Archiv der Kategorie: Jesus

Kirche einmal anders – So soll es bei euch nicht sein! Markus 10,35-45 Predigt

Markus 10,35-45 Judika, 29.3.20 Manfred Lehnert Onlinepredigt  Trautskirchen 

Kirche einmal anders – So soll es nicht bei euch sein!

Lieber Zuhörerinnen und Zuhörer, liebe Leser und Leserinnen!

Kirche einmal anders. Das zweite Mal ist mein Schreibtisch meine Kanzel und das Internet die erhoffte Möglichkeit, Menschen trotz gottesdienstloser Zeiten doch irgendwie zu erreichen. Keine Predigt in der  Kirche, keine Gesichter, die mich ansehen, aber hoffentlich Zuhörer auf Facebook oder Leserinnen auf meiner Homepage.

Kirche einmal anders. Ich sitze da und denke nach über unsere Kirche, weniger über das Kirchengebäude, das zur Zeit leer und ungenützt ist. Ich nehme schon wahr, dass die Kirchen zunehmend leerer werden. Wenn es nicht gerade Konfirmationen sind, sind es zu normalen Zeiten vielleicht 20-30 Kirchgänger. Eine Schande, nicht nur in Trauts-kirchen. Ich denke nach: Kirche einmal anders. Wie können wir die Menschen ansprechen, dass mehr Leute in die Kirche gehen, wenn es wieder möglich ist. Aber ich spüre, darum geht es gar nicht, dass mehr Leute in die Kirche gehen. In Brasilien und Teilen Afrikas strömen die Leute in die Kirchen als Massenveranstaltung ungeachtet der Corona-Virus -Gefahr. Kirche als Massenverstaltung kann heutzutage gesundheitsgefährlich sein, wenn die Verantwortlichen nicht verantwortlich sind.

Kirche einmal anders. Ich denke über das Leben von uns als Kirche und Kirchengemeinde nach, über die Gemeinschaft, wie wir heute Kirche erleben. Kirche vor Ort.

Mir fallen zwei der wenigen Leute ein, die mir in dieser Woche begegnet sind in gebotener Distanz. Der eine Handwerker vor Ort, der schon lange nicht mehr in die Kirche geht und den ich nach eineinhalb Jahren auch das erste Mal sehe. Der andere, auch Handwerker, der mir angesichts der ausfallenden Gottesdienste ganz offen sagt: Ich brauche keine Kirche!

Kirche einmal anders. Ich brauche keine Kirche! So denken heutzutage viele Menschen und ich kann es ihnen nicht einmal verdenken. Mir fällt auf: Selbst eine solche Katastrophe wie die Corona-Virus – Epidemie treibt die Menschen nicht in die Kirche, nicht aus Angst vor der Ansteckungsgefahr, sondern eher, weil sie sich von Kirche nichts oder nicht mehr viel erwarten.

Kirche einmal anders.  Kirche war schon einmal anders. Ganz anders als das damalige Umfeld gewohnt war. Und wenn Menschen von den ersten Christen Geschichten wie die folgende gehört haben, werden sie gestaunt haben: So soll es bei euch nicht sein! Ach, wie dann? Ach was! Das sind ja ganz neue Töne! Habe ich sonst nie gehört!

Aber hören wir selber hin:  (Markus 10,35-45 Hoffnung für alle )

