Eine jüdische Ostergeschichte – Onlinepredigt Ostern 2021

Ostersonntag 2021, 2. Mose 14,7-14.19-23.28-30a; 15,20f

Eine jüdische Ostergeschichte 2021

Die christliche Ostergeschichte ist nicht nur in diesem Jahr eine jüdische Geschichte. Jesus war Jude. Er hat als Jude gelebt, ist als Jude im jüdischen Glauben gestorben. Und auch die Ostergeschichte, seine Ostergeschichte, ist einejüdische Geschichte. Zufälligerweise feiern wir heuer das christliche Osterfest und das jüdische Passafest zusammen.

Unser Ostertag 2021 ist der letzte Tag des diesjährigen Passafestes. Wir feiern Ostern in Anlehnung an das letzte Passamahl Jesu. Am Anfang dieses Passafestes steht in jüdischen Familien bis heute eine Frage des jüngsten Kindes: „Warum unterscheidet sich diese Nacht von allen anderen Nächten?“, so fragt in der Seder-Nacht, am Vorabend der Pessachwoche, das jüngste Kind. Daraufhin antwortet der Vater mit der alten Erzählung der Errettung der Israeliten aus der Knechtschaft in Ägypten. Dieses Ereignis feiern die Menschen jüdischen Glaubens bis zum heutigen Tag.

Es ist die jüdische Geschichte schlechthin: die Geschichte vom Auszug der Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten. Eine jüdische Befreiungs-geschichte.

Die Geschichte vom Auszug aus Ägypten und dem Durchzug durchs Schilfmeer ist einer der wichtigsten Texte für unsere jüdischen Mitmenschen. Diese jüdische Geschichte lebt von starken Bildern. Das Volk steckt fest in der Klemme. Von hinten kommen die ägyptischen Soldaten angeritten. Vorne das Meer unüberwindlich. Angst, Furcht, Panik.

Dann das Wasser teilt sich. Es überschwemmt die ägyptischen Soldaten

Und vor dem zögerlich vorwärtsschreitenden Volk tut sich ein Weg auf. Links, rechts die Wasserwände. Sie fallen nicht über die Menschen, erst über die nachrückenden Ägypter fallen sie her. Und das jüdische Volk kommt trockenen Fußes durch das Meer.

Ein eindrückliches Bild. Dieses Wasser, das die jüdischen Menschen vor den Gefahren beschützt, dieses Wasser, das die Ägypter überschwemmt und sie ersaufen. Dieses Wasser beflügelt und übersteigt gleichzeitig unsere Vorstellungskraft.

Und es ist auch ein passendes Bild für unsere Zeit, in die hinein wir dieses Osterfest 2021 feiern. Wir stecken fest im Lockdown einer Pandemie, hinter uns, ja sogar um uns herum, das tödliche Virus. Diese Pandemie ist auch so etwa wie eine Pandemieflut. Wir Menschen haben sie überlebt. Wir Überlebenden sind dieser furchtbaren entronnen sind. Aber sie ist noch lange nicht überwunden. Noch stecken wir fest im Lockdown dieser Pandemie. Eine Welle, die zweite, jetzt die dritte Welle. Und wir müssen gut auf uns aufpassen, dass diese Pandemieflut nicht bei uns alle Zuversicht und Hoffnung hinwegschwemmt.

Und was feiern wir Christen?

Zu meiner Überraschung ist diese jüdische Befreiungsgeschichte der Predigttext für uns Christen und Christinnen am Ostersonntag.

Ostern ist das christliche Fest der Auferstehung Jesu und gleichzeitig eine jüdische Befreiungsgeschichte:  Auferstehung ist Befreiung. Und Befreiung ist Auferstehung. Befreiung ist Auferstehung mitten im Leben. Davon will ich heute von der urjüdischen Befreiungsgeschichte aus christlicher Perspektive erzählen.


Sklaverei als Todesherrschaft

Die Israeliten waren Sklaven in Ägypten. Sklaverei, das heißt Tod. Sklaven gehören nicht sich selbst, sie gehören ihren Herren. Sklaven sind nicht frei, sie sind gefangen. Sklaven können sich nicht entfalten, können nicht leben, was in ihnen steckt; alles wird niedergedrückt und erstickt. Sklaven können nicht selbst bestimmen; sie werden gezwungen. Die Israeliten waren Sklaven in Ägypten. Sie waren mitten im Leben tot.

Wir kennen das auch von uns her, von unseren Glaubenserfahrungen, in irgendetwas gefangen zu sein. Wir können uns nicht selbst befreien von unseren Ängsten, Sorgen und Todesfurcht. Und unsere Zeit kennt auch so etwas wie Sklaverei. Wir sind durch Corona nicht frei in unseren Entscheidungen, können nicht hinfahren, wohin wir wollen, uns versammeln wie wir wollen, einander begegnen wie wir wollen. So verzichten wir auch heuer auf Präsenzgottesdienste an Karfreitag und den Ostertagen Alles wegen dieses tödlichen Corona-Virus!

Das Gefühl, gefangen zu sein kennen wir. Was Sklaverei bedeutet, können wir nur erahnen. Wir spüren die Sehnsucht, endlich wieder frei zu sein. Noch viel mehr spüren die Menschen damals die Sehnsucht, endlich frei zu sein. Zuerst war sie noch ganz klein, diese Sehnsucht. Ganz klein nur, kaum mehr als ein Funke, zart und verletzlich wie ein Vogel. Diese Sehnsucht nach der Freiheit. Dies Sehnsucht nach Freiheit lässt sie träumen. Und klagen: Wer führt uns aus diesem Elend der Sklaverei heraus?– Gott hört ihre Klagen. Er ruft Mose: Führe mein Volk in die Freiheit! Es folgt ein langes Hin und Her. Doch dann ist es so weit: Sie ergreifen die Flucht. Bei Nacht und Nebel verlassen sie ihre Sklavenhäuser und werfen die Sklavenketten ab.

Sie verlassen die Brutstätten des Schreckens. Den Geruch von Schweiß und Blut. Sie treten ins Freie. Sie atmen auf. Sie atmen ein: frische, kühle Luft. Sie rennen los. Doch dann …


14.8. „Denn der Herr hatte es so gefügt, dass der Pharao, der König von Ägypten, nicht begriff und die Israeliten verfolgte. Die aber zogen aus mit erhobener Hand. 9 Die Ägypter jagten ihnen nach – alle Pferde und Wagen des Pharao, seine Reiter und sein Heer.

Die Israeliten lagerten noch am Meer, bei Pi-Hahirot vor Baal-Zefon.       Dort holten die Ägypter sie ein.“



Der Tod lässt sie nicht los. Niemanden gibt er her. Der Tod ist es gewohnt, immer das letzte Wort zu haben. Er ist die Endstation. Auch für uns. Auch zu Coronazeiten. Wenn der Tod uns holen kommt, hilft kein Mittel. Es trifft jeden. Wer seinen Krallen jetzt entwischt, wird gejagt, erbarmungslos gejagt. Bislang hat der Tod noch jeden gekriegt. Auch jetzt holt er auf …

Angst als Helferin des Todes

10 Als der Pharao näher kam, blickten die Israeliten auf und sahen: Die Ägypter rückten hinter ihnen heran!

Da bekamen die Israeliten große Angst und schrien zum Herrn um Hilfe.

11Sie beklagten sich bei Mose: »Gab es denn keine Gräber in Ägypten? Hast du uns in die Wüste gebracht, damit wir hier sterben? Wie konntest du uns aus Ägypten führen! 12Haben wir nicht schon in Ägypten zu dir gesagt: Lass uns in Ruhe! Wir wollen lieber den Ägyptern dienen! Es ist besser, dass wir in Ägypten Sklaven sind, als in der Wüste zu sterben.«

Die Angst ist die rechte Hand des Todes. Mit ihrer Hilfe holt sich der Tod seine Beute zurück. Denn die Angst lähmt. Auch die Israeliten. Sie hören die Pferde und Wagen der Ägypter. Sie hören die Rufe der Verfolger. Sie sehen den Staub in der Ferne aufwirbeln. Und sie bekommen Angst, Todesangst. Sie kommen nicht weiter. Der Antrieb schwindet, die Ideen gehen aus, die Beine werden schwer. Sie schauen nicht mehr nach vorn in die Freiheit, sie starren zurück in den Rachen des Todes. Sie schreien. Sie verzweifeln. Von Sehnsucht keine Spur mehr. Sie sehnen sich zurück. Die Angst verklärt die Vergangenheit: Warum nur sind wir geflohen? War es denn wirklich so schlimm im Grab? Schmeckte der Tod nicht auch süß? Waren wir da nicht geborgen? Ging es uns nicht eigentlich ganz gut? – Wo die Angst lähmt, wo die Angst die Sehnsucht nach der Freiheit erstickt und das Sklavendasein verklärt, da hat der Tod leichtes Spiel. Der Vorsprung schmilzt. Gleich haben die Verfolger das Volk am Meer eingeholt. Und dann gibt es keinen Ausweg mehr …

Befreiung aus der Todesmacht als Geschenk

13 Darauf sagte Mose zum Volk: »Fürchtet euch nicht! Stellt euch auf und seht, wie der Herr euch heute retten wird! Denn so, wie ihr die Ägypter jetzt seht, werdet ihr sie nie wieder sehen.

14 Der Herr wird für euch kämpfen. Ihr aber sollt still sein.

21 Mose streckte die Hand aus über das Meer. Da trieb der Herr das Meer die ganze Nacht durch einen Ostwind zurück.

Er machte das Meer zum trockenen Land, und das Wasser teilte sich.

22 So konnten die Israeliten auf trockenem Boden mitten durch das Meer ziehen. Das Wasser stand rechts und links von ihnen wie eine Mauer.


Nicht zu fassen! Da, ein Weg! Auf einmal tut sich ein Weg auf, wo kein Weg vorher zu finden war. Wo vorhin noch wild die Wellen schlugen, bahnt sich jetzt ein Weg. Ein Weg einfach aus dem Nichts. Vorhin war er noch nicht da. Gott hat ihn gemacht. Dass sich in der Sackgasse ein Weg auftut, das kann nicht ich machen, das kann nur Gott. Dass die Sackgasse entgegen allem Augenschein nicht das Ende ist, dass aus der Sackgasse ein Weg herausführt – und zwar nicht ein Weg zurück, sondern nach vorn! –, das kann nur ein Gott machen, der stärker ist als der Tod. Der Gott Israels ist ein Gott, der stärker ist als der Tod. „Fürchtet euch nicht! Haltet still, Gott kämpft für euch.“ – Die Klagen verstummen. Das Volk fasst Vertrauen. Vertrauen gegen die Angst. Sie starren nicht länger zurück. Sie schauen wieder nach vorn. Und gehen los.

23 Die Ägypter aber verfolgten sie. Sie jagten hinter ihnen her mitten in das Meer – alle Pferde des Pharao, seine Streitwagen und Reiter.

24 Kurz vor Morgengrauen sah der Herr nach den Ägyptern. Er blickte aus der Feuer- und Wolkensäule auf sie und brachte das Heer der Ägypter in Verwirrung.

