anbieten kann.‹

7 Aber von drinnen kommt die Antwort:

›Lass mich in Ruhe!

Die Tür ist schon zugeschlossen,

und meine Kinder liegen bei mir im Bett.

Ich kann jetzt nicht aufstehen

und dir etwas geben.‹

8 Das sage ich euch:

Schließlich wird er doch aufstehen und ihm geben,

was er braucht –

wenn schon nicht aus Freundschaft,

dann doch wegen seiner Unverschämtheit.

9 Ich sage euch:

Bittet und es wird euch gegeben!

Sucht und ihr werdet finden!

Klopft an und es wird euch aufgemacht!

10 Denn wer bittet, der bekommt.

Und wer sucht, der findet.

Und wer anklopft, dem wird aufgemacht.

11 Welcher Vater unter euch

gibt seinem Kind eine Schlange,

wenn es um einen Fisch bittet?

12 Oder einen Skorpion, wenn es um ein Ei bittet?

13 Ihr Menschen seid böse.

Trotzdem wisst ihr,

was euren Kindern guttut,

und gebt es ihnen.

Wie viel mehr wird der Vater im Himmel

den Heiligen Geist denen geben, die ihn darum bitten.«

Eingangsgebet

Du Gott hörst unsere Gebete.

Was wir aussprechen – es geht dir nicht verloren.

Wofür uns die Worte fehlen – du weißt davon.

In Not und Freude,

in kleinen Dingen

und großen Fragen

schenkst du uns dein Ohr –

im Namen Jesu, der uns beten lehrt.

Fürbitten

Gott, wir bitten dich für

die  Menschen, die dich im Gebet suchen.
Lass sie es spüren: Du hörst ihr Gebet.


Gott, wir bitten dich für

die Menschen, denen zum Beten die Worte fehlen.

Schenke ihnen Worte oder Menschen, die für sie beten.


Gott, wir bitten dich für

die Menschen, die glauben, dass Beten nichts hilft.

Schenke ihnen gute Erfahrungen mit dem Gebet, dass sie Kraft bekommen.


Gott, wir bitten dich für
für gelingende Gespräche zwischen Eltern und Kindern in den Familien

Und für gelingende Gespräche in Politik und Gesellschaft.

Lass uns zueinander finden.


Gott, wir bitten dich für um den Mut, den Schwachen eine Stimme zu geben und für die Schwachen einzutreten.


In der Stille legen wir in deine Hände, Gott,
was uns persönlich bewegt

Stille             Vaterunser

Gebet am Sonntag nach Ostern

Lebendiger Gott,

wir bitten dich in dieser Osterzeit,

dem zweiten Ostern,

das so sehr durch die Pandemie gezeichnet ist,

für alle, die bei uns nicht mehr ein und aus wissen

Sie ärgern sich nur noch über die vielen Schwierigkeiten

auf dem Weg der Pandemiebekämpfung,

Sie sind wütend oder boykottieren bewusst alle Regeln.

Schenke diesen Menschen und auch uns einen Grund zur Hoffnung und zur Freunde.

Lass uns deinen Ruf ins Leben jetzt selbst hören

und dann als Osterlachen in die gelähmte Welt tragen,

damit auch die Verzagten und Verbitterten,

aber auch die Kranken und Sterbenden Hoffnung schöpfen

auf ein neues, ein besseres Leben.

Lebendiger Gott,

diese Krankheit  bringt mit sich  soviele dramatischen Folgen,

in so vielen Ländern weltweit,

weit mehr als bei uns.

Durch diese Krankheit wissen Millionen Menschen nicht mehr,

wovon sie leben können.

Sie haben alles verloren ,

durch Behandlungskosten,

die sie nicht bezahlen konnten.

Ihnen fehlen die wenigen aber überlebenswichtigen Einnahmen

und kein Sozialsystem fängt sie auf.

Erbarme dich dieser Menschen in ihrer Verzweiflung

und gib ihnen ihr tägliches Brot  wie auch wir es bekommen zu unserer Zeit.

 Lebendiger Gott,

Wir bitten dich schließlich um Gerechtigkeit

bei der Verteilung des hohen Gutes der Impfungen,

wo wieder so viele arme Länder das Nachsehen haben,

obwohl es immer mehr Material gibt;

rühre das Gewissen aller,

die darüber zu entscheiden haben,

damit sie nicht stur und ungerührt den eigenen Vorteil suchen,

sondern erkennen,

dass wir nur gemeinsam dieser Bedrohung begegnen können,

wie so vielen anderen Bedrohungen auch.

Gott des Lebens,

lass deinen österlichen Geist der Hoffnung bei uns einziehen wie den neuen Tag,

den du selbst uns schaffst, jeden Morgen neu, auf deiner ganzen Erde.

Amen

Das Ende der Volkskirche und der Anfang eines neuen Was- auch -immer!

Machen wir uns nichts vor.

Unsere Kirchen und Gemeinden  werden kleiner und kleiner werden.

Kirchengemeinden werden zusammengelegt.

Pfarrer und Pfarrhäuser halbiert.

Die Zahl der Kirchenaustritte wird nicht abnehmen

aller kirchlichen Selbstbeschäftigungsprogrammen zum Trotz.

Die Volkskirche, so wie wir sie kennen, ist am Ende.

Wie können wir Kirche für das Volk sein,

wenn das Volk sich nicht mehr für die Kirche interessiert, geschweige denn für Gott?

Wie können wir Kirche für das Volk sein,

wenn die Menschen fehlen und noch mehr in Zukunft fehlen werden?

Kirche als Amtskirche hat sich in 15 Jahren spätestens überlebt.

In 15 Jahren, wenn sich alles halbiert ist,

werden sich auch die obrigkeitshörigen Strukturen bei den Kirchen überlebt haben

und Kirche wird sich nicht mehr von Kirchensteuer finanzieren können.

Was weg muss und sich überlebt hat, muss weg.

Was Ballast geworden ist, ebenso.

Am Ende bleiben kleine Gemeinden ohne Amt und Würden.

Diese kleinen Gemeinden vor Ort haben durchaus Chancen.

Wir können, wenn wir wollen,

in unseren realexistierenden Gemeinden

jetzt schon

geschwisterlicher leben.

In einer Gesellschaft mit Ellenbogen und erkaltender Liebe können wir unser Christsein vor Ort leuchten lassen.

Eine Kirchengemeinde,

in der Geschwisterlichkeit, Respekt und Wertschätzung gelebt wird,

kann vor Ort signalisieren,

dass es auch anders geht.

Und es geht auch anders:

Wo das freundliche Wort, das Mitgefühl, die Geschwisterlichkeit regieren

können sich Gleichgültigkeit und Hass und Egoismus am Ende nicht durchsetzen.

Die Menschen vor Ort sehen so etwas,

Und unsere kleinen Kirchengemeinden

sind auf einmal kleine Lichter ,

die den Menschen zeigen,

so geht Christsein,

so geht Liebe!

Amanda und Rut und unsere Lebensperspektiven

Rut1,1-19     31.1.21  Trk

Am 20. Januar wurde Joe Biden in sein Amt als amerikanischer Präsident eingeführt. Viele haben diesen historischen Moment im Fernsehen, im Radio oder in den sozialen Medien verfolgt. Die Inszenierung war groß und würdevoll. Nicht der Präsident stand im Mittelpunkt, sondern die Demokratie und die Werte, die Amerika geprägt haben und eine Basis bilden, um den Herausforderungen der Gegenwart zu begegnen und gemeinsam in die Zukunft zu gehen.

Besonders beeindruckt hat mich die die junge Poetin Amanda Gorman mit ihrem Gedicht: The Hill we climb

Der Hügel, den wir erklimmen.

Das Gedicht beginnt mit den Worten:

„Wenn es Tag wird, fragen wir uns,

wo wir Licht zu finden vermögen,

in diesem niemals endenden Schatten?“

Es geht in ihrem Gedicht um Licht und Schatten, um einen Lichtblick, um Lebensperspektive des amerikanischen Volkes. Eigentlich geht es um Licht und Lebensperspektive der ganzen Menschheit.

Amanda Gorman verbindet ihre eigenen persönlichen Erfahrungen mit Licht und Hoffnung aller Menschen.