35 Jakobus und Johannes, die Söhne von Zebedäus, gingen zu Jesus und sagten: »Lehrer, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst.« 36 »Was wollt ihr?«, fragte Jesus. 37 Sie antworteten: »Wenn deine Herrschaft begonnen hat, dann gewähre uns die Ehrenplätze rechts und links neben dir!« 38 Jesus entgegnete: »Ihr wisst ja gar nicht, was ihr euch da wünscht! Denn auf mich wartet schweres Leid. Meint ihr, ihr könnt den bitteren Kelch trinken, so wie ich es tun muss? Oder könnt ihr die Taufe ertragen, die mir bevorsteht?[4]« 39 »Ja, das können wir!«, antworteten sie. Darauf erwiderte ihnen Jesus: »Ihr werdet tatsächlich so wie ich leiden und euer Leben hingeben müssen. 40 Aber trotzdem kann ich nicht bestimmen, wer einmal die Plätze rechts und links neben mir einnehmen wird. Das hat bereits Gott entschieden.« 41 Die anderen zehn Jünger hatten das Gespräch mit angehört und waren empört über Jakobus und Johannes. 42 Da rief Jesus alle zusammen und sagte: »Ihr wisst, wie die Großen und Mächtigen dieser Welt ihre Völker unterdrücken. Wer die Macht hat, nutzt sie rücksichtslos aus. 43 Aber so soll es bei euch nicht sein! Im Gegenteil: Wer groß sein will, der soll den anderen dienen, 44 und wer der Erste sein will, der soll sich allen unterordnen. 45 Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen. Er kam, um zu dienen und sein Leben als Lösegeld hinzugeben, damit viele Menschen aus der Gewalt des Bösen befreit werden.«

Zunächst erkenne ich in dieser Jesus- Geschichte ein Schema, wie wir es in der Welt- und Kirchengeschichte oft beobachten können:

Zwei seiner Jünger nehmen Jesus beiseite und versuchen, sich den besten Platz an seiner Seite zu sichern. Ja, so haben sie sich das gedacht, diese beiden Schlaumeier. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Also wozu unnötig Zeit verlieren? Raffiniert fädeln die beiden Jünger ihren Coup ein.  Jesus, kannst du mal für uns… die Plätze.. links und rechts.. neben dir…

„Ja, ja, die Ehrenplätze links und rechts neben deinem künftigen Thron sollen es schon sein. Sobald du die Macht in Jerusalem ergriffen hast. Reserviere uns zweien bitte einen Platz  gleich neben dir, Jesus. Einer links, der andere rechts. Wir wollen ganz vorn sein, ganz oben, neben dir. Wenn du, Jesus die Macht greifst, sichere uns schon mal die wichtig-sten Ministerposten.“

So stellen die beiden sich das vor. Dass die anderen Zehn in der Gruppe vor Wut schäumen, stört sie nicht.

Es kommt unter den Jünger zu einem handfesten Konflikt. Jesus selbst muss eingreifen. Er ruft sie zunächst einmal zu sich. Indem er sie zu sich ruft, unterbricht er ihr Kreisen um Fragen nach Hierarchie. Indem er sie zu sich ruft unterbricht er ihr Kreisen um Fragen nach Prestige und Macht.

Und dann macht er seinen Jüngern klar: „Keiner von euch kann für sich den Anspruch erheben, mir besonders nahe zu sein. Keiner von euch kann für sich beanspruchen, über die anderen Jünger zu herrschen und zu bestimmen, wo es lang geht. Die Ehrenplätze zu meiner Rechten und zu meiner Linken sind nicht zu vergeben. Die einzigen Plätze, die ich euch vergeben kann, sind, dass ihr genau wie ich Unrecht erleiden werdet, wenn ihr meinen Weg geht.“

 Und tatsächlich, die einzige Stelle, wo es später noch mal heißen wird: „einer zu seiner Rechten und einer zu seiner Linken“ ist die Kreuzigung. Und sie kreuzigten mit ihm zwei Räuber, einen zu seiner Rechten und einen zu seiner Linken.

Nichts mit Macht und Herrlichkeit oder Privilegien für einzelne. Der Wunschtraum von Jakobus und Johannes ist geplatzt, noch ehe er Gestalt annehmen konnte. Die Kreuzigung Jesu ist das Ende aller Jünger- Träume von Macht und Herrlichkeit.

