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Die (Corona-)Zeit auskaufen Epheser 5,15-20 Predigt

 Trautskirchen  Epheser 5,15-20 „Kauft die Zeit aus!“

Liebe Gemeinde!

„So achtet nun genau darauf, wie ihr euer Leben führt,

nicht als Unweise, sondern als Weise! Und kauft die Zeit aus, denn es ist böse Zeit!

Darum seid nicht unverständig, sondern versteht, was der Wille des Herrn ist.

Sauft euch nicht voll Wein, denn das führt zur Zügellosigkeit, sondern lasst euch vom Geist erfüllen.

Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern,           singt und spielt dem Herrn in euren Herzen und sagt Gott, dem Vater, allezeit Dank für alles…          Eph 5,15-20

1. Dankt für alles! Höre ich ganz am Ende heraus. Dankt für alles. Gerade in diesen Zeiten der Dank. Das ist das eine, was mich anspricht und was ich seit Monaten einübe: Jeden Tag überlege ich mir: Wofür kann ich Danke sagen. Gerade in diesen schwierigen Zeiten.  Ich will nur verraten, es gibt vieles, wofür ich danken kann. Ein Ergebnis sind hier in der Kirche die Dankesworte, die ich und auch andere gefunden haben.

Übt euch im Danken ein!

Und Kauft die Zeit aus. Über letzteres möchte ich nun nachdenken.

2. Zunächst ein paar Gedanken zum Stichwort Zeit.

Zeit verrennt. Zeit vergeht.

Unsere Lebenszeit, meine Lebenszeit verstreicht. Ich kann die Zeit nicht aufhalten. Ich kann sie auch nicht zurückdrehen.

Unsere Lebenszeit ist begrenzt.

Und gestundet.

Wie heißt es doch in einem Psalm:

„Unser Leben währet siebzig Jahre,

und wenn`s hoch kommt,

so sind´s achtzig Jahre,“ […]

und

„Es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.“

Schnell fährt´s dahin, das Leben, als flögen wir.

Auch ungelebtes Leben fährt dahin, fliegt davon und geht zu Ende. Wie viel nicht gelebtes Leben gibt es! „Dass er starb, ist noch kein Beweis dafür, dass er gelebt hat.“ Schrieb ein Schriftsteller (Stanislaw Jerzy Lec) in seinen „Unfrisierten Gedanken“ Mancher kennt nur seine Arbeit. Ist das ein Leben? Der Stumpfsinn täglicher Arbeitsqual und täglicher Hetze nimmt den Tod vorweg.

Ungelebtes Leben … Auch ungelebtes Leben geht zu Ende.

    

Es ist immer die eigene Lebenszeit, die wir nutzen und auskosten können.

3. Deshalb: Kauft die Zeit aus!

  „Kauft die Zeit aus!“

Schon ein seltsamer Satz. Kauft die Zeit aus! Ausverkauf der Zeit? Lutherdeutsch. Gemeint  ist: Nutzt die Zeit, die ihr habt. Auch in den schwierigen Zeiten.

Die Zeit auskaufen, die Zeit nutzen. Erst einmal möchte ich sagen, was die Zeit nutzen nicht ist:

Die Zeit nutzen, damit ist nicht gemeint, dass wir uns dauernd fragen: Was bringt´s ? Was nützt es?

Essen schnell, schnell, Zeit sparen, auf der Arbeit ja keine Zeit verschwenden, Beziehungen und Freundschaften nur dann pflegen, wenn sie was bringen? Bloß keine Zeit verlieren für Menschen, die nicht wichtig sind? Nur ja keine Zeit verschwenden für unwichtige Dinge. Das ist mit Zeit auskaufen nicht gemeint.

Was bringt´s ? Was nützt es?  Wir können diese Frage nicht ernsthaft stellen, wenn der Mitmensch vor der Tür steht? Oder wenn er anruft. Auch wenn er stört und nervt, ist es doch ein Mitmensch, der nach meiner Zeit verlangt. Wie ist das, wenn jemand für mich keine Zeit hat, weil ich in seinen Augen nur störe oder unwichtig bin.

Da ist jemand, der braucht mich. Und es ist immer gut, sich für den Mitmenschen Zeit zu nehmen und dabei nicht nach dem Nutzen schielen. Gerade die scheinbar unwichtigen Menschen können auf einmal wichtig sein.

Zeit, die nur darauf schaut, was bringt´s, ist womöglich die eigentlich vergeudete Zeit. Wir leben womöglich am echten, wahren, sinnvollen Leben vorbei, wenn wir unsere Zeit nur noch auf Nutzen und Effektivität trimmen.

Jetzt in der Coronazeit haben wir Zeit, viel Zeit.

Jetzt in der Coronazeit, in der Abends nicht so viel los ist, habe ich auch an mir wahrgenommen: Mir ist langweilig. Ich mag abends nicht dauernd fernsehen. Aber in solchen langweiligen Momenten ist mir aufgegangen: Auch die Langeweile, die Muße, dass ich Zeit habe, ist wichtig. Wir  Menschen stoßen auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben oft erst dann, wenn wir nicht eingezwängt werden im täglichen Zeitraub. Wir brauchen die Muße zum Nachdenken und Innehalten, selbst wenn die Muße langweilig ist.

Aber zurück zur Frage: Was heißt dann: die Zeit nutzen, auskaufen?

4. Aber wie? Jetzt schauen wir vielleicht doch noch einmal auf den Gesamtzusammenhang. Wie heißt es im Predigttext gleich zuerst:

4.1.  „Achtet auf euer Leben!“  So kauft ihr euer Leben aus.

Das Gegenteil wäre, das Leben nicht achten, sich im Leben träge dahintreiben zu lassen oder gar gleichgültig gegenüber dem Leben zu sein. Ist doch alles egal!

Ist doch alles scheißegal!

Gell, jetzt habe ich Sie schon ein wenig erschreckt. Aber da darf man schon mal hochschrecken. Ist doch schlimm, wenn das einer nicht nur sagt, sondern lebt: dieses Ist doch alles scheißegal!

Was für eine Lebenseinstellung verbirgt sich  dahinter?  Ich versuche dieser Lebenseinstellung eine Sprache zu geben:

„Mir doch scheiß egal, es interessiert mich  nicht, was in der Welt vor sich geht. Es interessiert mich nicht, was in der großen Politik vor sich. Scheißegal, betrifft mich nicht. Und genauso wurscht ist es mir, was vor Ort geschieht, in meinem unmittelbaren Umfeld in Trautskirchen,  in der Region, im Dorf, selbst gegenüber beim Nachbarn. Scheißegal, solange sie mir meine Ruhe lassen.“

Nicht war, über eine solche Scheißegal-Haltung kann man sich ganz schön aufregen. Sie ist weit verbreitet. Aber während ich mich über diese  – entschuldigen Sie bitte „Scheiß-Gleichgültigkeit“  aufrege, merke ich, dass auch wir, ja dass auch ich selber daran kranke. Ja, wenn wir in uns hineinschauen, erschrecken wir möglicherweise vor der eigenen Gleichgültigkeit an den Menschen um uns  herum

und an dem, was in mir und mit mir ist. Ist doch egal! Ist es eben nicht!

Es ist alles andere als egal, was in mir und um mir herum geschieht. Es ist alles andere als wurscht, was im Dorf, in der Gesellschaft, ja auf der globalen Welt so geschieht.

„Achtet auf euer Leben!“ So kann es also ausschauen, eure Zeit auszukaufen und auszukosten: Indem ihr sorgsam mit dem Leben umgeht. Mit dem Leben eurer Mitmenschen, eurer Umwelt, aber auch mit unserem eigenen Leben. Das Leben ist kostbar.

4.2. Dann noch ein zweiter Hinweis, was es heißen kann, das Leben auszukosten:

 „Versteht, was der Wille des Herrn ist!“

Das ist nicht ganz so einfach. Wer weiß schon, was der Wille Gottes ist? Nur Fundamentalisten wissen darauf immer eine fertige Antwort.

Was Gottes Wille ist, wir Menschen finden darauf in unserem Leben nur vorläufige Antworten. Und müssen uns mit anderen beraten: Was meinst du, was ist heutzutage hilfreich, was ist jetzt für uns gut und dran?

Diese Fragen, was wirklich wichtig ist im Leben, kann ich nur mir stellen – mein Leben betreffend. Aber ich kann mit anderen darüber reden. Das öffnet das eigene Denken und erweitert meinen Horizont: Aha, so kann man es auch verstehen, das Leben auszukaufen, auszukosten.

Und schließlich noch ein letzter Hinweis, wie wir das Leben auskaufen, auskosten können:

4.3. „Sauft euch nicht voll Wein! Lasst euch vom Geist erfüllen.“

Damit ist der Lebensgenuss angesprochen.

Das Leben genießen, darf man das etwa nicht?

Nun es gibt ein Zuviel an Genuss. Alkoholiker und

Angehörige von Alkoholkranken wissen das. Es gibt den Rausch, der Leib und Leben zugrunde richtet.

Jeder Mensch kennt Trunkenheit, kennt „Besoffensein“.

Jeder Mensch kennt süchtiges Verhalten, hat seinen „Alkohol“ in seinem Leben. Immer wenn es ein Zuviel an Genuss ist, ein Übermaß, wird es gefährlich.

Der Missbrauch des Lebensgenusses schließt aber nicht den Lebensgenuss aus. Darum heißt es: füllt euch mit heiligem Geist ab.

Auf Latein heißt Alkohol „Spiritus“. Dasselbe Wort wird für den heiligen Geist benutzt, spiritus sanctus.

Es gibt im Leben einen göttlichen Geist,  der uns trunken sein lässt vor Glück. Es sind die glücklichen Momente im Leben, die kleinen und die großen Momente des Lebens, die uns spüren lassen: Das Leben ist mehr als Arbeit. Es ist Glück, Lachen, Staunen.

Es gibt in deinem und meinem Leben glückliche Momente. Wir können sie nicht machen. Das Glück fällt uns in den Schoß. Es gibt Momente im Leben, da können wir vor Freude die Welt umarmen.

Gott möchte, dass wir das Leben genießen können, dass wir uns des Lebens freuen können. Lebenslust und Lebensfreude, auch das sollen wir, dürfen wir auskosten, auskaufen.

Kauf die Zeit aus – sie ist geschenkte Zeit!

Kauf die Zeit aus: Achte auf dein Leben! Von wegen: egal!

Das Leben ist kostbar und wertvoll.

Kauf die Zeit aus, indem du immer wieder danach fragst, was wirklich wichtig ist in deinem Leben.

Kauf die Zeit aus. Füll´ dich nicht ab, aber wenn die Lebenslust dich packt,  lass dich von ihr  erfüllen!

Noch einmal die Worte aus dem Epheserbrief in der Basisbibelübersetzung:

15Achtet also sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt: Nicht voller Dummheit, sondern voller Weisheit.16Macht das Beste aus eurer Zeit, gerade weil es schlimme Tage sind.17Aus diesem Grund sollt ihr nicht unverständig sein, sondern begreifen, was der Wille des Herrn ist!18Betrinkt euch nicht mit Wein, denn das macht euch zügellos. Lasst euch lieber vom Geist Gottes erfüllen.19Tragt euch gegenseitig Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder vor .Singt für den Herrnund preist ihn aus  vollem Herzen!20Dankt Gott, dem Vater, zu jeder Zeit und für alles …  Amen

Worauf bauen wir?

Predigt zum Weltgebetstag vom 5. März 2021 aus Vanuatu zu Matthäus 7,24- 27

24»Wer diese Worte von mir hört und sie befolgt, ist wie ein kluger Mann: Er baute sein Haus auf felsigem Boden.25Dann kam ein Wolkenbruch. Die Flüsse traten über die Ufer, die Stürme tobten und rüttelten an dem Haus. Doch es stürzte nicht ein, denn es war auf felsigem Untergrund gebaut.26Wer diese Worte von mir hört und sie nicht befolgt, ist wie ein dummer Mann: Er baute sein Haus auf sandigem Boden.27Dann kam ein Wolkenbruch. Die Flüsse traten über die Ufer, die Stürme tobten und prallten gegen das Haus. Da stürzte es ein und fiel völlig in sich zusammen.«  Basisbibel

Liebe  Gemeindeglieder!

„Worauf bauen wir?“, das fragen uns die Frauen aus Vanuatu, anlässlich des Weltgebetstages 2021. „Worauf bauen wir?“ Die Menschen in Vanuatu bewohnen Inseln im Südpazifik. Da gibt es viel Sand und Vulkanstein. Ich habe mich neugierig gefragt: Worauf bauen die Menschen auf den Inseln Vanuatus ihre Häuser? Ist es Sand wie an den vielen Stränden? Oder ist es vulkanisches Gestein, wenn man ins Landesinnere einer Insel kommt? Und halten diese Häuser stand, wenn wieder einmal ein Wirbelsturm über die Inseln hinwegfegt? Diese Welt am anderen Ende der Erde ist eine ganz andere Welt als hier bei uns in Deutschland. Trotzdem hören wir auf dasselbe Evangelium, dieses Mal ein Gleichnis, das Jesus erzählt hat. Und wir fragen uns, was dieses Gleichnis für die Menschen von Vanuatu und was sie für unser Leben bedeutet.

Worauf bauen wir? Auf Fels oder auf Sand? Immer wieder kommt es vor, dass ein Gebäude in sich zusammenbricht. 

Oft stellt es sich erst während des Einstürzens  oder viel später heraus: Wir haben auf Sand bebaut.

Die ganze Welt kommt mir inzwischen wie ein Haus vor, das ins  Rutschen kommt. Die Inseln im Pazifik drohen durch die drohende Klimakatastrophe unterzugehen. Den Menschen dort steht mehr als uns hier im sicheren Franken mittelfristig das Wasser bis zum Hals. Und zur Zeit machen wir Menschen eine globale Pandemie durch. Es ist egal, wo wir wohnen. Es trifft uns überall. Wir sind überall davon betroffen. Unsere Lebensgewohnheiten kommen ins Rutschen. Unsere Fundamente. Haben wir womöglich auf Sand gebaut?

Häuser kommen ins Rutschen und stürzen ein. Inseln verschwinden im Meer. Eine Pandemie lähmt uns global und konfrontiert uns mit handfesten Fragen: Haben wir genug Impfstoff – weltweit? Haben wir genug Masken – weltweit? Meistern wir diese Pandemie weltweit oder nur auf uns bezogen? Diese weltweite Pandemie stellt auch so manche selbstverständlich genommenen Grundwerte und Fundamente in Frage:

Wird unsere Gesellschaft noch von einem gemeinsamen Fundament getragen? Wie sieht es aus mit dem Respekt vor den Traditionen der Generationen vor uns, auf deren Grund wir bauten?
Oder sind gemeinsame Werte und Traditionen ins Rutschen gekommen?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der der Einzelne eine große Last zu tragen hat. „Jeder muss selber wissen, was gut für ihn ist.“
So hört man es über die Zäune und Straßen hinweg, wenn wir uns überhaupt noch an den Zäunen und Straßen begegnen.  Wenn sich Nachbarn über das sonderbare Verhalten eines Dritten unterhalten, dann zucken wir vielleicht mit den Schultern, wenn es um Fragen von Sitte, Anstand, Moral, Ethik geht. „Muss jeder selber wissen!“


Eigentlich ein Widerspruch. Denn Sitte, Anstand, Moral sind gemeinschaftliche Traditionen. Wir regeln mit ihnen unser Zusammenleben.“ Das gehört sich so. Das macht man so. Daran hält man sich tunlichst.“

Oder anders gesagt: „Das gehört sich nicht. Das sagt mir mein Anstandsgefühl. Das tut man nicht.“

Wir leben in einer Gesellschaft, in der der Einzelne, das Individuum betont wird. Das hat schon was: Ich als Einzelner suche mir selber aus, an welchen Gemeinschaften mit welchen Regeln ich teilnehme: zu welchem Verein, zu welchen Kollegen ich mich halte,. Auch ob mir die Gemeinschaft im Gottesdienst oder in der Kirche wichtig ist, ist meine Entscheidung und wenn ich mich nicht zur Kirche geht, ist es auch meine Entscheidung.

Und jeder und jede entscheidet anders. Unser Bedürfnis nach Gemeinschaft ist individuell anders.

Die Sozialforscher sagen sogar: Wir leben in unterschied-lichen Lebenswelten, so als würden wir von der einen Gruppe zur anderen wie auf einen anderen Planeten uns wiederfinden.

Das fordert uns einzelne Menschen mitunter richtig heraus. Wir müssen ständig umschalten, uns auf andere menschliche Gemeinschaften einstellen, und  auch auf die unterschied-lichen Regeln und Traditionen der unterschiedlichen Kreise.
Und fallen wir dort aus der Rolle, müssen wir uns erklären und rechtfertigen.
Deswegen ist der Anpassungsdruck ziemlich groß. Ebenso die Versuchung, den Mund zu halten, zu schweigen, wenn man besser man was sagen sollte.
So fällt es uns Menschen in unserer individualistischen Gesellschaft zunehmend schwer, gemeinsame Ziele für alle unsere Lebensbereiche zu finden. Im Konfliktfall zucken wir dann mit den Schultern und sagen: Muß jeder selber wissen.

Einerseits muss es tatsächlich jeder und jede selber wissen und verantworten, was er oder sie zu tun oder zu lassen hat. Einerseits ist in einer globalen Pandemie jeder und jede gefragt:

Wie steht eigentlich mein persönliches Lebensgebäude da?
Wie stark ist es im Felsen verankert?
Was habe ich doch auf Sand gebaut!
Und was hält mich, wenn unten der Grund nachgibt?

Andererseits ist es ungeheuer hilfreich und entlastend für den Einzelnen, zu wissen, was in unserer Gesellschaft unsere Werte und Traditionen sind, worauf wir uns in der Gesellschaft uns normalerweise verlassen kann und was uns gemeinsam Halt und ein Fundament im Leben gibt gerade in Krisenzeiten.