25 Er bremste die Räder ihrer Streitwagen. Sie kamen nur mit Mühe voran.

Da sprachen die Ägypter: »Lasst uns vor Israel fliehen! Denn der Herr kämpft für sie gegen Ägypten.«

26 Darauf sagte der Herr zu Mose: »Strecke die Hand aus über das Meer! Das Wasser soll über die Ägypter zurückfluten – über ihre Streitwagen und über ihre Reiter.«

27 Mose streckte die Hand aus über das Meer. Da flutete das Wasser gegen Morgen wieder zurück. Die Ägypter aber flohen dem Wasser entgegen. So stürzte der Herr die Ägypter mitten ins Meer.

28 Das Wasser flutete zurück und bedeckte Wagen und Reiter. Das ganze Heer, das dem Pharao folgte, ging unter. Kein Einziger von ihnen blieb am Leben.

29 Aber die Israeliten waren auf trockenem Boden mitten durch das Meer gekommen. Denn das Wasser stand rechts und links von ihnen wie eine Mauer.

30 So rettete damals der Herr die Israeliten vor den Ägyptern. Israel sah die Ägypter tot am Ufer liegen.“



Das jüdische Volk zieht durch die Fluten in die Freiheit. Über den Verfolgern aber schlagen die Wellen zusammen. Der Tod ertrinkt. Der Tod wird in den Sieg verschlungen. Nie wieder wird er nach ihnen ausgreifen. Nie wieder wird er über sie herrschen. Nie wieder wird er sie demütigen, erniedrigen, versklaven. Er ist ein für alle Mal besiegt. Sie erreichen das andere Ufer. Vergnügt, erlöst, befreit. Das lässt sie singen. Sie singen, spielen und tanzen. Sie stimmen das allererste Osterlied an.

„15,20 Die Prophetin Mirjam, die Schwester Aarons, nahm ihre Pauke in die Hand. Auch alle anderen Frauen griffen zu ihren Pauken und zogen tanzend hinter ihr her.

21 Mirjam sang ihnen vor:

Singt für den Herrn: Hoch und erhaben ist er.

Rosse und Wagen warf er ins Meer.“

Vom Wert der Freiheit in unfreien Zeiten

Auferstehung ist Befreiung. Befreiung mitten im Leben. Nicht erst am jüngsten Tag, nein, schon jetzt. Auferstehung geschieht überall da, wo sich ein Weg durch das Nichts bahnt, wo der Stein weggerollt wird, wo wir allem entkommen, was uns klein und würdelos macht. Auferstehung geschieht überall da, wo die Angst verstummt, weil Gott uns einen Weg weist. Auferstehung geschieht überall da, wo das, was uns kaputt macht, selbst kaputt geht. Auferstehung geschieht überall da, wo sich unser Mund öffnet und wir anfangen zu singen: „Lasst uns dem HERRN singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt.“

Auferstehung ist Befreiung. Dass wir Christen das wissen, das verdanken wir unseren jüdischen Glaubensgeschwistern. Sie haben ihre Freiheitsgeschichte mit ihrem jüdischen Mitmenschen Jesus und seinen Jüngern geteilt. Und Jesus teilt diese jüdische Freiheitsgeschichte  mit uns, seinen Nachfolgern und Christen zu allen Zeiten und Jahrhunderten. Egal ob evangelisch, katholisch, orthodox, oder was weiß ich, wir feiern als Christenheit miteinander und mit unseren jüdischen Glaubensgeschwistern ihre uralte Freiheitsgeschichte. Und mit dem, was Jesus damals widerfahren ist, damals nach seinem letzten Passahmahl, dieses österliche Ereignis hat sie uns zur Ostergeschichte werden lassen.

Das Grab ist leer, der Tod hat plötzlich nicht mehr das letzte Wort und das Leben feiert seinen Sieg immer wieder über das, was uns gefangen nehmen will.


In der Pandemie fehlt uns die Freiheit sehr. Ich hoffe zumindest, dass sie uns fehlt. Ich hoffe sehr, dass wir uns zuhause nicht zu sehr einrichten. Es ist gemütlich in den eigenen vier Wänden, ohne viele Kontakte, ohne Begegnungen mit anderen Menschen, die einem sonst zu nahe rücken. Aber dieses Leben in der Pandemie ist auch ein Gefängnis, ein Sklavenhaus, dem das echte Leben fehlt. Und die Lebensfreude auch. Ich nehme wahr, wie wenig sich die Menschen freuen können. Dabei gibt es doch auch die kleinen Dinge, die uns das Herz aufgehen lassen. Wie Mehltau legt sich diese Pandemiedepression auf unsere Gemüter. Wir Menschen sehen gedrückt und müde aus.

Aber dann entdecke ich doch den einen oder anderen Funken Sehnsucht nach einem Ende der Gefangenschaft und den einen oder anderen Funken  Sehnsucht nach Freiheit in uns. Klar, Freiheit ist immer riskant. Wer weiß, was auf uns zukommt, wenn wir durch diese Pandemie sind, oder durch das, was uns sonst bindet und gefangen nimmt? Aber – und das dürfen wir mit Ostern als Auferstehungsgeschichte glauben: Der Tod konnte Jesus nicht zurückhalten. Wir stecken mitten in der Ostergeschichte, die auch eine Befreiungsgeschichte vom Tod ist.  Wie es am Ende drüben am anderen Ufer dann aussieht, wissen wir nicht. Aber ich finde es einen tröstenden Gedanken, wir werden am Ende, wenn wir durch sind, von Jesus und all den anderen empfangen und einen österlichen Tanz beginnen, vor Freude hüpfen und springen, weil wir durch sind und das Land der Freiheit gefunden haben. 
Amen.

Innere Heilung unserer Krankheit, Onlinepredigt Karfreitag 2021

Predigt über Jesaja 53,1-12 Innere Heilung unserer Krankheit  Karfreitag 2021


Wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und wem ist der Arm des Herrn offenbart? Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.
Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.
Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der Herr warf unser aller Sünde auf ihn. Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. Er ist aus Angst und Gericht hinweg genommen. Wer aber kann sein Geschick ermessen? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat meines Volks geplagt war. Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist. So wollte ihn der Herr zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und in die Länge leben, und des Herrn Plan wird durch seine Hand gelingen. Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden. Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben, und er soll die Starken zum Raube haben, dafür dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.

Liebe Gemeinde,

1. Unbekannte Lasten
Was schleppen wir manchmal an Lasten mit uns herum. Damit meine ich nicht sichtbare Lasten. Oft genug schleppen wir Lasten mit uns herum, die keiner sieht, die vielleicht sogar uns selbst nicht bewusst sind. Aber wir

Möglicherweise fühlen wir uns schuldig, fühlen uns unsicher, sind neidisch auf andere und überhaupt mit dem Leben so wie wir es momentan durchleben, sind wir unzufrieden. Lauter emotionales Gepäck schleppen wir da mit! Viele Menschen sind überladen mit Sorgen, müde von der Arbeit und ausgepowert über fehlgeschlagene Planungen. Wie ist es da möglich mit dem Leben zufrieden zu sein? Wie kann man da glücklich sein oder wenigstens zufrieden sein mit seinem Leben, wenn man sich ständig nur abmüht und durchschleppt durchs Leben?

Wenn Menschen innere Lasten zu schleppen haben, haben sie oft auch körperliche, psychosomatische Beschwerden. Sie sind immer unruhig, haben ständig Schmerzen, können sich nicht mehr entspannen. Sie brauchen dringend Hilfe.

Es gibt Zeiten, da geht es mir ganz genauso. Ich schleppe mich mit etwas ab. Etwas plagt mich. Aber wenn ich mich nach meiner Last frage, kann ich sie nicht benennen. Ich weiß dann nur, etwas drückt mich, plagt mich. Ich bin mit einer Last beladen, die ich möglicherweise nicht benennen kann.


Liegt es daran, dass wir es gewohnt sind, beladen zu sein? Lieben wir so sehr die Krankheit und den Schmerz? Warum ist es nicht möglich unsere Last einfach abzulegen?


Zum einen wohl, weil wir sie vergessen haben. Wir haben die Last, die auf uns liegt, verdrängt. Die Last auf Dauer zu spüren, ist ja auch schmerzlich. Und vielleicht hat die Last, die wir tragen, auch mit Schuld zu tun. Zum anderen werden wir die Last nicht so einfach los, weil wir daran gebunden und verstrickt sind.

So gibt es eine bekannte Seite von uns und eine auch für uns selbst unbekannte Seite. Nach außen hin lassen wir uns möglichst nichts anmerken, dass es auch noch eine andere Seite an uns gibt, die wir als Last und Mühsal empfinden.

Wie ist das mit der Last? Möchte Gott, dass wir mit schwerer Last auf dem Rücken ständig herumlaufen? Ist sein Lebensziel mit uns Erschöpfung?
Es gibt wohl Christen, die das glauben. Sie denken, wenn du dich Gott anvertraust, dann wird er dir den Rest deines schönen Lebens wegnehmen. Du musst dein Ich aufgeben, Dich aufopfern und Gott packt dich mit Anforderungen so voll, dass du am Ende überfordert bist.

In Jesaja 53 wird ein solcher Mensch beschrieben: Alles Schöne und Liebenswerte wurde ihm genommen: Dieser Mensch ist am Ende, musste sich aufopfern:


In Jes. 53,10 steht: “Der Herr wollte ihn leiden lassen und zerschlagen.“ Und in Vers 4-5: “In Wahrheit hat er die Krankheit auf sich genommen, die für uns bestimmt war und die Schmerzen erlitten, die wir verdient hätten. Er wurde verwundet, und wir sind heil geworden.“

Das klingt in meinen Ohren furchtbar. Zunächst ist es ja ein Gottesknechtslied in der hebräischen Bibel von einem unbekannten Gottesknecht, dem eine furchtbare Last auferlegt worden ist. Wollte Gott diesen unbekannten Menschen wirklich leiden lassen und zerschlagen? Wie kann dieser unbekannte Mensch die Krankheit, die uns bestimmt war, auf sich nehmen. Wie kann er die Schmerzen, die wir verdient hätten, selber erlitten haben?

Wer ist dieser Mensch voller Krankheit und Schmerzen? Vielleicht eine einzelne Gestalt, der Prophet selber, vielleicht das Volk Israel, das im Exil Schlimmes durchmachen musste. Wir wissen es nicht.

Später ist dann diese Aussage über den unbekannten Gottesknecht von den frühen Christen auf Jesus übertragen worden: Sie schauen auf Jesus, den Gekreuzigten und sagen: Ja, genau das trifft auch auf Jesus zu: Was über den unbekannten Gottesknecht in Jesaja ausgesagt wird, wird auch über unseren Jesus ausgesagt:

“ Der Herr wollte ihn leiden lassen und zerschlagen.“

“In Wahrheit hat er die Krankheit auf sich genommen, die für uns bestimmt war und die Schmerzen erlitten, die wir verdient hätten. Er wurde verwundet, und wir sind heil geworden.“

Schnell sind wir dabei, von unseren Traditionen und Überlieferungen her bestärkt, mit einzustimmen:  Ja, genau: Als Jesus am Kreuz hing, wollte Gott ihn zerschlagen und leiden lassen. Und am Kreuz, fürwahr trug er unsere Krankheit, lud auf sich unsere Schmerzen.