Aber nach wie vor träumen diese Wunschtraum Menschen in der Kirche. Ich muss nicht einmal in die katholische Kirche blicken, ein Blick in unsere evangelische Kirche genügt. Da träumen nach wie vor Menschen den Traum von Aufstieg, Macht und Privilegien. Kirche wie wir sie vielleicht kennen:  Hierarchie gibt es auch in der evangelischen Kirche. Herrschen, Bestimmen, Macht ausüben wollen manche in der Kirche genauso. Das ist für sich genommen weder gut noch böse. Macht kann verantwortlich ausgeübt werden. Wir sehen es momentan von staatlicher Seite. Es ist überaus verantwortungsvoll, wenn Politiker ihre Macht ausüben und eine Ausgangssperre verhängen und selbst Gottesdienste untersagen. Das ist Macht, die verantwortungsbewusst ausgeübt wird. Letztlich ist es sogar eine dienende Macht, weil sie dem Erhalt der Gesundheit aller Menschen dient.

Manche Menschen gieren leider nach der Macht um der Macht willen. Sie wollen das Leben anderer bestimmen, ihnen Dinge aufzwingen, die diese eigentlich nicht wollen. Macht um der Macht willen, gibt es leider auch in der Kirche.  Diese  Beobachtung, dass es ein Oben und ein Unten in der Kirche gibt, habe ich kürzlich in einen Gedicht so fest gehalten:

Was in der Kirche  gesagt wird,

hängt davon ab,

wer was sagen darf

ungeachtet dessen,

ob er etwas zu sagen hat.

Was in der Kirche  nicht gesagt wird,

hängt davon ab,

wer was verschweigen darf

ungeachtet dessen,

ob er etwas zu sagen hat.

Kirche ist leider doch

Oben und Unten

Kirche

ist eben doch

kein herrschaftsfreier Raum

Ein wirklich herrschaftsfreier Dialog in der Kirche

geschieht nur ganz selten.

Kirche einmal anders. Vielleicht ist ein herrschaftsfreier Dialog in der Kirche eine Utopie, d.h. ein Ort, der noch keine Wirklichkeit ist. Aber was noch nicht ist, kann ja noch werden: Eine Kirche, in der kein oben und unten ist. Eine Kirche, in der keine Herrschaft und Macht ausgeübt wird. Was heute noch Utopie ist, kann morgen zur Realität werden.

Kirche einmal anders. Kirche auf Augenhöhe. Wir begegnen uns auf Augenhöhe. Keiner von uns soll sich einbilden, etwas Besseres als der andere zu sein. Keine von uns soll meinen müssen, was soll ich unbedeutendes Würstchen in dieser erlesenen Runde?

Kirche einmal anders. Ich träume von einem Ort oder einem Menschen, wo ich sein kann wie ich bin: unvollkommen, alles andere als perfekt, ich muss in keine Rollen schlüpfen, um anerkannt zu werden.

Kirche einmal anders. Ein Ort oder ein Mensch, wo auf Macht verzichtet wird. Keine Macht, keine Gewalt, kein Zwang, auch kein innerer Zwang. Niemand nötigt und niemand wird genötigt.

Kirche einmal anders. Der Dialog Jesu mit seinen Jüngern träumt diese Utopie:

„Ihr wisst, wie die Großen und Mächtigen dieser Welt ihre Völker unterdrücken. Wer die Macht hat, nutzt sie rücksichtslos aus. 43 Aber so soll es bei euch nicht sein!“

„So soll es bei euch nicht sein!“

In der Gemeinde, in der Kirche Jesu soll also anders miteinander umgegangen werden als wir es oft genug in dieser Welt erfahren. Statt durch Macht sich durchsetzen und von oben bestimmen zu wollen, soll es uns ums Dienen gehen. Statt die einen über die anderen Macht ausüben zu lassen, und den anderen Gehorsam einzupläuen, soll es uns Christen um Hingabe gehen.

„Wer groß sein will, der soll den anderen dienen..“

Wir wissen nur zu gut: Auch dieser Anspruch des Dienens wird in Kirche und Gemeinde immer wieder missbraucht. Nicht nur durch den Macht- und Amtsmissbrauch eines Pfarrers, der vorgibt, zu dienen, in Wirklichkeit aber alles zu seinen Gunsten auslebt. Auch das kommt in unserer Kirche leider vor. Aber es geht weiter: Es gibt in unseren Gemeinden auch Menschen, die durch Dienen Macht ausüben. Auch durch aufopferungsvolle Hingabe kann unterschwellig auch sehr viel Macht ausgeübt werden. Den Willen zur Macht und zur Herrschaft gibt es eben auch in unserer Kirche., „Alle wollen in der Kirche dienen – am liebsten in leitender Stellung.“ Der Satz stammt von Hanns Lilje, das war jemand, der selbst in der Kirche in leitender Position einmal war.  Selbst Pfarrer, Dekane oder Bischöfe sind nicht davor gefeit, dienend in leitender Stellung über andere  Macht auszuüben und sie rücksichtslos auszunützen.


