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Leben und lieben wie ER

Trautskirchen, 9.7.21  Mt 28,16-20

Liebe Gemeinde

Was waren eigentlich die letzten Worte Jesu im Matthäusevangelium? Nein, nicht „ Eli, Eli lama asabthani.“ Nein, nicht „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen. Das sind im Matthäusevangelium die letzten Worte Jesu am Kreuz, bevor er gestorben ist. Aber die Geschichte Jesu geht weiter. Jesus wird von Gott auferweckt. Und als Auferstandener sagt Jesus zu seinen Jüngern diese letzten Worte:

„Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

So hört das Matthäusevangelium auf mit diesen Worten: „Siehe, ich bin bei euch,“ Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Das sind Jesu letzte Worte.

„Klar ist Jesus bei uns. Das ist doch selbstverständlich!“ möchte ich hier einwenden. Aber so selbstverständlich ist das gar nicht. Wer kann das schon versprechen: „Ich bin bei dir alle Tage!“?

Kein Mensch kann immer bei mir sein. Selbst der Ehepartner nicht. Wer wird bei uns sein, wenn es darauf ankommt? Nicht einmal bei den eigenen Kindern kann man da so sicher sein. Schon zu viele Menschen habe ich kennen gelernt, die von ihren Kindern und Enkelkindern alleingelassen worden sind.

Kein Mensch kann immer bei mir sein. Schon gar nicht alle Tage meines Lebens. Auch ein Pfarrer ist nicht für immer da. Ich habe euch nie versprochen: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Das wäre wirklich viel zu viel versprochen.

Kein Mensch, auch kein Pfarrer, kann dieses Versprechen auch nur annähernd einlösen. Ich habe das am Freitag gemerkt, als ich drei Besuche wegen den Überschwemmungen nicht machen konnte. Kein Durchkommen möglich.

 Kein Mensch kann immer da sein. Nicht rund um die Uhr, nicht Tag und Nacht, nicht Woche für Woche bis zum Ende aller Tage. Kein Mensch kann immer für andere da sein. Kein Mensch kann alle Tage deines Lebens für dich und mich da sein.

Das kann nur Jesus. Nicht der Mensch Jesus, sondern Jesus der Christus, der Messias, den Gott auferweckt hat und nun zur Rechten Gottes sitzt, der kann dir und mir versprechen:

Ich bin bei dir, ohne wenn und aber, jede einzelne Stunde deines Lebens bis ans Ende dieser Welt.

Ich bin bei euch. Das sagt Jesus. Was auch kommen mag, ich bin bei euch.

„Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Luther

„Seid gewiss: Ich bin immer bei euch,

jeden Tag, bis zum Ende der Welt.« Basisbibel

Das sind Jesu letzte Worte. Er sagt sie zu seinen Jüngern bei seinem letzten Abschied hier auf Erden. Ich möchte uns die ganze Geschichte vorlesen. Es ist eine Geschichte voller tiefer Symbolik. Und jeder kann darin sein eigenes Leben hier wieder finden.

16 Die elf Jünger gingen nach Galiläa.

Sie stiegen auf den Berg,

wohin Jesus sie bestellt hatte.

17 Als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder.

Aber einige hatten auch Zweifel.

18 Jesus kam zu ihnen und sagte:

»Gott hat mir alle Macht gegeben,

im Himmel und auf der Erde.

19 Geht nun hin zu allen Völkern

und ladet die Menschen ein,

meine Jünger und Jüngerinnen zu werden.

Tauft sie im Namen

des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!

20 Und lehrt sie, alles zu tun, was ich euch geboten habe!

Seid gewiss: Ich bin immer bei euch,

jeden Tag, bis zum Ende der Welt.«

„Elf Jünger gingen nach Galiläa. Sie stiegen auf den Berg…“

Elf  waren den Berg hoch gewandert, wohin Jesus sie bestellt hatte.  Wort für Wort fast  können wir diese Geschichte für uns erschließen:

Elf Jünger. Ein ganz kleiner Haufen. zwölf Jünger waren sie noch vor kurzem gewesen. Einer von ihnen hatte sich das Leben genommen. Das muss sie alle schrecklich getroffen haben. Einer von ihnen hatte Jesus verraten und hat dies nicht verkraftet. Dazu finde ich Gott sei Dank keine Parallele zu uns heute. Aber jeder von uns weiß um den Verlust von Menschen durch Unglück, Krankheit und Schicksalsschläge. Da fehlt uns jemand. Der 12., der sonst immer dabei war.

Gehen wir zurück zu unserer Geschichte. Wir sind an einer Stelle, wo wir uns nicht unbedingt wieder finden: Diese 11 Jünger waren ja voller Fragen. Ihnen ist mit dem Tod Jesu am Kreuz so vieles Selbstverständliche zerbrochen. Und so waren diese 11 Jünger voller Fragen:

Was wird denn jetzt aus uns?

Wir sind nicht mehr vollzählig, einer fehlt!

Wie soll es mit uns weiter gehen?

Wir können doch auch fast nicht mehr!

Wir haben doch auch keine Kraft mehr. Und keinen Mut. Unser Glaube ist doch auch gar nicht mehr so stark. Er ist doch am Zerbrechen wie vor kurzem bei Judas, der sich erhängt hat.

Wir müssen uns nicht in genau derselben Situation der Jünger von damals wieder finden. Aber es gibt sicherlich Zeiten in unserem Leben, in denen wir uns genauso wieder finden und uns genauso fühlen:  Schwach, ohne Hoffnung, verzagt.

So haben sich damals jedenfalls die Jünger gefühlt. Und nun müssen sie auch noch nach Galiläa gehen. Weg von Jerusalem in die Provinz. Galiläa, das ist Provinz, das ist Werktag, das ist grauer Alltag. Da ist nichts mehr los. Da ist nicht mehr viel zu erwarten. Nach Galiläa laufen, das bedeutet: Der Alltagstrott beginnt. Da muss man schuften in Galiläa. Da kennen einen die Leute in Galiläa. Die reden über einen, die Leute in Galiläa. Soll man ausgerechnet da Jesus begegnen, in Galiläa, im Alltag, im grauen Alltag?