Inzwischen frage ich mich aber: Wollte das Gott wirklich, dass Jesus am Kreuz zerschlagen wurde? Wollte Gott wirklich Jesus leiden lassen? Wollte Gott wirklich, dass er am Kreuz unsere Lasten trägt und nicht wir?

Ist Jesus für uns gestorben?

Ich will denen unter uns, denen dieser Satz lieb und vertraut ist, nicht wegnehmen., ist. Wenn dieser Satz, dass Jesus am Kreuz für uns gestorben, dir gibt Trost und eine echte Hilfe ist, frei zu werden, von dem, was dich gerade niederdrückt, bin ich der letzte, der dir das wegnehmen will.

Ich will aber denen unter uns, denen dieser Satz zunehmend fremd geworden ist, weiterführen in einen anderen Raum, in dem ganz neu darüber nachgedacht werden kann: Wie ist es, wenn ich so beladen bin, wie kann ich frei werden? Wie ist es, wenn ich mich krank fühle, wie kann ich wieder heil werden?

Im Jesajatext ist ja von einer Krankheit ist die Rede.  Er trug unsere Krankheit. Wie kann man die Krankheit eines anderen tragen? Geht nicht. Aber die Krankheit mit einem anderen Menschen teilen, das geht. Er trug die gleiche Krankheit wie wir.

Was macht uns krank? Was macht mich krank?

Mich macht krank, wenn ich selber mir manches  vorhalte, was für mich schwer wiegt. Oder auch das macht mich krank, wenn ich mir von anderen etwas vorhalten lassen muss, was ich als schwerwiegend  und niederdrückend empfinde.

Was Menschen, die über ihn urteilten, Jesus vorgehalten haben, das war ebenfalls  für ihn schwerwiegend, niederdrückend: „Du lästerst Gott, in der Art und Weise, wie du deinen Glauben lebst! Für dich ist kein Platz auf dieser Welt!“ Das macht krank.

Mich macht krank, wenn ich mir ständig etwas vorwerfe oder vorwerfen lasse, selbst wenn es nicht stimmt. Mich macht krank, wenn ich auf meine Schuld festgenagelt werde.

Jesus wurde buchstäblich am Kreuz festgenagelt. Und darüber wurde ein Anklageschild genagelt: König der Juden wollte er sein, dieser Jesus, ein Aufrührer und Rebell.  Festgenagelt auf etwas, was er gar nicht sein wollte. Das macht krank.

Mich macht krank, wenn wir es nicht aushalten, dass wir alle miteinander nur Menschen sind: wir sind unvollkommen, fehlerhaft, manchmal auch boshaft und in manchem können wir mehr als abgrundtief böse sein –  ich selber auch. Und das zu erfahren und zu erleiden, macht mich krank.

Jesus erleidet diese Abgründe menschlichen Daseins. Die Bosheit und das abgrundtiefe Bösesein seiner Mitmenschen tobt sich an ihm aus. Das macht krank.

Fürwahr, er trug unsere Krankheit.

Unsere Krankheit. Das Wort unser verweist auf die soziale Struktur einer Krankheit. Ich bin nicht für mich allein krank. Das soziale Umfeld, das Miteinander kann krank machen. Jesaja weiß davon, wenn er von unserer Krankheit spricht, wie sehr Schuld einen Menschen krank machen kann und wie tief hinein dabei die Schuld in die sozialen Strukturen unseres persönlichen Lebens hineinverwoben ist. Wir sprechen z.B. von der manchmal krankmachenden Arbeitswelt, oder von krankmachende Beziehungen.

„Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen.“

Von Schmerzen ist auch die Rede beim Gottesknechtlied: Er lud auf sich unsere Schmerzen.

Viele von uns wissen, was körperliche oder psychische Schmerzen sind, leiden vielleicht selber darunter oder haben Angehörige, bei denen sie hilflos zuschauen müssen. Wir erfahren den physischen und psychischen Schmerz in unterschiedlichster Weise: den Schmerz, wenn du Abschied nehmen musst von einem dir vertrauten Menschen; den Schmerz im Erleiden einer unheilbaren Krankheit; den Schmerz, wenn du das Gefühl hat, allein gelassen zu sein, den Schmerz der Einsamkeit im Alter; den Schmerz in den Verletzungen, die uns zugefügt werden. Oder der Schmerz im schreiendem Unrecht, dem wir uns hilflos ausgeliefert fühlen; der Schmerz in unzähligen Verlusterfahrungen. All das schmerzt.

Wir müssen nicht an einem Kreuz hängen, um dem Schmerz ausgesetzt zu sein. Wir müssen nicht selbst gekreuzigt sein, um uns mitten im Leben gekreuzigt zu fühlen, aufs Kreuz gelegt. Im Schrei Jesu am Kreuz drückt sich unser ganz Schmerz aus, ja der Schmerz einer ganzen geschundenen Menschheit und Schöpfung.

 Schmerz und Krankheit – daran haben wir alle in irgendeiner Weise zu tragen. Und wir alle sehnen uns nach Heilung, innerer und äußerer Heilung.

Kann der Tod Jesu Heil bringen in dem Sinn, dass er zur eigenen inneren Heilung beiträgt?

Wo Krankheit ist, kann eine innere Heilung geschehen:  Gott kann aus einem Leiden, das sonst sinnlos wäre, etwas Gutes entstehen lassen. Diese Erfahrung haben Menschen zu allen Zeiten gemacht und daran möchte auch ich festhalten: Gott kann aus dem Leiden von Menschen Gutes entstehen lassen:

Dietrich Bonhoeffer schrieb aus dem Gefängnis heraus:  

„Ich glaube,
dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten,
Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen,
die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.
Ich glaube,
dass Gott uns in jeder Notlage
so viel Widerstandskraft geben will,
wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im voraus,
damit wir uns nicht auf uns selbst,
sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben müsste alle Angst
vor der Zukunft überwunden sein.“

Müsste. Bonhoeffer ist selbst unsicher, ob tatsächlich alle Angst vor der Zukunft überwunden ist, wenn wir nur glauben.

Noch einmal meine Frage:  Kann der Tod Jesu Heil bringen, dass er zu unserer inneren Heilung beiträgt?

Er müsste es jedenfalls. Er könnte es, wenn wir Gott nur genug Vertrauen entgegenbringen, dass Gott es gut mit uns meint.

Heil und innere Heilung hat Jesus schon zu Lebzeiten den Menschen gebracht, indem er den Menschen gezeigt hat: Gott ist gut zu dir. Da hat er es bewiesen: Gott ist gut zu dir, er kann dich heilen innerlich und äußerlich. Und dazu ist Jesus gekommen, sagt Jesus, den Menschen Heil und Heilung zu bringen. Zu den Mühseligen und Beladenen sieht sich Jesus gesandt. Wie einen Arzt sieht er sich, den zwar nicht die Gesunden brauchen, aber umso mehr die Kranken.

Aber nun ist er selber krank und elend am Kreuz hängend. Er ist nicht mehr Arzt und Heiler, der andern helfen kann. „Steig herunter und hilf dir selber!“ spotten sie über ihn. Ein Arzt, der sich und anderen nicht mehr helfen kann. Kann von einem solchen hilflosen Helfer Heil und Heilung kommen?

Allein mit dem Tod am Kreuz sicher nicht. Das Kreuz durchkreuzt Jesu heilende Sendung. Ganz abrupt wurde damit seine Mission, seine Sendung gestoppt, den Mühseligen und Beladenen Arzt und Helfer zu sein. Nun stirbt Jesus selbst den Tod von uns Mühseligen und Beladenen. Was Heil war, hat sich in Unheil verkehrt. Was in ihm heil war, ist zerbrochen. Auf ihn liegt sogar ein Fluch, sagt Paulus.

Die Strafe liegt auf ihn, damit wir Frieden hätten, heißt es im Gottesknechtlied Jesajas.

Wer straft da Jesus? Gott? Nein, ganz bestimmt nicht. Ich kann es mir nicht vorstellen, dass sich am Kreuz ein zorniger Gott austobt.  Wenn einer straft, dann sind es wir Menschen. Was wir einander antun, manchmal wissentlich, oft unabsichtlich, das ist unsere Strafe. Die Konsequenz, die Folgen unseres manchmal so abgrundtief boshaften Lebens, hatte Jesus zu tragen.

Es ist der Hass und die Wut von Menschen, die ihm damals den Tod eingebracht haben. Es ist die Grausamkeit, zu der wir Menschen fähig sind, die ihm Nägel ins Fleisch getrieben haben. Es ist das Unheil, das Menschen aus welchen Gründen auch immer dazu bringt, den Menschen nicht mehr Mitmensch sein  zu lassen, was Jesus das Unheil einbringt All das trägt er, erträgt er bis zum Schluss.

Und seitdem bist du mit deiner Last, deinem Unheil, deiner Krankheit nicht mehr allein Wir müssen unsere Lasten nicht alleine tragen. Schau auf ihn, er trägt die gleiche Last wie wir dort  am Kreuz.

Ein jüdisches Sprichwort besagt: „Wer einen Menschen rettet, rettet die ganze Welt!“  Umgekehrt kann ein Mensch die ganze Welt retten. Symbolisch trägt dieser eine Mensch die Last der ganzen Welt. Stellvertretend für alle trägt dieser eine Mensch diese Last.

Er wäre darunter zusammen gebrochen, genauer gesagt: er ist darunter zusammengebrochen. Kein Mensch kann diese Last der gesamten Welt tragen. Auch Jesus nicht. Darum ist er zusammengebrochen. Und war am Ende. Am Ende war nur sein Schrei, der Schrei stellvertretend für den Schrei der geschundenen Menschheit.

Und nur weil Gott ihn wieder auferweckt hat, ihn wieder ins Recht gesetzt hat, kann er als gekreuzigter und auferstandener Herr uns Heil bringen. Wir dürfen unter seinem Kreuz alles abladen, was uns belastet. Wir brauchen unsere Lasten nicht alleine tragen.

Merken Sie in Ihrem Leben davon, dass Sie Ihre Last nicht dauernd selber herumschleppen müssen? Leider merke ich selber manchmal wenig davon, was mich angeht. Oft genug verhalte ich mich so, dass ich glaube ein besserer Christ zu sein, je mehr ich an Belastung trage und spüre. Ich habe das bis in meinen Körper hineingetan, gemeint, alles selber schleppen zu müssen.

Im Bild gesprochen: Unser Leben gleicht manchmal einem Eisberg. Da ragt etwas sichtbar aus dem Wasser, die Spitze des Eisberges. Bei den einen ist diese Spitze des Eisberges so groß, dass sie nicht zu übersehen ist. Bei den anderen ist die Spitze des Eisberges winzig, leicht zu übersehen. Aber was viele übersehen:  Unter der Wasseroberfläche in  den Tiefen des Lebens verbirgt sich mehr: Manchmal sind es riesige Lasten, die wir unter den Tiefen des Lebens verborgen halten. Oft genug ist es uns gar nicht bewusst, was sich da unten  in  uns verbirgt.