Wer die Macht hat, nutzt sie womöglich rücksichtslos aus. Aber so soll es bei euch nicht sein! So sagt es uns Jesus.

So soll es bei euch nicht sein! „Wer groß sein will, der soll den anderen dienen..“

Und doch gibt es in den Gemeinden und in den Kir-chen immer wieder Menschen, die dem Wort Jesu „wer unter euch groß sein will, der soll den anderen dienen“ sehr nahe kommen. In meiner Laufbahn als Gemeindepfarrer sind mir immer wieder Menschen begegnet, die einfach dienen, die einfach da sind, ohne Macht ausüben zu wollen. So mancher Kirchenvorsteher, so manche Mesnerin oder Organistin verrichtet still und ohne groß Aufhebens zu machen, einen wichtigen Dienst für die Gemeinde. Und die wenigsten bekommen es mit, was diese Menschen in ihrer Gemeinde an Hingabe und Liebesdiensten einfach für andere tun.

Mein Blick fällt auch auf die nichtkirchliche Welt. Auch dort und gerade dort gibt es Menschen, die der Gesellschaft dienen, ohne groß Aufsehens zu machen, ohne Macht ausüben zu wollen.

Bundespräsident Steinmeier bedankte sich neulich bei Corona-Heldinnen und -Helden. Er telefonierte in diesen Tagen mit Menschen, die in der Corona-Krise besonders gefordert sind. Er sprach mit Pflegern, Ärztinnen, Sozialarbeitern, Lehrerinnen, Apothekerinnen, Mitarbeitern von Supermärkten und Behörden. Dabei nutzt er die Telefonate auch, um sich für ihre Arbeit und für ihr oftmals auch risikobehaftetes Engagement, für ihre Beharrlichkeit, Besonnenheit und ihre Geduld zu bedanken.

Was leisten Kassiererinnen an der Kasse, was müssen sie sich manchmal anhören, die stillen Helden des Alltages, die einfach für andere Menschen da sind und denen selbst das Wort „dienen“ zu viel wäre. Sie sind da, wenn sie gebraucht werden.

Kirche einmal anders! Ich komme zurück zu meinem Ausgangspunkt: Kirche einmal anders. So kann man auch Kirche sehen: So möchte ich jedenfalls Kirche verstehen: wir dienen einander und sind für einander da. Und Kirche ist da, wenn sie gebraucht wird und für andere Menschen da ist. Ohne Macht und Pomp, einfach so.

Wenn wir Menschen innerhalb und außerhalb unserer Gemeinden und Kirchen das begriffen haben, hat die Utopie einer anderen Kirche doch schon Gestalt angenommen. Gott sei Dank! Amen.

Angenommen

Es ist keine große Kunst,

den anderen anzunehmen,

wenn er meinen Wünschen und Erwartungen entspricht,

wenn er mir entgegenkommt und tut, was er tun soll.

 

Es ist eine viele größere Kunst,

den anderen anzunehmen,

wenn er sich so ganz anders verhält,

als ich es mir wünschen und ich es erwarten würde,

wenn er nur fordert und ich tun soll, was er meint.

Was tut ihr Großes, fragt Jesus,

wenn ihr nur die liebt, die euch sympathisch sind.

Was tut ihr Besonderes,

wenn ihr nur die annehmt, die sowieso annehmbar sind und liebenswert.

 

Ihr tut dann etwas Großes, sagt Jesus,

wenn ihr die liebt, die euch von vorneherein unsympathisch sind,

Ihr tut dann etwas Besonderes,

wenn ihr die annehmt so wie sie sind, die eigentlich unannehmbar  und eure Liebe nicht wert sind.