Dorthin hatte Jesus die Jünger geschickt, nach Galiläa, wo nichts los ist und nichts Besonderes zu erwarten ist. Aber das ist noch nicht alles. In Galiläa angekommen sollen sie auch noch auf einen Berg steigen. Der Berg, den sie da mühsam hinaufsteigen, das ist nichts für abenteuerlustige Touristen.

Der Berg, das ist die Last, die wir zu bewältigen haben.

Der Berg, das ist vielleicht der morgige Tag:         

Was wird der morgige Tag mir an Sorgen und Problemen bringen?

Der Berg, das sind alle Probleme und Sorgen und Schwierigkeiten, die sich auf einmal vor einem auftürmen, so schwer, so groß.

Kein Wunder, wenn dieser Berg dir und mir dann so schrecklich Angst macht.

Und schon wieder bedrängen die Jünger die Fragen:

Muss es denn unbedingt ein Berg sein, den wir da hochsteigen müssen? Warum kann uns Jesus nicht im flachen Tal begegnen? Warum ist Glaube manchmal so mühselig und so schwer? Warum türmen sich vor mir Berge von Sorgen, Schwierigkeiten und Problemen auf, wo ich doch Christ bin? Warum ist Glaube oft genug kein schöner, ebener Weg?

Trotz aller Sorgen, Schwierigkeiten und Probleme, trotz aller offenen Fragen steigen die Jünger auf den Berg in Galiläa. Und es hat sich für sie gelohnt. Sie erleben einen dieser seltenen Augenblicke der Gottesbegegnung.  Noch einmal für einen winzigen Moment der Ewigkeit: Jesus kommt ihnen ganz nahe. Sie begegnen dem auferstandenen Herrn. Sie stehen ihm gegenüber wie ich Euch gegenüberstehe. Wir könnten neidisch auf sie sein, wenn es da nicht auch ausdrücklich heißen würde:

17 Als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder.

Aber einige hatten auch Zweifel.

Es ist schon seltsam. Während dieser unglaublichen Begegnung mit dem auferstandenen Herrn, lesen wir: Einige aber zweifelten.  Einige von diesen 11 Jüngern zweifelten. Nicht einer, nicht zwei. Mindestens drei, vier, viele zweifelten auf diesem Berg der Gottesbegegnung. Obwohl ihnen Jesus doch ganz nahe war.

11 Jünger waren es, so wenige. Und nicht einmal diese wenigen waren sich ihres Glaubens gewiss.

Es überrascht mich. Noch mehr aber freut es mich, dass das nicht verschwiegen wird: Dass da einige zweifelten. Auch im engsten Jüngerkreis gab es das also.  Selbst bei dieser letzten Jesusbegegnung ist der Zweifel bei den Jüngern nicht ganz verbannt. Und das wird nicht vertuscht oder verschwiegen, sondern ganz einfach berichtet:  Auch Jünger zweifeln. Auch Christinnen und Christen zweifeln und dürfen zweifeln. Mit keinem Wort hat Jesus den Zweifel einiger seiner Jünger kritisiert.

Dann trat Jesus auf sie zu und sprach zu ihnen, heißt es. Das heißt, den ersten Schritt macht Jesus. Er kommt ihnen buchstäblich entgegen. Er hält sie sich nicht auf Distanz. Er geht auf sie zu und macht den ersten Schritt.

So macht er es doch auch bei uns. Er kommt doch auch uns entgegen. In unseren ganzen Fragen. Und in unseren Zweifeln. Und in unseren Sorgen, Schwierigkeiten und Problemen. Und wenn der Berg noch so hoch ist, er lässt uns nicht hoffnungslos umherirren, wenn wir nur noch ratlos sind. Er weist uns nicht zurück, wenn wir zweifeln oder nicht so recht glauben können. Wer zu mir kommt, sagt er, den stoße ich nicht zurück, sagt er. Immer wieder kommt er auf uns zu, berührt uns sanft und richtet uns auf: Er nimmt uns an, so wie wir sind. Und dann macht er uns auf etwas aufmerksam:

»Gott hat mir alle Macht gegeben,

im Himmel und auf der Erde.“

Exusia, im Urtext. Das gleiche Wort, das die Menschen über Jesus von Nazareth sagten: Der redet mit Vollmacht und nicht wie Schriftgelehrte in ihrem Elfenbeinturm.

Der Auferstandene hat noch mehr Exusia, noch mehr Vollmacht: im Himmel und auf der Erde. Von jetzt an Vollmacht überall.

Verwechseln wir die Vollmacht nicht mit Macht, wie es viele Christen verwechselt haben und mit weltlicher Macht Mission verbreitet haben. Das hat mit seiner Vollmacht nichts zu tun. Es ist kein Missionsbefehl, sondern eine Vollmacht, an der er alle seine Jünger und Jüngerinnen teilhaben lässt. Als seine Jünger habt auch ihr Vollmacht. Ihr habt Vollmacht, im Namen Jesu zu reden, zu handeln, zu leben.

Und dann hat er auch für uns einen Auftrag.

Nicht schon wieder, höre ich mich sagen, bin echt bedient von dem letzten Auftrag. Ich habe keine Bock mehr auf noch mehr Aufträge.

Keine Angst, höre ich Jesus zu mir sagen: Dieser Auftrag ist nichts Schlimmes und für Dich keine Last.

Hören wir erst einmal hin, wie dieser Auftrag lautet, den Jesus zunächst an die 11 Jünger gerichtet hat:

19 Geht nun hin zu allen Völkern

und ladet die Menschen ein,

meine Jünger und Jüngerinnen zu werden.

Tauft sie im Namen

des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!

Ich kann euch Jünger und Jüngerinnen gebrauchen. So verstehe ich diesen fälschlicherweise so genannten Missionsbefehl Jesu. Das ist kein Befehl und ein Missionsbefehl schon gar nicht. Es ist ein: „Du wirst noch gebraucht.“ Es ist ein „Dein Leben hat Sinn, trotz allem.“ Nichts ist umsonst und für die Katz. Alles hat seinen Sinn. Und du bist dabei!