Es braucht uns nicht zu wundern, wenn wir möglicherweise das Leben als Riesenlast empfinden, obwohl doch oberfläch-lich gesehen nur wenig Eis zu sehen ist. Möglicherweise ist es nur die Spitze vom Eisberg. Möglicherweise schleppen wir uns mit den richtig großen Lasten in den Tiefen unserer Seele ab.

Aber auch das müssen wir nicht. Wir können eines tun: Gott heranlassen an den Eisberg in unseren Tiefen. Das bedeutet Heilung: Alles in mir Zerbrochene Gott hinhalten. Egal ob ich es zerbrochen habe oder andere in mir: Gott hinhalten, damit er es heilen kann.

Oder im Bild des Eisberges: Heilung bedeutet, sich der heilenden Wärme und Liebe Gottes immer und immer wieder auszusetzen, bis das Eis schmilzt, bis sogar ein ganzer Eisberg schmilzt, auch das Eis in meinen Tiefen.

Es dürfte klar sein, dass Heilung nicht von heute auf morgen geschieht, dass Heilung Zeit braucht. Gott richtet das in mir Zerbrochene so gut wie möglich wieder her. Heilung bedeutet aber auch, dass die Macht der Zerbrochenheit von Gott gebrochen wird und du frei wirst von der Macht von Sünde, Krankheit und anderen Todesmächten, die dich beherrschen wollen. Bis wir wirklich frei und heil geworden sind, bis wir eine neue Schöpfung geworden sind, das kann dauern,

Was kann uns heilen? Es ist letztlich die bedingungslose Liebe Gottes, die alles, was in uns erstarrt und wie tot ist, wieder zu neuem Leben erwecken kann.

Ach, wenn du es doch bloß fassen könntest,
wie tiefgehend diese Liebe Gottes ist,
dann würdest du es tief in dir drinnen spüren,                      wie sehr du geliebt bist von Gott!

Du fragst dich, wie das zusammenpasst, Dein Schicksal, deine Schicksalsschläge, deine Krankheiten, das was du gerade durchmachst oder durchgemacht hast, wie das zusammen passt mit einem gütigen, liebenden Gott?
Schau auf den einen, der genauso fragend am Kreuz hängt.

Du zweifelst, dass da ein Gott ist, der dich lieben kann?
Du meinst du, du hast schon zu viel durchgemacht, dein Herz ist schon zu verschlossen für diesen Gott?
Vertraue darauf. Gott ist da in allem Leid, in aller Krankheit und allem Schmerz ist Er da und seine Liebe geht tief genug,  um dich in den Tiefen deines Herzens zu erreichen.
Glaub mir, Gottes Liebe ist unglaublich heilsam für deine Seele

Aus dieser heilsamen Liebe Gottes ist auch Jesus  am Kreuz nicht herausgefallen.  Und auch, wir, ganz egal welche Last uns belastet, ganz egal welche Krankheit, welches Leid, welche Schuld auf uns lastet, ganz egal, welcher Schmerz uns quält, auch wir fallen nicht aus dieser heilsamen Liebe Gottes. Und je länger wir dieser Liebe ausgesetzt sind, desto eher geschieht Heilung und Versöhnung.

Es gibt besondere Zeiten für Heilung. Gott handelt dann sehr intensiv. Heilung ist aber auch ein lebenslanger Prozess. Der vielleicht noch intensiver ist. Wir werden hineingenommen in den Heilungsprozess Gottes. Gott sieht uns jetzt schon heil und vollkommen. Und ob wir es glauben können oder nicht, wir sind schon längst auf der Reise der „Inneren Heilung“: Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen, damit wir heil werden. Amen.

Das Leben als Wettkampf Predigt am Palmsonntag, 28.3.21

Gottesdienst am 28. März 2021

Hebräer 11,1-2  12,1-3

1 Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. 2 In diesem Glauben haben die Alten Gottes Zeugnis empfangen.

Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns umstrickt.

Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, 2 und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. 3 Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, dass ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.  (Lutherbibel)


Liebe Gemeinde!

Wir befinden uns in einem Wettkampf. Viele Leute stehen daneben und feuern uns an. Diese haben den Wettkampf auch schon gekämpft und gewonnen. Wir sind mitten im Lauf. Und wir spüren: Es ist unser Kampf im Leben. Wir müssen ihn bestehen. Da müssen wir durch. Aufgeben geht nicht.

Das Leben als Wettkampf. Und wir müssen ihn bestehen, in der Gesellschaft, jetzt unter Coronabedingungen, in der Gemeinde, weil so vieles sich verändern wird und auch in unserem Glaubensleben.

Wenn wir als Christen unseren Glauben leben wollen, befinden wir uns in einem Wettkampf. Wer hält durch? Wer macht unterwegs schlapp? Was gibt uns in Zeiten der Herausforderung Kraft? Wo haben wir Kraftreserven? Was macht uns stark?

Wie ein Wettkampf fühlt sich das an. Und in jedem Wettkampf gibt es unterschiedliche Phasen: In manchen Zeiten laufe ich schnell und beschwingt.  Ich habe einen Lauf, sage ich mir dann und gebe Gas. In anderen Zeiten tue ich mich unheimlich schwer, durchzuhalten. Und dann gibt es ehrlicherweise auch Zeiten, wo ich am liebsten aufgeben möchte und es auch tue. Es hat doch keinen Sinn mehr!

Ein Wettkampf ist ein gutes Bild für unser eigenes Leben und für unseren Glauben und auch für Gemeinden.

Im Hebräerbrief  hat der Schreiber tatsächlich eine Gemeinde vor Augen. Die Gemeinde existiert am Ende des 1. Jahrhunderts . Sie besteht aus Menschen, die an Jesus Christus glauben und die die Bibel der Juden, das hebräische Alte Testament, kennen. Diese Gemeinde lebt wahrscheinlich nicht im Land der Hebräer, in Israel, wie man vielleicht aufgrund des Namens vermuten könnte. Heutige Forscher glauben: Sie leben eher in Europa, vielleicht in Italien. Aber das spielt keine große Rolle. Entscheidend ist, in welcher Verfassung sich diese Gemeinde befindet. Sie befindet sich in einer eher kläglichen Verfassung.

Diese Christen leben zwei Generationen nach Jesu Tod. Keiner lebt mehr, der Jesus selbst gekannt hat. Man erzählt die Geschichten von Jesus. Man kennt die Geschichten der hebräischen Bibel, die man von der jüdischen Gemeinde übernommen hat. Man trifft sich als Gemeinde. Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Jahrzehnte sind so vergangen. Kein schnelles Ende der Welt war eingetreten. Das hatten sich die ersten Christen so vorgestellt: Jesus wird bald wiederkommen. Aber Jesus ist immer noch nicht wiedergekommen. Aber an der Hoffnung hält man trotzdem fest. (Hebr 10,37)

Und so haben sie sich in dieser Gemeinde längst wieder eingerichtet  in der Welt. So ähnlich wie wir. Mit unseren Häusern und Wohnungen, mit den Familien, Kindern, mit großen Sorgen wie Corona und mit Alltagssorgen. Mit der Arbeit, mit all den Mühen des Lebens. Auch mit den Freuden. So vieles beschäftigt uns Tag für Tag, Woche für Woche. An manchen Tagen kommen wir kaum zur Besinnung. Wir versuchen uns durchs Leben zu kämpfen ohne großes Konzept. So ähnlich war es damals auch.

Die im Hebräerbrief angesprochenen Christen werden im Laufe der Jahre müde und matt. Haben kein Feuer mehr so wie die ersten Christen nach Ostern und Pfingsten. Manche verlieren den Glauben, kommen nicht mehr zu den Zusammenkünften der Gemeinde. Sie müssen neu gewonnen werden für den Glauben, brauchen Motivation für den Kampf des Glaubens. Oder eine Mischung aus Ermutigung und Ermahnung, wie es der Hebräerbrief versucht.

Ich finde das direkt spannend. Denn uns ergeht es ja ganz ähnlich. Wir sind auch oft ohne Feuer. Das wirft man „der“ Kirche als Ganzes heute immer wieder vor.  Jede Gemeinde wurstelt sich für sich so durch. Unser christliche Glaube, je nach Gemeinde vor Ort, mal lebendig, mal auch eher müde und ermattet. Und egal ob lebendig oder ermattet, unser christlicher Glaube droht in der Gesellschaft zu verdunsten. Wozu brauchen wir eigentlich noch Kirche? Fragen sich viele in der Gesellschaft und treten aus.

In der Kirche sind wir beschäftigt. Viel zu viel mit uns selbst sind wir beschäftigt. Wir sind beschäftigt mit Finanzen, Bauen, Renovieren und Erhalten, mit jeder Menge Bürokratie. Und seit einem Jahr mit Sicherheitskonzepten und Hygieneplänen wegen Corona. Hin und wieder gelingt uns der Blick über den Kirchturm. Und dann machen wir uns Sorgen. Wir sorgen uns um die Zukunft der Kirche. Das alles macht uns auch manchmal in der Tat müde und mutlos. Und das ewige Coronathema tut das seine dazu, dass uns alles zum Hals heraushängt.


Und uns ergeht es ähnlich wie der bröckelnden Gemeinde damals Ende des 1. Jahrhunderts.  Heute im 21. Jahrhundert wenden sich immer mehr heutzutage vom christlichen Glauben ab. Sie halten nicht durch. Sie werden müde. Sie finden es nicht mehr reizvoll, Teil der Kirche und der Glaubensfamilie zu sein. Die beiden großen Kirchen in Deutschland werden sich in den nächsten 30–40 Jahren halbieren: Wir werden nur noch die Hälfte der Mitglieder haben, die Hälfte der Mitarbeitenden, die Hälfte der Finanzen und Gebäude.  In 15 Jahren werden wir die Hälfte an Pfarrhäusern und die Hälfte an Pfarrer und Pfarrerinnen haben. Und wir fragen uns auch: Was können wir tun, außer hilflos zuzusehen?

Der Schreiber des Hebräerbriefs hatte damals die Sorge, dass immer mehr Christen auf der Strecke liegen bleiben. Er schreibt und predigt, er mahnt und ermutigt. Einen Teil davon haben wir heute gehört. 

Was können wir für unseren Glauben im 21. Jahrhundert von den Sorgen und Nöten der Gemeinden am Ende des 1. Jahrhunderts lernen?

Die erste Erkenntnis ist vielleicht schon hilfreich: Zu allen Zeiten sind Christen und Christinnen in ihrem Glauben herausgefordert worden. Ob in den Anfängen einer kleinen Schar von Jüngern und Jüngerinnen, die Jesus nachfolgt sind, oder in den Anfängen von vielen kleinen Splittergemeinden Ende des 1. Jahrhunderts über das ganze Weltreich zerstreut. Oder zur Reformationszeit, Dreißigjähriger Krieg, 2. Weltkrieg, und wir 21. Jahrhundert, die wir in einer Corona-Epidemie feststecken. Zu allen Zeiten war christliches Leben und christlicher Glaube herausgefordert. Und Christen haben sich zu allen Zeiten in ihrem Glauben bewährt. Und ihr Glaube hat Menschen zu allen Zeit in Krisenzeiten tatsächlich geholfen.