 

Und vielleicht ist es eigentlich gar nichts Besonderes, nichts Großartiges mehr,

die eigentlich unannehmbaren und nicht liebenswerten Mitmenschen anzunehmen wie sie sind,

sie  s e i n   zu lassen und zu lieben,

wenn wir uns klar eines machen:

Auch wir verhalten uns selber manchmal daneben.

Auch wir sind manchmal unmöglich im Verhalten gegenüber unseren Mitmenschen.

Auch wir sind deren Augen manchmal unannehmbar, unsympathisch, ihrer Liebe nicht wert.

Trotzdem sind wir von Gott

angenommen,

so unannehmbar wir eigentlich in seinen Augen sind.

Luthers Reformation radikal zu Ende denken

Damals vor 500 Jahren

ist Luther auf halben Weg stehen geblieben

mit seiner Reformation.

 

Er will zurück zu den Wurzeln,

zurück zu den Quellen des Evangeliums,

der Heiligen Schrift,

darum sola scriptura,

Allein die Schrift,

er übersieht aber,

wie historisch bedingt das angebliche Heilige der vielen Schriften ist.

Sie sind Menschenwort,

heilig genannt, mehr nicht.

 

Was wäre geschehen, wenn Luther damals

historisch kritisch hätte denken können,

was er historisch gesehen, nicht konnte?

 

Er hätte das Alte Testament nicht messianisch auf Jesus Christus deuten können.

Er hätte die angebliche Verteufelung der Juden durch den Jesus des Johannesevangeliums als Projektion erkannt,

ein wichtiger Grund seiner Judenfeindschaft wäre entfallen.

Und dann hätte er sich auf die Suche nach Spuren des Jesus von Nazareth machen können

und sein Bild von Jesus Christus wäre weit mehr von dem Menschen Jesus geprägt worden:

Entscheidend ist doch, was Jesus gesagt und getan hat

und nicht was die Menschen aus ihm gemacht haben.

Allein Christus,

darauf zielt er ab,

darauf beschränkte er sich.

 

Was wäre geschehe, wenn Luther damals

die vielen Jesus Christusse der Evangelien

und auch den Jesus Christus des Paulus

als vielfältige und mitunter gegensätzliche Idealisierung

und Vergöttlichung des Menschen Jesus von Nazareth erkannt hätte?

 

Was wäre geschehe, wenn Luther damals

nicht beim hellenistischen Christusbild,

nicht bei griechisch erdachter Trinitiätslehre

stehen geblieben wäre,

sondern hinter den Christusbildern späterer Zeit nach dem Jesus von Nazareth gefragt hätte?

 

Hier und da hatte er ja schon erkannt,                                                                                              dass „Jesus ein geborener Jude sey“,                                                                                          aber keine Konsequenzen daraus gezogen.

 

Vielleicht hätte die Erkenntnis,

dass die Christen sich Jesus zum Gottes Sohn zurechtgezimmert haben

und darüber hinaus in spekulative Trinitätsgedanken eingezwängt haben,

bei Luther bewirkt,

den Glauben der Moslems mehr zu achten

als nötige Korrektur auf griechisch-philosophische Spekulationen.

 

Und was wäre geschehen, wenn Luther damals

Allein der Glaube

weitergedacht und weiterentwickelt hätte?

Nicht allein der Glaube

an irgendwelche Dinge, die heilsnotwendig wären,

wie der Kreuzestod Christi als Opfer für einen opfersüchtigen Gott,

nicht die Jungfrauengeburt und Gottessohnschaft metaphysisch überhöht,

auch nicht Auferstehung und

oder Himmelfahrt oder andere antike Vorstellungen.

 

All das zu glauben, wäre nicht notwendig,

schon gar nicht heilsnotwendig

 

Es genügt allein das Gottvertrauen,

das gleiche Vertrauen,                                                                                                                      das Jesus von Nazareth

in Gott hegte

und wozu er seine Mitmenschen ermutigt hat,

dem göttlichen Urgrund,                                                                                                                    den er Abba nennt,

zu vertrauen.