In Krisenzeiten werden auch die Werte und Traditionen unserer Gemeinschaft gefragt, auch die unserer christlichen Gemeinschaften:

Was verbindet uns als Gemeinde? Wenn wir unsere Fühler ausstrecken, merken wir: Wir sind gar nicht allein auf uns gestellt. Da gibt es neben Trautskirchen auch Neuhof und Markt Erlbach und Wilhermsdorf u.a. Da gibt es unser Dekanat, unsere Landeskirche. Und auch unsere evang. Luth. Kirchen sind nicht allein auf sich gestellt. Wir leben unser Christsein in einer globalen Welt und sind auf einmal mit den Christen aus Vanuatu am anderen Ende der Welt verbunden. Von denen hatte ich vorher nichts gewusst. Und doch gibt es sie und auch für die Menschen im Südpazifik gibt es uns hier in Franken.

Wenn die Menschen auf den Südseeinseln wegen dem Klimawandel absaufen, kann es uns nicht egal sein. Wir sind mit ihnen und allen anderen Menschen verbunden. Die globale Pandemie zeigt es uns eindrücklich, wie abhängig und verbunden wir sind.


Und was haben wir als christliche oder kirchliche Wertegemeinschaft der Gesellschaft zu sagen? Vertreter der nichtchristlichen Gesellschaft können uns kritisch zurückfragen: Inwiefern seid ihr als Kirchen wirklich glaubwürdige Wertegemeinschaft? Die Kirchenaustritte katholischer Christen in Köln wegen sexueller Mißbräuche einiger katholischer Priester gehen uns Evangelische sehr wohl was an. Die Gesellschaft macht keine großen Unterschiede zwischen Evangelisch und Katholisch. Wir hängen als christliche Gemeinschaften da mit drin, ob wir wollen oder nicht. Und auch in unserer evangelischen Kirche ist der Umgang mit Machtmissbrauch auch durchaus ein Thema.

Ob evangelisch oder katholisch, wir sind zudem auch nur ein Teil unterschiedlicher Lebenswelten unserer Gemeinde-glieder, und oft nur ein kleiner Teil.
Viele sind ausgetreten. Viele werden noch austreten. Weil sie unsere christliche Werte nicht mehr teilen oder auch nur aus finanziellen Gründen.


Hat die Kirche einen sicheren Stand, wenn immer mehr Menschen ihr den Rücken kehren?
Passt das Bild einer Volkskirche noch ins Gesamtbild unserer Gesellschaft
Bröckelt und rutscht es hier nicht auch gewaltig?

24»Wer diese Worte von mir hört und sie befolgt, ist wie ein kluger Mann: Er baute sein Haus auf felsigem Boden“

„Diese Worte von mir.“ Es sind die Worte, die Jesus unmittelbar vorher gesagt hat. Auf diese Rede müssen wir hören.

 Aber was ist das denn für eine Rede? Es ist die Bergpredigt.
Die lange Rede Jesu in der Bergpredigt Mt 5-7. Worum geht es Jesus in der Bergpredigt?

Er preist die Armen, die Friedenstifter,
die nach Gerechtigkeit Dürstenden selig.

Es ist die Rede Jesu, in der er sagt: Halt auch noch die andere Backe hin, wenn dich einer auf die eine haut.
Es ist die Rede Jesu, in der er sagt: Kümmere dich um den Balken im eigenen Auge, bevor du am Splitter im Auge des Nächsten operierst.
Und: Sorgt euch nicht. Trachtet vielmehr zuerst nach dem Reich Gottes zuerst, alles andere wird euch zufallen.

»Wer diese Worte von mir hört und sie befolgt, ist wie ein kluger Mann:
Was Jesus sagt, sollen wir als Nachfolger nicht nur hören, sondern auch tun!

Hören  – dazu haben wir die Bibel zu Hause und hier im Gottesdienst wird die Bibel ausgelegt.

Aber lasst uns die Rede Jesu nicht in den Mauern der Kirche und Familien einsperren für gemütlich-weihevolle Stimmung. Lasst es uns von Jesus auch gesagt sein lassen.

26Wer diese Worte von mir hört und sie nicht befolgt, ist wie ein dummer Mann: Er baute sein Haus auf sandigem Boden.2
Ist das deutlich? Wenn wir als Gemeinde unsere christlichen Traditionen in der verstaubten Bibel im Regal archivieren,
ihr keine Kraft für unser heutiges Leben zutrauen,
werden unsere christlichen Werte im Boden versinken.

Wer diese Worte von mir hört und sie befolgt, ist wie ein kluger Mann: Er baute sein Haus auf felsigem Boden.2
Wenn wir die Rede Jesu hören und tun, was er von uns heute fordert, werden wir fest stehen und im Leben bleiben,
und kein Sturm und keine Pandemie der Welt wird uns den Boden entziehen können.
Amen.

Wenn Gott sauer ist und enttäuscht…

Jesaja 5,1-7 | 28.2.21  Trautskirchen Jesajas Weinberglied

Liebe Gemeinde,

unser heutiger Predigttext ist ein uraltes Lied. Es wurde vor rund 2.700 Jahren gesungen. Jesaja hat es gesungen einst auf den Gassen in Jerusalem. Den Leuten damals wird es gefallen haben, am Anfang wenigstens.

-1-          Jesaja 5, Vers 1 und ein Teil von Vers 2:

Ein Lied von meinem Freund will ich euch singen. Es ist das Lied von meinem Freund und seinem Weinberg: Mein Freund hatte einen Weinberg auf einem fruchtbaren Hügel.2Er grub ihn um, entfernte die Steine und bepflanzte ihn mit den besten Weinstöcken. Mittendrin baute er einen Wachturm. Auch eine Kelter zum Pressen der Trauben hob er aus. Dann wartete er auf eine gute Traubenernte,

Jesaja singt von seinem Freund. Er kennt ihn offenbar gut. Er schätzt, ja liebt ihn. Der Freund des Liedsängers legt einen Weinberg an. Dafür sucht er sich einen gut geeigneten Ort aus und macht sich umsichtig ans Werk. Er gräbt den Boden um. Steine werden entfernt, Die Reben werden gepflanzt. Der Freund tut noch mehr. Er baut einen Turm und gräbt eine Kelter, um später den Saft der Reben auf zu fangen. Damit ist alles getan. Nun beginnt wie auch für die Bauern nach der Saat das Warten. Der Freund ist erwartungsvoll. Er kann es auch sein, denn er hat alles, wirklich alles getan.

-2-  Aber. Ja, Aber. Es kommt ganz anders als der Freund es erwartet hat. Hören Sie selbst

Jesaja, 5 Vers 2b:

aber der Weinberg brachte nur schlechte Beeren hervor.

Jesaja sieht erstaunte Gesichter: „Das kann doch nicht wahr sein., denken sie. Doch es stimmt,  der Weinberg, brachte schlechte“ Früchte singt Jesaja.  Er geht noch einen Schritt weiter. Er ruf seine Zuhörer, Bürger Jerusalems, zu Zeugen auf. Sie verstehen offenbar Einiges vom Weinbau.  Und er macht noch etwas. Er wechselt die Person. Er spricht nicht mehr von „seinem Freund“, sondern von sich selbst. Er geht noch weiter. Er macht die Zuhörer zu Richtern. Er macht sie zu Richtern zwischen sich und dem Weinberg. Hören Sie selbst:

Jesaja 5, die Verse 3 und 4:

3Jetzt urteilt selbst, ihr Einwohner von Jerusalem und ihr Leute von Juda! Wer ist im Recht – ich oder mein Weinberg? 4Habe ich irgendetwas vergessen? Was hätte ich für meinen Weinberg noch tun sollen? Ich konnte doch erwarten, dass er gute Trauben trägt. Warum hat er nur schlechte Beeren hervorgebracht?

„Was sollte man noch mehr tun?“  Die Zuhörer, die Bürger Jerusalem – damals arbeiten sie offenbar in den Weinbergen der Umgebung. Sie, die Zuhörer sind Fachleute. Sie kennen den Weinbau, Die Lage eines Weinberges ist wichtig für die Güte des Weins. Sie wissen, wie ein Weinberg zu bearbeiten ist.

Ihre Antwort kann darum nur sein: Nichts. Nichts ist vergessen oder falsch gemacht worden.- Diese Antwort, aber wartet Jesaja gar nicht ab. Sie ist selbst verständlich. Er  kommt darum gleich zur Konsequenz.  Er sagt den Männern, was er tun wird. Hören Sie selbst:

-3-  Jesaja 5, die Verse 5 und 6:

5Ich will euch sagen, was ich mit meinem Weinberg tun werde: Die Hecke um ihn herum werde ich entfernen und seine Schutzmauer niederreißen. Dann werden die Tiere ihn kahl fressen und zertrampeln.6Ich werde ihn völlig verwildern lassen: Die Reben werden nicht mehr beschnitten und der Boden nicht mehr gehackt. Dornen und Disteln werden ihn überwuchern. Den Wolken werde ich verbieten, ihn mit Regen zu bewässern.

Dieser Teil des Liedes wird ihnen nicht gefallen haben: Das ist das Ende des Weinberges. Er wird zerstört. Und wieder geht Jesaja ins Detail. Der Zaun wird weggenommen, damit alle, Mensch und Tier drüber laufen können. Die Mauer wird eingerissen. Schritt für Schritt wird der Weinberg zerstört. Zum Schluss lässt er es sogar nicht regnen. Trockenheit ist angesagt.

Regen soll ausbleiben. Das kann ein Winzer nicht tun. Er ist nicht in der Lage, dem Wetter zu verbieten zu regnen. Das kann nur Gott. Damit wird klar:   Es geht hier um Gott. Wir Menschen sind sein Weinberg und Gott ist als Weinberg-besitzer über uns Menschen tief enttäuscht und frustriert.

Gott selbst ist enttäuscht und frustriert. Und dieser frustrierte Gott singt zornig sein Klagelied über die Menschen, die er liebt und die er gehegt und gepflegt hat, wie ein Winzer seinen Weinstock, aber einfach keine Frucht bringen wollen.

Nun das kennen wir doch auch. „Mensch, bin ich jetzt gefrustet! Alles umsonst, vergebliche Liebesmühe, alles für die Katz! Mensch, bin ich jetzt enttäuscht. Und sauer!“

Da gibst Du alles in der Schule, büffelst wie blöd und verzichtest auf alle Freizeit und wieder nur eine fünf  in der Matheklausur!

Da setzt Du Dich ein in Deinem Beruf, bist kreativ und voller Tatendrang und dann kriegst wieder eine auf die Fresse! Ja sogar bei den engsten Familienangehörigen kennen wir das. Mensch bin ich sauer auf meine Kinder! Mensch, was fällt meine Alten Eltern ein! Mensch, bin ich enttäuscht über den Ehepartner, den besten Freund! Sowas hätte ich ihm, ihr nicht zugetraut!

Wo immer wir mit Menschen zu tun haben, menschelt es und machen wir diese Erfahrungen: „Ich habe mich in jemanden schwer getäuscht. Ich bin einem Zerrbild hinterhergelaufen zu sein. Ich bin richtig frustiert!

Manchmal möchten wir am liebsten auf den Tisch hauen, auf den Boden stampfen, vor Wut brüllen: „Ach lasst mich doch in Ruh ihr blöden A…!“

So denken wir Menschen manchmal. Aber gilt das auch für Gott? Ist Gott ein enttäuschter Weinbergbesitzer, der alles  hinschmeißt, bloß weil es nicht so läuft wie er es erwartet?

In dem Weinberglied Jesajas können wir noch ein weiteres Gefühl nachspüren. Da ist nicht nur der Frust des Weinberg-besitzers zu spüren, der umsonst geschuftet hat. Es kommt noch schlimmer: In dem Weinberglied gibt sich Gott als schwer gekränkter Liebhaber des Lebens zu erkennen.

Der Weinberg, das ist ein allen Zuhörern vertrautes Bild für die Braut. An vielen Stellen der Bibel, besonders im Hohen Lied der Liebe, vergleicht der verliebte Bräutigam seine Braut mit dem Weinberg „deine Liebe ist köstlicher als Wein, Liebste. Du bist mein Weinberg, lass mich heran, Liebste!“ Im Hohen Lied geht es um ein  erotisches Verhältnis zwischen zwei verliebte Menschen. Und nehmen wir das Lied vom Weinberg Jesajas ernst, hat Gott auch ein erotisches Liebesverhältnis zu uns. Und so wie einem enttäuschten Bräutigam mit seiner treulosen und seiner Liebe nicht würdigen Braut geht es Gott mit uns. Das Lied besingt Gottes leidenschaftliche Liebe zu uns, die in enttäuschte Liebe und Wut und Hass umschlägt.

Gott macht schon etwas mit mit uns Menschen: Was investiert Gott nicht an Zeit und Liebesenergie in uns als Weinberg.

Wir kennen das auch von unserer Liebesmüh, die oft eine verlorene Liebesmüh wird. Da habe ich mich bemüht und ganz viel Zeit und Kraft in eine Freundschaft oder in eine Liebesbeziehung gesteckt und plötzlich scheint alles umsonst, weil andere Kräfte viel stärker sind. Das kann eine andere Liebe sein, die alles durcheinanderwirbelt, oder eine Alkoholabhängigkeit, die einen Menschen vollkommen verändert. Manchmal gehen Freundschaften aber auch schlicht an Bequemlichkeit zu Grunde. Jedenfalls ist es sehr enttäuschend, wenn man merkt: Ich habe so viel in diese Beziehung eingebracht und so viel von mir selbst gezeigt und am Ende kommt nichts zurück. Ich kenne Menschen die nach solch einer Erfahrung äußerst zurückhaltend bei jeder neuen Freundschaft geworden sind. Andere haben sich ein Leben lang auf keine weitere Beziehung mehr eingelassen aus Angst wieder enttäuscht zu werden

Und auch das kennen wir doch auch:  Die Erfahrung, mit Liebesentzug bestraft zu werden, wenn wir nicht sind wie wir sein sollten. Oder noch anders: Anderen Menschen, einst heiß geliebt, mit einem Mal die Liebe und Zuneigung zu entziehen, nur weil sie nicht unseren eigenen Erwartungen entsprechen.  Im zwischenmenschlichen Leben scheitern unsere Liebesbemühungen und schlagen um in Hass und Gleichgültigkeit. Ich mag diesen Menschen nicht mehr lieben. Ich hasse ihn und will nichts mehr mit ihm zu tun haben!

So denken wir manchmal. Aber trifft das auch auf Gott zu? Ist Gott ein enttäuschter Liebhaber, der uns nun hart mit Liebesentzug bestraft, weil wir nicht so sind wie wir sein sollen?

Wir merken:  Das Weinberglied des Propheten Jesajas, das so harmlos begann, ist kein fröhliches Liedchen, es ist ein bitterer Gesang ohne happy end. Es ist ein Lied von einer enttäuschten göttlichen Liebe, einer göttlichen Liebe, die in Bitterkeit, Wut und Enttäuschung endet.

Es ist Gott, der über uns Menschen frustriert und enttäuscht ist. Es ist Gott, der so richtig sauer ist wegen uns Menschen.

Es ist Gott, der uns Menschen androht, uns seine Liebe zu entziehen.

Es ist Gott, der alles andere als ein lieber Gott ist.

Dieser Gott kann richtig sauer sein. Dieser Gott gibt sich nicht dafür her, unsere Wünsche und Bedürfnisse zu befriedigen.

Dieser Gott ist nicht die Projektion unserer Wünsche. Der Gott dieses Weinbergliedes kann von uns richtig verletzt werden, und er von uns enttäuscht. Dieser Gott kann uns zum Gegenpart werden. Dieser Gott will von uns Antwort haben und gibt sich nicht damit zufrieden, wenn wir schweigen und alles verdrängen wollen. Dieser Gott findet unseren Lebensunsinn, den wir verbreiten, unerträglich. Ein Gott, dessen Liebe immer wieder von uns enttäuscht wird und der darauf sauer reagiert.

Ja, es stimmt: Jesaja singt ein Liebeslied. Ja, es stimmt: Auch die zornige Reaktion Gottes ist eingerahmt in die göttliche Liebe. Jesaja singt vom Schmerz der göttlichen Liebe, vom Schmerz der Liebe Gottes.

Aber – und das ist mir wichtig: Der Schmerz Gottes wird nicht zugedeckt von seiner Liebe. Wenn wir den Schmerz Gottes wie Jesaja nachspüren, ist Gott abgrundtief weit weg von uns. Der enttäuschte, zornige Gott ist uns fremd, muss uns fremd sein. Und wir sind Gott auch fremd. Da ist keine Nähe. Da ist Gott verborgen und vielleicht sich selbst fremd.

Auch das kennen wir doch vom uns selber. Es gibt Phasen in meinem Leben, in denen ich vom Leben und von mir selber enttäuscht bin, Phasen, in ganz auf mich selbst zurückgeworfen bin, wo ich nur noch mich selber habe. Dann warte ich vergeblich darauf, angesprochen zu werden, angesehen, berührt, herausgeholt zu werden aus meiner Menschen-, Welt- und Gottverschlossenheit. In meiner Einsamkeit höre ich kein Wort und finde keinen Lichtblick.

Wüste, Dornen und Disteln, auch das gehört zu unserem Leben. Enttäuschung, nichts an Hoffnung will wachsen und gedeihen, und auch eine feindlich gesinnte Umwelt,  auch das kann  zu unseren Glaubenserfahrungen als Gotteserfahrungen gehören. Zur Liebe und zum Glauben, das lehrt uns das Weinberglied, gehört auch die Passion, das Leiden, der Schmerz.

Das gehört auch zur Passion Gottes. Gott leidet. Gott leidet nicht nur mit uns. Gott leidet auch an uns. Gottes Schmerz gehört auch zum Glauben dazu, wie unser Schmerz zum Leben dazugehört.

Gott weiß also auf schmerzhafte Weise, , was es heißt, sich umsonst abgemüht und vergeblich geliebt zu haben. Der schmerzhafte Weg, den Gott mit Jesus später gegangen ist, lässt uns ahnen: Für Gott ist kein „Umsonst“ endgültig. Für Gottes Schmerz gibt es kein Zu-spät und kein Aus und Vorbei.  Mit der Passion Jesu zeigt Gott: Gott begibt sich selber ins Leid der Welt, sogar ins selbstverschuldete Leid der Welt. Seitdem haben der Schatten des Umsonst und des vernichtenden Zorns, die Dornen und die Wüste unseres kleinen Lebens und des ungeheuren Leides der Welt nicht mehr das letzte Wort.