Und zu allen Zeiten sind die Gemeinden und Kirchen herausgefordert worden, haben sich anpassen müssen, um zu überleben oder gerade nicht angepasst und irgendwie haben Gemeinden und Kirchen überlebt. Gemeinden und Kirchen sind immer im Wandel. Wir merken es erst, wenn wir zurückschauen.

Und zu allen Zeiten haben Christen darum gerungen, wie ihr Glaube an Jesus zeitgemäß sein kann, wie Traditionen und Veränderungen sich abwechseln.


Hier in der Kirche, im Gottesdienst erwarten wir uns ein paar Inspirationen für die nächste Zeit: Wie kann unser Glaubensleben jetzt im März 2021 aussehen? Wie schaffen wir es Corona durchzuhalten? Wie gelingt es, dass wir als Christen unseren Lauf gut laufen? Woher kriegen wir Kraft für den Kampf?

1. Inspiration: Wir können ablegen, was uns beschwert „Lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns umstrickt.“ (Hebr 12,1)
Ganz zu Anfang eines Gottesdienstes besinnen wir uns auf Gott. Ich meine das klassische Sündenbekenntnis. Wir legen bei Gott alles ab, was uns beschäftigt, was uns beschwert, was uns am Leben und Glauben hindert. Wir bringen es Gott und bitten ihn um Erbarmen. Er möge uns annehmen, wie wir sind, und uns unsere Sünden vergeben. Dann erfolgt der Gnadenzuspruch. Genau das wird uns zugesagt: Du darfst erleichtert weiterleben, unbeschwert sein, frei von Sünde.

Ablegen, was uns beschwert, können wir auch im Alltag außerhalb der Kirche: Was uns beschwert, mag unterschiedlich sein. Unser Sorgen und Kreisen um Corona, unser Kreisen um die Kirche, den Arbeitsplatz, unser Sorgen und Kreisen um familiäre Probleme.

Es gehört Übung dazu, abzulegen, loszulassen, Gott zu vertrauen, dass uns dann nichts fehlen wird, wenn wir loslassen. Ablegen zu können, was beschwert. Nur dann kann man gut laufen. Stellen wir vor, was wir möglicherweise die ganze Zeit mit uns schleppen an Lasten, die wir zu mindestens kurzzeitig ablegen und loslassen können. Ganz praktisch kann das so aussehen, dass ich, wenn ich merke, wie wieder etwas auf mir lastet, ich gedanklich diese Last innerlich loslasse: Hier hast du Gott, trag du diese Last für mich. Entlaste mich von meinen Sorgen. Und siehe da, es läuft sich schon entlasteter.. und befreiter…

2. Inspiration:  Wir können uns in Geduld einüben.  Geduldig sein
Lasst uns laufen mit Geduld …“ (Hebr 12,1)

In unserem Wettkampf müssen wir geduldig sein. Wir dürfen nicht vorschnell aufgeben. Geduldig sein, ist allerdings schwer zu leben in einer ungeduldigen, schnelllebigen Zeit. Aber ohne Geduld und Beharrlichkeit kommt man nicht weit. Geduldig sein heißt auch, dass ich Frust aushalten kann. In jeder Beziehung, auf jeder Arbeitsstelle und auch in jedem Glaubensleben gibt es Frustmomente und Frustphasen. Da denke mir: Das bringt doch nichts. Am besten breche ich ab und suche mir was Neues. Das ist meines Erachtens eine der größten Schwachstellen in der heutigen Gesellschaft, dass Menschen zu wenig Geduld haben, Geduld mit unseren Kindern und sie mit uns, Geduld mit unseren Ehepartnern und sie mit uns, gerade in den schwierigen Phasen einer Partnerschaft, Geduld auf der Arbeit, Geduld mit dem Chef, und er mit uns, Geduld mit den Kolleginnen und sie mit uns. Warum sind wir miteinander immer so ungeduldig und warum so schnell gefrustet? Vielleicht wir perfekt sein wollen, immer gut vorbereitet und es sollte einfach leichter gehen als es tatsächlich geschieht.

Und so gehen wir schnell weiter, wenn es uns irgendwo nicht passt. Wir haben uns schon fast daran gewöhnt, an dieses ungeduldige Drängeln in unserer Zeit. Impfdrängler kommen mir in den Sinn, sie können nicht abwarten, bis sie an der Reihe dran sind.

Im Wettkampf brauche ich viel Geduld. Als Läufer habe ich auch Frustphasen in meinem Lauf. Wo ich wirklich nicht mehr will. Nicht mehr kann. Fast zusammenbreche. Wenn ich diese Frustphasen nicht überwinde, komme ich nicht an, gewinne ich nie. Durchzuhalten ist wichtig im Leben und im Glaubensleben. Deswegen lasst uns laufen mit Geduld! Und Geduld üben! Und andere ermutigen, geduldig zu sein und durchzuhalten. Dabeizubleiben. Ohne Geduld kämen wir nicht an.

3. Inspiration:   Schauen, wie die anderen es vor uns gemacht haben, besonders auf Jesus schauen. Zu ihm aufsehen, von ihm lernen.
„Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen … lasst uns laufen mit Geduld … und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens …“ (Hebr 12,1–2)

Die „Wolke der Zeugen“ – Gemeint sind damit viele Vorbilder des Glaubens aus der Geschichte Israels. Wir kennen sie alle mehr oder weniger gut. Der Schreiber fängt an mit Abel, Noah, mit Abraham und Sarah und kommt bis zu den Propheten und Glaubensmärtyrern. Er kommt richtig in Fahrt und nennt immer mehr Glaubenszeugen und erzählt zu jeder und jedem ein, zwei Verse, benennt, was ihren Glauben ausmacht. Aber schließlich sieht er, dass uns Christen ein noch viel besseres Vorbild gegeben ist. Vor unseren Augen steht der „Anfänger und Vollender des Glaubens, Jesus Christus“. Der hat auch so manchen Frust ausgehalten und Geduld geübt und hat durchgehalten.

Die Wolke der Zeugen ist seit dem Schreiben des Hebräerbriefes Ende des 1. Jahrhunderts größer und größer geworden.

Überlegen wir mal kurz, wer da alles in der Wolke der Zeuge da steht und uns anfeuert: Martin Luther, Martin Luther King, Dietrich Bonhoeffer, aber auch unsere eigenen Vorfahren, die schlichten, einfachen Leute, die vor uns ihren Glauben gelebt haben, so gut sie gekonnt haben.

Wir wissen, all diese Vorbilder, auch die besonders großen Vorbilder wie Martin Luther, sind auch durchaus fragwürdige Zeugen, Kinder ihrer Zeit, verwickelt und verstrickt in den Verstrickungen ihrer Zeit. Manche auch höchst unglaubwürdig durch ihre Versäumnisse und Schuld.

Aber bevor wir uns über den einen oder anderen aufregen, der dabei ist und uns anfeuert, sind wir doch einfach froh, dass wir selber auf diesem Lauf sein dürfen. Und es ist unser Lauf, mein Lauf des Lebens, den ich verantworte, den ich laufe  und selbst wenn ich hinkend, auf allen vieren kriechend, müde, erschöpft bei Gott ankomme, bin ich dann  da zusammen mit vielen anderen. Und dann  stehen wir zusammen mit Jesus bei Gott und haben Zugang zum himmlischen Jerusalem (Hebr 12,22ff). Was für ein Sieg, den wir da miterleben und mitfeiern dürfen.

Solange wir leben, ist unser Lauf nicht beendet. Wir sollen uns ruhig Jesus als Ziel und als Vorbild nehmen. Wir Christen und Christinnen schauen Jesus. Das  erspart uns manche Irrwege und Abgründe der Menschheitsgeschichte. Wir sollen weiterlaufen in unserem Leben und in unserem Glauben. Wir sollen Teil der Gemeinde Jesus Christi bleiben.

Drei Inspirationen für unterwegs:

1.ablegen, was uns beschwert, 2. Geduld haben, Frust aushalten und 3. auf die schauen, die vor uns geglaubt haben. Ganz besonders hilft, auf Jesus zu schauen.
Manches im Glaubensleben können wir ganz gut zu Hause oder der freien Natur leben. Aber anderes funktioniert besser in Gottesdiensten. Wir brauchen Gemeinschaft miteinander. Wir brauchen unsere Mitchristen, um uns gegenseitig zu ermutigen, wenn wir müde werden und verzagen.

111Der Glaube ist ein Festhalten an dem, worauf man hofft –ein Überzeugtsein von Dingen, die nicht sichtbar sind.2Aufgrund ihres Glaubens hat Gott den Alten das gute Zeugnis ausgestellt.

Den Blick auf Jesus richten

121Wir sind also von einer großen Mengen von Zeugen wie von einer Wolke umgeben. Darum lasst uns alle Last abwerfen, besonders die der Sünde, in die wir uns so leicht verstricken. Dann können wir mit Ausdauer in den Kampf ziehen, der vor uns liegt.2Dabei wollen wir den Blick auf Jesus richten. Er ist uns im Glauben vorausgegangen und wird ihn auch zur Vollendung führen. Er hat das Kreuz auf sich genommen und der Schande keine Beachtung geschenkt. Dies tat er wegen der großen Freude, die vor ihm lag: Er sitzt auf der rechten Seite von Gottes Thron.3Denkt doch nur daran, welche Anfeindungen er durch die Sünder ertragen hat. Dann werdet ihr nicht müde werden und nicht den Mut verlieren.                Basisbibel

 Ich wünsche uns allen einen guten Lauf und hoffe, alle kommen mit und alle kommen an! Amen.

Die (Corona-)Zeit auskaufen Epheser 5,15-20 Predigt

 Trautskirchen  Epheser 5,15-20 „Kauft die Zeit aus!“

Liebe Gemeinde!

„So achtet nun genau darauf, wie ihr euer Leben führt,

nicht als Unweise, sondern als Weise! Und kauft die Zeit aus, denn es ist böse Zeit!

Darum seid nicht unverständig, sondern versteht, was der Wille des Herrn ist.

Sauft euch nicht voll Wein, denn das führt zur Zügellosigkeit, sondern lasst euch vom Geist erfüllen.

Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern,           singt und spielt dem Herrn in euren Herzen und sagt Gott, dem Vater, allezeit Dank für alles…          Eph 5,15-20

1. Dankt für alles! Höre ich ganz am Ende heraus. Dankt für alles. Gerade in diesen Zeiten der Dank. Das ist das eine, was mich anspricht und was ich seit Monaten einübe: Jeden Tag überlege ich mir: Wofür kann ich Danke sagen. Gerade in diesen schwierigen Zeiten.  Ich will nur verraten, es gibt vieles, wofür ich danken kann. Ein Ergebnis sind hier in der Kirche die Dankesworte, die ich und auch andere gefunden haben.

Übt euch im Danken ein!

Und Kauft die Zeit aus. Über letzteres möchte ich nun nachdenken.

2. Zunächst ein paar Gedanken zum Stichwort Zeit.

Zeit verrennt. Zeit vergeht.

Unsere Lebenszeit, meine Lebenszeit verstreicht. Ich kann die Zeit nicht aufhalten. Ich kann sie auch nicht zurückdrehen.