Ladet mit eurem Leben die Menschen ein, meine Jünger und Jüngerinnen zu werden.

Das Leben der Jünger bekommt mit einem Male einen Sinn durch diesen Satz. Er kann sie noch gebrauchen: seine Jünger und Jüngerinnen:

Er kann diese Zweifler gebrauchen. Er kann diese ungebildeten Fischer gebrauchen. Er kann auch diese ehemaligen Zöllner und Sünder gebrauchen. Er kann diese kleinen Leute gebrauchen. Er kann diese paar Hansel mit ihren Sorgen, Schwierigkeiten und Problemen gebrauchen.

Mit diesen 11 Jüngern will Jesus die Welt verändern. Und er hat sie verändert. Und er wird auch unsere Welt mit uns elf Christen verändern.

19 Geht nun hin zu allen Völkern

und ladet die Menschen ein,

meine Jünger und Jüngerinnen zu werden.

Geht zu  allen Völkern. Alle Völker. Oder geht wenigstens zu euren Kindern. Macht sie nicht bloß zu anständigen Menschen. Macht sie zu echten Jüngern, zu Menschen, die Jesus nachfolgen. Nachfolgen heißt: Jesus hinterher. Lebe so wie er gelebt hat.

Ich denke, diese 11 Jünger waren erst einmal starr vor Schreck. Aber dann begriffen sie später: So Großes traut uns Jesus zu. So Großes traut Gott uns zu: Lebe so wie er gelebt hat.

Wir blenden uns hier aus der Geschichte aus. Denn genau an dieser Stelle geht es ja auch um uns, um euch und um mich. So Großes traut Gott uns heute zu: Leben wie er, wie Jesus es uns vorgelebt hat.

Dazu braucht es kein Bibelwissen, kein Theologiestudium, kein spezielles Epertenwissen.

Lebe wie Jesus es uns vorgelebt hat.

Sei barmherzig, er war es auch.

Habe ein Herz für die Armen und Schwachen, er hatte es auch.

Liebe und lebe wie er.

Du kannst es. Ich kann es. Wir können es. Gott traut es uns zu.

Wir dürfen auch darauf vertrauen:

 Jesus ist da, hier, gegenwärtig. In seinem Geist ist Jesus da.

Und sein Geist Jesu hört nicht auf, unter uns Menschen zu wirken durch liebevolle Gesten. Sein Geist es, der durch Menschen, die da sind, die dir und mir zuhören, die dir und mir Mut machen, die dich und mich aufrichten. Jesu Geist berührt uns, mitten in unserem Alltag mit allem, was uns da gerade beschäftigt. Jesu Geist berührt ist, was uns Sorgen macht. Und auf einmal spüren wir: Wir sind nicht allein.

So verstehe und erlebe ich diesen letzten Satz Jesu:

Seid gewiss: Ich bin immer bei euch,

jeden Tag, bis zum Ende der Welt.«

Amen.

Miteinander verbunden in Coronazeiten Predigt Joh 15,1-8

Jubilate, 3.5.20 Onlinepredigt Manfred Lehnert, Pfarrer, Trautskirchen

Johannes 15,1-8: (Lutherübersetzung)

„Jesus spricht: Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.“

Ich bin der Weinstock – ihr seid die Reben.

Dass Jesus so von sich spricht, so einprägsam und doch irgendwie geheimnisvoll, das finden wir nur im Johannesevangelium. Es geht um Verbundenheit. Gott, Jesus und wir Menschen gehören zusammen, das besagt dieses Bild vom Weinstock und den Reben. Wir sind miteinander verbunden.

Dieses Bild vom Weinstock und den Reben ist uns vertraut. Zu vertraut. Wir hören es, kennen wir, haken ab. Wissen wir schon, was das Bild bedeutet: Jesus der Weinstock, wir die Reben, ohne ihn können wir nichts tun.

Aber verlassen wir mal dieses Bild vom Weinstock und den Reben. Die wenigsten haben einen Weinstock im Garten. Das Bild vom Weinstock kann uns wegbringen von dem, was das Bild sagen will. Statt wieder und wieder das Bild vom Weinstock zu entfalten, falte ich das Bild achtsam zusammen, lege es weg und höre hin, wie oft Jesus innerhalb dieses Bildworte vom Bleiben redet. Siebenmal ist vom Bleiben bzw. nicht bleiben die Rede:

„Bleibt in mir und ich in euch.  wenn ihr nicht an mir bleibt.   Wer in mir bleibt und ich in ihm, Wer nicht in mir bleibt   Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, „

Es geht also darum, dass wir in Jesus bleiben und er in uns.

Aber was heißt: In Jesus bleiben? Und wir in ihm bleiben?

Auch das ist natürlich eine Sprachform, die nicht die ursprüngliche Rede Jesu ist. So haben die johanneischen Christen gesprochen, Wir bleiben in Jesus und er in uns.

Es ist schon eine mythische Sprache für Eingeweihte. Oder haben Sie schon mal so geredet: Wir bleiben in Hans Huber und er in uns?

Christen der johanneischen Gemeinden haben sich mystisch in Jesus versenkt. Das ist ihr gutes Recht und ihr ganz persönlicher Glaubenszugang zu Jesus. Auch heute versenken sich Christen in Jesus, wenn sie beten oder ihn anbeten. Orthodoxe Christen vertiefen sich in Ikonenbildern, in Jesusbildern und glauben, auf diese Weise in Jesus zu sein und er in ihnen. Katholische Christen verehren das Herz Jesu. Evangelische beten zum Heiland und Erlöser Jesus und haben sein Kreuz vor Augen.

Wer das nicht mag und nicht kann, wer keine mystischen Zugang zu Jesus findet, kann vielleicht den Zugang finden, den ich und andere Gläubige zu Jesus gefunden haben.

Was heißt: In Jesus bleiben und er in uns?

Es heißt für mich: Mit Jesus in Verbindung bleiben.

In der Hoffnung für alle Übersetzung ist es so übersetzt worden:

„4 Bleibt fest mit mir verbunden, und ich werde ebenso mit euch verbunden bleiben!“

Jesus – Wie können wir mit ihm heute im Jahr 2020 in Verbindung bleiben?