Das Lied vom Schmerz und der Liebe Gottes wird weiter gesungen, auch in der Heiligen Schrift. Dort gibt es dann das Lied vom lieblichen Weinberg, den Gott Tag und Nacht behütet (Jesaja 27, 2-5). Und es gibt im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg das Lied vom überraschend großzügigen und seine Liebe völlig unverdient und nicht berechnend austeilenden Gott (Matthäus 20, 1-15).

-4-     Ganz zum Schluss lesen wir am Schluss des Liedes vom Weinberg in Vers 7:

7Wer ist dieser Weinberg? Der Weinberg des Herrn Zebaot, das sind die Bewohner von Israel. Die Leute von Juda, sie sind sein Lieblingsgarten. Der Herr wartete auf Rechtsspruch, doch seht her, da war Rechtsbruch. Er wartete auf Gerechtigkeit, doch hört nur, wie der Rechtlose schreit.

Gott wartet auf Rechtsspruch. Gott wartet auf Gerechtigkeit.

Was  Rechtsbruch und das Geschrei der Rechtlosen bedeuten, dazu brauchen wir keine Auslegung. Das wissen wir alle. Was Recht und Gerechtigkeit in unserer Welt bedeuten, wissen wir eigentlich auch. Wir müssen es nur tun, das Recht einhalten und für Gerechtigkeit sorgen.

Und das wäre dann auch ein gutes Ende des Weinbergliedes:

Wir sind Gottes Weinberg und Gott erfreut sich an den Früchten der Gerechtigkeit und des Rechtes. Amen.

Coronafasten – wenn Corona zu etwas gut ist…

Jesaja 58,1-11  Basisbibel Coronafasten     14.2.21 Trk

Liebe Gemeinde!

Was war das sicher für ein Jubel, als sie aus der babylonischen Gefangenschaft wieder zurückgekommen sind in die Heimat ihres Volkes. Endlich frei! Endlich daheim! Eine regelrechte Aufbruchstimmung tut sich auf. Jetzt wird in die Hände gespukt und alles wieder aufgebaut. So wie wir Deutschen nach dem 2. Weltkrieg.

Und wie wir Deutschen am Volkstrauertag an die Katastrophe der letzten Kriege gedenken, gedenken die wieder heimgekehrten Juden an ganz bestimmten Fastentagen der Katastrophe der Gefangenschaft: Nie wieder darf das geschehen, das wir uns unterjochen lassen! Nie wieder Sklaverei in Babylon! Der Blick geht zuversichtlich nach vorn.

Aber mit den Jahren holt sie der Alltag ein. Ernüchterung macht sich breit. Es geht nicht so, wie sie sich das vorgestellt haben. Die wirtschaftliche Not bringt ihre Pläne ins Stocken. Der Alltag ist hart.

Der Prophet, wir nennen ihn Tritojesaja, tritt auf.  Gott rührt sein Herz an, lässt ihm keine Ruhe, bis er die Menschen im Namen Gottes aufrüttelt:

581Ruf, so laut du kannst, halt dich nicht zurück! Lass deine Stimme erschallen wie ein Widderhorn! Halt meinem Volk seine Verbrechen vor, den Nachkommen Jakobs ihre Vergehen.2Sie befragen mich Tag für Tag und wollen wissen, was mein Wille ist. Als wären sie ein Volk, das Gerechtigkeit übt und das Recht seines Gottes nicht missachtet! Sie fordern von mir gerechte Entscheidungen und wollen, dass ich ihnen nahe bin.

Und dann zitiert Tritojesaja das jüdische Volk selber wie es mault:

3Und dann fragen sie mich: Warum achtest du nicht darauf, wenn wir fasten? Warum bemerkst du nicht, wie wir uns quälen?

Statt froh und dankbar zu sein, dass sie wieder im verheißenen Land leben dürfen, jammern und klagen sie. Mir kommt das bekannt vor: Jammern und klagen, das können auch wir Franken. Aber zurück zum jüdischen Volk: Kaum zurück aus dem babylonischen Exil jammern und klagen auch sie. Es geht ihnen ja so schlecht. Sie jammern Gott die Ohren voll: Sie fordern von ihm ihr vermeintliches Recht. Ist es nicht unser Recht, dass du Gott uns hilfst, dass es uns wieder besser geht?

Und darauf antwortet Tritojesaja im Auftrag Gottes:

Ich antworte: Was tut ihr denn an den Fastentagen? Ihr geht euren Geschäften nach und treibt eure Untergebenen zur Arbeit an!4Ihr fastet nur, um Zank und Streit anzuzetteln und mit roher Gewalt zuzuschlagen. So wie ihr jetzt fastet, findet eure Stimme im Himmel kein Gehör.5Meint ihr, dass ich ein solches Fasten liebe? Wenn Menschen sich quälen, den Kopf hängen lassen wie umgeknicktes Schilf und in Sack und Asche gehen? Nennst du das Fasten, einen Tag, der dem Herrn gefällt?

Nennst du das Fasten?  Das “Fasten” beim Volk Israel nach der Rückkehr aus dem Exil schaut anders aus als das Fasten 2021 bei uns Christen.Damals war das “Fasten” des jüdischen Volkes ein Ausdruck der Not und des Mangels im Volk! Nach der Rückkehr aus dem Exil hatten sie nichts, zu mindestens lebten sie nicht im Überfluss. Die Fastentage damals sind Tage der Trauer und der Klage: Menschen quälen sich, lassen den Kopf hängen wie umgeknick-tes Schilf und gehen in Sack und Asche.

Was aber ist falsch an ihrem “Fasten”? Die Fastentage erinnern an die Katastrophe der Gefangennahme und der Gefangenschaft. Aber anscheinend wurden sie nicht mehr so verstanden. Sie haben ihren Sinn verloren. Die Menschen damals haben den Sinn dieser speziellen Feiertage nicht mehr verstanden, diese Feiertage sind zu leeren und hohlen Ritualen verkommen – darum bleiben sie wirkungslos. Eigentlich tun sie im Alltagsleben genau das ihren Mitmenschen an, was sie damals vor Jahren selber erlitten haben und woran ihre Fastentage erinnern. Ihr Fasten ist sinnentleert und hohl. Die Menschen wissen nicht einmal mehr, warum und wozu sie diese Fastentage frei haben!

Damals zur Zeit Tritojesajas hatten sich die “Fastentage” sogar in ihr Gegenteil verkehrt: Wie könnt ihr – während ihr anscheinend eurer Gefangenschaft und Unterdrückung gedenkt, selber eure Mitmenschen unterdrücken? Wie könnt ihr gnadenlos eure Geschäfte machen, den alltäglichen Kleinkrieg gegeneinander führen?

Wir haben auch unsere Fastentage und Feiertage, zum Teil völlig sinnentleert. Aber darauf will ich heute nicht eingehen. Seit März 2020 und weit über heute hinaus befinden wir uns in einem zwanghaften Dauer-Fasten. Ob wir wollen oder nicht, wir müssen seit vielen Monaten fasten und verzichten. Nicht freiwillig, sondern mit staatlichen Auflage, Gesetzen und Verboten leben wir 2020 und 2021 in einem Dauerfasten und Dauerverzicht. Wir leben in erheblichen Einschränkungen. Wir müssen kein Klopapier horten, und die Lebensmittelvorräte reichen allemal. Aber keine Schule, kein Kindergarten, für viele keine Arbeit und vor allem immer auf Abstand zum Mitmenschen mit Maske. Das ist unser Fasten heute!

Seit März 2020 und sicher weit bis in die Mitte das Jahres 2021 hinein müssen wir uns erheblich  einschränken. Ich nenne es mal das Doppeljahr von Corona.

Ich finde, dieses Jahr des Verzichts, diese sechzehn oder achtzehn Monate, in denen wir uns einschränken müssen,

dieses Doppeljahr von Corona stellt vieles in Frage:

Worauf kommt es an?

Welche Wünsche willst du dir noch erfüllen?

Welche Träume hast du auf Eis gelegt.

Was bedeutet dir wirklich etwas?

Und wo hast du dir selbst nur etwas vorgespielt – und den anderen?

Ich finde, dieses Jahr des Verzichts,

diese sechzehn oder achtzehn Monate, in denen wir uns einschränken müssen,

dieses Doppeljahr von Corona stellt die Frage nach dem wahren Wert unseres Miteinanders.

Was wäre für dich die Krönung deines Lebens?

Was ist dir am Ende wirklich wichtig?

Wollte ich tatsächlich noch einmal Kreuzfahrten machen, an Orte, die ich eh schon kenne?

Einmal noch mit dem Flugzeug fliegen, die Schönheit der Korallen im Meer sehen? Oder die Schönheit der Gletscher Islands?

Noch einmal die Welt besehen? Und da dabei die Welt verpesten?

Angesichts der Todeszahlen überlege auch ich neu,

wie ich meine Prioritäten aufstelle:

Was bleibt von den Lebensträumen?

Was ist mir wirklich wichtig?

Dieses Jahr des Verzichts,

diese sechzehn oder achtzehn Monate, in denen wir uns einschränken müssen, dieses Doppeljahr von Corona stellt jeden und jede von uns in Frage:

Verschleudere nicht deine Resourcen und die Resourcen der Welt? Geh achtsam mit deinem Leben und deiner Welt um!

Das ist die Predigt, die ich mir selbst predigen will:

Das Leben ist zu kurz, um Unnützes zu pflegen.

Das Leben ist viel zu schön, als dass man sich verzetteln könnte.

Du hast zu wählen. Du wirst dich entscheiden müssen.

Diese Corona- Fastenzeit, die sich keiner freiwillig aussucht, hilft dabei,

noch einmal in uns hinein zu hören:

die Prioritäten neu aus zu richten,

die Dinge ins rechte Licht zu stellen,

und auch die Träume zu bewerten.

Was habe ich erreicht? Was will ich noch erleben?

Ich habe schon von Menschen kurz vor dem Ruhestand gehört, die den Traum von Kreuzfahrten aufgegeben haben, weil sie den jungen Menschen nicht ihre Zukunft verbauen wollen.

Nicht nur im Alter stehen wir vor solchen Entscheidungen.

Auch in jungen Jahren tut es gut,

sich die Zeit zur Besinnung

zu organisieren,

einzurichten.

Etwas weniger Fernsehen, mehr Sport und Bewegung.

Auch als junger Mensch kann man mal

auf einen Friedhof gehen,

ein Buch lesen,

sich zu bilden und weise zu leben,

all das kann helfen – und vieles andere mehr,

damit wir uns auf das bleibend Wichtige besinnen.

Was will ich im Leben noch erreichen?

Wofür hat es sich zu leben gelohnt?

Da ist es eine gute Übung, Gewohnheit zu unterbrechen,

den Rhythmus des Lebens umzulenken,

einmal etwas anderes zu denken und zu tun.

Ernährung          bewusste Entscheidungen treffen:

All das ist gemeint, wenn wir fasten;

genauer gesagt – und mit den Worten Tritojesajas:

richtig fasten. In sich gehen.

Sich an die Brust schlagen

und den Puls fühlen:

Wo ist echt Bedarf?

Was macht Sinn?

Wo engagiere ich mich?

Hören wir noch mal diese Worte des Propheten:

6Löst die Fesseln der zu Unrecht Gefangenen, bindet ihr drückendes Joch los! Lasst die Misshandelten frei und macht jeder Unterdrückung ein Ende!

7Teil dein Brot mit dem Hungrigen, nimm die Armen und Obdachlosen ins Haus auf. Wenn du einen nackt siehst, bekleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Nächsten!

8Dann bricht dein Licht hervor wie die Morgenröte, und deine Heilung schreitet schnell voran. Deine Gerechtigkeit zieht vor dir her, und die Herrlichkeit des Herrn folgt dir nach.

9Dann antwortet der Herr, wenn du rufst. Wenn du um Hilfe schreist, sagt er: Ich bin für dich da!

Hören wir, was Gott hier zusagt und verspricht: Ich bin für euch da! Aber nicht, wenn ihr beim Fasten eure Mitmenschen bescheißt!  Ich, Gott, bin für euch da, bei eurem Fasten, wenn es dabei gerecht zu geht. 

In eurem gerechten Tun verkörpert sich Gott. Darum sagt der Prophet:

Schaff die Unterdrückung bei dir ab, zeig auf niemanden mit dem Finger und unterlass üble Nachrede. 10Nimm dich des Hungrigen an und mach den Notleidenden satt.

Das Tun des Guten ist wichtiger als religiöse Wahrheiten.

Tue das Gute! Das sind klare Ansagen und Herausforderungen – die auch für uns heute auch unter völlig veränderten Lebensumständen genau so aktuell sind:

Löst die Fesseln der zu Unrecht Gefangenen, bindet ihr drückendes Joch los! Lasst die Misshandelten frei und macht jeder Unterdrückung ein Ende!7Teil dein Brot mit dem Hungrigen, nimm die Armen und Obdachlosen ins Haus auf. Wenn du einen nackt siehst, bekleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Nächsten   (V6+7).

In all dem, was Tritojesaja gerechtes Tun, das Tun des Guten nennt, verkörpert sich das, was wir Gott nennen.

Wenn Gott da ist, dann darf es keine Unterdrückung geben. Und Unterdrückung kann viele Facetten: jedes Ausgrenzen von Menschen ist eine Form der Unterdrückung. Ausgrenzen heißt: jemanden die Lebensmöglichkeiten beschneiden, jemandem die Luft zum Atmen nehmen.

Wenn Gott da sein soll, dann dürfen wir uns auch im Blick auf die Lebensmittel nicht uns unseren Mitmenschen entziehen. „Unser tägliches Brot gib uns heute“ beten wir und damit beten wir ausdrücklich dazu: alle Menschen mögen genug zu essen haben, nicht nur du und ich, die gerade Nahrung in Fülle haben. Und das gilt sogar für den Impfstoff. Er soll gerecht verteilt werden und Impfdränglern eine Absage erteilt werden, selbst wenn sie Landrat oder Bischof sind.

Kurz und knapp gesagt: Gott ist da,  indem wir – gemeinsam, aber auch jede und jeder einzeln – die Gegenwart Gottes und seine liebevolle Zuwendung zu uns Menschen verkörpern, indem wir ihr einen Körper, ihre Gestalt geben.  Das können wir ganz wörtlich verstehen, liebe Gemeinde: Wir verkörpern die Liebe Gottes auf dieser Welt.

Das Elend in der Welt werden wir nicht abstellen – aber die Liebe Gottes gewinnt dort eine sichtbare Gestalt durch uns, wenn wir andere ‘unser Herz finden’ lassen. Dann ist Gott da, dann geschieht Gott. Dann lässt Gott sich bei uns auch finden.

Lass die Menschen in Not “dein Herz finden” und du findest Gott.  Gottes Liebe verkörpert sich in uns Menschen.

Aber wie übersetzen wir das in unsere Zeit, in unser Leben, in unseren Alltag? –

Wir können beten, dass Gott für Gerechtigkeit in dieser Welt sorgt und dass er Menschen das Thema aufs Herz legt! Und Gott wird sich von uns finden lassen.

Wir können bewusster einkaufen und unseren übermäßigen Konsum überdenken. Jeder von uns hat täglich Kontakt mit Sachen die von ausgebeuteten Menschen erstellt wurden: Socken die wir tragen, Schokolade die wir essen, T-Shirts die wir kaufen,…  Und Gott wird sich von uns finden lassen.

Wir können Geld in Menschen investieren, z.B. durch eine Kinderpatenschaft statt es auf dem Bankkonto zu bunkern. Und Gott wird sich von uns finden lassen.

Wir dürfen kreativ werden und auf ganz unterschiedliche Weisen Armut und Ungerechtigkeit bekämpfen Und Gott wird sich von uns finden lassen. Gott wird sich verkörpern in unserer Liebe, in unserem gerechten Tun auf Erden.

Gottes Liebe verkörpert sich in uns Menschen. Diesen Satz können wir auch in das Leben  unserer Gemeinden übersetzen: Als Gemeinde sind wir nicht bloß für uns da, dass es uns gut geht, dass Gott uns behütet und mit allem versorgt, was wir brauchen. Nein, als Gemeinde sind wir immer für einander und für andere Menschen da. Das können Mitmenschen im unmittelbaren Umfeld sein: Einander besuchen, auch die, die wegen Corona sich nicht aus ihren Häusern trauen. Auf außenstehende Menschen achten, gerade wenn sie alt, einsam, krank sind. Immer wenn das in einer Gemeinde getan wird, berührt das das Herz vieler Menschen: Das finden sie gut und dadurch  finden sie sogar Gott in unserer Mitte.

Dann strahlt im Dunkeln ein Licht für dich auf. Die Finsternis um dich herum wird hell wie der Mittag.11Der Herr wird dich immer und überall führen. Er wird dich auch in der Dürre satt machen und deinen Körper stärken. Dann wirst du wie ein gut bewässerter Garten sein, wie eine Quelle, die niemals versiegt.  Amen

„Dornen, Steine, Ackerboden – von der Landschaft unserer Seele“

Lukas 8,4-8   7.2.21 Trautskirchen


Das Gleichnis vom Säen auf verschiedenen Böden

4Eine große Volksmenge versammelte sich um Jesus, und aus allen Orten strömten die Leute zu ihm. Da erzählte er ihnen ein Gleichnis:5»Ein Bauer ging aufs Feld, um seine Saat auszusäen. Während er die Körner auswarf, fiel ein Teil davon auf den Weg. Die Körner wurden zertreten, und die Vögel pickten sie auf.6Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden. Die Körner gingen auf und vertrockneten schnell wieder, weil sie keine Feuchtigkeit hatten.7Ein weiterer Teil fiel zwischen die Disteln. Die Disteln gingen mit auf und erstickten die junge Saat.8Aber ein anderer Teil fiel auf guten Boden. Die Körner gingen auf und brachten hundertfachen Ertrag. «Dann rief Jesus noch: »Wer Ohren zum Hören hat, soll gut zuhören.«


Liebe Gemeinde!