Unsere Lebenszeit ist begrenzt.

Und gestundet.

Wie heißt es doch in einem Psalm:

„Unser Leben währet siebzig Jahre,

und wenn`s hoch kommt,

so sind´s achtzig Jahre,“ […]

und

„Es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.“

Schnell fährt´s dahin, das Leben, als flögen wir.

Auch ungelebtes Leben fährt dahin, fliegt davon und geht zu Ende. Wie viel nicht gelebtes Leben gibt es! „Dass er starb, ist noch kein Beweis dafür, dass er gelebt hat.“ Schrieb ein Schriftsteller (Stanislaw Jerzy Lec) in seinen „Unfrisierten Gedanken“ Mancher kennt nur seine Arbeit. Ist das ein Leben? Der Stumpfsinn täglicher Arbeitsqual und täglicher Hetze nimmt den Tod vorweg.

Ungelebtes Leben … Auch ungelebtes Leben geht zu Ende.

    

Es ist immer die eigene Lebenszeit, die wir nutzen und auskosten können.

3. Deshalb: Kauft die Zeit aus!

  „Kauft die Zeit aus!“

Schon ein seltsamer Satz. Kauft die Zeit aus! Ausverkauf der Zeit? Lutherdeutsch. Gemeint  ist: Nutzt die Zeit, die ihr habt. Auch in den schwierigen Zeiten.

Die Zeit auskaufen, die Zeit nutzen. Erst einmal möchte ich sagen, was die Zeit nutzen nicht ist:

Die Zeit nutzen, damit ist nicht gemeint, dass wir uns dauernd fragen: Was bringt´s ? Was nützt es?

Essen schnell, schnell, Zeit sparen, auf der Arbeit ja keine Zeit verschwenden, Beziehungen und Freundschaften nur dann pflegen, wenn sie was bringen? Bloß keine Zeit verlieren für Menschen, die nicht wichtig sind? Nur ja keine Zeit verschwenden für unwichtige Dinge. Das ist mit Zeit auskaufen nicht gemeint.

Was bringt´s ? Was nützt es?  Wir können diese Frage nicht ernsthaft stellen, wenn der Mitmensch vor der Tür steht? Oder wenn er anruft. Auch wenn er stört und nervt, ist es doch ein Mitmensch, der nach meiner Zeit verlangt. Wie ist das, wenn jemand für mich keine Zeit hat, weil ich in seinen Augen nur störe oder unwichtig bin.

Da ist jemand, der braucht mich. Und es ist immer gut, sich für den Mitmenschen Zeit zu nehmen und dabei nicht nach dem Nutzen schielen. Gerade die scheinbar unwichtigen Menschen können auf einmal wichtig sein.

Zeit, die nur darauf schaut, was bringt´s, ist womöglich die eigentlich vergeudete Zeit. Wir leben womöglich am echten, wahren, sinnvollen Leben vorbei, wenn wir unsere Zeit nur noch auf Nutzen und Effektivität trimmen.

Jetzt in der Coronazeit haben wir Zeit, viel Zeit.

Jetzt in der Coronazeit, in der Abends nicht so viel los ist, habe ich auch an mir wahrgenommen: Mir ist langweilig. Ich mag abends nicht dauernd fernsehen. Aber in solchen langweiligen Momenten ist mir aufgegangen: Auch die Langeweile, die Muße, dass ich Zeit habe, ist wichtig. Wir  Menschen stoßen auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben oft erst dann, wenn wir nicht eingezwängt werden im täglichen Zeitraub. Wir brauchen die Muße zum Nachdenken und Innehalten, selbst wenn die Muße langweilig ist.

Aber zurück zur Frage: Was heißt dann: die Zeit nutzen, auskaufen?

4. Aber wie? Jetzt schauen wir vielleicht doch noch einmal auf den Gesamtzusammenhang. Wie heißt es im Predigttext gleich zuerst:

4.1.  „Achtet auf euer Leben!“  So kauft ihr euer Leben aus.

Das Gegenteil wäre, das Leben nicht achten, sich im Leben träge dahintreiben zu lassen oder gar gleichgültig gegenüber dem Leben zu sein. Ist doch alles egal!

Ist doch alles scheißegal!

Gell, jetzt habe ich Sie schon ein wenig erschreckt. Aber da darf man schon mal hochschrecken. Ist doch schlimm, wenn das einer nicht nur sagt, sondern lebt: dieses Ist doch alles scheißegal!

Was für eine Lebenseinstellung verbirgt sich  dahinter?  Ich versuche dieser Lebenseinstellung eine Sprache zu geben:

„Mir doch scheiß egal, es interessiert mich  nicht, was in der Welt vor sich geht. Es interessiert mich nicht, was in der großen Politik vor sich. Scheißegal, betrifft mich nicht. Und genauso wurscht ist es mir, was vor Ort geschieht, in meinem unmittelbaren Umfeld in Trautskirchen,  in der Region, im Dorf, selbst gegenüber beim Nachbarn. Scheißegal, solange sie mir meine Ruhe lassen.“

Nicht war, über eine solche Scheißegal-Haltung kann man sich ganz schön aufregen. Sie ist weit verbreitet. Aber während ich mich über diese  – entschuldigen Sie bitte „Scheiß-Gleichgültigkeit“  aufrege, merke ich, dass auch wir, ja dass auch ich selber daran kranke. Ja, wenn wir in uns hineinschauen, erschrecken wir möglicherweise vor der eigenen Gleichgültigkeit an den Menschen um uns  herum

und an dem, was in mir und mit mir ist. Ist doch egal! Ist es eben nicht!

Es ist alles andere als egal, was in mir und um mir herum geschieht. Es ist alles andere als wurscht, was im Dorf, in der Gesellschaft, ja auf der globalen Welt so geschieht.

„Achtet auf euer Leben!“ So kann es also ausschauen, eure Zeit auszukaufen und auszukosten: Indem ihr sorgsam mit dem Leben umgeht. Mit dem Leben eurer Mitmenschen, eurer Umwelt, aber auch mit unserem eigenen Leben. Das Leben ist kostbar.

4.2. Dann noch ein zweiter Hinweis, was es heißen kann, das Leben auszukosten:

 „Versteht, was der Wille des Herrn ist!“

Das ist nicht ganz so einfach. Wer weiß schon, was der Wille Gottes ist? Nur Fundamentalisten wissen darauf immer eine fertige Antwort.

Was Gottes Wille ist, wir Menschen finden darauf in unserem Leben nur vorläufige Antworten. Und müssen uns mit anderen beraten: Was meinst du, was ist heutzutage hilfreich, was ist jetzt für uns gut und dran?

Diese Fragen, was wirklich wichtig ist im Leben, kann ich nur mir stellen – mein Leben betreffend. Aber ich kann mit anderen darüber reden. Das öffnet das eigene Denken und erweitert meinen Horizont: Aha, so kann man es auch verstehen, das Leben auszukaufen, auszukosten.

Und schließlich noch ein letzter Hinweis, wie wir das Leben auskaufen, auskosten können:

4.3. „Sauft euch nicht voll Wein! Lasst euch vom Geist erfüllen.“

Damit ist der Lebensgenuss angesprochen.

Das Leben genießen, darf man das etwa nicht?

Nun es gibt ein Zuviel an Genuss. Alkoholiker und

Angehörige von Alkoholkranken wissen das. Es gibt den Rausch, der Leib und Leben zugrunde richtet.

Jeder Mensch kennt Trunkenheit, kennt „Besoffensein“.

Jeder Mensch kennt süchtiges Verhalten, hat seinen „Alkohol“ in seinem Leben. Immer wenn es ein Zuviel an Genuss ist, ein Übermaß, wird es gefährlich.

Der Missbrauch des Lebensgenusses schließt aber nicht den Lebensgenuss aus. Darum heißt es: füllt euch mit heiligem Geist ab.

Auf Latein heißt Alkohol „Spiritus“. Dasselbe Wort wird für den heiligen Geist benutzt, spiritus sanctus.

Es gibt im Leben einen göttlichen Geist,  der uns trunken sein lässt vor Glück. Es sind die glücklichen Momente im Leben, die kleinen und die großen Momente des Lebens, die uns spüren lassen: Das Leben ist mehr als Arbeit. Es ist Glück, Lachen, Staunen.

Es gibt in deinem und meinem Leben glückliche Momente. Wir können sie nicht machen. Das Glück fällt uns in den Schoß. Es gibt Momente im Leben, da können wir vor Freude die Welt umarmen.

Gott möchte, dass wir das Leben genießen können, dass wir uns des Lebens freuen können. Lebenslust und Lebensfreude, auch das sollen wir, dürfen wir auskosten, auskaufen.

Kauf die Zeit aus – sie ist geschenkte Zeit!

Kauf die Zeit aus: Achte auf dein Leben! Von wegen: egal!

Das Leben ist kostbar und wertvoll.

Kauf die Zeit aus, indem du immer wieder danach fragst, was wirklich wichtig ist in deinem Leben.

Kauf die Zeit aus. Füll´ dich nicht ab, aber wenn die Lebenslust dich packt,  lass dich von ihr  erfüllen!

Noch einmal die Worte aus dem Epheserbrief in der Basisbibelübersetzung:

15Achtet also sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt: Nicht voller Dummheit, sondern voller Weisheit.16Macht das Beste aus eurer Zeit, gerade weil es schlimme Tage sind.17Aus diesem Grund sollt ihr nicht unverständig sein, sondern begreifen, was der Wille des Herrn ist!18Betrinkt euch nicht mit Wein, denn das macht euch zügellos. Lasst euch lieber vom Geist Gottes erfüllen.19Tragt euch gegenseitig Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder vor .Singt für den Herrnund preist ihn aus  vollem Herzen!20Dankt Gott, dem Vater, zu jeder Zeit und für alles …  Amen

Das Ende der Volkskirche und der Anfang eines neuen Was- auch -immer!

Machen wir uns nichts vor.

Unsere Kirchen und Gemeinden  werden kleiner und kleiner werden.

Kirchengemeinden werden zusammengelegt.

Pfarrer und Pfarrhäuser halbiert.

Die Zahl der Kirchenaustritte wird nicht abnehmen

aller kirchlichen Selbstbeschäftigungsprogrammen zum Trotz.

Die Volkskirche, so wie wir sie kennen, ist am Ende.

Wie können wir Kirche für das Volk sein,

wenn das Volk sich nicht mehr für die Kirche interessiert, geschweige denn für Gott?

Wie können wir Kirche für das Volk sein,

wenn die Menschen fehlen und noch mehr in Zukunft fehlen werden?

Kirche als Amtskirche hat sich in 15 Jahren spätestens überlebt.

In 15 Jahren, wenn sich alles halbiert ist,

werden sich auch die obrigkeitshörigen Strukturen bei den Kirchen überlebt haben

und Kirche wird sich nicht mehr von Kirchensteuer finanzieren können.

Was weg muss und sich überlebt hat, muss weg.

Was Ballast geworden ist, ebenso.

Am Ende bleiben kleine Gemeinden ohne Amt und Würden.

Diese kleinen Gemeinden vor Ort haben durchaus Chancen.

Wir können, wenn wir wollen,

in unseren realexistierenden Gemeinden

jetzt schon

geschwisterlicher leben.