 

Dann wäre allein der Glaube

auch nicht denkbar

ohne Liebe.

 

Macht nicht ein Glaube,

noch dazu einer der von sich sagt: Allein ich!,

uns Menschen lieblos, fanatisch?

 

Was wäre geschehen, wenn Luther damals

den Glauben allein,

aber nicht ohne Liebe

vertreten hätte!

 

 

Heute

will ich

allein dem göttlichen Urgrund meines Lebens

vertrauen,

den Jesus Abba nennt,

und allein göttlichen Urgrund der Liebe ist.

 

Heute

will ich

allein der göttlichen Liebe mich gründen,

die sich in den Spuren und der Nachfolge Jesu von Nazareth findet,

aber nicht nur in seinen.

 

Heute

will ich

allein

den Spuren göttlicher Liebe

in den Schriften und Menschentraditionen

folgen,

ganz gleich welcher Herkunft und Religion

und diese göttliche Liebe allein

soll Richtschnur sein

gegenüber allem, was ihr, selbst in der Bibel, widerspricht.

Ostern heißt, das Lied des Lebens spielen

Spiel mir das Lied des Lebens,

das Lied des Todes kenne ich schon.

Angst, Gewalt und Krieg sind seine Melodie.

Wir singen es unser ganzes Leben schon,

müssen es hören, ob wir wollen oder nicht

 

Spiel mir das Lied des Lebens,

das Lied des Lebens wie ich es noch nicht kenne:

Hoffnung, Frieden und Versöhnung sind seine Melodie

Uns trägt es unser ganzes Leben schon

Ob wir sie hören oder nicht.

 

Spiel mir das Lied des Lebens:

Tod, du kommst an deine Grenzen,

Leid, du musst vergehen

Freude, ja österliches Lachen:

Der Tod ist nur Übergang.

Leben und Liebe sind das Ziel!

Warum Jesus am Kreuz gestorben ist

Kein zorniger Gott wollte das.

Kein rachesüchtiger Gott, der auf Blut gestanden wäre.

Kein Gott, auf Opfer fixiert.

 

Gott wollte noch nie von uns Menschen ein Opfer,

weder von Abraham, als er meinte, Isaak Gott opfern zu müssen,

noch von Elia, als er meinte, 500 Baalspriester erschlagen zu müssen.

Gott will kein Opfer, sondern Barmherzigkeit.

Daran erinnerte schon Jesus seine opferwilligen Mitmenschen:

Barmherzigkeit, Güte, Liebe, Zuwendung

ist allemal besser als Opfer.

Und nach dieser Devise hat er gelebt

und nach dieser Devise ist er auch gestorben.

 

Es wäre absurd,

Jesus hätte seinen Tod als Opfer verstanden gegenüber einem Gott, der Opfer fordert.

Sein Leben lang hat er anders gelebt und geredet

Und am Ende wäre er ein Opfer unserer Sünden,

Opfer eines zornigen Gottes, der seine Wut statt an uns an ihm ausgetobt hätte?

Es wäre absurd,

Jesu Tod am Kreuz als Opfer zu missverstehen.

Josef, Maria und das Jesuskind im Langenfelder Kirchturm

Erst kam Josef,
etwa einen Monat vor Weihnachten,
fand Wohnung und Unterschlupf
im Langenfelder Kirchturm.
Wir boten ihm Kirchenasyl,
schützten ihn davor, abgeschoben zu werden
in eine ungewisse Zukunft in Ungarn.
Josef
war kein Jude.
Er war Jeside,
verfolgt von den Schergen der IS,
fand er Zuflucht bei uns
im Langenfelder Kirchturm.

Dann kam Maria, seine Frau,
die war nicht schwanger,
sie brachte den Jüngsten gleich mit: das Jesuskind.
Daheim
nicht in Nazareth, sondern im Irak irgendwo bei Mosul,
drei Kilometer von den Schergen der IS entfernt,
hatten sie, Maria und Josef, noch drei weitere Kinder.
Sie warten darauf,
in Sicherheit gebracht zu werden,
von Schleppern übers Meer gebracht,
haben sie noch einen langen Weg zu uns.