Wenn Jesus Geschichten erzählt, dann spielen die oft mitten im Alltag seiner Zuhörerinnen und Zuhörer. Dann haben die Leute sofort vertraute Bilder vor Augen oder einen vertrauten Duft in der Nase, oder sie hören Geräusche und Klänge, die sie gut kennen. Wir hören diese Geschichten heute sicher anders, weil die Bedingungen sich geändert haben. Wir leben und arbeiten ganz anders als die Menschen um Jesus damals. Und trotzdem haben diese alten Geschichten eine enorme Kraft, unser Herz und unsere Sinne anzusprechen. Schaut mal, welche Bilder oder Klänge in Euch auftauchen, wenn Ihr die folgende alte Geschichte neu hört.


Stell dir vor, Jesus geht mit dir über die Felder um Trautskirchen herum spazieren. Und während ihr beide da so lauft, räusperst du dich und traust dich Jesus etwas zu fragen.  „Du, Jesus, hör mal, ich fand das Gleichnis vom Sämann schon spannend, das du vorhin erzählt hast! Nur haben wir heutzutage große Bulldogs und Sämaschinen. Dein Bauer mit Saatschürze, der so großzügig die Samenkörner ausstreut, ist etwas altmodisch. Wir machen das längst nicht mehr so.“ Und Jesus antwortet dir: „Da hast du recht, da hat sich in der Landwirtschaft viel verändert. Aber weißt du was, so Ecken und Fluren kennt ihr auch. Geh mal mit.“

Und dann bleibt er an einem Landschaftsfleck stehen. „Stell Dir mal einen Bauern vor, der bald im Frühjahr hier über dieses Feld geht und aussät.“ – „Da brauch ich nicht viel Phantasie“, sagst du. – „Genau“, sagt Jesus, „Du weißt, wie das ist. Also, dieser Bauer nimmt sein Saatgut und geht über seinen Acker und wirft es mit vollen Händen in alle Richtungen.“ – „Moment mal“, sagst du „das würde ein kluger Landwirt nicht so machen. Der würde schon gucken, wo er das kostbare Saatgut hinwirft.“ – „Ja!“ lacht Jesus. „Genau! Du hast völlig Recht! Jeder vernünftige Landwirt würde das so machen. Aber der, von dem ich Dir erzähle, der macht das anders. Der wirft das mit vollen Händen in alle Richtungen.“ – „Das klingt nicht sehr vernünftig “, meinst du etwas irritiert. „Stimmt“, sagt Jesus. „Aber so ist er nun mal, dieser Bauer! Misst nicht genau ab, rechnet auch nicht nach, der schüttet das, was er zu geben hat, einfach so über die Erde.“ Du schaust ein bisschen verständnislos und Jesus fragt dich freundlich: „Und jetzt sag mir mal: Was passiert, wenn einer das Saatgut so übers Land wirft?“ – „Das ist doch klar“, sagst du, „es landet längst nicht alles da, wo es was bringt!“ – „Ganz genau!“, sagt Jesus. „Jetzt schau Dir mal den Boden an, auf dem wir gerade gehen. Wo wird hier was wachsen um uns herum?“ – „Ist auch klar“, sagst du, „da vorne ist guter Mutterboden, da wird einiges wachsen. Da drüben sind nur Steine, da wächst schon mal gar nichts. Und da hinten, da sind die dichten Sträucher und die Disteln, da ist keine Luft, kein Licht. Da kommt nichts. Ja und hier natürlich auch nicht. Da ist der Wanderweg, da laufen jeden Tag zig Leute drüber, da wird der Boden immer neu festgetreten – keine Chance.“ – „Ja!“ sagt Jesus. „Und genau so ist das bei vielen Leuten, wenn ich ihnen vom offenen Himmel erzähle. Da sind zum Beispiel manchmal Leute, die wissen immer schon alles von Gott. Die kennen ihn ganz genau, als wenn sie gerade mit ihm gefrühstückt hätten. Die wissen ganz genau, wie Gott ist und was er will und was man machen muss, wenn man ihm nahe sein will. Die sagen um Beispiel: Gott ist nur bei denen, die zur richtigen Gemeinschaft gehören und die die richtigen Sätze unterschreiben. Er liebt nur die, die sich an die Regeln halten. Und wenn einer die Kurve nicht kriegt, wenn er irgendwie aus der Bahn geworfen ist, dann hat er halt Pech gehabt, dann ist er draußen. Haben wir doch immer schon so gelernt! Sagt unsere Tradition schon immer! Wo kämen wir denn hin, wenn das aufgeweicht wird? Verstehst Du? Das ist wie auf so einem festgetretenen Weg.

Und dann komme ich hier plötzlich und erzähle ihnen von einem Vater im Himmel, unter dessen gütigem Blick wir alle leben und der seine Sonne aufgehen lässt über Gerechte und Ungerechte. Das prallt so was an denen ab.“ – „Ich verstehe“, sagst du.

„Oder“, sagt Jesus, „oft sind da auch Leute, die wissen schon von vornherein, dass das alles nur Unfug sein kann, was ich erzähle. Die sagen: Was Du da sagst, das ist ein schöner Traum, eine Illusion. Schau Dir die Welt doch an, schau Dir an, was die Wissenschaft alles rausgefunden hat! Da ist kein Platz für Deinen gütigen Vater im Himmel. Der ist ein Märchen.“

– „Na ja“, sagst du, „das kann man ja noch verstehen.“ – „Ja“, antwortet Jesus. „Aber auch da merkst Du, dass sich das bei vielen so verfestigt hat wie der Boden hier unter unseren Füßen. Da ist keine Offenheit mehr für was Überraschendes, da ist kein Spalt, wo ich vielleicht etwas Neues hineinlegen könnte, einen neuen Gedanken, eine neue Erfahrung mit diesem Gott, oder wenigstens ein bisschen Offenheit dafür, dass es vielleicht doch mehr geben könnte als man erforschen und nachweisen kann. Um dann einfach mal zu schauen, was passiert.“ – „Verstehe“, sagst du ziemlich nachdenklich. Und du betrachtest schweigend den Weg, auf dem ihr beiden gerade weitergeht.

Der Weg macht eine kleine Biegung und Jesus sagt weiter: „Und dann begegnen mir Leute, da habe ich das Gefühl: eigentlich würden die gerne einen Spalt ihrer Seele öffnen, um da ein Körnchen reinzulassen. Aber sie trauen sich nicht. Weil sie schon zu viel erlebt haben. Sie haben sich schon mal geöffnet,  – und sie haben es bitter bereut. Irgendjemand hat ihnen weh getan, irgendwer hat sie enttäuscht oder verletzt. Vielleicht mehrere Male. Vielleicht sogar jemand aus ihrer Gemeinde oder Kirche. Irgendwer hat ihr Vertrauen missbraucht oder sie bloßgestellt oder alleingelassen oder irgendwas anderes. Es gibt so viele Wege, einen Menschen zu verletzen. Und jetzt sagen diese Leute: Das passiert mir nicht noch mal! Eher mauer ich mir das Herz zu, als dass ich da noch mal jemanden dran lasse! Ich mach mich nicht mehr verwundbar!“ – „Tja“, sagst du, „auch das verstehe ich gut.“ – „Na klar“, sagt Jesus. „Nur, wenn Du das machst, wenn Du eine Mauer um Dein Herz baust, um es zu schützen, dann hältst Du eben nicht nur das von Dir fern, was gefährlich ist. Du wehrst auch das ab, was Dir gut tun könnte, was Dich befreien könnte, was Dich heilen könnte!“ – „Die Steine da“, sagst du. „So ähnlich ist das dann.“ – „Ganz genau“, sagt Jesus. „Und das tut mir immer besonders weh, wenn ich sehe, wie Menschen das abblocken, was sie heilen könnte.“ – „Als wenn einer zu seinem Arzt sagen würde: Mach bloß nichts bei mir, Du willst mich ja sowieso nur vergiften“, sagst du. „Genau so“, sagt Jesus. „Schönes Bild!“ Und ihr beide betrachtet schweigend die Steine, während sie weitergehen …

Der Weg wird jetzt ein Stück steiler. Und Jesus sagt: „Und dann treffe ich manchmal Leute, die sind ganz offen und interessiert, und wenn ich mit denen rede, dann merke ich: da kommt was rüber, da kommt was an, die nehmen gerne was in sich auf und würden es gerne wachsen lassen. Aber dann triffst Du sie eine Weile später wieder und merkst: Da sind inzwischen tausend andere Dinge passiert, und die sind alle wichtiger. Irgendwas zu Hause, irgendwas bei der Arbeit, irgendwas Schönes oder Spannendes oder auch Schreckliches, die sind voll mit tausend Sorgen und Geschichten, da ist überhaupt kein Platz für einen neuen Gedanken, der sich da langsam entfalten könnte. Denn was ich den Leuten bringe, das muss langsam wachsen. Wie die Saat auf Deinen Feldern! Das braucht Zeit und das braucht auch Platz – und einiges an Aufmerksamkeit! Und da muss immer wieder neu das Licht der Sonne dran. Wenn das so zugewuchert wird, dann geht es ruckzuck ein.“ – „Genau wie da drüben unter den Büschen und Dornen“, sagst du. „Da käme auch nichts hoch, das wäre direkt vorbei.“ – „Ja“, sagt Jesus, „wie da drüben!“ Und ihr beide betrachtet die dornigen Büsche, an denen ihr beide gerade vorbeigeht …

Langsam senkt sich der Weg wieder ein bisschen. „Ich glaube, mir wird einiges klar“, sagst du. „Aber sag mal: Ist das nicht sehr enttäuschend, wenn da einfach nirgendwo was wächst, da nicht und da nicht und da auch nicht …“ – „Sicher“, sagt Jesus. „Aber jetzt schau dich hier noch mal um!“ – Du bleibst stehen, guckst sich um, zuckst die Achseln. „Hilf mir mal auf die Sprünge. Ich weiß grad nicht, was Du meinst.“ – „Wir haben uns jetzt die ganzen Stellen angesehen, wo nichts aufgehen würde“, sagt Jesus. „Jetzt schau mal da vorne hin! Und dort!“ – „Oh ja“, sagst du erfreut. „Fruchtbare Erde!“ – „Und zwar eine ganze Menge“, sagt Jesus. „Und du kennst dich selber aus, dir brauch ich nicht zu erzählen, was passiert, wenn da was drauf fällt!“ – „Wenn´s regnet,“ sagst du, „dann geht das alles wunderbar auf! In guten Jahren hast du da eine reiche Ernte!“ – „Ja“, sagt Jesus, „und genau das erlebe ich auch immer wieder: Dass was aufgeht! Dass was fruchtet in den Herzen der Leute! Dass etwas Neues wächst. Und das ist dann nicht nur für die Menschen selber, in denen das geschieht. Das geht weiter! Viel weiter! Und dann weiß ich ganz genau: Es ist richtig, es lohnt sich, mit vollen Händen auszuteilen! Es wird immer wieder etwas auf fruchtbaren Boden fallen.“ Du nickst. Und ihr beide bleibt stehen und betrachtet eine Weile das ganze fruchtbare Land um euch herum …

Ihr beiden habt inzwischen fast den ganzen Weg zwischen den Feldern hinter euch und schweigt eine Weile nachdenklich vor euch hin. „Was ist?“ fragt Jesus. „Wo bist Du gerade?“ – Du schaust ihn an und sagst: „Ich überlege gerade, was für ein Boden ich wohl bin.“ – „Und?“ fragt Jesus. – „Also, ich wäre ja gerne guter, fruchtbarer Boden, durch und durch, von oben bis unten. Aber wenn ich mal ganz ehrlich hinschaue, dann merke ich: ich hab von allen vier Böden was in mir drin. Ich hab was von den dornigen Büschen und Disteln, ich merk selber, wie das immer wieder wuchert, wie ich voll bin mit tausend Dingen, und dann ist da kein Platz. Dann höre ich heute was Spannendes und morgen oder übermorgen ist es schon wieder weg. Oder ich denke: Ja, genau, so könnte man leben, das könnte man doch mal probieren! Und am nächsten Morgen denke ich schon wieder: nee, das geht doch nicht, kann man doch nicht machen …“ – „So ist das“, sagt Jesus.

 „Und ein paar Sachen hab ich ganz tief in mir drin – da lass ich auch keinen ran.“ – „Auch den guten Sämann nicht“, sagt Jesus. – „Nee, auch den nicht“, sagst du etwas verlegen. – „Ich weiß,“ sagt Jesus.

 „Und das mit dem festgetretenen Weg … da weiß ich nicht so richtig … da muss ich noch mal drüber nachdenken.“ – „Ja,“ sagt Jesus. „Auch da wirst Du was finden.“

 „Also hab ich was von allem,“ sagst du. „Von den Steinen, von den Dornen, vom Weg …“ – „… und vom fruchtbaren Boden!“ ergänzt Jesus. „Vergiss den nicht!“ – „Und was mach ich jetzt damit?“ fragst du. „Etwas ganz Wichtiges hast schon gemacht“, sagt Jesus. „Du hast ehrlich hingeschaut. Jeder Mensch hat alle vier Böden in sich. Wenn auch unterschiedlich verteilt.

Und wenn Du das gesehen hast, dann ist wichtig: Starr nicht auf die unfruchtbaren Böden! Verzweifle nicht an den Dornen in Deiner Seele! Mach Dich nicht fertig wegen der Steine um Dein Herz! Miss nicht ängstlich aus, wie viel wovon da ist! Das bringt nichts. Sondern kümmere Dich um das fruchtbare Stück Land in Deiner Seele! Was kann auf diesem Boden wachsen? Das ist die einzig wichtige Frage! Du kannst die unfruchtbaren Ecken in Dir nicht mit Gewalt entfernen – das geht nicht! Aber wenn Du das fruchtbare Land in Dir kultivierst, wenn Du es pflegst, wenn Du es wertschätzt, dann kann es sein, dass die fruchtbare Erde sich in Dir ausbreitet – und die anderen Bereiche zurückgehen.“ –„Und was ist, wenn ich da nicht gar nicht so viel finde?“ fragst du. Jesus schaut dich an und sagt: „Weißt Du, was das Wichtigste an dem ist, was ich Dir gerade erzählt habe? Wichtig an meiner Geschichte ist nicht nur das Ende: die große Ernte. Genauso wichtig ist der Anfang: `Ein Sämann ging auf seinen Acker, um zu säen. Und er warf das Saatgut mit vollen Händen über das Feld.´ Und das tut er heute. Und morgen. Und übermorgen. Und in zwei Wochen. Und in fünfzig Jahren – über dem Feld Deiner Seele! Immer wieder neu! Und er lässt sich nicht davon entmutigen, wenn so viel davon immer wieder liegen bleibt. Er wartet geduldig, bis etwas aufgeht. Es wird etwas aufgehen! Es ist schon etwas aufgegangen! Und es wird noch mehr aufgehen! Verlass Dich drauf!“ Du schaust Jesus noch eine Weile nachdenklich an. Dann nickst du, drückst Jesus die Hand, verabschiedest dich von ihm und gehst deines Weges. Und ich bin sicher: Du tust das nachdenklich, aber auch fröhlich und irgendwie befreit und gelöst.


Und wir, wir dürfen uns in diesem Menschen an der Seite Jesu gerne wiederfinden mit der ganz individuellen Landschaft unserer Seele, mit den ganz verschiedenen Ecken und Flächen, die da sind. Und unter dem gütigen Blick Gottes können wir unsere eigene Seelenlandschaft genauso ehrlich betrachten. Und noch einmal genauer hinschauen: Was ist da an fruchtbarem Land in mir? Was wartet vielleicht nur darauf, dass es Frucht bringen kann?  Was ist schon längst dabei, zu wachsen – und ich habs noch gar nicht gesehen? Und: Was kann ich selber tun, um das fruchtbare Land in mir zu pflegen und zu kultivieren? Was kann Dünger sein für das Feld meiner Seele? Vielleicht, wenn ich mit Leuten rede, immer wieder, die mich auf gute, neue Gedanken bringen. Vielleicht, wenn ich ein Buch lese, das nicht einfach nur wiederholt, was ich sowieso schon denke und weiß. Vielleicht, wenn ich eine regelmäßige geistliche Übung einhalte, die meinem Rhythmus entspricht und die mich für einen Moment aus den tausend anderen Dingen herausholt. Dünger frür ,meine Seele ist für mich eine tägliche einfache Dankesübung:  Ich notiere mir früh am Morgen, drei Dinge, auch kleine Dinge, für die ich dankbar bin.

Dünger für meine Seele kann Musik sein, die etwas in mir öffnet. Oder manchmal schon, wenn ich für eine Weile ganz achtsam durchs Leben gehe und schaue, was mir da entgegenkommt. Es kann auch eine Aufgabe sein, die ich übernehme und die meinen Blick verändert auf die Menschen, die ich da treffe – und auf mich selbst. Was kann Dünger sein für das fruchtbare Land in Euch? Achtet mal darauf in der kommenden Zeit! Und freut Euch an allem, was Ihr da entdeckt! Und wo wir’s selbst nicht hinkriegen, den Boden unserer Seele zu öffnen für Gottes heilsame Liebe, dann lasst uns ihn bitten, das selbst behutsam zu tun! Und: lasst uns ihm dafür danken, dass er nicht müde wird, sein Saatgut auszuteilen, verschwenderisch und ohne zu rechnen!


Amen

Amanda und Rut und unsere Lebensperspektiven

Rut1,1-19     31.1.21  Trk

Am 20. Januar wurde Joe Biden in sein Amt als amerikanischer Präsident eingeführt. Viele haben diesen historischen Moment im Fernsehen, im Radio oder in den sozialen Medien verfolgt. Die Inszenierung war groß und würdevoll. Nicht der Präsident stand im Mittelpunkt, sondern die Demokratie und die Werte, die Amerika geprägt haben und eine Basis bilden, um den Herausforderungen der Gegenwart zu begegnen und gemeinsam in die Zukunft zu gehen.