Sie erinnert als Tochter einer schwarzen, alleinerziehenden Frau an den amerikanischen Traum, genauso wie an den Traum Martin Luther Kings und die Vision, „ein Land zu bilden, das sich allen Kulturen, Farben, Charakteren und menschlichen Lebensverhältnissen verpflichtet fühlt“

Ihre Worte sind prophetisch – im Wissen um die Vergangenheit und die Probleme der Gegenwart richtet sie den Blick nach vorn:

„Wir schließen die Kluft, weil wir wissen, dass wir, um unsere Zukunft an erste Stelle zu setzen, zuerst unsere Unterschiede beiseitelegen müssen. Wir legen unsere Waffen nieder, damit wir unsere Arme nacheinander ausstrecken können.“-

Aus ihrem Bild eines geeinten Amerikas spricht eine große Sehnsucht, aber auch Hoffnung: Und so schließt ihr Gedicht mit den Worten:

„Wenn der Tag kommt, treten wir aus dem Schatten heraus, entflammt und ohne Angst. Die neue Morgendämmerung erblüht, wenn wir sie befreien. Denn es gibt immer Licht, wenn wir nur mutig genug sind, es zu sehen, wenn wir nur mutig genug sind, es zu sein.“

Das berührt mich.

Es gibt immer Licht, wenn wir nur mutig genug sind es zu sehen und es zu sein

Und es führt mich zum Buch Rut, Predigttext für heute. Das Buch Rut erzählt von Licht und Hoffnung, von der Lebensperspektive einer anderen Frau, Rut

Nachlesen können Sie die Geschichte im 1. Kapitel des Buches Rut. Jetzt erzähle ich den Predigttext:

Verschiedene Personen spielen eine Rolle: Zunächst Elimelech, der Mann von Noomi, ihr Söhne Machlan uns Kiljan, dann ihre Schwiegertöchter Orpa und Rut und ganz am Schluss spielt ein kleiner Obed eine Rolle in der Familiengeschichte. Alles sprechende  Namen, aber dazu später bei Gelegenheit mehr dazu.

1.Aufbruch mit Verlusten – und kam Ende wenig Lebensperspektive

Elimelech „Gott ist mein König“ ist ein frommer jüdischer Mann, der an seinen Gott glaubt und ihn tatsächlich für seinen König hält. Seine Glaube sagt ihm: Mein Gott sorgt für mich und meine Familie. Und so reagiert er auch relativ gelassen, als er merkt, dass im jüdischen Land eine Hungersnot sich anbahnt. Er lebt in Bethlehem, Brothausen.

Elimelech betrachtet die völlig vertrockneten Weizenhalme der Felder, nimmt eine vertrockneten Halm in seiner Hand. Er trägt ihn zu seiner Frau Noomi, legt ihn auf den Tisch und sagt: Sieh Dir das an, Noomi, meine Liebliche. Der Weizen vertrocknet. Wir werden in absehbarer Zeit nicht genug zu essen haben.

Entschlossen blickt er auf: Wir gehen woanders hin. Gott wird uns einen Ort zeigen, wo wir leben können, Lass uns gehen. Auch wenn der Ort, wo wir zu Hause sind, Bethlehem „Brothaus“ heißt: Hier gibt es kein Brot. Und ohne Brot ist „Brothaus“ nicht mehr unser Zuhause.

Wenig später schließt Elimelech das Haus ab und zieht mit Noomi und den beiden Söhnen Machlan und Kiljan los. Beides sprechende Namen: Machlan der Kränkliche, Kiljan, der Gebrechliche. Elimelech vertraut darauf, dass auch seine kränklichen und gebrechlichen Kinder eine Lebensperspektive haben. Elimelech lässt die vertraute Heimat zurück. Die vier gehen ins Ausland zu den Moabitern. Eigentlich sind es die Feinde des jüdischen Volkes. Aber die Moabiter haben ein Herz für diese hungernde jüdische Familie.  Dort im Ausland finden sie genug. Sie bleiben. Es gibt Essen und einen überschaubaren Alltag.

Aber dann stirbt Elimelech. Übrig bleiben Noomi als Witwe und zwei Halbwaisen. Und jetzt? Die Söhne, inzwischen alt genug zum Heiraten, treffen die Entscheidung: Wir heiraten in der Fremde. Wir bleiben bei den Moabitern. Es geht uns hier gut. Auch wenn wir nicht so gesund und leistungsfähig sind, wird Gott für uns sorgen. Wir können arbeite und haben eine Lebensperspektive.

Noomi ist zufrieden, es gibt Essen und erneut einen überschaubaren Alltag. Schade, dass die Ehen ihrer Söhne kinderlos bleiben. Und dass ihr Mann Elimelech fehlt, schmerzt. Aber dann sterben auch die beiden jungen Männer Machlan und Kiljan. Von der ursprünglichen

Familie bleibt nur eine übrig: nur Noomi. Als Witwe in der Fremde. Die Verluste ihrer beiden Söhne tun so weh. Und der Blick in die Zukunft auch: Wer wird für sie sorgen? Hier im Ausland gibt es kein Netzwerk für sie, die Übriggebliebene, für die Fremde in der Fremde. Und erneut und verschärft lautet die Frage: Habe ich noch eine Lebensperspektive? Wie kann es weitergehen? Eigentlich gibt es für mich keine Hoffnung, keinen Lichtblick mehr. Noomi ist nahe dabei, sich aufzugeben.

2. Erneuter Aufbruch aus Hunger – bitter und wie ein Albtraum

Noomi gibt sich einen Ruck und steht auf. Sie

geht zurück. Den Ausschlag gibt ein Gerücht: Gott gibt wieder tägliches Brot – seinem jüdischen Volk. Bethlehem ist wieder „Brothaus“. Bethlehem hat wieder Brot. Vielleicht auch für Noomi?

. Sie macht sich auf,

steht auf, wird aktiv, bricht auf, bricht ihre Situation auf.

Ihre Schwiegertöchter Orpa und Rut hat sie im Schlepptau.

Unterwegs kommt Noomi ins Grübeln. Ja, sie stammt aus Bethlehem. Sie hat dort noch Verbindungen.

Sie wird eine Chance haben. Doch die fremden Witfrauen? Sie werden dort so verloren sein wie Noomi es

in der Fremde war. Noomi bleibt stehen. Sie muss die beiden Frauen wieder zurückschicken. Und das tut sie. Mit den besten Wünschen und einem Abschiedskuss.

Aber die beiden jungen Frauen, Orpa und Rut,

weigern sich. Sie beteuern lauthals: „Wir wollen bei Dir bleiben.“ Sie sind bereit, das Vertraute hinter sich

zu lassen um der einen Vertrauten willen. Doch Noomi widersetzt sich. Keine Zeit für Gefühle. Hier muss

pragmatisch gedacht und gehandelt werden. Und so malt Noomi den Frauen klipp und klar vor Augen: Mit

mir habt ihr keine Zukunft, keine Lebensperspektive. Noomi unterstreicht: Mit ihr mitzugehen bedeutet, Gott gegen sich

zu haben. Denn so erlebt Noomi ihre Situation, so deutet sie sie: Gott war anscheinend gegen sie, ihr Leben ist anscheinend auf ganzer Linie gescheitert. Kein Brot. Kein Mann. Keine Söhne. Keine Hoffnung. Keine Zukunft. Alles hat ihr Gott genommen. Bitter, hebräisch „mara“, ist ihr Leben. Nennt mich nicht mehr Noomi, die Liebliche, nennt mich Mara, die Bittere! Sagt sie den beiden Frauen.

Zum Albtraum ist mein Leben geworden. Ich habe keine Lebensperspektive , keine Hoffnung. Das ist nichts für euch jungen Frauen!

3. Rut bindet sich fest an Noomi und begleitet sie nach Bethlehem

Diesmal gibt Orpa nach, Orpa, die wörtlich heißt „Die den Rücken kehrt“ dreht Noomi den Rücken zu und kehrt heim.