Ein Jahr hatte Maria ihren Josef
nicht mehr gesehen.
Solange war er fort von ihr,
auf der Flucht und der Suche nach Sicherheit für seine Familie.
Maria brachte noch jemanden mit,
einen 17jährigen Neffen,
aber auch er sprach nicht unsere Sprache.

Nur eine Weile blieben die drei,
Maria, das Jesuskind und ihr Neffe
im Langenfelder Kirchturm.
Sie mussten sich registrieren lassen in Zirndorf,
wie einst der jüdische Josef in Bethlehem.

Und noch ein Unterschied zu damals:
Diesmal kamen keine Hirten. Und keine Engel.
Es kamen auch keine drei heiligen Könige.
Die kamen nur bis zum Pfarrhaus und baten um eine Spende.
Nein heuer kamen keine Sterndeuter, die Geschenke und Hilfe brachten.
Diesmal kamen
viele Langenfelder, Ullstädter, Neustädter und andere
Menschen aus der Umgebung
mit großer Bereitschaft
Josef, und auch seiner Maria und dem Jesuskind zu helfen
im Langenfelder Kirchturm

Sie brachten Geschenke, Zeit und Zuwendung,
gaben zu essen, spielten mit ihm und gaben ihm Arbeit.
Sie freuten sich,
Josef, später auch mal seine Maria und das Jesuskind in der Kirche beim Gottesdienst zu sehen.

Noch
Ist Josef
bei uns im Langenfelder Kirchturm.
Noch ist
Irgendwie Weihnachten.
Und was damals vor 2000 Jahren in Bethlehem geschehen ist,
ist wohl nicht viel anders gewesen
als bei uns heute im Langenfelder Kirchturm.

Beobachtungen eines Außenstehenden

Brüderlich, geschwisterlich sein,
ist ein bisschen mehr als ihr lebt,
Brüderlich-geschwisterliche Liebe ist mehr als nur die zu lieben, die ihr sowieso liebt.
Ihr liebt die, die auf eurer frommen Wellenlänge liegen,
ihr liebt sie sogar mehr als die anderen.
Und überseht dabei, buchstäblich,
den, der nicht mehr so ganz auf eurer Linie liegt,
gebt ihm zum Teil nicht mal die Hand noch sprecht mit ihm.

Freunde Jesu wollt ihr sein.
Aber die Freundschaft Jesu übersteigt euer Denk- und Glaubensvermögen.

Ist nicht Jesus der Freund aller Menschen,
heißt geschwisterliche Liebe im Namen Jesu nicht auch,
auch den Andersdenkenden, Andersglaubenden zu respektieren, zu lieben,
vom der Feindesliebe ganz zu schweigen?
Ist nicht Jesus auch ein Gegenüber aller Menschen,
er spricht mit Frauen und Männern,
lässt sich auf Ausländer und Andersglaubende im Gespräch ein,
überwindet bis zum letzten Atemzug Grenzen?

Ach, mein Gott,
unsere Fähigkeit zur Liebe ist verglichen damit
nur ein Hinterherhinken,
unsere gelebten Freundschaften sind voller Egoismus und Berechnung, was sie uns bringen,
unsere angebliche Feindesliebe
ist voll von gut gehegten und gepflegten Vorurteilen.
Erzählt mir also als Außenstehenden und Andersdenkenden
nichts von Bruderliebe und Geschwisterliebe.
Lebt sie.

Kern meines Glaubens

Das ist der Kern meines Glaubens:
Die Liebe Gottes,
die Jesus verkörpert,
verkündigt,
lebt
und sterbend bis zuletzt den Menschen entgegenbringt.

Alles andere ist nur Schale:
Gottes Sohn, Himmelwesen, der ganze Personenkult, den sie dann um Jesus gemacht haben.