Besonders beeindruckt hat mich die die junge Poetin Amanda Gorman mit ihrem Gedicht: The Hill we climb

Der Hügel, den wir erklimmen.

Das Gedicht beginnt mit den Worten:

„Wenn es Tag wird, fragen wir uns,

wo wir Licht zu finden vermögen,

in diesem niemals endenden Schatten?“

Es geht in ihrem Gedicht um Licht und Schatten, um einen Lichtblick, um Lebensperspektive des amerikanischen Volkes. Eigentlich geht es um Licht und Lebensperspektive der ganzen Menschheit.

Amanda Gorman verbindet ihre eigenen persönlichen Erfahrungen mit Licht und Hoffnung aller Menschen.

Sie erinnert als Tochter einer schwarzen, alleinerziehenden Frau an den amerikanischen Traum, genauso wie an den Traum Martin Luther Kings und die Vision, „ein Land zu bilden, das sich allen Kulturen, Farben, Charakteren und menschlichen Lebensverhältnissen verpflichtet fühlt“

Ihre Worte sind prophetisch – im Wissen um die Vergangenheit und die Probleme der Gegenwart richtet sie den Blick nach vorn:

„Wir schließen die Kluft, weil wir wissen, dass wir, um unsere Zukunft an erste Stelle zu setzen, zuerst unsere Unterschiede beiseitelegen müssen. Wir legen unsere Waffen nieder, damit wir unsere Arme nacheinander ausstrecken können.“-

Aus ihrem Bild eines geeinten Amerikas spricht eine große Sehnsucht, aber auch Hoffnung: Und so schließt ihr Gedicht mit den Worten:

„Wenn der Tag kommt, treten wir aus dem Schatten heraus, entflammt und ohne Angst. Die neue Morgendämmerung erblüht, wenn wir sie befreien. Denn es gibt immer Licht, wenn wir nur mutig genug sind, es zu sehen, wenn wir nur mutig genug sind, es zu sein.“

Das berührt mich.

Es gibt immer Licht, wenn wir nur mutig genug sind es zu sehen und es zu sein

Und es führt mich zum Buch Rut, Predigttext für heute. Das Buch Rut erzählt von Licht und Hoffnung, von der Lebensperspektive einer anderen Frau, Rut

Nachlesen können Sie die Geschichte im 1. Kapitel des Buches Rut. Jetzt erzähle ich den Predigttext:

Verschiedene Personen spielen eine Rolle: Zunächst Elimelech, der Mann von Noomi, ihr Söhne Machlan uns Kiljan, dann ihre Schwiegertöchter Orpa und Rut und ganz am Schluss spielt ein kleiner Obed eine Rolle in der Familiengeschichte. Alles sprechende  Namen, aber dazu später bei Gelegenheit mehr dazu.

1.Aufbruch mit Verlusten – und kam Ende wenig Lebensperspektive

Elimelech „Gott ist mein König“ ist ein frommer jüdischer Mann, der an seinen Gott glaubt und ihn tatsächlich für seinen König hält. Seine Glaube sagt ihm: Mein Gott sorgt für mich und meine Familie. Und so reagiert er auch relativ gelassen, als er merkt, dass im jüdischen Land eine Hungersnot sich anbahnt. Er lebt in Bethlehem, Brothausen.

Elimelech betrachtet die völlig vertrockneten Weizenhalme der Felder, nimmt eine vertrockneten Halm in seiner Hand. Er trägt ihn zu seiner Frau Noomi, legt ihn auf den Tisch und sagt: Sieh Dir das an, Noomi, meine Liebliche. Der Weizen vertrocknet. Wir werden in absehbarer Zeit nicht genug zu essen haben.

Entschlossen blickt er auf: Wir gehen woanders hin. Gott wird uns einen Ort zeigen, wo wir leben können, Lass uns gehen. Auch wenn der Ort, wo wir zu Hause sind, Bethlehem „Brothaus“ heißt: Hier gibt es kein Brot. Und ohne Brot ist „Brothaus“ nicht mehr unser Zuhause.

Wenig später schließt Elimelech das Haus ab und zieht mit Noomi und den beiden Söhnen Machlan und Kiljan los. Beides sprechende Namen: Machlan der Kränkliche, Kiljan, der Gebrechliche. Elimelech vertraut darauf, dass auch seine kränklichen und gebrechlichen Kinder eine Lebensperspektive haben. Elimelech lässt die vertraute Heimat zurück. Die vier gehen ins Ausland zu den Moabitern. Eigentlich sind es die Feinde des jüdischen Volkes. Aber die Moabiter haben ein Herz für diese hungernde jüdische Familie.  Dort im Ausland finden sie genug. Sie bleiben. Es gibt Essen und einen überschaubaren Alltag.

Aber dann stirbt Elimelech. Übrig bleiben Noomi als Witwe und zwei Halbwaisen. Und jetzt? Die Söhne, inzwischen alt genug zum Heiraten, treffen die Entscheidung: Wir heiraten in der Fremde. Wir bleiben bei den Moabitern. Es geht uns hier gut. Auch wenn wir nicht so gesund und leistungsfähig sind, wird Gott für uns sorgen. Wir können arbeite und haben eine Lebensperspektive.

Noomi ist zufrieden, es gibt Essen und erneut einen überschaubaren Alltag. Schade, dass die Ehen ihrer Söhne kinderlos bleiben. Und dass ihr Mann Elimelech fehlt, schmerzt. Aber dann sterben auch die beiden jungen Männer Machlan und Kiljan. Von der ursprünglichen

Familie bleibt nur eine übrig: nur Noomi. Als Witwe in der Fremde. Die Verluste ihrer beiden Söhne tun so weh. Und der Blick in die Zukunft auch: Wer wird für sie sorgen? Hier im Ausland gibt es kein Netzwerk für sie, die Übriggebliebene, für die Fremde in der Fremde. Und erneut und verschärft lautet die Frage: Habe ich noch eine Lebensperspektive? Wie kann es weitergehen? Eigentlich gibt es für mich keine Hoffnung, keinen Lichtblick mehr. Noomi ist nahe dabei, sich aufzugeben.

2. Erneuter Aufbruch aus Hunger – bitter und wie ein Albtraum

Noomi gibt sich einen Ruck und steht auf. Sie

geht zurück. Den Ausschlag gibt ein Gerücht: Gott gibt wieder tägliches Brot – seinem jüdischen Volk. Bethlehem ist wieder „Brothaus“. Bethlehem hat wieder Brot. Vielleicht auch für Noomi?

. Sie macht sich auf,

steht auf, wird aktiv, bricht auf, bricht ihre Situation auf.

Ihre Schwiegertöchter Orpa und Rut hat sie im Schlepptau.

Unterwegs kommt Noomi ins Grübeln. Ja, sie stammt aus Bethlehem. Sie hat dort noch Verbindungen.

Sie wird eine Chance haben. Doch die fremden Witfrauen? Sie werden dort so verloren sein wie Noomi es

in der Fremde war. Noomi bleibt stehen. Sie muss die beiden Frauen wieder zurückschicken. Und das tut sie. Mit den besten Wünschen und einem Abschiedskuss.

Aber die beiden jungen Frauen, Orpa und Rut,

weigern sich. Sie beteuern lauthals: „Wir wollen bei Dir bleiben.“ Sie sind bereit, das Vertraute hinter sich

zu lassen um der einen Vertrauten willen. Doch Noomi widersetzt sich. Keine Zeit für Gefühle. Hier muss

pragmatisch gedacht und gehandelt werden. Und so malt Noomi den Frauen klipp und klar vor Augen: Mit

mir habt ihr keine Zukunft, keine Lebensperspektive. Noomi unterstreicht: Mit ihr mitzugehen bedeutet, Gott gegen sich

zu haben. Denn so erlebt Noomi ihre Situation, so deutet sie sie: Gott war anscheinend gegen sie, ihr Leben ist anscheinend auf ganzer Linie gescheitert. Kein Brot. Kein Mann. Keine Söhne. Keine Hoffnung. Keine Zukunft. Alles hat ihr Gott genommen. Bitter, hebräisch „mara“, ist ihr Leben. Nennt mich nicht mehr Noomi, die Liebliche, nennt mich Mara, die Bittere! Sagt sie den beiden Frauen.

Zum Albtraum ist mein Leben geworden. Ich habe keine Lebensperspektive , keine Hoffnung. Das ist nichts für euch jungen Frauen!

3. Rut bindet sich fest an Noomi und begleitet sie nach Bethlehem

Diesmal gibt Orpa nach, Orpa, die wörtlich heißt „Die den Rücken kehrt“ dreht Noomi den Rücken zu und kehrt heim.

Aber Rut, wörtlich die Freundin oder Gefährtin erweist sich als treue Freundin und Lebensgefährtin. Sie hängt sich an Noomi. Ein drittes Mal schickt Noomi Rut weg: „Geh zurück, schnell, lauf Orpa nach!“

Doch Rut weigert sich. Rut hat sich entschieden. Sie bleibt bei Noomi. Wie ernst es ihr ist, macht Rut mit einer großen Selbstverpflichtung deutlich:

„Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk,

und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der

HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.“

Mit großer Ernsthaftigkeit bindet Rut ihr Leben an das von Noomi, hängt sich an sie, als wollte sie sagen: Ich lasse

dich nicht, du segnest mich denn. Soll heißen, ich darf mitgehen, bei dir bleiben Tag und Nacht bis zum

Ende. Und Rut besiegelt ihre Entscheidung mit einem Schwur bei dem Gott, den Noomi als feindlich

gesinnt erlebt. Rut weiß, was sie hinaufbeschwören könnte. Und sie tut’s trotzdem. Oder gerade deshalb.

Es ist ihr bitterernst. So kehrt Noomi als Witwe mit nichts außer einer Geschichte des Scheiterns und des

Verlustes und einer fremden Frau, die selbst bereits Witwe ist, nach Bethlehem zurück. Mit nichts in den

Händen außer der Hoffnung auf Brot und einem sozialen  Netzwerk, das sie hoffentlich irgendwie tragen wird.

Pläne? Ein Fremdwort. Leben von Tag zu Tag ist angesagt. Wann hört es endlich auf? Wann wird sie

wieder gerne vom Tisch aufstehen?

4. Zwei Neuanfänge

So kehrt Noomi zurück: als „Rest“ ihrer ursprünglichen Familie. Mitten in ihrer Perspektivlosigkeit sieht sie nicht, was kommt. Und doch ist es längst angelegt: eine bessere Zeit. Denn immerhin: Ein Rest kehrt zurück. Und mit einem Rest hat Gott in seiner Geschichte mit Israel, mit den

Menschen immer wieder etwas vor. Dem Rest gilt seine besondere Liebe. Der Rest bildet den Sauerteig

für einen Neuanfang. Und ein Zweites ist angelegt: Obgleich fremd, kommt Rut mit. Und diese Fremde

wandert ein. Nach Bethlehem. In das Volk Gottes. In den Stammbaum Davids wandert sie ein und so in

den Stammbaum Jesu. Rut wird als moabitische Frau Teil der Geschichte Gottes mit seinem Volk und allen Menschen.

6. Noomi, Obed und die Zukunft

All das bekommt Noomi nicht mit. Wie auch? Sie steckt ja mittendrin. So wie wir. Noch ehe die nächsten 10 Jahre vergangen sind, am Ende des Buches Rut, wird erzählt, wie Noomi einen kleinen Jungen auf dem Schoss hält, Obed, den Sohn von Rut. Bestimmt hat Noomi dem Obed

Geschichten erzählt. Von früher. Zum Beispiel wie sie nach Bethlehem zurückkam. Wir hören Noomi

erzählen: „Nur ich allein war übriggeblieben. Wozu?“ „Na um auf mich aufzupassen!“, ruft ihr Enkel Obed, wörtlich „Verehrer“begeistert. Noomi lacht. „Damals hab ich mir doch nicht vorstellen können, noch einmal einen solchen

Schatz verehren darf! Jedenfalls habe ich unterwegs nachgedacht: Ich geh nach Hause, nach

Bethlehem zurück. Allein.“ „Biste aber nicht!“, quakt Obed dazwischen. Noomi nickt versonnen. „Hast

recht, bin ich nicht. Deine Mutter, die Rut hing an mir wie eine Freundin und wollte unbedingt bei mir bleiben.

Unbedingt! Bei Gott hat sie es geschworen. Und dann blieb sie bei mir, bei Tag und bei Nacht.“ „Und bei

mir und bei Papa und in Bethlehem und bei Gott.“, ergänzt Obed begeistert. Noomi nickt. „Es war so gut,

dass sie ihren Sturkopf durchgesetzt hat! Sonst gäbe es dich nicht. Und mir ginge es bestimmt schlechter.

Wer hätte das damals gedacht, dass alles so gut werden würde!“ In dem Moment tritt Obeds Mutter Rut

vor die Tür und ruft: „Zu Tisch!“ Und aus dem Haus dringt der Duft von frischem Brot.

7. Das Besser hat längst angefangen. Unsichtbar, doch gegenwärtig.

Tatsächlich: Es werden kommen vom

Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes. Und es

wird gut sein. Menschen werden gerne vom Tisch aufstehen, weil sie sich auf das freuen, was vor ihnen

liegt. Wann wird das sein? Wann bekommen wir einen Vorgeschmack, wann wird es besser? Wenn ich

von unserem Predigttext her denke: Das hat schon längst angefangen. Und das Gerücht, das gute

Gerücht vom Brot, von Leben und Zukunft dringt auch uns entgegen. Der Geruch, der Duft von frischem

Brot, weht hinein in unser Mittendrin mit all seinen Rückschlägen und Verlusten. Und dieser Duft lockt.

Von daher: Vielleicht ist es an der Zeit, sich aufzumachen. Mal sehen, was werden wird. Mal sehen, wen

wir mitbringen werden dorthin, wo aller Hunger gesättigt wird. Mal sehen, wann er uns aufgeht, der

Sauerteig von Gottes Güte, der Kern vom guten Ende. Denn der steckt unsichtbar, doch gegenwärtig

auch in unserem Mittendrin. Amen.

IV. Zum Schluss noch einmal Amanda Gorman:

Wenn der Tag kommt, treten wir aus dem Schatten heraus,

entflammt und ohne Angst.

Die neue Morgendämmerung erblüht, wenn wir sie befreien.

Denn es gibt immer Licht,

wenn wir nur mutig genug sind, es zu sehen,

wenn wir nur mutig genug sind, es zu sein.

Pfingstpredigt in fünf Stationen

Lesung 1:

Apg 21 Dann kam der Pfingsttag.

Alle, die zu Jesus gehört hatten,

waren an einem Ort versammelt.

 

 

1.Szene – Das Schweigen der Jünger

Die Jünger sitzen in einem Haus in Jerusalem zusammen. Sie sitzen hier in den letzten Tagen oft. Sie sind sprachlos. Sie schweigen. Was soll man auch noch sagen und miteinander bereden? Sie haben alles schon tausendmal beredet. Es gibt nichts mehr zu sagen. Die Jünger wären gerne woanders. Sie haben miterlebt, wie ihr Anführer, ihr bester Freund, ihr Prophet, ihr Messias gefangen genommen wurde. Wie er ans Kreuz genagelt wurde. Wie er gestorben ist. Sie möchten gerne von der Liebe Gottes erzählen und davon, dass Jesu Leiche aus dem Grab verschwunden ist. Dass der Tod zwar mächtig ist, aber Gottes Liebe noch tausendmal stärker. Aber die Worte bleiben ihnen im Hals stecken, und sie fürchten sich vor den Menschen draußen.

2 Alle, die zu Jesus gehört hatten, waren an einem Ort versammelt.

 

Hier drinnen an diesem Ort waren sie sicher. Es war keine Kirche, die gab es damals ja noch nicht. Aber sie hat sich aus Sicherheitsgründen in ein Haus zurückgezogen.

Sie haben die gleiche Sehnsucht nach Sicherheit und Geborgenheit wie wir.

 

Wohin gehen wir, wenn eine Krise wie Corona über uns kommt?

Mir ist aufgefallen: Die Menschen gehen heute nicht mehr wie früher vermehrt in die Kirche.  In früheren Zeiten, in Kriegszeiten, in Zeiten des Terrors sind Menschen in Kirchen geflüchtet. Im Dreißigjährigen Krieg etwa waren Kirchen Wehrkirchen mit Kirchenmauern. Unsere Kirche hatte auch ihre Mauern, ein Torgebäude zur Wache usw. In unsicheren Zeiten sind die Menschen in die Kirche geflüchtet. Heute nicht mehr so. Heute haben wir Angst, uns in der Kirche zu infizieren. Die Nähe des anderen ist auf einmal gefährlich. Aber davon abgesehen, beobachte ich, wie Menschen, wenn sie Angst und Sorgen haben, weniger in die Kirche gehen. Aber wohin gehen sie? Wohin gehen wir, wenn alles unsicher wird?

 

In ein Gebäude, das mir vertraut ist, in mein Haus, in meine Wohnung. Da bin ich sicher. Da bin ich sicher, weniger in dieser Kirche, mehr in dem Gebäude, in dem Haus, in dem ich wohne.

Deshalb ziehen wir uns auch in unsicheren Zeiten zurück in unsere Häuser und Wohnungen.

Wenn es heftig gewittert, verschließe ich alle Fenster und lasse den Rollo herunter.

So war es auch, als die Jünger sich nach Karfreitag und Ostern zurückgezogen haben in einem Haus, einem Ort, wo sie sicher waren.

 

 

Was brauche ich gerade, dass ich mich sicher fühle?

Lied 564 , 1

Komm, Heilger Geist, mit deiner Kraft, / die uns verbindet und Leben schafft.[1]  (Kehrvers)

Wie das Feuer sich verbreitet / und die Dunkelheit erhellt, /

so soll uns dein Geist ergreifen, / umgestalten unsre Welt. Kehrvers

 

Lesung 2:

 

2 Plötzlich kam vom Himmel her ein Rauschen

wie von einem starken Wind.