Wie können wir mit ihm verbunden bleiben? Es gibt so viele zeitliche und räumliche Entfernungen. Und wie soll das gehen, bei Jesus bleiben, körperlos, ohne Berührung?

Selbst damals nach Ostern war alles anders als vorher, als sie ihn sehen und berühren konnten. Wie soll das gehen, mit Jesus verbunden bleiben?  Verbunden bleiben?

Jetzt  während der Corona-Krise haben wir es eingeübt, mit unseren Freunden und Familien und Glaubensgeschwistern verbunden zu bleiben, auch wenn vielleicht keine körperliche Verbindung möglich ist.

Wir bleiben miteinander verbunden über die 2 Meter Abstand hinweg. Ohne Händedruck und Berührung bleiben wir über nötige Distanz und notwendigen Abstand hinweg miteinander verbunden.

Wir bleiben miteinander verbunden, ohne dass wir miteinander Gottesdienste gefeiert haben. Wir bleiben miteinander verbunden –   ohne Kirche und Gemeindeleben.

Ich habe an euch gedacht und ihr an mich. Wir haben miteinander geredet, telefonisch oder digital. Wir haben einander von der Ferne gesehen. Wir haben aufeinander gehört. Und achtsam aus der Distanz wahrgenommen, was der andere vielleicht gerade braucht.

Und aus dem miteinander verbunden sein, ist uns Kraft und Lebensfreude erwachsen, das Gefühl, wir sind nicht allein, das Gefühl der Dankbarkeit, da ist Hilfe.

Wir bleiben miteinander verbunden über Entfernungen und Grenzen  und Corona-Einschränkungen hinweg und bekommen Kraft, für das was zu tun ist.

So stelle ich mir auch die Verbundenheit mit Jesus vor.

Über räumliche Entfernungen und zeitliche Grenzen und den über den Sprung des garstigen Grabens von Jahrhunderten hinweg bleiben wir mit Jesus verbunden und bekommen heute Kraft und Lebensfreude, Kraft von ihm, Jesus.

Eine gute Frage ist: Wer ist dieser Jesus, von dem wir Kraft bekommen und mit dem wir in Verbindung bleiben können über Zeit und Räumlichkeit hinweg.

Wer ist dieser Jesus?

Jesus –  Das ist der, der die Frauen nicht ausgrenzt und die Schwachen und Armen nicht übersieht.

Jesus – Das ist der, der sagt: Andere unterdrücken, Macht missbrauchen, ein Oben und ein Unten – so soll es bei euch nicht sein!

Jesus – Das ist der, der Menschen auf Augenhöhe begegnet, ihnen wohltut mit seinen Worten und Taten, ihre seelischen Wunden heilt.

Jesus – Das ist der, der den Menschen von Gott erzählt, von seinem Gott, der die Menschen bedingungslos liebt, und diese Liebe auch lebt.

Jesus – Das ist der, von dem die Menschen sagen, den hat Gott bestätigt durch das, was an Ostern geschehen ist.

Jesus – Das ist aber auch der, der vor 2000 Jahren auf Erden gelebt hat.

Jesus – Das ist aber auch der, den die Kirche jahrhundertelang für sich vereinnahmt hat,

Zum Jesus der Kirchen haben sie ihn gemacht, je nach Bekenntnis. Zum evangelischen, katholischen, orthodoxen Jesus der Kirche haben sie ihn gemacht. Und dabei ist er doch nie dem jüdischen Glauben entfremdet gewesen.

Mit diesem Jesus können wir heute in Verbindung sein durch seinen Geist.

Mit diesem Jesus sind wir heute verbunden durch seinen Geist.

Eine Verbindung kann nicht bestehen, wenn wir Menschen nicht aneinander denken, miteinander reden, aufeinander hören, wenn wir einander nicht besuchen. Ebenso ist es mit der Verbindung mit Jesus. Sie kann nur bestehen, wenn ich auf seine Worte höre und ihnen Raum in meinem Leben gebe.

Wie zeigt sich Verbundenheit in der Zeit der Corona-Pandemie?

Nicht wahr, die letzten Wochen waren hart: Ausgangsbeschränkungen, Kontaktsperre, für manche Quarantäne. Kein Kindergarten, keine Schule, kein Büro, für viele Menschen heißt das auch: keine Arbeit, kein Geld. Andere arbeiten weit über ihre Grenzen, im Pflegeheim oder im Supermarkt. Die einen sind abends nur noch kaputt, andere gehen sich zuhause inzwischen so richtig auf den Geist, und wieder andere sind seit Wochen allein und einsam.  Da ist es schwer, mit anderen Menschen in Verbundenheit zu leben.

Wie bleiben wir verbunden mit denen, die zu uns gehören? Die wir jetzt nicht sehen können. Nicht treffen, nicht in den Arm nehmen. Telefonieren – ja, das mag helfen. Aber doch nicht über eine so lange Zeit. Schwer zu verstehen, dass es gerade jetzt der Abstand ist, die körperliche Distanz, die uns am meisten schützt. Darum suchen wir neue Formen der Nähe:

Von einer kleinen Episode habe ich gehört. Sie hat mir verdeutlicht, wie kreativ und mutig wir sein können, Verbindung aufzunehmen: An Ostern durfte eine Familie ihren alt und dement gewordenen Angehörigen wegen der Corona-Ansteckungsgefahr nicht mehr im Pflegeheim besuchen.  Was haben die Angehörigen gemacht, um mit ihm doch noch in Verbindung zu treten? Mit einer österlichen Kreidebotschaft auf dem Gehweg, und einem nicht ganz erlaubten österlichen Ständchen vor dem Pflegeheim direkt vor dem Balkon des Angehörigen haben sie die Verbindung mit ihm gesucht und gefunden. Das hat dem alten Menschen eine letzte Freude gemacht und wird den Angehörigen vor seinem Tod in kostbarer Erinnerung bleiben: Wir waren verbunden mit ihm.

Und ist es nicht so: Immer dann, wenn wir auf kreative Weise Verbindung mit dem anderen gesucht haben, waren wir glücklich, erfüllt, dankbar, zufrieden und haben Kraft getankt.