In einer Gesellschaft mit Ellenbogen und erkaltender Liebe können wir unser Christsein vor Ort leuchten lassen.

Eine Kirchengemeinde,

in der Geschwisterlichkeit, Respekt und Wertschätzung gelebt wird,

kann vor Ort signalisieren,

dass es auch anders geht.

Und es geht auch anders:

Wo das freundliche Wort, das Mitgefühl, die Geschwisterlichkeit regieren

können sich Gleichgültigkeit und Hass und Egoismus am Ende nicht durchsetzen.

Die Menschen vor Ort sehen so etwas,

Und unsere kleinen Kirchengemeinden

sind auf einmal kleine Lichter ,

die den Menschen zeigen,

so geht Christsein,

so geht Liebe!

Worauf bauen wir?

Predigt zum Weltgebetstag vom 5. März 2021 aus Vanuatu zu Matthäus 7,24- 27

24»Wer diese Worte von mir hört und sie befolgt, ist wie ein kluger Mann: Er baute sein Haus auf felsigem Boden.25Dann kam ein Wolkenbruch. Die Flüsse traten über die Ufer, die Stürme tobten und rüttelten an dem Haus. Doch es stürzte nicht ein, denn es war auf felsigem Untergrund gebaut.26Wer diese Worte von mir hört und sie nicht befolgt, ist wie ein dummer Mann: Er baute sein Haus auf sandigem Boden.27Dann kam ein Wolkenbruch. Die Flüsse traten über die Ufer, die Stürme tobten und prallten gegen das Haus. Da stürzte es ein und fiel völlig in sich zusammen.«  Basisbibel

Liebe  Gemeindeglieder!

„Worauf bauen wir?“, das fragen uns die Frauen aus Vanuatu, anlässlich des Weltgebetstages 2021. „Worauf bauen wir?“ Die Menschen in Vanuatu bewohnen Inseln im Südpazifik. Da gibt es viel Sand und Vulkanstein. Ich habe mich neugierig gefragt: Worauf bauen die Menschen auf den Inseln Vanuatus ihre Häuser? Ist es Sand wie an den vielen Stränden? Oder ist es vulkanisches Gestein, wenn man ins Landesinnere einer Insel kommt? Und halten diese Häuser stand, wenn wieder einmal ein Wirbelsturm über die Inseln hinwegfegt? Diese Welt am anderen Ende der Erde ist eine ganz andere Welt als hier bei uns in Deutschland. Trotzdem hören wir auf dasselbe Evangelium, dieses Mal ein Gleichnis, das Jesus erzählt hat. Und wir fragen uns, was dieses Gleichnis für die Menschen von Vanuatu und was sie für unser Leben bedeutet.

Worauf bauen wir? Auf Fels oder auf Sand? Immer wieder kommt es vor, dass ein Gebäude in sich zusammenbricht. 

Oft stellt es sich erst während des Einstürzens  oder viel später heraus: Wir haben auf Sand bebaut.

Die ganze Welt kommt mir inzwischen wie ein Haus vor, das ins  Rutschen kommt. Die Inseln im Pazifik drohen durch die drohende Klimakatastrophe unterzugehen. Den Menschen dort steht mehr als uns hier im sicheren Franken mittelfristig das Wasser bis zum Hals. Und zur Zeit machen wir Menschen eine globale Pandemie durch. Es ist egal, wo wir wohnen. Es trifft uns überall. Wir sind überall davon betroffen. Unsere Lebensgewohnheiten kommen ins Rutschen. Unsere Fundamente. Haben wir womöglich auf Sand gebaut?

Häuser kommen ins Rutschen und stürzen ein. Inseln verschwinden im Meer. Eine Pandemie lähmt uns global und konfrontiert uns mit handfesten Fragen: Haben wir genug Impfstoff – weltweit? Haben wir genug Masken – weltweit? Meistern wir diese Pandemie weltweit oder nur auf uns bezogen? Diese weltweite Pandemie stellt auch so manche selbstverständlich genommenen Grundwerte und Fundamente in Frage:

Wird unsere Gesellschaft noch von einem gemeinsamen Fundament getragen? Wie sieht es aus mit dem Respekt vor den Traditionen der Generationen vor uns, auf deren Grund wir bauten?
Oder sind gemeinsame Werte und Traditionen ins Rutschen gekommen?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der der Einzelne eine große Last zu tragen hat. „Jeder muss selber wissen, was gut für ihn ist.“
So hört man es über die Zäune und Straßen hinweg, wenn wir uns überhaupt noch an den Zäunen und Straßen begegnen.  Wenn sich Nachbarn über das sonderbare Verhalten eines Dritten unterhalten, dann zucken wir vielleicht mit den Schultern, wenn es um Fragen von Sitte, Anstand, Moral, Ethik geht. „Muss jeder selber wissen!“


Eigentlich ein Widerspruch. Denn Sitte, Anstand, Moral sind gemeinschaftliche Traditionen. Wir regeln mit ihnen unser Zusammenleben.“ Das gehört sich so. Das macht man so. Daran hält man sich tunlichst.“

Oder anders gesagt: „Das gehört sich nicht. Das sagt mir mein Anstandsgefühl. Das tut man nicht.“

Wir leben in einer Gesellschaft, in der der Einzelne, das Individuum betont wird. Das hat schon was: Ich als Einzelner suche mir selber aus, an welchen Gemeinschaften mit welchen Regeln ich teilnehme: zu welchem Verein, zu welchen Kollegen ich mich halte,. Auch ob mir die Gemeinschaft im Gottesdienst oder in der Kirche wichtig ist, ist meine Entscheidung und wenn ich mich nicht zur Kirche geht, ist es auch meine Entscheidung.

Und jeder und jede entscheidet anders. Unser Bedürfnis nach Gemeinschaft ist individuell anders.

Die Sozialforscher sagen sogar: Wir leben in unterschied-lichen Lebenswelten, so als würden wir von der einen Gruppe zur anderen wie auf einen anderen Planeten uns wiederfinden.

Das fordert uns einzelne Menschen mitunter richtig heraus. Wir müssen ständig umschalten, uns auf andere menschliche Gemeinschaften einstellen, und  auch auf die unterschied-lichen Regeln und Traditionen der unterschiedlichen Kreise.
Und fallen wir dort aus der Rolle, müssen wir uns erklären und rechtfertigen.
Deswegen ist der Anpassungsdruck ziemlich groß. Ebenso die Versuchung, den Mund zu halten, zu schweigen, wenn man besser man was sagen sollte.
So fällt es uns Menschen in unserer individualistischen Gesellschaft zunehmend schwer, gemeinsame Ziele für alle unsere Lebensbereiche zu finden. Im Konfliktfall zucken wir dann mit den Schultern und sagen: Muß jeder selber wissen.

Einerseits muss es tatsächlich jeder und jede selber wissen und verantworten, was er oder sie zu tun oder zu lassen hat. Einerseits ist in einer globalen Pandemie jeder und jede gefragt:

Wie steht eigentlich mein persönliches Lebensgebäude da?
Wie stark ist es im Felsen verankert?
Was habe ich doch auf Sand gebaut!
Und was hält mich, wenn unten der Grund nachgibt?

Andererseits ist es ungeheuer hilfreich und entlastend für den Einzelnen, zu wissen, was in unserer Gesellschaft unsere Werte und Traditionen sind, worauf wir uns in der Gesellschaft uns normalerweise verlassen kann und was uns gemeinsam Halt und ein Fundament im Leben gibt gerade in Krisenzeiten.

In Krisenzeiten werden auch die Werte und Traditionen unserer Gemeinschaft gefragt, auch die unserer christlichen Gemeinschaften:

Was verbindet uns als Gemeinde? Wenn wir unsere Fühler ausstrecken, merken wir: Wir sind gar nicht allein auf uns gestellt. Da gibt es neben Trautskirchen auch Neuhof und Markt Erlbach und Wilhermsdorf u.a. Da gibt es unser Dekanat, unsere Landeskirche. Und auch unsere evang. Luth. Kirchen sind nicht allein auf sich gestellt. Wir leben unser Christsein in einer globalen Welt und sind auf einmal mit den Christen aus Vanuatu am anderen Ende der Welt verbunden. Von denen hatte ich vorher nichts gewusst. Und doch gibt es sie und auch für die Menschen im Südpazifik gibt es uns hier in Franken.

Wenn die Menschen auf den Südseeinseln wegen dem Klimawandel absaufen, kann es uns nicht egal sein. Wir sind mit ihnen und allen anderen Menschen verbunden. Die globale Pandemie zeigt es uns eindrücklich, wie abhängig und verbunden wir sind.


Und was haben wir als christliche oder kirchliche Wertegemeinschaft der Gesellschaft zu sagen? Vertreter der nichtchristlichen Gesellschaft können uns kritisch zurückfragen: Inwiefern seid ihr als Kirchen wirklich glaubwürdige Wertegemeinschaft? Die Kirchenaustritte katholischer Christen in Köln wegen sexueller Mißbräuche einiger katholischer Priester gehen uns Evangelische sehr wohl was an. Die Gesellschaft macht keine großen Unterschiede zwischen Evangelisch und Katholisch. Wir hängen als christliche Gemeinschaften da mit drin, ob wir wollen oder nicht. Und auch in unserer evangelischen Kirche ist der Umgang mit Machtmissbrauch auch durchaus ein Thema.

Ob evangelisch oder katholisch, wir sind zudem auch nur ein Teil unterschiedlicher Lebenswelten unserer Gemeinde-glieder, und oft nur ein kleiner Teil.
Viele sind ausgetreten. Viele werden noch austreten. Weil sie unsere christliche Werte nicht mehr teilen oder auch nur aus finanziellen Gründen.


Hat die Kirche einen sicheren Stand, wenn immer mehr Menschen ihr den Rücken kehren?
Passt das Bild einer Volkskirche noch ins Gesamtbild unserer Gesellschaft
Bröckelt und rutscht es hier nicht auch gewaltig?

24»Wer diese Worte von mir hört und sie befolgt, ist wie ein kluger Mann: Er baute sein Haus auf felsigem Boden“

„Diese Worte von mir.“ Es sind die Worte, die Jesus unmittelbar vorher gesagt hat. Auf diese Rede müssen wir hören.

 Aber was ist das denn für eine Rede? Es ist die Bergpredigt.
Die lange Rede Jesu in der Bergpredigt Mt 5-7. Worum geht es Jesus in der Bergpredigt?

Er preist die Armen, die Friedenstifter,
die nach Gerechtigkeit Dürstenden selig.

Es ist die Rede Jesu, in der er sagt: Halt auch noch die andere Backe hin, wenn dich einer auf die eine haut.
Es ist die Rede Jesu, in der er sagt: Kümmere dich um den Balken im eigenen Auge, bevor du am Splitter im Auge des Nächsten operierst.
Und: Sorgt euch nicht. Trachtet vielmehr zuerst nach dem Reich Gottes zuerst, alles andere wird euch zufallen.

»Wer diese Worte von mir hört und sie befolgt, ist wie ein kluger Mann:
Was Jesus sagt, sollen wir als Nachfolger nicht nur hören, sondern auch tun!