Und darum bin ich immer noch Christ,
weil dieser Jesus Gott als Liebe verkörpert,
als bedingungslose Liebe,
die den Unannehmbaren annimmt
und damit auch mich.
Diese unbedingte Liebe Gottes übersteigt natürlich auch
den Horizont eines Jesus von Nazareth,                                                                          der begrenzt auf sein jüdisches Volk blickt                                                                  und manchmal menschlich, allzumenschlich                                                              als Mensch zu seiner Zeit
in seiner Liebesfähigkeit begrenzt ist.

Aber eines hat er in die Welt gebracht,
die Überzeugung, die Idee, die Vorstellung eines Gottes,
der es über Böse und Gute regnen lässt,
und auch die Sonne seiner Liebe über allen Menschen scheinen lässt.
Dafür lohnt es sich,
diesem Jesus nachzuspüren, in seine Fußstapfen zu treten.

Heilung durch Nähe

Eine TV-Sendung zeigt Beispiele,
wie Ärzte zusätzlich zur gewohnten ärztlichen Heilkunst
Menschen heilen
durch Berührung, z.B. durch Handauflegung.
Oder wie Menschen auch dadurch geheilt werden,
dass sie sich positive Bilder immer und immer wieder vorstellen.
Nichts anderes hat Jesus getan:
Er hat Menschen berührt, hat Hand aufgelegt, gesegnet
Und dadurch den Heilungsprozess im Menschen in Gang gesetzt.
Er hat sich den Menschen zugewandt und seine Nähe und Zuwendung haben sie als heilsam erfahren.
Er hat Menschen positive Geschichten von Gott wieder und wieder erzählt
Und auch dadurch Heilung ausgelöst.

So können auch wir heute
durch Zuwendung, körperliche Nähe und Segnung,
durch das Erzählen von heilsamen Geschichten von und über Jesus
heilsam für Mitmenschen sein.

Mündliche Überlieferung – der erinnerte Jesus

Zunächst wurden einzelne Perikopen, Sinnsprüche, kurze Geschichten von Jesus als Logien mündlich weitergegeben. Dabei ist festzuhalten, dass es immer der erinnerte Jesus ist, nie der wirkliche Jesus, den wir vor uns haben. Und wenn ich an mein Erinnerungsvermögen, was vor 20/30 Jahren war denke, bekomme ich schon meine Zweifel, ob es bei den ersten Christen mit dem Erinnerungs-vermögen nach 30/40 Jahren noch so weit her war. Schon das, woran sich Menschen erinnern konnten, ist schwammig, selbst wenn man sich nach besten Wissen und Gewissen zu erinnern versucht hat. Selbst die beste Erinnerung ist immer auch ein Konstrukt unseres menschliches Hirns: Wir erinnern uns, woran wir uns erinnern wollen, legen uns Dinge zurecht, dass sie passen, anderes wird verdrängt oder vergessen. Gut erinnern wird man sich an provokante Erinnerungen, Dinge und Ereignisse, die dem gewohnten Denkvermögen quer standen: Dass Jesus getauft wurde, dass Jesus mit seiner Familie Streit hatte und sie ihn für verrückt hielt, dass er gekreuzigt wurde, das und anderes sind unbequeme Erinnerungen, die das Erzählte historisch wahrscheinlich machen.
Dann gibt es in der Zeit der mündlichen Überlieferung auch Herrenworte, die nachösterlich neu entstanden sind. Die ersten Christen sahen keinen Unterschied zwischen Herrenworte eines Jesus vor seiner Auferstehung und Herrenworte ihres auferstandenen Herren. Wenn ihnen ein Wort des Herrn (durch Meditation und Gebet) eingegeben wurde, war es von Jesus selbst und wurde entsprechend auch als Jesuswort verschriftet. So erklären sich nachösterliche Jesusüberlieferungen. Die Jesu-Worte wurden weitererzählt, umgeformt, neu erzählt in die jeweils neue Situation hinein.
Das geschah nicht mit der Absicht eines Betruges, sondern in der ehrlichen Absicht, die Jesustradition in die eigene Zeit hinein zu übersetzen. Trotzdem genügen diese Weitererzählungen und Ausschmückungen natürlich nicht unseren heutigen historischen Grundsätzen. Historiker waren die Evangelisten nicht, sondern Leute, die Jesus verherrlichen wollten.