Das Rauschen erfüllte das ganze Haus,

in dem sie sich aufhielten.

3 Dann erschien ihnen etwas wie züngelnde Flammen.

Die verteilten sich

und ließen sich auf jedem Einzelnen von ihnen nieder.

4 Alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt.

 

 

2.Szene – In den Jüngern brennt etwas. Etwas treibt sie an in diesem Mauern.

Die Jünger hören ein Brausen und spüren so etwas wie ein Feuer. In den Jüngern brennt etwas. Etwas treibt sie an in diesem Mauern. Etwas treibt sie aus diesen Mauern.

Es ist ja ein Wunder, dass den Jüngern plötzlich doch noch Worte einfallen.  Es ist ein Wunder, dass sie sich nicht hinter Mauern verschanzen.

An dem Ort, wo sie sich zurückgezogen haben, spüren sie ein Bedürfnis, eine Sehnsucht:

Diese Sehnsucht treibt auch uns um. Wir möchten auf Dauer nicht allein auf uns zurückgeworfen sein. . Wir möchten auf Dauer nicht allein sein. Wir brauchen Menschen, die uns berühren, Menschen, deren Worte uns berühren oder auch Menschen, die durch unsere Worte berührt werden.

Unsere Sehnsucht, zutiefst von etwas oder von jemanden berührt zu werden. Irgendwann wird es doch langweilig, ewig in diesen Mauern zu sitzen. Irgendwann brauche ich etwas, was mich berührt .

Gut, wenn wir Menschen haben, die mit uns wohnen und leben. Gut, wenn wir Menschen an der Seite haben, mit den wir darüber sprechen können, was uns berührt und beschäftigt.

 

Was berührt mich gerade? Was brennt in mir? Was treibt mich an?

 

Auszug Komm heilger Geist 564, 2-3

 

Komm, Heilger Geist, mit deiner Kraft, / die uns verbindet und Leben schafft.[2]  (Kehrvers)

  1. Wie der Sturm so unaufhaltsam, / dring in unser Leben ein. /

Nur wenn wir uns nicht verschließen, / können wir deine Kirche sein. Kehrvers

  1. Schenke uns von deiner Liebe, / die vertraut und die vergibt. /

Alle sprechen eine Sprache, / wenn ein Mensch den andern liebt. Kehrvers

 

Draußen vor der Kirche im Gras

 

Lesung 3:

4b Sie begannen,

in fremden Sprachen zu reden –

ganz so, wie der Geist es ihnen eingab.

5 In Jerusalem lebten auch fromme Juden aus aller Welt,

die sich hier niedergelassen hatten.

6 Als das Rauschen einsetzte,

strömten sie zusammen.

Sie waren verstört,

denn jeder hörte sie

in seiner eigenen Sprache reden.

7 Erstaunt und verwundert sagten sie:

 

»Sind das denn nicht alles Leute aus Galiläa, die hier reden?

8 Wie kommt es, dass jeder von uns

sie in seiner Muttersprache reden hört?

9 Wir kommen aus PersienMedien und Elam.

Wir stammen aus Mesopotamien,

JudäaKappadozien,

aus Pontus und der Provinz Asien,

10 aus Phrygien und Pamphylien.

Aus Ägypten und der Gegend von Zyrene in Libyen,

ja sogar aus Rom sind Besucher hier.

11 Wir sind Juden von Geburt an und Fremde,

die zum jüdischen Glauben übergetreten sind.

Auch Kreter und Araber sind dabei.

Wir alle hören diese Leute

in unseren eigenen Sprachen erzählen,

was Gott Großes getan hat.«

 

12 Erstaunt und ratlos sagte einer zum anderen:

»Was hat das wohl zu bedeuten?«

13 Wieder andere spotteten:

»Die haben zu viel neuen Wein getrunken!«

 

Auslegung 3 Ein Wunder, wenn wir uns verstehen!

Es ist ein Wunder, dass es draußen Menschen gibt, die ihnen zuhören und die sie verstehen. Ganz verschiedene Menschen. Damals waren es Menschen mit verschiedenen Muttersprachen. Diese Verständigungsprobleme kennen wir heute auch gut. Es ist schon schwierig genug, den Menschen neben mir zu verstehen, die Ehemann, die Ehefrau,  die eigenen Kinder bzw. Eltern. Es ist schon schwierig genug, dass über Generationen  hinweg, alt und jung Enkel und Großeltern einander  verstehen.  Aber hier und da gibt es tatsächlich solche Momente, wo wir einander trotz Unterschiede verstehen.

Auch in der Gesellschaft. Die Corona-Epidemie lässt uns zusammenrücken, auf einander Rücksicht nehmen. Wir nehmen einander wahr. Wir fragen: Was brauchst du? Was braucht der Nachbar? Wir begreifen uns auf einmal als Gemeinschaft und Solidarität ist ein gelebtes Wort.

Ach, wie schnell kommen dann auch die, die nichts mitbekommen haben und nichts begreifen wollen und sagen: „Ihr seid doch alle besoffen in eurem Einigkeitswahn. Dabei sind manche selber besoffen von Verschwörungsphrasen und Hassworten.

An Pfingsten haben plötzlich alle einander verstanden, was sie einander sagen wollten. Die Jünger haben die Sprache der Menschen gesprochen. Sie sprechen die Sprache des Herzens, es ist eine Herzenssprache von Mensch zu Mensch:

Der andere spürt: Ich bin gemeint. Ich werde ernst genommen. Mir hört jemand zu. Einander zuhören, ist ein Geschenk des Himmels. Einander verstehen ein Wunder. Daraus entsteht ein gemeinsames Verstehen und gemeinsames Glauben.

 

Lasst mit miteinander das Wunder des Glaubens bekennen mit dem Glaubensbekenntnis von Jörg Zink

Wir glauben an Gott.
Wir sind nicht allein.
Wir sind geborgen.
Wir sind frei.
Wir glauben an den göttlichen Geist,
den Geist der Freiheit,
der uns verbindet
zu der einen umfassenden Kirche.
Wir glauben an Jesus Christus,
der Gott zeigt und vertritt,
der das Reich des Friedens verkündete
und aus Liebe zu uns starb.
Wir glauben, dass Jesus lebt.
Er befreit uns von Schuld,
von Angst und Tod.
Er hilft uns leben.
Wir glauben an den Gott,
der die Welt schafft und erhält,
der will, dass wir mit ihm wirken,
der Welt und den Menschen zugute.
Wir glauben an den lebendigen Gott,
der die Welt vollendet und erneuert,
der auch uns bewahrt und neu schafft
zu unvergänglichem Leben.
Amen.

 

Miteinander gehen: mit einem Wort:

 

Was braucht es, dass wir einander verstehen?   weitergehen

 

Am Brunnen (Türkeiplatz)

 

 Lesung 4  Petrus ergreift das Wort

 

14 Da trat Petrus vor die Menge

und mit ihm die anderen elf Apostel.

Mit lauter Stimme rief er ihnen zu:

 

»Ihr Männer von Judäa!

Bewohner von Jerusalem!

Lasst euch erklären,

was hier vorgeht,

und hört mir gut zu!

15 Diese Leute sind nicht betrunken,

wie ihr meint.

Es ist ja erst die dritte Stunde des Tages.

16 Nein, was hier geschieht,

hat der Prophet Joel vorhergesagt:

17 ›Gott spricht:

Das wird in den letzten Tagen geschehen:

Ich werde meinen Geist über alle Menschen ausgießen.

Eure Söhne und eure Töchter werden als Propheten reden.

Eure jungen Männer werden Visionen schauen

und eure Alten von Gott gesandte Träume träumen.

18 Über alle, die mir dienen,

Männer und Frauen,

werde ich in diesen Tagen meinen Geist ausgießen.

Und sie werden als Propheten reden.

19 Ich werde Wunder tun droben am Himmel.

Und ich werde Zeichen erscheinen lassen unten auf der Erde:

Blut und Feuer

und dichte Rauchwolken.

20 Die Sonne wird sich verfinstern,

und der Mond wird sich in Blut verwandeln.

Dies alles geschieht,

bevor der große und prächtige Tag des Herrn anbricht.

21 Jeder, der dann den Namen des Herrn anruft,

wird gerettet werden!‹

 

Vierte Szene – Menschen trauen sich, einander von ihren Träumen zu erzählen.

Wir befinden uns draußen  irgendwo draußen vor dem Haus der Jünger. Davor steht eine Menschenmenge. Aus der Gruppe der Jünger löst sich Petrus. Er stellt sich auf eine Holzkiste und beginnt zu predigen: „Nein, wir sind nicht besoffen! Wir erleben gerade, was der Prophet Joel vorhergesagt hat. Joel hat gesagt: Es wird eine Zeit kommen, da wird Gott seinen Geist über uns ausgießen. Da werden eure Söhne und Töchter weissagen.“ Eine junge Frau löst sich aus der Zuhörerschaft und sagt: „Ich sehe eine Zeit, in dieser Corona-Virus ausgerottet sein wird und  die Epidemie endlich vorbei sein wird. Und eine andere Frau sagt: Ich träume davon, dass  kein Kind mehr an Hunger stirbt.“ Die Zuhörer applaudieren. Petrus fährt fort: „Eure Jünglinge sollen Gesichte sehen.“ Ein junger Mann tritt vor und sagt: „Ich sehe lächelnde Gesichter. Lange Feindschaft wird überwunden. Frieden wird ausgehandelt. Und er hält.“ Die Zuhörer klatschen und pfeifen. Petrus redet weiter: „Eure Alten sollen Träume haben.“ Eine Gruppe alter Menschen tritt vor. Einer spricht. „Wir träumen von menschenwürdiger Pflege. Gute medizinische Versorgung für alle. Menschen, die uns wertschätzen.“  Junge Leute treten hervor und antworten: Wir träumen auch davon und dass wir in der Pflege in den Altenheimen anerkannt und wertgeschätzt werden. Die Leute klatschen. Petrus ergreift wieder das Wort: „Wir dürfen Gott und einander ganz offen unsere Träume vom Leben sagen, Träume vom guten Leben einer gelingenden Gemeinschaft, in der es für Menschen selbstverständlich ist, dass sie miteinander teilen, was sie haben.

Was für Träume vom Leben habe ich?

Welche Träume vom Leben haben wir gemeinsam?

Wechsel Am Platz mit der Erdkugel

 

Lesung 5

 

46 Tag für Tag versammelten sie sich als Gemeinschaft im Tempel.

In den Häusern hielten sie die Feier des Brotbrechens

und teilten das Mahl voll Freude

und in aufrichtiger Herzlichkeit.

Kurzauslegung 5  Die erste Gemeinde in Jersualem hat den Traum gelebt, von dem ich vorhin sprach:

Träume vom guten Leben einer gelingenden Gemeinschaft, in der es für Menschen selbstverständlich ist, dass sie miteinander teilen, was sie haben. Sie haben miteinander geteilt. Auch das Brot. Brot ist dabei mehr als das Stück Brot.

Ein Gedicht von Almut Haneberg drückt dies so aus.

 

Das Brot teilen

 

wenn wir jetzt das brot miteinander teilen

dann teilen wir ein stück alltag

was uns aufbaut und kraft gibt

was uns fordert und anfragt

tägliches brot das uns leben lässt

 

wenn wir jetzt das brot miteinander teilen

dann teilen wir unsere sorge um arbeit und zukunft

um frieden und gesichertes leben

tägliches brot das uns mühe bereitet

 

wenn wir jetzt das brot miteinander teilen

dann teilen wir unser leid krankheit und tod

enttäuschung und trauer rückschläge und schuld

als tägliches brot von tränen und schmerz

 

wenn wir jetzt das brot miteinander teilen

teilen wir den dank für das leben

heute zu sein und morgen zu werden

und atmen und wachsen zu können

als brot das uns täglich mut gibt weiterzugehen

 

wenn wir jetzt das brot miteinander teilen

werden wir menschen und feiern das leben

 

Almut Haneberg

 

Ein Lied in schweren Zeiten -Predigt 10.5.20

Apostelgeschichte 16,23-34  Kantate 10.5.2020 Trautskirchen, Pfarrer Manfred Lehnert

Liebe Gemeindeglieder,

heute feiern wir in unserer Kirche nach sieben langen Wochen erstmals wieder miteinander Gottesdienst. Wenn auch mit Einschränkungen, Abstand, strengen Hygienevorschriften und Maskenpflicht, wir feiern wieder miteinander Gottesdienst. Darüber freuen wir uns alle! Die Corona-Virus-Epidemie hat uns ja inzwischen zwei lange Monate voneinander getrennt, manche fühlen sich direkt eingesperrt in ihren Wohnungen, wie im Gefängnis gefangen in dieser Epidemie, die ja noch lange nicht zu Ende ist.

Als ich vor zwei Wochen erstmals einen Blick auf den Predigttext geworfen habe, war meine Entscheidung schnell gefallen: Diesen Bibeltext nehme ich nicht. Ich nehme die biblische Geschichte aus der Apostelgeschichte, über die ebenfalls am Sonntag Kantate gepredigt wird. Es ist eine Befreiungsgeschichte. Was Menschen fesselt, löst sich, Mauern beben und Menschen werden frei. Eine Geschichte, die zu dem heutigen Tag passt:

23 Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen. 24 Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block. 25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie. 26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, so dass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen, und von allen fielen die Fesseln ab. 27 Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offenstehen, zog er das Schwert und wollte sich töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen. 28 Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier! 29 Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. 30 Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde? 31 Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! 32 Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren. 33 Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen 34 und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Haus, dass er zum Glauben an Gott gekommen war. [Apg16,23-34]

Liebe Gemeindeglieder aus nah und fern!   

Ich werde die Ausnahme unter uns sein. Ich war im Knast. 7 Jahre war ich im Memminger Gefängnis nebenamtlicher Gefängnisseelsorger. Zunächst war für mich eines eindrücklich: Dieser schwere Schlüsselbund des JVA-Beamten. Nicht ich hatte die Schlüsselgewalt, sondern die Begleitperson. Und eine Tür nach der anderen wurde aufgesperrt und hinter mir wieder zugesperrt. Eindrücklich war für mich, wenn dann hinter mir die Tür zugefallen ist und ich war mit jemanden allein, den ich besucht hatte, allein und  eingesperrt. Ich war abhängig von jemandem, der mir die Tür wieder aufsperrte. 

Der Alltag eines antiken Gefängnisses in unserer Geschichte ist freilich ein anderer als der in den Gefängnissen von heute. Damals wurden die Füße der Gefangenen in einen Block gelegt. Es gab ein innerstes Gefängnis, ein Loch, wo man die schlimmsten Verbrecher hineinge-worfen und an den Füßen gefesselt hatte. Die Aufseher waren harte Kerle, langten auch schon mal hin, wenn einer nicht gespurt hatte.

Paulus und Silas liegen also im innersten Loch des Gefängnisses. Die Füße im Block gefesselt. Es ist kein Licht, zappenduster ist es, kein Licht und keine Hoffnung. Und sie sind unschuldig, sie haben sich nichts zuschulden kommen, außer dass sie kurz vorher einer einfachen Magd den Wahrsagegeist ausgetrieben haben und damit deren Besitzer die Geschäfte vermasselt haben. Erregung öffentlichen Ärgernises, das wird man ihnen vorgeworfen haben.

Ich versuche nun, mich in verschiedene Personen in der Geschichte hinzudenken.

Da ist zunächst Paulus:

„Gefangen in meiner Angst lieg ich zusammengekauert in der tiefsten Zelle meines inneren Gefängnisses. Ohne Hoffnung und Lebensmut, unschuldig. Da höre ich auf einmal tief in mir, in meinem Herzen, ein Lied. Und es dringt aus meinem Herzen, aus meinem Mund:“

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. : Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag!“

Da ist Silas, der Begleiter des Paulus:

„Gefangen in meiner Angst lieg ich zusammengekauert in der tiefsten Zelle meines inneren Gefängnisses ohne Hoffnung und Lebensmut, unschuldig. Da höre ich auf einmal, wie mein Mitmensch neben mir , wie Paulus singt In meiner Zelle, die ich mit ihm teile.

Und ich fange an, mitzusingen und mitzubeten:“

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. : Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag!“

Da ist noch jemand. Neben Paulus und Silas gibt es im Gefängnis noch weitere Gefangene:

„Gefangen in meiner Angst lieg ich zusammengekauert in der tiefsten Zelle meines inneren Gefängnisses ohne Hoffnung und Lebensmut, schuldig. Da höre ich auf einmal, wie einer singt. Nein, ich höre, wie zwei singen neben mir in der Nachbarzelle.

Sie singen und beten, um Mitternacht, obwohl es doch aus ist.

Und ich und die anderen Mitgefangenen fangen an hinzuhören, mit zu singen:“

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. : Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag!“

Von guten Mächten wunderbar geboren…

Es dürfte klar sein, ganz historisch ist das nicht, was ich da mir ausgemalt habe. Natürlich werden Paulus und Silas etwas anderes gesungen und gebetet haben. Von guten Mächten, mein Lieblingslied wurde 1944 im Gefängnis geschrieben. Dietrich Bonhoeffer dichtete es zu Weihnachten 1944. Damals hatte es noch keine Melodie. Seine Worte sind tröstlich: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“


Solche Worte trösten, auch wenn man sie nicht ganz verstehen kann, wenn man sich nicht in einer solchen Lage befindet. Wie kann der Mann solche Worte finden? Denn während Bonhoeffer diese Worte einfallen und er sie notiert, zittern dabei die Wände des Kerkers von den Schreien der Gefangenen. In diesen Monaten bombardierten die Engländer und Amerikaner systematisch Berlin. Die Bomben krachten, die Wachmannschaften hatten sich im Luftschutzkeller in Sicherheit gebracht, aber die Gefangenen in den Zellen eingeschlossen gelassen. Und das fast jeden Tag. „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.“ Singen hilft dabei. Beten, Dichten und Briefe schreiben und Kirchenlieder gegen die Angst. „Ich höre nachts die Ketten der Männer in den anderen Zellen“ schreibt er. Aber dann findet er diese Worte:

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. : Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag!“

Seine Worte rühren bis heute Menschen an, die im Gefängnis ihrer Seele sitzen, und Trost und Hoffnung suchen. Sein Lied rührt uns an. Sein getrostes Sterben vor 75 Jahren mit diesem Gottvertrauen genauso. Das tröstet und gibt uns Mut. Auch wir sind behütet und geborgen, ganz gleich was kommen mag.