Aber Rut, wörtlich die Freundin oder Gefährtin erweist sich als treue Freundin und Lebensgefährtin. Sie hängt sich an Noomi. Ein drittes Mal schickt Noomi Rut weg: „Geh zurück, schnell, lauf Orpa nach!“

Doch Rut weigert sich. Rut hat sich entschieden. Sie bleibt bei Noomi. Wie ernst es ihr ist, macht Rut mit einer großen Selbstverpflichtung deutlich:

„Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk,

und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der

HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.“

Mit großer Ernsthaftigkeit bindet Rut ihr Leben an das von Noomi, hängt sich an sie, als wollte sie sagen: Ich lasse

dich nicht, du segnest mich denn. Soll heißen, ich darf mitgehen, bei dir bleiben Tag und Nacht bis zum

Ende. Und Rut besiegelt ihre Entscheidung mit einem Schwur bei dem Gott, den Noomi als feindlich

gesinnt erlebt. Rut weiß, was sie hinaufbeschwören könnte. Und sie tut’s trotzdem. Oder gerade deshalb.

Es ist ihr bitterernst. So kehrt Noomi als Witwe mit nichts außer einer Geschichte des Scheiterns und des

Verlustes und einer fremden Frau, die selbst bereits Witwe ist, nach Bethlehem zurück. Mit nichts in den

Händen außer der Hoffnung auf Brot und einem sozialen  Netzwerk, das sie hoffentlich irgendwie tragen wird.

Pläne? Ein Fremdwort. Leben von Tag zu Tag ist angesagt. Wann hört es endlich auf? Wann wird sie

wieder gerne vom Tisch aufstehen?

4. Zwei Neuanfänge

So kehrt Noomi zurück: als „Rest“ ihrer ursprünglichen Familie. Mitten in ihrer Perspektivlosigkeit sieht sie nicht, was kommt. Und doch ist es längst angelegt: eine bessere Zeit. Denn immerhin: Ein Rest kehrt zurück. Und mit einem Rest hat Gott in seiner Geschichte mit Israel, mit den

Menschen immer wieder etwas vor. Dem Rest gilt seine besondere Liebe. Der Rest bildet den Sauerteig

für einen Neuanfang. Und ein Zweites ist angelegt: Obgleich fremd, kommt Rut mit. Und diese Fremde

wandert ein. Nach Bethlehem. In das Volk Gottes. In den Stammbaum Davids wandert sie ein und so in

den Stammbaum Jesu. Rut wird als moabitische Frau Teil der Geschichte Gottes mit seinem Volk und allen Menschen.

6. Noomi, Obed und die Zukunft

All das bekommt Noomi nicht mit. Wie auch? Sie steckt ja mittendrin. So wie wir. Noch ehe die nächsten 10 Jahre vergangen sind, am Ende des Buches Rut, wird erzählt, wie Noomi einen kleinen Jungen auf dem Schoss hält, Obed, den Sohn von Rut. Bestimmt hat Noomi dem Obed

Geschichten erzählt. Von früher. Zum Beispiel wie sie nach Bethlehem zurückkam. Wir hören Noomi

erzählen: „Nur ich allein war übriggeblieben. Wozu?“ „Na um auf mich aufzupassen!“, ruft ihr Enkel Obed, wörtlich „Verehrer“begeistert. Noomi lacht. „Damals hab ich mir doch nicht vorstellen können, noch einmal einen solchen

Schatz verehren darf! Jedenfalls habe ich unterwegs nachgedacht: Ich geh nach Hause, nach

Bethlehem zurück. Allein.“ „Biste aber nicht!“, quakt Obed dazwischen. Noomi nickt versonnen. „Hast

recht, bin ich nicht. Deine Mutter, die Rut hing an mir wie eine Freundin und wollte unbedingt bei mir bleiben.

Unbedingt! Bei Gott hat sie es geschworen. Und dann blieb sie bei mir, bei Tag und bei Nacht.“ „Und bei

mir und bei Papa und in Bethlehem und bei Gott.“, ergänzt Obed begeistert. Noomi nickt. „Es war so gut,

dass sie ihren Sturkopf durchgesetzt hat! Sonst gäbe es dich nicht. Und mir ginge es bestimmt schlechter.

Wer hätte das damals gedacht, dass alles so gut werden würde!“ In dem Moment tritt Obeds Mutter Rut

vor die Tür und ruft: „Zu Tisch!“ Und aus dem Haus dringt der Duft von frischem Brot.

7. Das Besser hat längst angefangen. Unsichtbar, doch gegenwärtig.

Tatsächlich: Es werden kommen vom

Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes. Und es

wird gut sein. Menschen werden gerne vom Tisch aufstehen, weil sie sich auf das freuen, was vor ihnen

liegt. Wann wird das sein? Wann bekommen wir einen Vorgeschmack, wann wird es besser? Wenn ich

von unserem Predigttext her denke: Das hat schon längst angefangen. Und das Gerücht, das gute

Gerücht vom Brot, von Leben und Zukunft dringt auch uns entgegen. Der Geruch, der Duft von frischem

Brot, weht hinein in unser Mittendrin mit all seinen Rückschlägen und Verlusten. Und dieser Duft lockt.

Von daher: Vielleicht ist es an der Zeit, sich aufzumachen. Mal sehen, was werden wird. Mal sehen, wen

wir mitbringen werden dorthin, wo aller Hunger gesättigt wird. Mal sehen, wann er uns aufgeht, der

Sauerteig von Gottes Güte, der Kern vom guten Ende. Denn der steckt unsichtbar, doch gegenwärtig

auch in unserem Mittendrin. Amen.

IV. Zum Schluss noch einmal Amanda Gorman:

Wenn der Tag kommt, treten wir aus dem Schatten heraus,

entflammt und ohne Angst.

Die neue Morgendämmerung erblüht, wenn wir sie befreien.

Denn es gibt immer Licht,

wenn wir nur mutig genug sind, es zu sehen,

wenn wir nur mutig genug sind, es zu sein.

Predigt 2. Advent 6.12.20 Ein Schiff wird kommen

„EG 8 Es kommt ein Schiff, geladen …“  6.12.20  Liedpredigt Trautskirchen


Liebe Gemeinde im Advent!


Es ist Advent. 2. Advent. Heute, 6.12.  ist am 2. Advent sogar Nikolaustag. Nikolaus war ein Bischof in Myra in der heutigen Türkei. Er hatte der Legende nach junge Mädchen vor der Prostitution bewahrt, indem er heimlich Geld oder Lebensmittel vor die Wohnungen der verarmten Leute legte. In einer Zeit großer Hungersnot wartet er auf eine Schiffsladung  voller Getreide. Nikolaus wartet auf ein Schiff. Auf wundersame Weise wird der Legende nach ein Schiff tatsächlich kommen und die Not der Menschen beenden.

Wir warten ebenfalls auf ein Schiff. Auf was für ein Schiff wir warten, wird sich noch herausstellen. Jedenfalls zünde ich ein Adventslicht auf diesem Schiff symbolisch an. Dieses Adventslicht steht für all die Hoffnung, die wir haben. Im Alltag vergessen wir manchmal, was wir im Tiefsten uns erhoffen. Unsere Trauer, unsere Traurigkeit, unser Ärger oder manchmal auch der ganz alltägliche Trott lassen unsere menschliche Fähigkeit zum Hoffen leicht einrosten. Darum brauchen wir ab und zu solche besondere Zeiten wie die Adventszeit. Um die Hoffnung in uns wachzuhalten. Um die Hoffnung in uns stark zu machen.

Wir Menschen warten auf ein Schiff, das da kommen soll. Wir Menschen warten und hoffen, solange wir leben.

Ein erstes Lied macht es deutlich. Es ist ein durch und durch weltliches Lied aus der Dreigroschenoper von Berthold Brecht. Es ist das berühmte Lied der Spelunken-Jenny. Die Spelunken-Jenny, auch als Seeräuberjenny bekannt, ist ein Spül- und Zimmermädchen in einem drittklassigen Hotel. Wir hören ihr Lied. Ich lese es vor.

SEERÄUBER-JENNY („DIE DREIGROSCHENOPER“)

Meine Herr’n, heute seh’n sie mich Gläser abwaschen
Und ich mache das Bett für jeden.
Und Sie geben mir einen Penny und ich bedanke mich schnell.
Und sie sehen meine Lumpen und dies lumpige Hotel.
Und sie wissen nicht, mit wem Sie reden.

Aber eines Abends wird Geschrei sein am Hafen.
Und man fragt: „Was ist das für ein Geschrei?“
Und man wird mich lächeln seh’n bei meinen Gläsern.
Und man sagt: „Was lächelt die dabei?“
Und ein Schiff mit acht Segeln
Und mit fünfzig Kanonen
Wird liegen am Kai.