So ist es auch, wenn wir auf kreative Weise Verbindung mit Jesus suchen. Wir sind in dem Augenblick glücklich, erfüllt, dankbar, zufrieden und haben Kraft getankt. Seine Worte machen uns Mut, anderen Menschen Worte zu sagen, die ihnen Mut machen. Seine Liebe und Menschenfreundlichkeit steckt an und das ist in Zeiten vom Corona-Virus nichts Gefährliches, sondern im Gegenteil, seine Liebe und Menschen-freundlichkeit steckt uns an, die Menschen zu lieben und sich mit der ganzen Menschheit verbunden zu fühlen. Bleiben wir mit Jesus und den Menschen verbunden. Amen


Fürbitten

Gott, wir sind mit Jesus verbunden. Diese Verbindung schaut ganz unterschiedlich aus.   
Lass uns tolerant sein, wenn wir spüren, wie unterschiedlich verbindlich gelebtes Christsein aussieht.         
Lass uns in unserer Verbindung mit Jesus reifen. Schenke uns durch die Verbindung mit Jesus Kraft, Mut und Hoffnung für die Tage, die nun kommen.

Gott, in deinen Kirchen ist es möglich, dass Menschen eine ganz persönliche Verbindung zu Jesus   finden können. Wir danken dir von Herzen, dass wird bald wieder Gottesdienste feiern können in           unseren Kirchen. Lass uns spüren, wie gut es uns tut, wenn wir gemeinsam beten, auf dein Wort hören und in Verbindung mit Jesus bleiben.
Lass uns die Zeit, in wir wieder Gottesdienst feiern  können, kostbar werden. Gott, wir denken an all die Menschen, die die Verbindung mit dir unterbrochen haben: Vielleicht spüren sie in dieser schweren Zeit, was ihnen fehlt, wenn sie diese Verbindung nicht haben.                         
Lass die Menschen neu den Kontakt mit dir und deiner Kirche suchen. Wir selber sind offen für Begegnungen mit Menschen, die auf der Suche nach verbindlichem Glauben sind.

Gott, wir denken an all die Menschen, die noch nie Halt und Verbindung in ihrem Leben erlebt haben. So viele treiben orientierungslos dahin, finden keinen Halt und vermissen nicht einmal den Halt, den du uns Menschen in schweren Zeiten geben kannst. Lass sie Menschen finden, denen sie vertrauen können,  Christen und Christinnen, die glaubwürdig aus ihrer Verbindung mit Jesus ihr Leben leben. Gott, wir denken an die Menschen, die gerade Kraft brauchen, Kraft und Hoffnung diese schweren Zeiten   zu bewältigen. Die Kranken, die Sterbenden. Lass ihnen Kräfte erwachsen, die ihnen jetzt helfen. Gott, wir sind nicht nur mit Jesus und dir verbunden. Wir sind mit allen Menschen verbunden. Lass uns  diese Verbundenheit mit der ganzen Menschheit spüren. Wir werden still und denken auch an uns selbst, wie es uns jetzt in diesem Moment geht, was wir jetzt gerade brauchen.   

Vater unser im Himmel
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen.

Der Gott deines Lebens segne dich und behüte dich!

Der Gott deines Lebens blicke dich freundlich an und sei dir gnädig!

Der Gott deines Lebens wende sich dir in Liebe zu und gebe dir Frieden!

Osternacht zum Anschauen

https://youtu.be/hogvVxuk96E  Osternacht in Trautskirchen mit ganz vielen Kerzen und ganz wenigen Menschen, Pfarrer Manfred Lehnert

Wer wälzt uns den schweren Stein von der Seele? Ostergottesdienst zum Anschauen

https://youtu.be/pPWwJGulS8I      Ostergottesdienst 2020 Trautskirchen Pfarrer Manfred Lehnert

Karfreitagspredigt 2020

Steine, die auf Jesus und auf unserer Seele liegen

Karfreitag 2020 – Onlinepredigt Manfred Lehnert, Trautskirchen

Markus 15,42-46 „Am Abend ging Josef aus Arimathäa, ein geachtetes Mitglied des Hohen Rates, zu Pilatus. Josef wartete auf das Kommen von Gottes Reich. Weil am nächsten Tag Sabbat war, entschloss er sich, Pilatus schon jetzt um den Leichnam von Jesus zu bitten. 44 Pilatus war erstaunt zu hören, dass Jesus schon tot war. Darum rief er den Hauptmann und erkundigte sich: »Lebt Jesus tatsächlich nicht mehr?« 45 Als der Hauptmann das bestätigte, überließ er Josef aus Arimathäa den Leichnam. 46 Josef kaufte ein feines Leinentuch, nahm Jesus vom Kreuz, wickelte ihn in das Tuch und legte ihn in eine Grabkammer, die in einen Felsen gehauen war. Dann wälzte er einen Stein vor den Eingang.“

Liebe Gemeinde!

„Dann wälzte er einen Stein vor den Eingang.“ Um diesen Stein geht es heute.

Ich stelle mir eine Traueranzeige vor:

Ganz groß darüber die Frage: Ein schwerer Stein liegt auf seinem Grab und auf unserer Seele!

Darunter neben einem schweren Kreuz der schlichte, aber unfassbare Satz

Wir gedenken an den Tod von Jesus Ben Josef .

  1. Ein schwerer Stein liegt auf seinem Grab.

Ein schwerer Stein liegt auf seinem Grab! Man muss die Schwere dieses Grabsteines erfassen und begreifen. Und nicht gleich an Ostern denken.

An Karfreitag wurde sein Leichnam vom Kreuz abgenommen und seine Leiche in ein Grab gelegt und davor ein schwerer Grabstein gerollt.

Dieser Grabstein symbolisiert etwas Endgültiges:

Es ist aus und vorbei. So dachten die Menschen, die um Jesus Ben Josef getrauert haben. Tief erschüttert von dem was sie erleben mussten: dies schändliche Kreuzigung, Leid und Schmerzen des Gekreuzigten.  Der Tod von Jesus machte für sie keinen Sinn.