Aber zurück zu unserer biblischen Geschichte. Es gibt noch jemanden , in den ich mich hineinversetzen möchte:          Der Gefängniswärter:

„Gefangen in meiner Angst lieg ich zusammengekauert in meinem Bett, meiner tiefsten Zelle meines inneren Gefängnisses ohne Hoffnung und Lebensmut, voller Ängste und Probleme, die mir schlaflose Nächte bereiten.

Mein Leben verbringe ich im Gefängnis, tue meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, mache meinen Dienst nach Vorschrift immer in der Angst, zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Da erwache ich von einem Beben. Die Gefängnismauern beben und die Mauern meines innersten Gefängnisses. Und ich springe auf und merke voller Entsetzen: Die Gefangenen sind frei!

Entsetzt will ich mich schon selbst bestrafen, obwohl ein Erdbeben kein Dienstvergehen ist, Da höre ich Paulus rufen: Tu dir nichts an. Wir sind alle noch da! Zutiefst erschüttert frage ich: Was bringt mich aus dieser für mich furchtbaren Situation heraus? Was muss ich tun, um gerettet zu werden?

Nein, ich habe kein Lied: Von guten Mächten wunderbar geboren… gehört.  Ich habe die zupackende Hand des Paulus gespürt, der mich davor bewahrt, mich umzubringen und dieser Satz von Paulus, der mich aus meiner inneren Gefangenschaft erlöst:

Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!  Das hat mich aus meiner Gefangenlage hinausgeführt in die Freiheit und hin zu Jesus.“

Es gibt einen Weg, auch wenn alles aussichtslos ist. Es wird nicht erzählt, wie es weitergegangen ist, nachdem der Gefängniswärter von seinen Fesseln befreit sich und seine ganze Familie hat taufen lassen. Aber es gibt immer einen Weg, auch wenn es aussichtslos ist. (Denken wir an Dietrich Bonhoeffer).

Liebe Gemeindeglieder!

Unsere Gefängnismauer schauen anders aus. Äußerlich sind es momentan die Viren, die für Abstand und Abschottung, für Quarantäne und tausend Ängste in der Bevölkerung sorgen. Es kann auch eine Krankheit sein, die mich aus dem Alltagsleben herausnimmt. Oder die Angst vor der Arbeitslosigkeit, die jetzt wieder um sich greift.

Unsere Gefängnismauern können auch innerlich sein. Äußerlich bin ich frei, innerlich gefangen in meinen Ängsten und Sorgen, gefangen in dem, was mich bindet und fesselt. Es kann eine Sucht sein, die mich fesselt oder auch mein Gefühl: Ich kann irgendwas irgendwem nicht verzeihen.

Was uns bindet und fesselt, sieht unterschiedlich aus: Unsere Füße sind unbeweglich gemacht, wie wenn sie in einem Block eingeschlossen sind, unsere Hände sind gefesselt, wir können nicht tun, was zu tun wäre. Oder der Mund verschlossen und kein Ton kommt heraus.

Drei Personengruppen habe ich uns vorgestellt, die gefangen sind. Da sind Menschen wie Paulus und Silas, die unschuldig in ihrem Gefängnis sitzen. Sie haben sich für eine gerechte Sache eingesetzt und haben auf einmal Probleme. Da sind Mitgefangene im Gefängnis, die in der Regel schuldig sind. Und da sind Gefängniswärter, die eigentlich genauso wie die Gefangenen unter den Mauern des Gefängnisses leiden. Den ganzen Tag sehen sie keine Blumen, keine Bäume, sie sehen keinen offenen Himmel über sich und sie müssen ausführen, was andere angeordnet haben.

Was können wir tun, ganz gleich in welcher Situation wir gerade sind? Was können wir tun in dieser Corona-Krise?

Wir können ein Lied singen oder ein Lied uns mit den Herzen anhören. Wir können uns von Liedern anrühren und inspirieren lassen. Und manchmal erleben wir es im übertragenen Sinn, dass dabei die Mauern erbeben, die Fesseln von uns abfallen und wir frei sind.

Zugegeben, noch sind wir nicht frei. Noch bestehen Ausgangssperren und gesellschaftliche Einschränkungen. Noch sind wir im Leben von diesen und anderen Dingen gefangen. Aber wir können es erleben, wie sie Stück für Stück von uns abfallen. Am Ende unseres Lebens werden wir frei sein wie auch Dietrich Bonhoeffer am Tag seiner Hinrichtung vor 75 Jahren gefasst gestorben ist, weil er wusste: Jetzt müssen die Häscher und Henker zurückbleiben. Und ich bin frei.

Sein Lied ertönt noch weiter und gibt uns bis zum heutigen Tag Mut und Hoffnung:

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. : Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag!“

Amen.

Miteinander verbunden in Coronazeiten Predigt Joh 15,1-8

Jubilate, 3.5.20 Onlinepredigt Manfred Lehnert, Pfarrer, Trautskirchen

Johannes 15,1-8: (Lutherübersetzung)

„Jesus spricht: Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.“

Ich bin der Weinstock – ihr seid die Reben.

Dass Jesus so von sich spricht, so einprägsam und doch irgendwie geheimnisvoll, das finden wir nur im Johannesevangelium. Es geht um Verbundenheit. Gott, Jesus und wir Menschen gehören zusammen, das besagt dieses Bild vom Weinstock und den Reben. Wir sind miteinander verbunden.

Dieses Bild vom Weinstock und den Reben ist uns vertraut. Zu vertraut. Wir hören es, kennen wir, haken ab. Wissen wir schon, was das Bild bedeutet: Jesus der Weinstock, wir die Reben, ohne ihn können wir nichts tun.

Aber verlassen wir mal dieses Bild vom Weinstock und den Reben. Die wenigsten haben einen Weinstock im Garten. Das Bild vom Weinstock kann uns wegbringen von dem, was das Bild sagen will. Statt wieder und wieder das Bild vom Weinstock zu entfalten, falte ich das Bild achtsam zusammen, lege es weg und höre hin, wie oft Jesus innerhalb dieses Bildworte vom Bleiben redet. Siebenmal ist vom Bleiben bzw. nicht bleiben die Rede:

„Bleibt in mir und ich in euch.  wenn ihr nicht an mir bleibt.   Wer in mir bleibt und ich in ihm, Wer nicht in mir bleibt   Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, „

Es geht also darum, dass wir in Jesus bleiben und er in uns.

Aber was heißt: In Jesus bleiben? Und wir in ihm bleiben?

Auch das ist natürlich eine Sprachform, die nicht die ursprüngliche Rede Jesu ist. So haben die johanneischen Christen gesprochen, Wir bleiben in Jesus und er in uns.

Es ist schon eine mythische Sprache für Eingeweihte. Oder haben Sie schon mal so geredet: Wir bleiben in Hans Huber und er in uns?

Christen der johanneischen Gemeinden haben sich mystisch in Jesus versenkt. Das ist ihr gutes Recht und ihr ganz persönlicher Glaubenszugang zu Jesus. Auch heute versenken sich Christen in Jesus, wenn sie beten oder ihn anbeten. Orthodoxe Christen vertiefen sich in Ikonenbildern, in Jesusbildern und glauben, auf diese Weise in Jesus zu sein und er in ihnen. Katholische Christen verehren das Herz Jesu. Evangelische beten zum Heiland und Erlöser Jesus und haben sein Kreuz vor Augen.

Wer das nicht mag und nicht kann, wer keine mystischen Zugang zu Jesus findet, kann vielleicht den Zugang finden, den ich und andere Gläubige zu Jesus gefunden haben.

Was heißt: In Jesus bleiben und er in uns?

Es heißt für mich: Mit Jesus in Verbindung bleiben.

In der Hoffnung für alle Übersetzung ist es so übersetzt worden:

„4 Bleibt fest mit mir verbunden, und ich werde ebenso mit euch verbunden bleiben!“

Jesus – Wie können wir mit ihm heute im Jahr 2020 in Verbindung bleiben?

Wie können wir mit ihm verbunden bleiben? Es gibt so viele zeitliche und räumliche Entfernungen. Und wie soll das gehen, bei Jesus bleiben, körperlos, ohne Berührung?

Selbst damals nach Ostern war alles anders als vorher, als sie ihn sehen und berühren konnten. Wie soll das gehen, mit Jesus verbunden bleiben?  Verbunden bleiben?

Jetzt  während der Corona-Krise haben wir es eingeübt, mit unseren Freunden und Familien und Glaubensgeschwistern verbunden zu bleiben, auch wenn vielleicht keine körperliche Verbindung möglich ist.

Wir bleiben miteinander verbunden über die 2 Meter Abstand hinweg. Ohne Händedruck und Berührung bleiben wir über nötige Distanz und notwendigen Abstand hinweg miteinander verbunden.

Wir bleiben miteinander verbunden, ohne dass wir miteinander Gottesdienste gefeiert haben. Wir bleiben miteinander verbunden –   ohne Kirche und Gemeindeleben.

Ich habe an euch gedacht und ihr an mich. Wir haben miteinander geredet, telefonisch oder digital. Wir haben einander von der Ferne gesehen. Wir haben aufeinander gehört. Und achtsam aus der Distanz wahrgenommen, was der andere vielleicht gerade braucht.

Und aus dem miteinander verbunden sein, ist uns Kraft und Lebensfreude erwachsen, das Gefühl, wir sind nicht allein, das Gefühl der Dankbarkeit, da ist Hilfe.

Wir bleiben miteinander verbunden über Entfernungen und Grenzen  und Corona-Einschränkungen hinweg und bekommen Kraft, für das was zu tun ist.

So stelle ich mir auch die Verbundenheit mit Jesus vor.

Über räumliche Entfernungen und zeitliche Grenzen und den über den Sprung des garstigen Grabens von Jahrhunderten hinweg bleiben wir mit Jesus verbunden und bekommen heute Kraft und Lebensfreude, Kraft von ihm, Jesus.

Eine gute Frage ist: Wer ist dieser Jesus, von dem wir Kraft bekommen und mit dem wir in Verbindung bleiben können über Zeit und Räumlichkeit hinweg.

Wer ist dieser Jesus?

Jesus –  Das ist der, der die Frauen nicht ausgrenzt und die Schwachen und Armen nicht übersieht.

Jesus – Das ist der, der sagt: Andere unterdrücken, Macht missbrauchen, ein Oben und ein Unten – so soll es bei euch nicht sein!

Jesus – Das ist der, der Menschen auf Augenhöhe begegnet, ihnen wohltut mit seinen Worten und Taten, ihre seelischen Wunden heilt.

Jesus – Das ist der, der den Menschen von Gott erzählt, von seinem Gott, der die Menschen bedingungslos liebt, und diese Liebe auch lebt.

Jesus – Das ist der, von dem die Menschen sagen, den hat Gott bestätigt durch das, was an Ostern geschehen ist.

Jesus – Das ist aber auch der, der vor 2000 Jahren auf Erden gelebt hat.

Jesus – Das ist aber auch der, den die Kirche jahrhundertelang für sich vereinnahmt hat,

Zum Jesus der Kirchen haben sie ihn gemacht, je nach Bekenntnis. Zum evangelischen, katholischen, orthodoxen Jesus der Kirche haben sie ihn gemacht. Und dabei ist er doch nie dem jüdischen Glauben entfremdet gewesen.

Mit diesem Jesus können wir heute in Verbindung sein durch seinen Geist.

Mit diesem Jesus sind wir heute verbunden durch seinen Geist.

Eine Verbindung kann nicht bestehen, wenn wir Menschen nicht aneinander denken, miteinander reden, aufeinander hören, wenn wir einander nicht besuchen. Ebenso ist es mit der Verbindung mit Jesus. Sie kann nur bestehen, wenn ich auf seine Worte höre und ihnen Raum in meinem Leben gebe.

Wie zeigt sich Verbundenheit in der Zeit der Corona-Pandemie?

Nicht wahr, die letzten Wochen waren hart: Ausgangsbeschränkungen, Kontaktsperre, für manche Quarantäne. Kein Kindergarten, keine Schule, kein Büro, für viele Menschen heißt das auch: keine Arbeit, kein Geld. Andere arbeiten weit über ihre Grenzen, im Pflegeheim oder im Supermarkt. Die einen sind abends nur noch kaputt, andere gehen sich zuhause inzwischen so richtig auf den Geist, und wieder andere sind seit Wochen allein und einsam.  Da ist es schwer, mit anderen Menschen in Verbundenheit zu leben.

Wie bleiben wir verbunden mit denen, die zu uns gehören? Die wir jetzt nicht sehen können. Nicht treffen, nicht in den Arm nehmen. Telefonieren – ja, das mag helfen. Aber doch nicht über eine so lange Zeit. Schwer zu verstehen, dass es gerade jetzt der Abstand ist, die körperliche Distanz, die uns am meisten schützt. Darum suchen wir neue Formen der Nähe:

Von einer kleinen Episode habe ich gehört. Sie hat mir verdeutlicht, wie kreativ und mutig wir sein können, Verbindung aufzunehmen: An Ostern durfte eine Familie ihren alt und dement gewordenen Angehörigen wegen der Corona-Ansteckungsgefahr nicht mehr im Pflegeheim besuchen.  Was haben die Angehörigen gemacht, um mit ihm doch noch in Verbindung zu treten? Mit einer österlichen Kreidebotschaft auf dem Gehweg, und einem nicht ganz erlaubten österlichen Ständchen vor dem Pflegeheim direkt vor dem Balkon des Angehörigen haben sie die Verbindung mit ihm gesucht und gefunden. Das hat dem alten Menschen eine letzte Freude gemacht und wird den Angehörigen vor seinem Tod in kostbarer Erinnerung bleiben: Wir waren verbunden mit ihm.

Und ist es nicht so: Immer dann, wenn wir auf kreative Weise Verbindung mit dem anderen gesucht haben, waren wir glücklich, erfüllt, dankbar, zufrieden und haben Kraft getankt.

So ist es auch, wenn wir auf kreative Weise Verbindung mit Jesus suchen. Wir sind in dem Augenblick glücklich, erfüllt, dankbar, zufrieden und haben Kraft getankt. Seine Worte machen uns Mut, anderen Menschen Worte zu sagen, die ihnen Mut machen. Seine Liebe und Menschenfreundlichkeit steckt an und das ist in Zeiten vom Corona-Virus nichts Gefährliches, sondern im Gegenteil, seine Liebe und Menschen-freundlichkeit steckt uns an, die Menschen zu lieben und sich mit der ganzen Menschheit verbunden zu fühlen. Bleiben wir mit Jesus und den Menschen verbunden. Amen


Fürbitten

Gott, wir sind mit Jesus verbunden. Diese Verbindung schaut ganz unterschiedlich aus.   
Lass uns tolerant sein, wenn wir spüren, wie unterschiedlich verbindlich gelebtes Christsein aussieht.         
Lass uns in unserer Verbindung mit Jesus reifen. Schenke uns durch die Verbindung mit Jesus Kraft, Mut und Hoffnung für die Tage, die nun kommen.

Gott, in deinen Kirchen ist es möglich, dass Menschen eine ganz persönliche Verbindung zu Jesus   finden können. Wir danken dir von Herzen, dass wird bald wieder Gottesdienste feiern können in           unseren Kirchen. Lass uns spüren, wie gut es uns tut, wenn wir gemeinsam beten, auf dein Wort hören und in Verbindung mit Jesus bleiben.
Lass uns die Zeit, in wir wieder Gottesdienst feiern  können, kostbar werden. Gott, wir denken an all die Menschen, die die Verbindung mit dir unterbrochen haben: Vielleicht spüren sie in dieser schweren Zeit, was ihnen fehlt, wenn sie diese Verbindung nicht haben.                         
Lass die Menschen neu den Kontakt mit dir und deiner Kirche suchen. Wir selber sind offen für Begegnungen mit Menschen, die auf der Suche nach verbindlichem Glauben sind.

Gott, wir denken an all die Menschen, die noch nie Halt und Verbindung in ihrem Leben erlebt haben. So viele treiben orientierungslos dahin, finden keinen Halt und vermissen nicht einmal den Halt, den du uns Menschen in schweren Zeiten geben kannst. Lass sie Menschen finden, denen sie vertrauen können,  Christen und Christinnen, die glaubwürdig aus ihrer Verbindung mit Jesus ihr Leben leben. Gott, wir denken an die Menschen, die gerade Kraft brauchen, Kraft und Hoffnung diese schweren Zeiten   zu bewältigen. Die Kranken, die Sterbenden. Lass ihnen Kräfte erwachsen, die ihnen jetzt helfen. Gott, wir sind nicht nur mit Jesus und dir verbunden. Wir sind mit allen Menschen verbunden. Lass uns  diese Verbundenheit mit der ganzen Menschheit spüren. Wir werden still und denken auch an uns selbst, wie es uns jetzt in diesem Moment geht, was wir jetzt gerade brauchen.   

Vater unser im Himmel
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen.

Der Gott deines Lebens segne dich und behüte dich!

Der Gott deines Lebens blicke dich freundlich an und sei dir gnädig!

Der Gott deines Lebens wende sich dir in Liebe zu und gebe dir Frieden!