Und man sagt: „Geh‘ wisch‘ deine Gläser mein Kind“
Und man reicht mir den Penny hin.
Und der Penny wird genommen und das Bett wird gemacht,
Und es wird keiner mehr drin schlafen in dieser Nacht.
Und sie wissen immer noch nicht, wer ich bin.

Denn in dieser Nacht wird ein Getös‘ sein im Hafen
Und man fragt: „Was ist das für ein Getös‘?“
Und man wird mich stehen sehen hinterm Fenster.
Und man sagt: „Was lächelt die so bös?“
Und das Schiff mit acht Segeln
Und mit fünfzig Kanonen
Wird beschiessen die Stadt.

Meine Herr’n, da wird wohl Ihr Lachen aufhören
Denn die Mauern werden fallen hin
Und die Stadt wird gemacht dem Erdboden gleich
Nur ein lumpiges Hotel wird verschont von jedem Streich
Und man fragt: „Wer wohnt Besonderer darin?“

Und in dieser Nacht wird ein Geschrei um das Hotel sein
Wenn man fragt: „Warum wird das Hotel verschont?“
Und man wird mich sehen treten aus der Tür gen‘ Morgen
Und man sagt: „Die hat darin gewohnt?“
Und das Schiff mit acht Segeln
Und mit fünfzig Kanonen
Wird beflaggen den Mast

Und es werden kommen hundert gen‘ Mittag an Land
Und werden in den Schatten treten
Und fangen einen jeglichen aus jeglicher Tür
Und legen ihn in Ketten und bringen vor mir
Und fragen: „Welchen soll’n wir töten?“


Und an diesem Mittag wird es still sein im Hafen
Wenn man fragt, wer wohl sterben muss…
Dann werden Sie mich sagen hören:
„ALLE!“
Und wenn dann der Kopf fällt, sag‘ ich:
„HOPPLA!“
Und das Schiff mit acht Segeln
Und mit fünfzig Kanonen
Wird entschwinden mit mir…

Writer(s): BRECHT EUGEN BERTHOLD, WEILL KURT Lyrics powered by http://www.musixmatch.com

Die Dreigroschenoper wurde 1931 uraufgeführt. Spelunken-Jenny führt ein Leben, das man eigentlich keinem wünscht, erst recht nicht einem jungen Mädchen, das doch seine Zukunft noch vor sich haben sollte. Die Absteige am Hafen, in der sie arbeitet, ist schäbig, die Gäste, die da ein und ausgehen, Halbkriminelle – und selbst die fühlen sich ihr noch überlegen und behandeln sie wie Dreck. Ein Zimmermädchen in einem „lumpigen Hotel“ – keiner, der sie liebt, keiner, der sie respektiert. Dieses Leben, so jung es ist, scheint in einer Sackgasse gelandet zu sein, die Zukunft ist trostlos vorhersehbar.

Allerdings: Es gibt etwas Besonderes an der Spelunken-Jenny: Sie hat das Hoffen nicht verlernt. Während sie Betten macht und Gläser spült, während sie sich von schlechtgelaunten Gästen herumkommandieren lässt, hängt sie innerlich großen Träumen nach.


Ein Schiff wird kommen, fünfzig Kanonen an Bord, und wird die Stadt in Schutt und Asche legen. Jenny kommt dann endlich zu Recht und Würde. Die „Herren“, die sie jetzt verächtlich behandeln, werden endlich die wahre Größe des kleinen Zimmermädchens erkennen. „Wer wohnt Besonderes darin?“ flüstern sie mit angstvollem Respekt, als die Kanonen das Hotel verschonen. Aber das nützt ihnen nichts, Jenny verordnet ihnen ein blutiges Ende. „Und wenn ein Kopf fällt, ruf ich: Hoppla!“ Sie selbst steht am Ende aufrecht da, das wunderbare Schiff nimmt sie mit und entschwindet mit ihr in die Ferne.

Von einem Schiff träumt das Mädchen. Aus ihrer eigenen tristen Umgebung wird keine Veränderung kommen, das fühlt sie wohl … Ein Schiff kommt von weit her, vom Meer. Ein Schiff kann aus unbekannter Ferne Fremdes, Unbekanntes in die alte, begrenzte Welt bringen. Ein Schiff ist immer ein bisschen von Geheimnissen umweht, es eignet sich als „Traumschiff“. Ein Traumschiff reißt das Zimmermädchen aus seiner trostlosen Welt heraus. Allerdings ist es für die anderen ein Alptraumschiff, dieses Schiff mit 50 Kanonen. Ob es wirklichen Frieden bringt, ist mehr als fraglich.

Ein anderes Lied, ein anderes Schiff. Dieses können wir später selbst besingen, es steht im Gesangbuch unter der Nummer 8.  „Es kommt ein Schiff, geladen…“


Ein geheimnisvolles, rätselhaftes Lied. Ein alter Mystiker hat es geschrieben. Der Sinn der Worte erschließt sich nicht leicht, doch das Bild vom Schiff ist einfach und stark.

Auch dieses Schiff kommt aus weiter Ferne, von noch viel weiter her als das der Spelunken-Jenny. Erkennen kann man das an der „Ladung“. Das Schiff des Mädchens hat 50 Kanonen an Bord, eine äußerst diesseitige Fracht. Das Adventsschiff trägt „Gottes Sohn, der voller Gnaden ist“. Gottes Sohn. Damit ist der Herkunftsort des Schiffes gewissermaßen mit genannt: Es kommt aus der Welt Gottes. Von einem Ort, an dem kein Mensch je gewesen ist. Es kommt aus dem völlig Unbekannten.

Advent – Zeit der Hoffnung. Da stehen wir, so stelle ich mir das vor, zusammen Spelunken-Jenny im Jahr 1931, aber auch mit  Daniel Sudermann, dem Dichter dieses Liedes aus dem Jahr 1626 am Ufer unserer diesseitigen Welt. Wir suchen gemeinsam den Horizont ab, halten gemeinsam Ausschau nach einem Schiff, das aus der Fremde zu uns kommt.


Unser Ufer, das teilen wir in vieler Hinsicht mit der Spelunken-Jenny. Das scheint vielleicht auf den ersten Blick nicht so. Bertolt Brecht hatte die Not und Wirren der 1930iger Jahre im Blick. Viele Deutsche ist es damals schlecht gegangen, waren arbeitslos, ohne Hoffnung. Die ersten Naziträume werden geträumt. Wir wissen, es geht nicht gut aus. Das Schiff ist nicht gekommen oder seine Ladung entpuppt sich als Alptraum.

Wir Trautskirchener sind nicht so arm wie Spelunken-Jenny. Uns Franken geht es nicht so schlecht, uns geht es in Bayern gut. Und überhaupt haben wir in unserem deutschen Landen nur Jammern auf hohen Niveau. Ich sage das trotz Corona und trotz eingeschränktem Weihnachtsfeiern. Denken wir an Zeiten, in denen  Pest und Cholera, Krieg und alltägliche Gewalt wie im Dreißigjährigen Krieg an der Tagesordnung waren, geht es uns wirklich wohlhabend gut.

Aber in unserem wohlhabenden Deutschland gibt es viele Orte und Menschen, denen es an Liebe und Respekt fehlt. Ja mehr noch, wenn ich mir die Hassergüsse und Wutreden auf Querdenkerdemos anschaue, habe ich den Eindruck: Den Menschen fehlt es nicht nur an Liebe, Anstand und Respekt. Den Menschen fehlt es an Hoffnung. Weil sie keine Hoffnungsbilder in sich tragen, kommen in Krisenzeiten wie Corona von außen gesehen, sehr sonderbare Zerrbilder hervor, Verschwörungsmythen, Lügengeschichten, selbstzusammengebastelte Wahrheiten, Worte, die spalten, aber den Menschen keinen Halt und keine Hoffnung geben.


Man muss nicht auf Quersdenkerdemos oder andere irrlichternde Menschen-versammlungen gehen,  um verächtliche und gleichgültige Menschen ohne Hoffnung zu treffen. Dass Liebe fehlt und der Respekt, und auch die Hoffnung im Herzen nicht zu finden ist, das kann man an vielen Orten erleben, auch oder vielleicht gerade an den feineren Adressen. Unsere Welt ist an vielen Stellen ein grauer, trostloser, hoffnungsloser Ort.