Die Schwere des Grabsteines Jesu symbolisiert: Dieser Tod ist grausam und sinnlos! Viel zu früh ist er gestorben! Sein Sterben war grausam, sein Tod am Kreuz schändlich. Er wurde noch am Karfreitagabend  in aller Stille  wegen der Ausnahmesituation bestattet.

Ich lese diese Todesanzeige, sehe das Kreuz auf der Todesanzeige wie gewohnt auf den üblichen Todesanzeigen. Dann erschrecke ich aber doch: Jesus, Sohn des Josef, Geburtsjahr 4 v.Chr. und sein Todesjahr 34 n Chr.

Darunter der Vermerk der Hinterbliebenen:

„Mit ihm gestorben sind alle unsere Hoffnungen, die wir an ihn glaubten.
Viel zu früh haben wir ihn verloren.

Ein Leben ist viel zu früh mit 38 Jahren auf eine sinnlose Weise zu Ende gegangen.

Die Beisetzung fand wegen der momentanen Ausnahmesituation in aller Stille am Karfreitag

statt. Voller Trauer und Entsetzen die Hinterbliebenen „

In aller Stille beerdigt, noch weniger als momentan die 15 Leute, die erlaubt sind, eine momentane Ausnahmesituation, damals wie heute einfach schrecklich. Einfach nur schrecklich, zum Fürchten.

Ich stehe unter dem Kreuz.

Ich schaue auf das Kreuz in unserer Trautskirchener Kirche. Wie bei allen anderen Kirchen hängt  auch bei uns das Kreuz unübersehbar.

Ich schaue auf zu dem der da am Kreuz hängt.

Welchen Sinn hatte der Tod dieses Menschen am Kreuz?

In dem Moment, an Karfreitag und Karsamstag, hatte der Tod Jesu keinen Sinn.

Als ob man dem Tod einen Sinn geben könnte und dann alles nicht so schlimm wäre.

Der Tod bleibt grausam und sinnlos.

Auch der Tod Jesu am Kreuz war grausam und sinnlos.

Er war der Gipfel der Grausamkeit.

Und nein: An Karfreitag deutet noch nichts darauf hin, dass dieser Tod irgendeinen Sinn haben könnte. Später kommt den Jüngern manches in den Sinn, was seinem Tod einen Sinn geben könnte. Aber jetzt an Karfreitag und Karsamstag nicht.

Da stehe ich unter dem Kreuz.

Ich schaue auf zu dem der da hängt.

Für ihn und die Menschen um ihn war sein Tod einfach nur grausam und sinnlos.

Da stehe ich unter dem Kreuz.

Ich schaue auf zu dem der da hängt.

Ich denke mir:

Ja, irgendwann ist diese schwere Zeit vorüber.

Sie wird vorübergehen.

Noch können wir das nicht sehen.

Noch ist Karfreitag.

Noch kommt Karsamstag

Noch liegt ein schwerer Stein auf seinem Grab.

Noch.

  • Ein schwerer Stein liegt auf unserer Seele          Corona Deutschland: Zahl der Fälle übersteigt 100.000 – Karte ...

Ein anderer schwerer Stein liegt im Moment auf unserer Seele. In Miniaturform sieht er wie ein Stein mit Stacheln aus, das Corona-Virus – tödlich, sinnlos und grausam.

Das muss ich gerade jetzt laut und deutlich sagen. Jetzt, wo wir alle umgeben sind von Nachrichten über Epidemie und Tod.

Wo wir diese schrecklichen Bilder von vielen Särgen in Leichenhäusern, Lastzügen und Kühlwägen sehen.

Gerade jetzt will ich laut und deutlich sagen: Dieses Virus ist grausam und sinnlos.

Es widerstrebt mir, diesem Virus einen Sinn unterstellen zu wollen.

Nein, dieses Virus ist nicht die Strafe Gottes, der damit die Menschheit züchtigt.

Dieses Virus fragt nicht, ob die, die sterben, es verdient haben oder unschuldig sind. Dieses Virus macht keine Bogen um die Kinder und jungen Menschen. Dieses Virus holt sich alte Menschen und Menschen mit bestimmten Krankheitsvorgeschichten. Aber auch die jungen Menschen, die Menschen in der Mitte des Lebens, die Gesunden und Starken sind nicht davor gefeit, mit diesem Virus tödlich angsteckt zu werden. Dieses Virus ist einfach unberechenbar tödlich.

Und dieses Virus ist auch nicht die Gelegenheit, dass wir uns als Gesellschaft endlich wieder auf das Gute, auf die Solidarität und den Zusammenhalt besinnen.

Dieses Virus fragt nicht, ob wir solidarisch waren oder nicht. Dieses Virus ist einfach tödlich.

Der massenhafte Tod durch dieses Virus ist einfach sinnlos und grausam. Der einsame Tod irgendwo im Altenheim genauso wenig.

Warum versuchen wir, diesem Virus irgendeinen Sinn zu geben?

Vielleicht kommt es daher, dass Menschen sich schwer tun, dass es das gibt: das einfach nur Sinnlose und das einfach nur Grausame.

Lieber erfinden wir einen Sinn, dann können wir damit besser umgehen.

Aber worin soll der Sinn liegen davon, dass vielleicht hunderttausende Menschen auf der ganzen Welt an diesem Virus sterben müssen?

Worin soll der Sinn liegen davon, dass Menschen in unseren Altenheimen keinen Besuch von ihren Angehörigen mehr empfangen dürfen. Dass ihre Kinder, ihre Enkel ihnen nicht die Hand halten dürfen?

Worin soll der Sinn liegen davon, dass so viele Menschen Angst um ihre wirtschaftliche Zukunft haben müssen?

Worin soll der Sinn liegen davon, dass Kinder auch dann in der Wohnung bleiben müssen, wenn die Eltern immer ungeduldiger und schließlich vielleicht sogar gewalttätig werden?

Nein, dieses Virus tötet blindlings und ist einfach nur sinnlos tödlich.

Auch wir Christen sollten nicht versuchen, ihm einen fragwürdigen Sinn zu geben.

Dieses Virus ist ein schwerer Stein auf unserer Seele.