Von der Freiheit eines Sklavenmenschen – Predigt 26.4.20

Misericordias Domini 26.4.2020 Trautskirchen Onlinepredigt Manfred Lehnert, Pfr

Predigt über 1. Petrus 2,21-25

„21 Denn dazu hat euch Gott berufen. Auch Christus hat ja für euch gelitten, und er hat euch ein Beispiel gegeben, dem ihr folgen sollt. 22 Er hat sein Leben lang keine Sünde getan; nie kam ein betrügerisches Wort über seine Lippen. 23 Beschimpfungen ertrug er, ohne mit Vergeltung zu drohen, gegen Misshandlungen wehrte er sich nicht; lieber vertraute er sein Leben Gott an, der ein gerechter Richter ist. 24 Christus hat unsere Sünden auf sich genommen und sie am eigenen Leib zum Kreuz hinaufgetragen. Das bedeutet, dass wir für die Sünde tot sind und jetzt leben können, wie es Gott gefällt. Durch seine Wunden hat Christus euch geheilt. 25 Früher seid ihr herumgeirrt wie Schafe, die sich verlaufen hatten. Aber jetzt seid ihr zu eurem Hirten zurückgekehrt, zu Christus, der euch auf den rechten Weg führt und schützt.“

Liebe Gemeinde!

25 Früher seid ihr herumgeirrt wie Schafe, die sich verlaufen hatten. Aber jetzt seid ihr zu eurem Hirten zurückgekehrt, zu Christus, der euch auf den rechten Weg führt und schützt.“

So endet der Abschnitt aus dem 1. Petrusbrief, der uns für heute als Predigttext aufgegeben ist. Heute ist der sogenannte Hirtensonntag, Misericordias Domini, an dem generell an den Hirten Jesus  Christus gedacht wird. Darum dieser Bibeltext, der vom Hirten  und den Schafen redet.

Es ist für uns heute ein ambivalentes Bild, Hirte und Schafe.

Einerseits fallen mir gleich die dummen Schafe ein, zu denen ich mich nicht zähle. Wir sind keine dummen Schafe. Einerseits schauen wir heute das Bild vom Hirten und den Schafen mit anderen Augen an: Wir leben in einer Demokratie, wo es kein oben und unten gibt und jeder gleichberechtigt ist. Und auch in der Kirche sollte es diese Art von Hierarchie, von oben und unten Bischof mit Hirtenstab und Gemeindeglieder als Schafherde nicht geben.

Andererseits haben wir auch heutzutage ein tiefes Bedürfnis, in einer behüteten Welt zu leben: „Bleiben Sie gesund und behütet!“ wünsche ich seit Corona den Menschen, denen ich auf Abstand begegne. Wir haben auch in einer modernen Welt das Bedürfnis nach Orientierung, nach jemanden, der auf uns aufpasst, der klare Anweisungen gibt und sagt, wie es lang geht. Momentan sind wir mit einem Minister-präsidenten Söder damit ganz gut bedient und behütet. Wir brauchen solche verantwortlich führenden Personen auch in einer Demokratie.

Im 1. Petrusbrief spricht der Briefschreiber an Menschen, die gerade Christen geworden waren. Ihr Leben hatte eine Wende genommen. Waren sie aus der Sicht des Briefschreibers zuvor wie die irrenden Schafe gewesen, so haben sie nun einen Hirten: Jesus Christus, einen Bischof für ihre Seelen. So ist es in der Lutherübersetzung formuliert In der neueren Übersetzung wird das Wort Bischof auf treffende Weise so umschrieben: „der euch auf den rechten Weg führt und schützt.“

Das hört sich auf den ersten Blick ganz gut an. Ja, so einen Bischof für meine Seele, der mich in diesen schwierigen Zeiten führt und behütet, kann ich gut gebrauchen. Ich brauche jemanden, der meine Seele behütet und bewahrt.

Dann schaue ich mit dem zweiten Blick etwas genauer hin. Die hier angesprochenen Menschen sind vermutlich Sklaven. Ein paar Verse vorher werden sie als Sklaven angesprochent:

„Ihr Sklaven, ordnet euch euren Herren mit der notwendigen Achtung unter, nicht nur den guten und freundlichen, sondern auch den ungerechten.  1. Petrus 2,18 Hoffnung für alle

Wie das ein Sklave damals gehört hat? Vielleicht so:

„Ich bin schon enttäuscht, wenn ich das so höre. Hat sich nichts am Sklavendasein geändert? Als Sklave gehöre ich meinem Herrn. Mein Herr und Besitzer kann mit mir tun und lassen wie er will. Wenn er sich mir gegenüber anständig verhält, und das nicht nur im Gottesdienst, geht es ja noch. Aber was wenn ich einen wirklich gemeinen Besitzer habe? Der kann sich doch alles erlauben: Er kann mit mir hartherzig umspringen, mich demütigen, mich auspeitschen. Ich weiß nicht, was an diesem Satz christlich sein soll.“

Klar, die Sklaven in der damaligen Zeit wurden in der Regel nicht  dauernd unterdrückt und unmenschlich behandelt. Sie waren ja auch Wirtschaftsgut und der Treibstoff, ohne den die Wirtschaft damals nicht funktioniert hat. So hat man als Sklavenbesitzer schon aus Eigeninteresse sich um seine Sklaven gekümmert.

Aber eines wurde damals als selbstverständlich vorausgesetzt:  Sklaven sind nicht frei. D.h. sie verfügen in keinster Weise über sich. Andere verfügen über ihr Leben und das ist ihr gutes Recht. In einem Sklavenleben fehlt Wesentliches, was wir heute in unserer demokratischen Gesellschaft für ganz normal und ganz selbstverständlich halten: Sklaven haben keine Freiheit, keine Rechte und keine Beschwerdeinstanz, von Selbstverwirklichung einmal ganz zu schweigen.

Aber nun waren sie Christen geworden, diese Sklaven und Sklavinnen. Vielleicht deshalb, weil sie gespürt haben: In diesen Christengemeinden, da gelten andere Maßstäbe. Da sind auch wir  Sklaven als Menschen wert geachtet, da haben auch wir als Sklaven die gleichen Rechte wie alle anderen.

 „Jetzt ist es nicht mehr wichtig, ob ihr Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, Männer oder Frauen seid: In Jesus Christus seid ihr alle eins.“ Hoffnung für alle Galater

So etwas lässt die Sklaven aufhorchen: Freiheit! Menschenwürde! Liebe und Wertschätzung! Allerdings zunächst nur in den christlichen Gemeinden.  Diese grundsätzliche Unfreiheit als Sklaven ist in ihrer Lebenswelt nicht völlig überwunden. Im Gegenteil: Hier in den christlichen Gemeinden spürten sie umso deutlicher den schmerzenden Gegensatz zu ihrem Leben als Sklaven. Bei der Arbeit im Alltag waren sie einem  Sklavenbesitzer unterworfen, in den Gottesdiensten der christlichen  Gemeinden waren sie Brüder und Schwestern, gleichberechtigt mit allen anderen Christen, gleichberechtigt auch mit dem eigenen Herrn und Sklavenbesitzer. Der war auf einmal auch ihr Bruder in Christo.

Bei der Arbeit als Sklave erleben sie, wie ihr Leben weiterhin fremdbestimmt und unterdrückt wird. In den Gemeinden begegnen andere Christen, auch höher gestellte Christen ihnen wertschätzend und freundlich: „Du gehörst zu der Schafherde Jesu, du bist in den Augen des guten Hirten ein ganz wertvoller Mensch. Schön, dass es dich gibt.“

Ob sie anständig behandelt oder ausgebeutet werden, ihre Arbeit als Sklave sagt ihnen: Vergiss nicht, du bist nur ein Mensch zweiter Klasse. In den christlichen Gemeinde waren sie in die Gemeinschaft der Christen integriert. Sie gehörten dazu. Das ist ein innerer  Widerspruch.

Auf der einen Seite erleben diese Menschen etwas total Befreiendes: Uns wird unabhängig vom sozialen Stand die Menschenwürde vor Gott und in der Gemeinde zuerkannt. Auf der anderen Seite aber bleibt alles beim Alten. Eine Menschenwürde außerhalb der Gemeinschaft der Christengemeinde gab es scheinbar nicht. „Vergiss nicht,  du bleibst immer noch Sklave. Daran wird sich nichts ändern.

18 Ihr Sklaven, ordnet euch euren Herren mit der notwendigen Achtung unter, nicht nur den guten und freundlichen, sondern auch den ungerechten.                             1. Petrus 2,8 Hoffnung für alle

Diese Anweisung schmerzt, muss im Alltag eines Sklaven schmerzen. Was ist denn nun: Sind wir durch den Glauben an Christus wirklich frei oder bilden wir uns da nur was ein? Werden wir womöglich vom christlichen Herrn und Besitzer verarscht und vertröstet? Wie kann es sein, dass die befreiende Wirkung des Glaubens nur im Quarantänebereich von den paar Gottesdiensten gilt, nicht aber für den Rest meines Daseins? Wie ist es möglich, einerseits zu hören,: Ihr seid durch  Jesus Christus  frei geworden. Und andererseits erlebt man draußen in der Welt die gleiche Unfreiheit wie zuvor? Ihr Sklaven ordnet euch euren Herren unter!

Ich denke mir: Diese Sklaven hatten ein echtes Problem mit ihrem noch jungen Glauben. Der Christenglaube stand gewissermaßen auf dem Prüfstand des Lebens. Was bringt dieser Glaube überhaupt? Ist er wirklich so befreiend oder haben wir uns zu viel von ihm versprochen?

Ich denke, genau das ist der Punkt, an dem wir auch mit unserem eigenen Erleben in heutiger Zeit Zugang finden zum Text. Wir sind zwar, Gott sei Dank, keine Sklaven. Aber einen inneren oder äußeren Widerspruch unseres christlichen Glaubens zur Wirklichkeit kennen wir vielleicht auch. Manchmal erleben wir auch einen himmelschreienden Widerspruch. Mit der Freiheit eines Christenmenschen ist es vielleicht gar nicht so weit her.

Äußerlich gesehen sind wir hier in Europa frei. Oft sind wir aber gebunden von allerlei Ängsten, die uns die Freiheit madig machen.

 Wir können frei wählen und wählen vielleicht gerade die, die uns fesseln und binden wollen. Ich habe die Wahlen in Thüringen im Blick, vor Corona hat es uns ziemlich beschäftigt, wie Afd- Politik ein ganzes Land lahmlegen kann. Und jetzt sind wir lahmgelegt von einem Virus ganz anderer Art. Dem Corona-Virus. Ich weiß, es ging nicht anders. Trotzdem schmerzen die Einschränkungen mich als Demokraten und als Christen. Eigentlich unglaublich, welche Rechte als freie Bürger eingeschränkt oder gar aufgehoben sind. Die Freiheit, hin zu gehen, wohin man will und zu wem man will. Die Freiheit, zu reisen. Die Freiheit, seine Religion und seinen Glauben auszuüben und in die Kirche zu gehen.

All das und mehr sind gesetzlich verbriefte Grundrechte unserer Gesellschaft. Und aufgehoben dürfen diese Grundrechte nur auf Zeit und in einem Katastrophenfall wie der Corona-Epidemie.

Vor Corana lebten wir in einer Gesellschaft mit unglaublichen Freiheiten. Jeder durfte wohnen, wo er wollte, reisen, wie er wollte und sich treffen mit wem auch er wollte. Und auch jetzt während der Coronazeit haben wir immer noch unglaubliche Freiheiten:  Jeder darf denken, meinen und glauben, wie er meint, solange es nicht in die Freiheit des anderen hineingreift.Niemand schreibt uns vor, was wir glauben, was wir meinen was wir tun sollen. Es sind unglaubliche Freiheiten verglichen mit den um einiges kleineren Freiheiten, die Menschen in früheren Jahrhunderten hatten.  

Jetzt während der Corona-Krise werden uns diese Freiheiten wichtig und kostbar. Sie sind nicht selbstverständlich.

Wir erleben auch heute in unserer Gesellschaft Unfreiheit. Es gibt so vieles, was uns binden will, fesseln, die mündige Freiheit als Menschen rauben will. Und manchmal machen wir es den Freiheitsräubern leicht, dass wir irgendwelchen fragwürdigen Leuten hinterher laufen, zu faul sind, uns eine eigene Meinung oder einen eigenen Glauben zu bilden und am Ende wie die Schafe in die Irre gehen Oft genug verlieren Menschen ihre Freiheit aus Angst.

Überhaupt ist Angst der große Freiheitsräuber. Die Angst vor der Vergeblichkeit des eigenen Tuns. Die Angst vor dem Scheitern. Die Angst vor Krankheiten. Die Angst vor Ansteckung durch den Corona-Virus und die Angst vor den Folgen von Corona

Gerade was wir mit Corona gerade erleben müssen, macht eines deutlich: Eine solche Epidemie bringt Träume zum Platzen und verändert Lebensperspektiven oder macht sie plötzlich zunichte.  Auf einmal ist mein Leben eingeengt und unfrei. Und ich sitze eingesperrt in meiner Wohnung und ich frage mich: Wo ist Gott in dieser Corona-Krise? Bin ich wirklich „behütet“? Natürlich kann auch mir etwas passieren. Was bringt mir eigentlich mein Glaube, wenn ich abgeschottet von den anderen keinen Gottesdienst feiern kann? Was bringt mir in dieser Krise mein Glaube?

Was bringt mir mein Glaube? Bringt er mir wirklich die Freiheit? Was für befreiende Möglichkeiten bietet mir der Glaube?

Manchmal eröffnet eine Krise wie die Corona-Epidemie andere Möglichkeiten: Dieses und jenes geht nicht mehr. Ich kann dem Mitmenschen keine Hand geben, von Umarmen ganz zu schweigen. Aber siehe da, auf einmal tun sich ganz andere Möglichkeiten auf. Ein Gruß aus der Ferne lässt mich aufleben. Und dem anderen zu sagen, du bist mir wichtig, geht auch per Whatsapp. Leben und Liebe ist möglich auch und trotz dieser Seuche.

Wir werden sensibel für das, was wirklich wichtig ist. Wir spüren, wie wertvoll gute Worte geworden sind, wenn sie nur von Distanz aus gesagt werden können. Wir spüren, wie tut es uns gut, uns selber als wertvolle Menschen wahrzunehmen, auch wenn wir keine systemrelevanten Menschen sind, auch wenn wir momentan nicht gebraucht werden. Du sitzt allein in deiner Wohnung, kannst nicht raus, bist zu nichts nütze, – und du bist trotzdem wertvoll in Gotte Augen.

Wenn dir das an dem Ort, wo du gerade eingepfercht bist, aufgeht,  dann ist manches vielleicht gar nicht mehr so schlimm.

Die damaligen Sklaven, die frisch Christen geworden sind, werden sich vielleicht in ihrem neuen Glauben so aufgerichtet haben:

„Unser Glaube an Christus hat uns immerhin einen Ort geschenkt, wo wir Freiheit erleben: die Gemeinde vor Ort. Hier darf ich sein, der ich bin!“

Aber wir möchten doch ganz frei sind, keine Sklaven, sondern freie Menschen, nicht nur im Herzen, sondern auch im Recht. Kann man die Sklaverei nicht abschaffen?

Diese Frage war damals allerdings völlig abwegig. Für Sklaven und Herren war das ein völlig abwegiger Gedanke. Sklaverei hat es schon immer in der Gesellschaft gegeben.  Die Freiheit des Glaubens kann sich nur auf Gemeindeebene verwirklichen. Die Sklaverei abschaffen?  Auf den Gedanken sind sie damals nicht gekommen. Frei sind wir nur innerhalb der Christengemeinde.

Aber ein Stachel im Fleisch war der christliche Gedanke von der Freiheit aller Menschen schon damals.

Freiheit nur innerhalb der Christengemeinde, das kann es wohl nicht sein.

Jahrhunderte später, zu Luthers Zeiten haben die leibeigenen Bauern aufgehorcht, als sie Luthers Schrift von der „Freiheit eines Christenmenschen“ vernahmen. Und sie sind nicht dabei stehen geblieben. Sie haben sich nicht geduckt und untertänig als Leibeigene verhalten. Nein sie sind aufge-standen, haben eine Revolution angefacht, den Bauernkrieg mit dem bekannten Ende und auch den unrühmlichen Lutherworten gegen die freiheitssuchenden Bauern. Aber klar war: Gewalt kann keine Lösung sein, die Freiheit zu bekommen.

Das war auch dem Schreiber des Petrusbriefes schon damals klar:  Mit Gewalt und Krieg lässt sich die Versklavung von Menschen nicht abschaffen. Aber wie soll man sich dazu verhalten? Dazu gibt der Briefschreiber des Petrusbrief einen wirklich guten Rat:

„21  Christus hat euch ein Beispiel gegeben, dem ihr folgen sollt.

Hier trifft die Lutherübersetzung es besser:  „Tretet in die Fußstapfen eures Herrn Jesus Christus“

Bildlich sehen wir die Fußspuren, die Jesus auf dieser Welt hinterlassen hat. Denen können wir einfach nachgehen. Und das heißt dann ja: Wir orientieren uns an dem, was Jesus gelehrt und selbst gelebt hat: Gerechtigkeit und Gewaltlosigkeit. Wir verzichten wie Jesus bewusst auf Drohen und Einschüchtern. 

Jesus ist den Weg der unbedingten Gewaltfreiheit gegangen. Und der Petrusbrief legt es uns nahe, in seine Fußstapfen treten.

Leicht ist das nicht, darin Jesus nachzufolgen. Können wir das, wollen wir das überhaupt? Wer hält schon gern still, wenn er beleidigt wird? Und wer lässt sich schon gern etwas wegnehmen oder etwas antun ohne entsprechend zu reagieren?

Aber genau dieser Weg ist es, der uns Menschen langfristig in die Freiheit führt. Es hat lange gedauert, bis die Sklaverei geächtet und abgeschafft worden ist. Es war der gewaltlose Einsatz von Christen, der dazu geführt hat.

Die Sklaverei ist inzwischen abgeschafft, offiziell wenigstens. Es bleibt trotzdem unsere Herausforderung, auf weltverbreitete Sexsklaverei und Ausbeutung als Christen zu antworten. Auch andere Fragen, gesellschaftliche Fragen tun sich auf und werden uns beschäftigen:

Was können wir in einem nachchristlichen Europa als Christen beitragen, damit unsere Gesellschaft friedlicher und solidarischer wird? Was können wir als Christen tun, damit die Freiheit gewahrt und umgesetzt wird? Uns wird empfohlen in den Fußstapfen Jesu seinen Weg in dieser Gesellschaft weiterzugehen, damit Menschen Freiheit finden. Amen