Es kommt ein Schiff, geladen…
Mit diesem Adventslied treten wir an das Ufer unserer bekannten Welt. Wir halten Ausschau nach einem Lichtstreif am Horizont. Wir versuchen uns in der Hoffnung, dass aus der Ferne Gottes etwas anderes zu uns kommt, ein fernes Licht, das uns Hoffnung gibt, eine göttliche Freundlichkeit, die wir in unser Herz aufnehmen können.

Es kommt ein Schiff, geladen

bis an sein’ höchsten Bord,

trägt Gottes Sohn voll Gnaden,

des Vaters ewigs Wort.

Geladen ist dieses Schiff anderes als unsere Schiffe der Hoffnung. Statt Kanonen trägt es einen Menschen. Gottes Sohn. Ein Segel bringt das Schiff voran, von dem heißt es: „Das Segel ist die Liebe“. Das Schiff wird vorangetrieben von der Kraft, die bei uns ziemlich oft fehlt.

2. Das Schiff geht still im Triebe,

es trägt ein teure Last;

das Segel ist die Liebe,

der Heilig Geist der Mast.

Im Lied ist es nicht die ganze Zeit Advent. Ganz langsam bringt das Schiff  Gottes Welt näher zu unserem Ufer heran, und schließlich legt es tatsächlich an.

3. Der Anker haft’ auf Erden,

da ist das Schiff am Land.

Das Schiff  ist am Land. Die Verbindung ist hergestellt zwischen den beiden Welten. Himmel und Erde, Jenseits und Diesseits. Aber wozu? Was fangen wir damit an?

Das Lied deutet die Antworten nur an.

Das Wort will Fleisch uns werden, der Sohn ist uns gesandt. gibt sich für uns verloren;

 Ein von Gott geschickter Sohn, der sich für uns „verloren gibt“. Ein Segel, das die Liebe ist. Ein Anker, der das Schiff in unserer Erde festhält.


Auf dem Segel des kleinen Holzschiffes ist ein Kreuz zu sehen.  Das Segel, das die Liebe ist. Das Christusbild von Oskar Kokoschka ist mir dazu eingefallen. Auf der Seite 812 in unserem Gesangbuch ist es abgedruckt:  „Christus hilft den hungernden Kindern“ heißt es.

Die Kokoschkazeichnung stammt von 1946 und zeigt Christus, der sich von seinem Kreuz herabbeugt und die Hand ausstreckt zu einer Schar von leidenden Kindern. Es sieht aus, als würde er gleich vom Kreuz hinuntersteigen zu ihnen.


Der Anker des Schiffes haftet fest auf Erden. Der Abgesandte aus Gottes Welt steigt aus, mischt sich unter die Leidenden wie die Fröhlichen, teilt ihr Schicksal. Streckt sich vom Kreuz aus und hilft den hungernden Kindern, den Armen und Schwachen dieser Welt.

Das Traumschiff der Spelunken-Jenny ist zum Schluss mit dem Mädchen in weite Ferne verschwunden. Die zerstörte Stadt hat es sich selbst überlassen. Die zerstörte Welt bleibt ohne Hoffnung zurück. 

Anders das Adventsschiff. Der vom Adventsschiff kommt, steigt aus, bleibt bei den Menschen, teilt ihre Not. Jesus lässt sich verspotten wie das Zimmermädchen und die gering geschätzten Armen dieser Welt. Jesus hat teil am einsamen Leben der Alten und Schwachen. All denen ist er nah. Er betrachtet nicht nur wohltätig ihr Schicksal, sondern setzt sich dem selber aus. „Gibt sich für uns verloren“.

Jesus ist auf Erden ausgestiegen und hat Dunkel und Verachtung am eigenen Leib erlebt. Aber er ist darin nicht untergegangen. Im Gegenteil. Er bringt aus seiner Welt etwas Neues ins irdische Grau hinein. Auf der Zeichnung von Kokoschka kann man das sehen: Unter dem Kreuz, die Menschen, die zu ihm hinsehen, die sind nicht geduckt und klein, wie das Zimmermädchen. Eine Hand ist zu ihnen ausgestreckt, sie lächeln, richten sich auf und sehen mit hoffnungsvollen Gesichtern zu ihm. In diesem Moment ist ihre verletzte Würde wiederhergestellt. Aber nicht mit Blut und Kanonen. Sondern mit Gesten der Liebe.

Liebe Adventsgemeinde. Plätzchenduft und Kerzenschein, Geschenkekaufen und Glühwein mit Zimt. Gott sei Dank ist das nicht Advent. Sonst könnten wir wegen Corona nur bedingt Advent feiern. Advent geht aber tiefer. In ihrer tiefsten Schicht ist die Adventszeit eine Zeit, in der wir auf den Grund unsere letzten Hoffnung warten: Ein Schiff wird kommen….

Jetzt ist die Zeit, den Blick über den Alltag hinaus zu heben. Auch über den Horizont von Corona hinaus. Wir können unseren Blick an den Horizont richten. So wie die Spelunken-Jenny das tat. Wir können an Spelunken-Jenny erkennen, wie alptraumhaft unsere Hoffnungen sein werden, wenn wir den Horizont unserer Hoffnung nur auf das Diesseits begrenzen. Jetzt ist die Zeit, sich auf eine andere göttliche Wirklichkeit zu besinnen, die unser Leben zusammenhält. Sie ist nicht fern. Wie ein Schiff aus der Ferne bewegt sie sich auf uns zu. Als Fracht führt sie einen konkreten Menschen mit sich, der zur Liebe besonders begabt ist. Jesus. Er verleiht uns eine eigene Würde, was auch passiert. So hilft er uns, dass wir uns mit den Zuständen am diesseitigen Ufer nicht abfinden – dass wir uns sperren gegen Hoffnungslosigkeit, Verachtung und Lieblosigkeit.

So warten wir auf ein Schiff, wie Nikolaus auf das Schiff mit Getreide, wie Daniel Sudermann mitten im Dreißigjährigen Krieg. So warten auch wir 2020 in unserer Zeit mit unseren Ängsten und Nöten auf ein Schiff, das die Liebe und Hoffnung in unsere Zeit bringt. Möge das Adventlicht dieses Schiffes auch in unseren Herzen brennen. Amen.

Predigt 1. Advent 29.11.2020 Wenn man Sacharja einfach weiterliest…

Sacharja 9, 9-10  29.11.20 Trautskirchen 1. Advent

9 Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. 10 Denn ich will die Wagen wegtun aus Ephraim und die Rosse aus Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde.

Klingt gut dieser Prophet, wie er sich für Frieden einsetzt.  Auf diesen prophetischen Text geht Tochter Zion zurück, das wir danach singen werden.

Tochter Zion, freue dich!                                             Jauchze laut, Jerusalem!
Sieh, dein König kommt zu dir!
Ja, er kommt, der Friedensfürst.
Tochter Zion, freue dich!
Jauchze laut, Jerusalem!

Aber wissen wir überhaupt, wer da besungen wird? Wer ist diese Tochter Zion?

Tochter Zion steht für Jerusalem.  Gemeint ist das jüdische Volk Israel, zu dem Gott als König kommt.

Wir Christen sind erst mal nicht damit gemeint. In unseren christlichen Traditionen wurde dieser  prophetische Text aus der jüdischen Bibel vereinnahmt. Was wir AT nennen, sagen die jüdischen Gläubigen, das gehört zu unseren heiligen jüdischen Schriften.

Wie so vieles haben wir Christen von dem jüdischen Volk Israel vereinnahmt. Und jedes Jahr hören wir von Jesus, der mit einem Esel in Jerusalem einreitet, so wie es der Prophet Jahrhunderte zuvor vorausgesagt hat.

Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. 

Vielleicht hatte Jesus tatsächlich an diese Prophetenstelle in Sacharja gedacht, als er mit einem Esel in Jerusalem einritt.

Der Prophet Sacharja würde sich aber stark darüber wundern, was wir aus seinem Prophetentext gemacht haben. Wir konzentrieren uns weitgehend auf den adventlich adrett geschmückten Bibelvers:

Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer

Da kommt schon die erste adventliche Stimmung auf. Der Geschmack von weihnachtlicher Vorfreude. Bald ist Weihnachten, freut euch!