Es gibt noch andere große und schwere Steine in unserem Leben. Ich halte einen Stein in meiner Hand und betrachte ihn. Wenn Sie wollen, nehmen Sie sich auch einen Stein Ihrer Wahl zu Hause in die Hand und betrachten ihn.

Dieser Stein ist klein.

Den braucht mir keiner wegrollen.

Kein Problem. Denn kann ich weglegen.

Schwer ist er allerdings schon, wenn ich ihn in meiner Hand fühle. Und hart ist er. Und kalt. Und er erinnert mich an andere Steine: große, schwere, kalte Steine in meinem Leben.

Es sind Steine, die ich mir nicht selbst freiwillig in die Hand genommen habe. Die ich auch nicht einfach weglegen kann. Steine in meinem Leben.

Die sind wie Grabsteine manchmal: sie sperren ein. Sie lassen kein Licht hinein und kein Leben.

Steine wie diese sind wie eine Last, die ich mit mir herumtrage. Die mir die Luft abdrückt. Unter der ich zusammenbreche.

Wer nimmt mir den Stein weg, der auf mir ruht? Schwer, niederdrückend, kalt, eckig und kantig?

Ich kann dem Stein einen Namen geben: er kann den Namen von einem Menschen haben, von einem der mir das Leben schwermacht, ein Vorgesetzter, ein Arbeitskollege, ein Nachbar, ein Mensch, dem ich nichts gut genug mache, der immer wieder mit einem solchen Stein nach mir wirft und mich wohlwissend an den schmerzhaftesten Wunden meines Lebens trifft.

Dieser Stein kann den Namen eines Menschen haben, dessen Schicksal mir wehtut. Den ich mit mir trage in meinen Gedanken. Dieser Stein kann der Grabstein eines Menschen sein, von dem ich mich letztes Jahr verabschieden musste.

Mein Stein, das kann der Name eines Ortes sein, behaftet mit einer schlimmen Erinnerung. Er kann nach einem Problem benannt sein, mit dem ich nicht fertig werde. Nach dem großen Fehler, den ich gemacht habe – und nun weiß ich nicht, wie es weitergehen soll.

Mein Stein kann den Namen Corona oder Krebs tragen oder den einer anderen schlimmen Krankheit. Hart und unnachgiebig ist diese Krankheit, wie dieser Stein hier. Kantig und eckig, Schmerzen bereitend, wenn er auf einem drückt.

Vielleicht ist das ein Stein, an dessen Last Sie sich bereits seit Jahren gewöhnt haben. Vielleicht ist es auch ein Stein, an dem Sie schwer zu tragen haben – vielleicht bis an die Grenze Ihrer Belastungsfähigkeit und drüber hinaus. Vielleicht als Pfleger und Arzt, als Pflegerin und Ärztin in den Altenheimen und auf den Intensivstationen…

Hat Ihr Stein auch einen Namen?

Nehmen Sie sich für einen Moment Zeit, diesen Stein zu fühlen. Diesen Stein in meiner Hand, und den anderen Stein oder die anderen Steine, die auf unsere Seele lasten.

Geben Sie dem Stein, der auf Sie lastet ist, einen Namen. Wir  lauschen für einen kurzen Moment der Stille unseres Herzen und werden dabei still.

Stille

Der Stein kann viele Namen haben. Er sperrt ein. Er belastet. Er macht mir das Leben schwer. Wer nimmt mir diesen Stein von meiner Seele?

  • Ein schwerer Stein liegt nicht für immer auf uns.
  • Nicht immer auf dem Grab Jesu
  • Nicht immer auf unserer Seele

Eines ist sicher: Egal wie schwer die Steine, die auf unserer Seele lasten, sie werden nicht für immer auf uns lasten. Es kommt die Zeit, da wird Gott „ wird ihnen alle Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid, keine Klage und keine Schmerzen; denn was einmal war, ist für immer vorbei.« Off 21,4)

Aber noch ist es nicht soweit. Noch ist auch nicht Ostern.

Noch ist Karfreitag: Es ist die Zeit, das Leid wahrzunehmen, und der Schwere in unserem Leben nicht auszuweichen.

Noch ist noch nicht Karsamstag: Es ist die Zeit, die innere Leere und das Gefühl der Sinnlosigkeit aushalten.

Erinnern wir uns an die schweren Steine´, die in unserem Leben sich schon in irgendeiner Weise gelöst haben

Das Leben findet seinen Weg. Das Leben geht weiter.

Ich stehe

vor dem steinernen Kreuz in der Trautskirchener Kirche,

lauter Steine sind zu einem Kreuz zusammengefügt.

Ich ahne, dass die Steine in meinem Leben und im Leben meiner Mitmenschen doch einen Sinn haben. Ich ahne, dass auch der Tod Jesu im Nachhinein von Gott Sinn und Würde bekommen wird.

Aber noch ist Karfreitag

Noch kommt Karsamstag

Noch

Ich lebe mein Leben und nicht das Leben anderer.

 

Ich verbiege mich nicht.

Ich muss nicht von allen gemocht werden.

Wenn ich wirklich frei sein will,

ganz ich selbst,

unabhängig von den Meinungen und Erwartungen anderer,

muss ich damit rechnen,

von dem einen oder anderen nicht gemocht oder abgelehnt zu werden.

Aber wenn ich immer nach den Erwartungen anderer lebe,

lebe ich mein eigenes Leben nicht.

Ich würde dann zwar von allen gemocht werden, aber nicht respektiert,

Ich lebe dann nur das Leben anderer.

 

Ich verbiege mich nicht.

Ich muss nicht beliebt sein.

Wenn ich wirklich frei sein will,

ganz ich selbst,

unabhängig von der Anerkennung und der Kritik anderer,

muss ich damit rechnen,

mich hier und da unbeliebt zu machen.

Ich bin aber nicht dazu da, mich bei den Leuten beliebt zu machen.

Ich spüre meinen Wunsch nach Anerkennung und Wertschätzung.

Aber jedes „Das hast du gut gemacht! “

macht mich im Grunde genommen

abhängig und unfrei.

Und die Furcht

vor jedem „Was hast du da wieder falsch gemacht!“

macht mich erst recht unfrei.