Sacharja hat nicht im geringsten Weihnachten im Blick, als er diese Worte sagt. Und der Prophet wird uns mit Sicherheit auch fremd, wenn wir weiterlesen, wie bei Sacharja der Friedenskönig einzieht:

10Denn ich will die Wagen wegtun aus Ephraim und die Rosse aus Jerusalem, und der Kriegs­bogen soll zerbrochen werden. […] 11Auch lasse ich um des Blutes deines Bundes willen deine Gefangenen frei aus der Grube, in der kein Wasser ist; 12so kehrt heim zur fes­ten Stadt, die ihr auf Hoffnung gefangen liegt. Denn heute verkündige ich, dass ich dir zwei­fach erstatten will. 13Denn ich habe mir Juda zum Bogen gespannt und Ephraim darauf ge­legt und will deine Söhne, Zion, aufbieten gegen deine Söhne, Griechenland, und will dich zum Schwert eines Riesen machen. 14Und der HERR wird über ihnen erscheinen, und seine Pfei­le werden ausfahren wie der Blitz, und Gott der HERR wird die Posaune blasen und wird ein­herfahren in den Stürmen vom Südland. 15Der HERR Zebaoth wird sie schützen, und die Schleu­dersteine werden fressen und niederwerfen und Blut trinken wie Wein und voll davon werden wie die Becken und wie die Ecken des Altars.

Der Friedenskönig, den der Prophet Sacharja verkündet, verschafft auch nur dem eige­nen Volk einen Frieden, genauer einen Gewaltfrieden nach der Niederlage der Gegner. Und da spielt es keine Rolle, ob er auf einem Esel daherreitet oder doch auf einem Schlachtross!

Wir könnten uns als Christen zurücklehnen und arrogant auf den jüdischen Propheten Sacharja herabschauen und sagen: Wussten wir es doch, unser Jesus ist anders. Unser Jesus reitet mit dem Esel ein und verzichtet darauf, mit Macht und Gewalt für Frieden zu sorgen. Aber ich höre von außerhalb unserer Christengemeinden Einwände, die wir hören müssen. Ich höre Außenstehende mit Recht fragen:

Was ist da in eurer christlichen Tradition anders als bei Sacharja? Der Frie­dens­­könig, den die christliche Tradition am 1. Advent und am Palmsonntag feiert, hat seine Anhänger 2000 Jahre nicht zur Ver­­­nunft bringen können: Ketzerprozesse, Religionskriege, Kreuzzüge.  Die Menschenrechte sind im 18. und 19. Jahrhundert gegen den Widerstand der Kirchen durch­gesetzt worden. Und heute?

Denke ich an die evangelikale christliche Bewegung in den USA, von denen nach wie vor 70 Prozent Trump ein zweites Mal gewählt haben, dann schaudere auch ich vor Teilen der heutigen Christenheit. Auch diese evangelikalen Christen heute sind der Versuchung erlegen, auf einen Trump als Gesalbten zu setzen und von ihm gewalttätige Politik im In- und Ausland zu erwarten. Gott sei Dank ist der Gesalbte der Evangelikalen nicht gewählt worden!

Nun sind wir Christen in unseren deutschen Landeskirchen alles andere als gewaltbereite christliche Fanatiker. Gott sei Dank! Wir haben aus unserer Geschichte gelernt. Wir haben aus unserer Kirchengeschichte gelernt, dass Ketzerverfol-gungen, Hexenverbrennungen, Religionskriege, Kreuzzüge einfach etwas abgrundtief Böses war, was sich absolut nicht mit dem Namen Jesu vereinbaren lässt. Wir haben auch aus unserer jüngsten deutschen Geschichte gelernt, dass wir das jüdische Volk für unsere Zwecke nicht vereinnahmen oder gar missbrauchen dürfen.  Es ist gut, wenn wir unsere  Stimme als Christen erheben, wenn das jüdische Naziopfer Anne Frank bei Querdenkerdemos vereinnahmt wird. Es ist gut, wenn wir dagegen protestieren, dass der Judenstern auf solchen Demos missbraucht wird.

Darüber hinaus  befinden wir uns als Christen in Europa auch in einer Umbruchsituation, in der unser christliche Glaube und unsere christlichen Traditionen immer wieder überprüft werden müssen, ob sie den Menschen in der heutigen Zeit noch etwas sagen können.

Unsere Bibeln müssen durchforstet werden. Unsere christlich tradierten Texte sind voll von Feindschaft und einer ra­dikalen Tren­nung in Gute und Böse. Voll von kriegerischen Bildern, voll von Königen und pa­triar­cha­li­schen Despoten, von Herrschern und Feldherrn. Und immer wieder: voll von einem ge­walt­tä­tigen Gottesbild.

Was soll uns diese Vorstellung von Gott als oberstem Herrscher. Wir Europäer haben in einer leidvollen Geschichte die Herrscher abgeschafft! Wir leben in einer Demokratie, in der alle Bürger für die Herrschaft verantwortlich sind. Menschen, die heute an Gott glauben, müssen sich Gott nicht als Alleinherrscher vorstellen. Auch die Vorstellung von Christus als König ist für viele Menschen eine heute schwer verständliche Vorstellung.  Könige sind für viele Figuren aus Märchen. Christus als König ist aber mehr als ein Märchen.

Und noch ein Letztes: Gott, der Allmächtige. Das ist der Gott also, der alles kann, was wir selber so gerne könn­ten. Der Allmächtige, das ist der Gott, der alles so macht, wie wir es uns in unseren Allmachts-Phantasien wün­schen, einer, der alle Gegner besiegt. Wir können in unserer Zeit  lernen, dass Gott anders mächtig ist. Unvorstellbar anders. Durch unsere Bilder nicht einholbar.

Wir befinden uns als Christen in Europa in einer Umbruchssituation. Wir werden uns im Laufe der Zeit von so manchen alten Gottesbildern und Gottesanreden verabschieden, so schwer es auch manchmal fällt. Natürlich sind sie Teil unserer Kultur. Natürlich singen wir das alles in der Kir­chenmusik. Tochter Zion! Ich kann darauf nicht ganz verzichten. Aber wir dürfen den abgrundtiefen Graben nicht zuschütten, der uns gedanklich und objektiv von alten Gottesbildern trennt. Wir müssen uns sehr gut überlegen, wie wir künftig zu religionsfernen Generationen glaubwürdig von Gott sprechen. Jedenfalls nicht als König und Herr, als Herrscher und allmächtiger Pa­tri­arch …

Wenn Jesus Christus mit seinem Leben und Sterben wirklich das Ebenbild Gottes, oder das Vorbild sein soll, dann dürfen wir nicht Bilder der Gewalt und der Herrschaft auf ihn übertragen.

Ich möchte Sie einladen, sich ein paar Minuten Zeit zu nehmen, um sich auf ihre eigenen Gefühle und Gedanken einzulassen: Wie haben Sie ganz persönlich Gott oder Jesus als Messias, als Heiland, als Gott-für-mich erfahren? In welches Bild können Sie Ihren Glauben kleiden? Welche Namen und Rollen passen zu Jesus?

Meditative Musik  Tochter Zion

Erlauben Sie mir, selber persönlich zu werden.

Gott ist für mich die Quelle meiner Kraft. Ich komme immer wieder in Situationen, die mir meine Grenzen aufzeigen. Ich habe mich nicht selbst gemacht und ich kann nicht alles, was ich will, auch werden oder bleiben.

Gott ist für mich der Freund. Mit ihm kann ich reden, auch wenn ich weiß, dass Gott weit, weit mehr ist als ein Du, eine Person. Gott kann ich ver­trauen und ihm kann ich mich anvertrauen, weil er mich wie ein Freund ermuntert und  auch mal wie ein Freund kritisiert. Aber ich bin nicht sein Knecht. Ich bin sein Freund. Gott lässt mich als seinen Freund mein Leben so leben wie ich will, auch wenn ich dann mal Fehler mache. Und wenn ich Mist gebaut habe, ist Gott als dieser Freund immer noch an meiner Seite. Gott als Freund ist natürlich auch ein Gottesbild.

Ein weiteres Bild: Gott ist für mich parteiisch. Er hat durch Jesu Leben und Sterben gezeigt hat, dass er nicht auf der Seite der Täter ist. Gott steht immer auch Seiten der Schwachen und Armen. Das ist für mich auch Mahnung und Stachel, wenn ich es mir zu gut gehen lasse. Denke an die Armen.

Gott ist für mich letztlich ein Geheimnis. Ein Geheimnis, das sich nie ganz enthüllt. Was für einen Sinn das Leben hat mit all seinen Niederlagen und Widersprüchlichkeiten wird sich uns erst in der Ewigkeit erschließen.

Gott als Quelle, als Freund, als Parteinehmer für die Armen, Gott als Geheimnis. Fügen Sie ruhig ihr eigenes Gottesbild hinzu. Wer oder was „Gott“ ist, erschließt sich uns dann, wenn wir uns Gott öffnen.

Ich persönlich sage inzwischen Nein zu einem Friedenskönig, der durch Siege regiert.

Nein zu einem Weltbild, das uns zu Untertanen machen will, die von der Herrschaft eines Königs abhängig sind. Nein zu überholten und gewalttätigen Gottesbildern.

Mit dem Nein sage ich aber gleichzeitig Ja zu einem Gott, der Juden und Christen und Muslime und alle Menschen zum Frieden bringen will. Die traditionellen Bilder dieses Friedens können unsere Hoffnung stärken und unsere Aktivität beflügeln.

Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer

Diese und andere biblischen Worte können die schlimmen anderen biblischen Ge­schich­ten überstrahlen.

Ich sage Ja zu einem Gott, der sich in Jesus Christus als bedingungslose Liebe gezeigt hat. Die­ser Liebe gilt es – so bruchstückhaft auch unsere Versuche sind – nachzueifern.

Dazu helfe uns der in der Bibel als Jahwe offenbarte Gott, der Gott, der für uns sein will, von dem wir uns kein Bild machen sollen. Der wird uns den Frieden bringen, den wir selber nicht bringen können. Amen.

Von der Freiheit, Unbequemes in der Kirche zu sagen

Unsere Kirche schwimmt im Mainstreaming der Gesellschaft mit.

Es darf nicht alles gesagt werden.

Manches gehört sich für eine moderne Kirche tatsächlich nicht:

Homosexuelle auszugrenzen und zu verteufeln,

judenfeindliche, antisemitische Sprüche zu klopfen,

Frauen auszugrenzen,

gehört sich für eine Kirche von heute einfach nicht mehr.

Früher war das anders

Es gab eine Zeit,

es war nicht die gute alte Zeit,

sondern für viele Menschen eine schwer erträgliche Zeit,

in der die Kirche

Homosexuelle ausgegrenzt und verteufelt hat,

auf den Kanzeln wurden

judenfeindliche, antisemitische Sprüche geklopft

und in den Gemeinden Frauen ausgegrenzt.

Das gehört sich nicht mehr,

auch für eine katholische Kirche, die hier immer noch hinterherhinkt.

Aber in der Kirche von heute wird manches verschwiegen,

totgeschwiegen:

Von Konflikten in der Kirche,

von Prozessen und Mobbing zur reden,

ist tabu.

Darüber redet man nicht

Und breitet lieber den Mantel der Geschwisterlichkeit darüber

und verdeckt dabei,

dass auch Kirchenmitglieder nicht besser sind als die Menschen sonst in der Gesellschaft:

sie können streitsüchtig, machtgeil, und nur auf eigene Interessen bedacht sein.

Meinungsäußerungen, die nicht dem Mainstreaming angehören,

werden mit empörter Stimme stumm gemacht.

Warum sollte man in unseren Kirchen und Gemeinden nicht

anderer Meinung sein dürfen,

als dass Schiffe für Flüchtlinge unbedingt von Kirchens gesponsert werden müssten?

Warum sollte man seine Meinung nicht frei und offen sagen dürfen,

dass die Zukunft der Kirche nicht rosig ausschaut

und das Schiff zu sinken beginnt?

Warum sollte man nicht frei und offen sagen dürfen,

dass man seine Heimat in der Kirche

und den Glauben der Kirche längst verloren hat?

Wie man durch Verzicht auf Rache und Vergeltung und einseitiges Vergeben neue Wege gehen kann

05.07.2020   9.30 Trautskirchen 4. Sonntag nach Trinitatis  Röm 12,17-21

Liebe Gemeinde!

„Oh, Entschuldigung, ich habe Sie verletzt! Das wollte ich nicht. Ich habe Sie sogar gedemütigt! Das wollte ich schon gar nicht. Tut mir wirklich leid!“

Das sind Worte, die ich mir gerne vor etwa einem Jahr von einem ganz bestimmten Menschen ganz konkret gewünscht hätte. Niemand von hier.

Es sind Worte, die aber ausgeblieben und nicht gesagt worden sind. Dieser Mensch hatte mich damals ziemlich verletzt und gedemütigt.

Was löst das bei Ihnen aus, wenn jemand Sie verletzt, gedemütigt hat, aber kein Wort der Entschuldigung über die Lippen gebracht hat?

Bei mir hat es erst einmal Hass und Wut ausgelöst. Gefühle, die ich so intensiv nie gekannt hatte. Der Wunsch nach Rache, Vergeltung kam in mir hoch. Hass! Dem zahle ich es heim!

Ich habe dann am eigenen Leib gespürt:  menschliche Gefühle können etwas sehr Aggressives sein. Meine Gefühle diesem Menschen gegenüber waren aggressiv und voller Wut. Gut so, denn dem christlichen Glauben sind Wut und Aggressionen nicht fremd. Leider gibt es in den Kirchen eine lange Tradition, in der aggressive Gefühle verdrängt werden: „Als Christ (und als Pfarrer schon gleich) musst du immer schön lieb und freundlich bleiben, halte dich bloß zurück. Zeige bloß nicht, wie sauer du bist. Schlucke deinen Ärger herunter.“

Oft ist für diese Gefühle kein Platz. Dabei gehört es zu  unserem Menschsein einfach dazu, dass wir auch mal wütend und sauer sind. Diese Gefühle sind da, werden

dann oft eher verdrängt.
Da wird dann lieber heimlich die Faust in der Tasche geballt oder man lässt lieber in der vermeintlichen Anonymität des Internets seinem Hass freien Lauf.
Gut ist es da, dass die Bibel diese aggressiven Gefühle nicht verdrängt, sondern zum Ausdruck bringt. Sie tut es in Worten und Bildern, die uns dabei helfen, unseren Zorn auf Unrecht angemessen auszudrücken und ihn in etwas Positives zu verwandeln.

Röm 12,17-21


Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.
 Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.
 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«
Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln«.

Wenn man richtig wütend und stinksauer auf jemanden ist, weil dieser Mensch einen schwer gedemütigt hat, tut es richtig gut, sich mal einen der Rachepsalme , z.B. den Psalm 58, herzunehmen, und ihn für sich laut vorzulesen. Ich lese ihn in einer modernen Fassung für uns laut vor:

Ihr Mächtigen, sprecht ihr in Wahrheit Recht?

Wie sieht es in der Welt aus?

Gelten die Menschenrechte?

Gilt Gottes Recht?

Richtet ihr Mächtigen euch danach?

Im Gegenteil: Überall missbraucht ihr eure Macht,  dass unsägliches Leid entsteht

Und überall behandelt ihr Machthaber                             die Menschen wie Dreck.

Die Verletzung der Menschenwürde ist bei euch zur Seuche geworden.

Mein Gott, kannst du solchen Menschen

nicht den Giftzahn ziehen?

O Gott, schlage ihnen die Zähne aus!

Diesen Leuten soll es ergehen wie Schnecken in sengender Hitze! Weg mit ihnen!

Denn solche Leute haben taube Ohren

Und können den Zauber und das Wunder deiner beschwörenden Liebe gar nicht vernehmen.

Ich merke, ich bin auf Vergeltung aus,

ich habe so richtig Rachegefühle.

Aber es ist doch wahr: Die mit eurem Narzismus zerstört doch alles.

Irgendetwas muss doch geschehen,

damit die Welt aufatmen kann und sagen:                 Ja, Gott regiert doch!

 Also, Gott, rechne mit ihnen ab!