Die Freiheit, ganz ich selbst zu sein, bedeutet notwendigerweise:

Ich werde auch mal nicht gemocht oder abgelehnt.

Was ist schon Schlimmes dabei, wenn ich nicht gemocht und abgelehnt werde?

Ich lebe dafür mein Leben und nicht das Leben anderer.

 

Nach Erkenntnissen von Alfred Adler

20 Thesen zur kirchlichen Gegenwart 2017

  1. Kirche heute befindet sich in der Krise.
  2. Ein großer Teil der Mitglieder hat vom Glauben keine Ahnung.
  3. Volkskirche Ade.
  4. Kirche wird es schon noch geben, aber anders.
  5. Heute sind wir weitgehend Kirche für Insider.
  6. Der Mehrheit ist heute Kirche egal.
  7. Es gibt gute Gründe, weshalb Menschen auf Distanz gehen.
  8. Kirche heute ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt.
  9. Solange Gott in der Kirche heute wirkt, ist sie nicht  tot.
  10. Wir werden immer nichtssagender. Manchmal wäre Schweigen besser als Reden.
  11. Wofür stehen wir eigentlich als Kirche?
  12. Wir brauchen eine Neuausrichtung auf Jesus und seine Botschaft.
  13. Kirche braucht neue Formen und neue Strukturen.
  14. Die Art und Weise, wie wir Gottesdienst feiern, hindert die Menschen zu kommen.
  15. Wir sollten alte Zöpfe im Gottesdienst abschneiden.
  16. Wir sollten Abendmahl anders feiern.
  17. Es gibt keine heiligen Kirchenformen, die unantastbar wären.
  18. Wir dürfen nicht länger leere Kirchen akzeptieren und brauchen wieder volle Kirchen .
  19. Kirche ist immer in Bewegung nach außen. Eine an den Rändern der Gesellschaft einladende Gemeinschaft.
  20. Für mich ist es immer noch besser, Mitglied einer Landeskirche zu sein, als in eine Freikirche zu gehen oder ein eigenes Kirchlein zu gründen.

 

Horizonterweiterung meines Glaubens an den einen Gott

Christ bin ich nach wie vor,
nur freier, ungebundener, undogmatischer.

Die Rede vom trinitarischen Gott, von Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist, ist für mich eine symbolische, religiöse Sprache,                                                       ein bildhafter und manchmal auch hinterfragbarer Ausdruck                                wie frühere Generationen Gott begriffen haben.
Ich verwende ihn aus Respekt vor diesen, aber jederzeit interpretierbar, symbolisch für den                                                                                                          Einen Gott, der sich uns Menschen unterschiedlich offenbart.

Die Vorstellung,
dass im Himmel oben Gott Vater mit Jesus seinem Sohn und dem Heiligen Geist thront,
ist für mich ein Bild, eine Vorstellung, als Symbol religiöse Sprache
und auch Jesus als Gottes Sohn
menschgewordener Mythos,
geborener, gestorbener, auferstandener Gottmensch,
ist für mich  symbolisch als mythologische Sprache zu verstehen.

Christ bin ich
in der Nachfolge des Jesus von Nazareth,
der die Liebe und Zuwendung Gottes zu uns Menschen verkündigt und gelebt hat,
der ein Herz für die Armen und Ausgegrenzten hat,
der grenzüberschreitend alle Menschen liebt.

Dieser Jesus von Nazareth
wird für mich immer der Maßstab sein,
wonach sich auch
christlicher Mythos und christliche Tradition
messen und kritisieren lassen müssen.

Als ein solcher Christ in der Nachfolge Jesu,
sehe ich mich auch
eingebunden und verwurzelt in jüdischen Traditionen,
und offen und neugierig
für islamische Glaubensanschauungen.

Ich glaube an den einen Gott,
der sich in jüdischen, christlichen und islamischen Traditionen wiederfindet,
aber natürlich auch darüber hinaus zu finden ist.

Mein Verstand wird kritisch und freundlich gesonnen,
alles prüfen,
das Gute behalten,
das Böse benennen.

Fromm und frei im Denken

Fromm bin ich
mit Ehrfurcht im Herzen,
Ehrfurcht vor dem Leben,
dem Leben verpflichtet,
bin ich Leben umgeben von Leben,
das leben will.

Fromm bin ich
dankbar und staunend,
die Schönheit der Welt wahrnehmend.
Neugierig aufs Leben,
bin ich dankbar
gegenüber dem Urgrund meines Seins.

Fromm bin ich auch
in der Tatkraft meines Handelns,
dem Tun des Gerechten,
der Gerechtigkeit und dem Frieden verpflichtet
für alle Welt und alle Menschen.

Frei bin ich im Denken
Frei in der Handhabung meiner Vernunft,
Frei und kritisch gegenüber allen Autoritäten,
frei und nur der Wahrheit verpflichtet.

Menschenfreundlich bleiben

Ich frage mich,

wie ich menschenfreundlich bleiben kann,

den Menschen zugewandt,

wenn sie sich mir so kalt und egoistisch erweisen.

Sie trampeln auf meinen Gefühlen herum.

Sie achten nicht auf mein Befinden,

es ist ihnen egal, wie es mir ergeht,

Hauptsache, sie setzen ihren Willen durch.

Ich spüre in mir die Gefahr,

zum Zyniker zu werden,

zum Menschenfeind.

Aber ich entschließe mich bewusst,

den Menschen insgesamt freundlich zu gewandt zu bleiben.

Freundlich aber bestimmt

will ich ihnen verwehren, auf meinen Gefühlen herum zu trampeln.

Den Menschen zugewandt,

will ich auf mein Befinden achten

und darauf, dass ich nicht untergehe.

Dankbar will ich auch all die Menschen bewusst wahrnehmen,

die mir menschenfreundlich zugewandt sind,

die sich für mich Zeit nehmen

Interesse an mir haben und Anteilnahme an mir nehmen.

Es sind mehr Menschenfreunde unterwegs auf Erden

als ich manchmal denke

und gemeinsam finde wir die Stärke,

dem Zynismus dieser Welt Stand zu halten.