Das laute Lesen dieses Rache-Psalmes  hat eine Ventilfunktion. Man kann seine eigene Wut rauslassen und sie Gott vor die Füße werfen. Es ist immer besser, seine Wut nicht gegenüber dem Mitmenschen rauszulassen. Besser ist es, sie Gott hinzuwerfen. Und kann man auch mal in seiner Wut übers Ziel hinausschießen und dem anderen den Schneckentod in der sengenden Hitze wünschen (Psalm 54).

Ähnlich Paulus in unserem Predigttext: „Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: ,Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.‘“

Die Rache gehört Gott. Verzichtet auf Rache und Vergeltung. Gebt dem Zorn Gottes Raum! Ich verstehe das so: Wirf deine Wut, deinen Hass Gott vor die Füße. Ja, wir können Gott unsere Wut und unsere hässlichsten Gedanken hinknallen. Selbst Gedanken, für die wir uns später, wenn wir wieder ruhiger geworden sind, schämen. Gott hält auch die hässlichsten Gedanken aus. Damit sind natürlich unsere aggressiven Gefühle nicht weg. Aber es tut gut, sie laut auszusprechen und mich auszukotzen.

Wenn ich das tue, spüre ich: Gott ist es absolut nicht egal, wie wir Menschen miteinander umgehen. Gott ist das Böse nicht egal. Wenn Kinder missbraucht werden, wenn Frauen geschlagen werden, wenn Menschen erniedrigt werden, ist das böse. Und Gott leidet mit den Menschen, denen Böses angetan wird.  Und Gott ist auch richtig zornig auf die, die seine geliebten Geschöpfe mit Füßen treten.

Zorn Gottes heißt: Der Tag wird kommen, an dem sich die Übeltäter dieser Welt vor Gott für ihre üblen Taten verantworten müssen. Mit dem Glauben an diesen Gott und mit der Hoffnung auf diesen Tag können wir unsere eigenen Rachegelüste loslassen. Mit diesem Loslassen werden wir frei. Wir packen das Leben neu an. Wir begegnen den Menschen, die unsere Feinde sind, neu. Vielleicht schaffen wir es sogar, ihnen auch noch die andere Wange hinzu- halten, weil wir keine Angst mehr vor ihnen haben. Wir werden getragen von einem Gott, den sie leider nicht spüren und den sie vor lauter Hass in ihren Augen nicht mehr erkennen können.

Nun werden wir selten richtige Feinde im Leben haben. Es reicht, wenn es Menschen sind, die mir das Leben schwer machen.  Es fällt mir vielleicht leichter, sich bei diesen Menschen nicht zu rächen, wenn ich mir eines klar mache. Hin und wieder gehöre ich womöglich selber zu den Menschen, die das Leben anderer Menschen schwer machen, bewusst oder nicht bewusst.  Da bin ich dann eigentlich ganz froh, wenn der andere, dem ich womöglich gerade das Leben schwer mache, sich nicht rächt. Da bin ich eigentlich ganz dankbar, wenn der andere, den ich verletzt habe, mich nicht schneidet, sondern womöglich ganz überraschende Schritte tut, damit wir endlich wieder gut miteinander sind.

Und damit bin ich beim letzten Satz des Paulus:

21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Das sagt sich so leicht, aber manchmal ist das schon schwer, in die Tat umzusetzen. Keine Frage, leicht ist das nicht, sich vom Bösen nicht vereinnahmen zu lassen. Und der zweite Schritt ist noch schwerer:  Das Böse mit Gutem zu über-winden.

Wir tun uns auf jeden Fall leichter im Leben, wenn wir daran glauben, dass das Böse am Ende nicht das letzte Wort haben wird. Wir tun uns auf jeden Fall leicht, wenn wir im Konfliktfall uns bewusstmachen: Rache und Vergeltung haben noch nie was Gutes hervorgebracht.

Und wir tun uns auf Dauer leichter, wenn wir aktiv nach guten Wegen suchen, mit denen wir das Böse mit Gutem überwinden können.

Wie habe ich damals meinen Hass, meine Wut, mein Bedürfnis nach Rache überwunden?

Ich hatte richtig damit zu kämpfen, dass dieser Mensch sich nicht entschuldigen konnte oder wollte.

Ein einfaches Wort, wie „Es tut mir leid.“ hätte bei mir lösende Bindung gehabt, wenn dieser Mensch, der mich gedemütigt hatte, dieses Wort mir gegenüber ausgesprochen hätte. Ein einziges Wort der Entschuldigung hätte alles lösen können.

Nun hat dieser Mensch aber dieses einzige Wort der Entschuldigung, aus welchen Gründen auch immer,

nicht über die Lippen gebracht.

Dieser Mensch schwieg und meinte, es wird sich schon weiter von selbst regeln.

Es hätte sich aber nichts von selbst geregelt,

was geblieben wäre, ist eine gestörte Beziehung.

Ich wäre es gewesen, der womöglich dem anderen die Schuld nachgetragen hätte.

Dem anderen wäre es wurscht gewesen.

Ich merkte, wie in mir das Bedürfnis wuchs,

mich aus dem Bann dieser nicht ausgesprochenen Entschuldigung zu lösen.

Ich fasste deshalb einen Beschluss:


Es ist mir ab sofort völlig egal sein,

ob dieser Mensch sich entschuldigen konnte oder nicht.

Ab heute habe ich von meiner Seite einen Schlussstrich gezogen, 

man kann es einseitiges Verzeihen nennen,

aber völlig unabhängig davon,                                              ob dieser Mensch es merkt oder nicht,

ich verzeihe ihm.

Ich verzeihe ihm,

das heißt, sein kränkendes Verhalten wird mich ab sofort nicht mehr kränken.

Ich bin nicht gekränkt.

Ich bin voller Mitgefühl,

weil dieser Mensch, im Gegensatz zu mir,

anscheinend nicht aus seiner Haut kommt.

Ich habe diesen Schritt des einseitigen Verzeihens nicht bereut. Dieser Schritt hat nicht bei dem anderen etwas verändert. Der wusste ja nichts davon. Dieser Schritt des einseitigen Verzeihens hat aber etwas bei mir verändert. Meine Gefühle von Hass und Wut konnte ich Gott vor die Füße werfen. Ich musste sie nicht verdrängen. Und meine bewusste Entscheidung. Ich vergebe diesem Menschen, aber auch ich vergebe auch mir selber, dass ich es zugelassen habe, gedemütigt zu werden, hat mich stark gemacht.

Mich hat diese positive Erfahrung eines gelehrt: Wir Menschen können tatsächlich das Böse mit Gutem überwinden. Wir müssen nicht verharren in Rachegedanken.  Wir müssen nicht verbittern. Schon gar nicht müssen wir unseren Hass und unsere Wut auf Kosten anderer ausleben. Wir können uns unserer Wut bewusstwerden. Wir können unsere Wut Gott vor die Füße werfen. Wir können uns dazu durchringen, zu verzeihen, selbst wenn das Gegenüber nichts davon weiß oder nichts davon hält. Wir Menschen sind fähig, uns nicht vom Bösem  überwinden zu lassen. Und darüber hinaus können wir Böses mit Gutem überwinden.

Zum Schluss möchte ich Ihnen und Euch die Geschichte von dem alten Indianer erzählen, der seinem Sohn am Lagerfeuer von zwei Wölfen erzählt: „Mein Sohn, in jedem von uns tobt ein Kampf zwischen zwei Wölfen. Der eine Wolf ist böse. Er kämpft mit Neid, Eifersucht, Gier, Arroganz, Selbstmitleid, Lügen, Überheblichkeit, Egoismus und Missgunst. Der andere Wolf ist gut. Er kämpft mit Liebe, Freude, Frieden, Hoffnung, Gelassenheit, Güte, Mitgefühl, Großzügigkeit, Dankbarkeit, Vertrauen und Wahrheit.” Der Sohn fragt: „Und welcher der beiden Wölfe gewinnt?“ Der alte Indianer schweigt eine Weile. Dann sagt er: „Der, den du fütterst.“

Der Kampf zwischen Gut und Böse tobt nicht nur in der Welt. Er findet auch in jedem Einzelnen von uns statt. Auch in uns Christen. Ich wünsche uns, dass wir den Mut aufbringen, den guten Wolf in uns zu füttern.  Amen.

Predigt vom 28.6.20

ttps://soundcloud.com/manfred-lehnert-850999479/micha7wo-ist-ein-gott-wie-du