Hören  – dazu haben wir die Bibel zu Hause und hier im Gottesdienst wird die Bibel ausgelegt.

Aber lasst uns die Rede Jesu nicht in den Mauern der Kirche und Familien einsperren für gemütlich-weihevolle Stimmung. Lasst es uns von Jesus auch gesagt sein lassen.

26Wer diese Worte von mir hört und sie nicht befolgt, ist wie ein dummer Mann: Er baute sein Haus auf sandigem Boden.2
Ist das deutlich? Wenn wir als Gemeinde unsere christlichen Traditionen in der verstaubten Bibel im Regal archivieren,
ihr keine Kraft für unser heutiges Leben zutrauen,
werden unsere christlichen Werte im Boden versinken.

Wer diese Worte von mir hört und sie befolgt, ist wie ein kluger Mann: Er baute sein Haus auf felsigem Boden.2
Wenn wir die Rede Jesu hören und tun, was er von uns heute fordert, werden wir fest stehen und im Leben bleiben,
und kein Sturm und keine Pandemie der Welt wird uns den Boden entziehen können.
Amen.

Wenn Gott sauer ist und enttäuscht…

Jesaja 5,1-7 | 28.2.21  Trautskirchen Jesajas Weinberglied

Liebe Gemeinde,

unser heutiger Predigttext ist ein uraltes Lied. Es wurde vor rund 2.700 Jahren gesungen. Jesaja hat es gesungen einst auf den Gassen in Jerusalem. Den Leuten damals wird es gefallen haben, am Anfang wenigstens.

-1-          Jesaja 5, Vers 1 und ein Teil von Vers 2:

Ein Lied von meinem Freund will ich euch singen. Es ist das Lied von meinem Freund und seinem Weinberg: Mein Freund hatte einen Weinberg auf einem fruchtbaren Hügel.2Er grub ihn um, entfernte die Steine und bepflanzte ihn mit den besten Weinstöcken. Mittendrin baute er einen Wachturm. Auch eine Kelter zum Pressen der Trauben hob er aus. Dann wartete er auf eine gute Traubenernte,

Jesaja singt von seinem Freund. Er kennt ihn offenbar gut. Er schätzt, ja liebt ihn. Der Freund des Liedsängers legt einen Weinberg an. Dafür sucht er sich einen gut geeigneten Ort aus und macht sich umsichtig ans Werk. Er gräbt den Boden um. Steine werden entfernt, Die Reben werden gepflanzt. Der Freund tut noch mehr. Er baut einen Turm und gräbt eine Kelter, um später den Saft der Reben auf zu fangen. Damit ist alles getan. Nun beginnt wie auch für die Bauern nach der Saat das Warten. Der Freund ist erwartungsvoll. Er kann es auch sein, denn er hat alles, wirklich alles getan.

-2-  Aber. Ja, Aber. Es kommt ganz anders als der Freund es erwartet hat. Hören Sie selbst

Jesaja, 5 Vers 2b:

aber der Weinberg brachte nur schlechte Beeren hervor.

Jesaja sieht erstaunte Gesichter: „Das kann doch nicht wahr sein., denken sie. Doch es stimmt,  der Weinberg, brachte schlechte“ Früchte singt Jesaja.  Er geht noch einen Schritt weiter. Er ruf seine Zuhörer, Bürger Jerusalems, zu Zeugen auf. Sie verstehen offenbar Einiges vom Weinbau.  Und er macht noch etwas. Er wechselt die Person. Er spricht nicht mehr von „seinem Freund“, sondern von sich selbst. Er geht noch weiter. Er macht die Zuhörer zu Richtern. Er macht sie zu Richtern zwischen sich und dem Weinberg. Hören Sie selbst:

Jesaja 5, die Verse 3 und 4:

3Jetzt urteilt selbst, ihr Einwohner von Jerusalem und ihr Leute von Juda! Wer ist im Recht – ich oder mein Weinberg? 4Habe ich irgendetwas vergessen? Was hätte ich für meinen Weinberg noch tun sollen? Ich konnte doch erwarten, dass er gute Trauben trägt. Warum hat er nur schlechte Beeren hervorgebracht?

„Was sollte man noch mehr tun?“  Die Zuhörer, die Bürger Jerusalem – damals arbeiten sie offenbar in den Weinbergen der Umgebung. Sie, die Zuhörer sind Fachleute. Sie kennen den Weinbau, Die Lage eines Weinberges ist wichtig für die Güte des Weins. Sie wissen, wie ein Weinberg zu bearbeiten ist.

Ihre Antwort kann darum nur sein: Nichts. Nichts ist vergessen oder falsch gemacht worden.- Diese Antwort, aber wartet Jesaja gar nicht ab. Sie ist selbst verständlich. Er  kommt darum gleich zur Konsequenz.  Er sagt den Männern, was er tun wird. Hören Sie selbst:

-3-  Jesaja 5, die Verse 5 und 6:

5Ich will euch sagen, was ich mit meinem Weinberg tun werde: Die Hecke um ihn herum werde ich entfernen und seine Schutzmauer niederreißen. Dann werden die Tiere ihn kahl fressen und zertrampeln.6Ich werde ihn völlig verwildern lassen: Die Reben werden nicht mehr beschnitten und der Boden nicht mehr gehackt. Dornen und Disteln werden ihn überwuchern. Den Wolken werde ich verbieten, ihn mit Regen zu bewässern.

Dieser Teil des Liedes wird ihnen nicht gefallen haben: Das ist das Ende des Weinberges. Er wird zerstört. Und wieder geht Jesaja ins Detail. Der Zaun wird weggenommen, damit alle, Mensch und Tier drüber laufen können. Die Mauer wird eingerissen. Schritt für Schritt wird der Weinberg zerstört. Zum Schluss lässt er es sogar nicht regnen. Trockenheit ist angesagt.

Regen soll ausbleiben. Das kann ein Winzer nicht tun. Er ist nicht in der Lage, dem Wetter zu verbieten zu regnen. Das kann nur Gott. Damit wird klar:   Es geht hier um Gott. Wir Menschen sind sein Weinberg und Gott ist als Weinberg-besitzer über uns Menschen tief enttäuscht und frustriert.

Gott selbst ist enttäuscht und frustriert. Und dieser frustrierte Gott singt zornig sein Klagelied über die Menschen, die er liebt und die er gehegt und gepflegt hat, wie ein Winzer seinen Weinstock, aber einfach keine Frucht bringen wollen.

Nun das kennen wir doch auch. „Mensch, bin ich jetzt gefrustet! Alles umsonst, vergebliche Liebesmühe, alles für die Katz! Mensch, bin ich jetzt enttäuscht. Und sauer!“

Da gibst Du alles in der Schule, büffelst wie blöd und verzichtest auf alle Freizeit und wieder nur eine fünf  in der Matheklausur!

Da setzt Du Dich ein in Deinem Beruf, bist kreativ und voller Tatendrang und dann kriegst wieder eine auf die Fresse! Ja sogar bei den engsten Familienangehörigen kennen wir das. Mensch bin ich sauer auf meine Kinder! Mensch, was fällt meine Alten Eltern ein! Mensch, bin ich enttäuscht über den Ehepartner, den besten Freund! Sowas hätte ich ihm, ihr nicht zugetraut!

Wo immer wir mit Menschen zu tun haben, menschelt es und machen wir diese Erfahrungen: „Ich habe mich in jemanden schwer getäuscht. Ich bin einem Zerrbild hinterhergelaufen zu sein. Ich bin richtig frustiert!

Manchmal möchten wir am liebsten auf den Tisch hauen, auf den Boden stampfen, vor Wut brüllen: „Ach lasst mich doch in Ruh ihr blöden A…!“

So denken wir Menschen manchmal. Aber gilt das auch für Gott? Ist Gott ein enttäuschter Weinbergbesitzer, der alles  hinschmeißt, bloß weil es nicht so läuft wie er es erwartet?

In dem Weinberglied Jesajas können wir noch ein weiteres Gefühl nachspüren. Da ist nicht nur der Frust des Weinberg-besitzers zu spüren, der umsonst geschuftet hat. Es kommt noch schlimmer: In dem Weinberglied gibt sich Gott als schwer gekränkter Liebhaber des Lebens zu erkennen.

Der Weinberg, das ist ein allen Zuhörern vertrautes Bild für die Braut. An vielen Stellen der Bibel, besonders im Hohen Lied der Liebe, vergleicht der verliebte Bräutigam seine Braut mit dem Weinberg „deine Liebe ist köstlicher als Wein, Liebste. Du bist mein Weinberg, lass mich heran, Liebste!“ Im Hohen Lied geht es um ein  erotisches Verhältnis zwischen zwei verliebte Menschen. Und nehmen wir das Lied vom Weinberg Jesajas ernst, hat Gott auch ein erotisches Liebesverhältnis zu uns. Und so wie einem enttäuschten Bräutigam mit seiner treulosen und seiner Liebe nicht würdigen Braut geht es Gott mit uns. Das Lied besingt Gottes leidenschaftliche Liebe zu uns, die in enttäuschte Liebe und Wut und Hass umschlägt.

Gott macht schon etwas mit mit uns Menschen: Was investiert Gott nicht an Zeit und Liebesenergie in uns als Weinberg.

Wir kennen das auch von unserer Liebesmüh, die oft eine verlorene Liebesmüh wird. Da habe ich mich bemüht und ganz viel Zeit und Kraft in eine Freundschaft oder in eine Liebesbeziehung gesteckt und plötzlich scheint alles umsonst, weil andere Kräfte viel stärker sind. Das kann eine andere Liebe sein, die alles durcheinanderwirbelt, oder eine Alkoholabhängigkeit, die einen Menschen vollkommen verändert. Manchmal gehen Freundschaften aber auch schlicht an Bequemlichkeit zu Grunde. Jedenfalls ist es sehr enttäuschend, wenn man merkt: Ich habe so viel in diese Beziehung eingebracht und so viel von mir selbst gezeigt und am Ende kommt nichts zurück. Ich kenne Menschen die nach solch einer Erfahrung äußerst zurückhaltend bei jeder neuen Freundschaft geworden sind. Andere haben sich ein Leben lang auf keine weitere Beziehung mehr eingelassen aus Angst wieder enttäuscht zu werden

Und auch das kennen wir doch auch:  Die Erfahrung, mit Liebesentzug bestraft zu werden, wenn wir nicht sind wie wir sein sollten. Oder noch anders: Anderen Menschen, einst heiß geliebt, mit einem Mal die Liebe und Zuneigung zu entziehen, nur weil sie nicht unseren eigenen Erwartungen entsprechen.  Im zwischenmenschlichen Leben scheitern unsere Liebesbemühungen und schlagen um in Hass und Gleichgültigkeit. Ich mag diesen Menschen nicht mehr lieben. Ich hasse ihn und will nichts mehr mit ihm zu tun haben!

So denken wir manchmal. Aber trifft das auch auf Gott zu? Ist Gott ein enttäuschter Liebhaber, der uns nun hart mit Liebesentzug bestraft, weil wir nicht so sind wie wir sein sollen?

Wir merken:  Das Weinberglied des Propheten Jesajas, das so harmlos begann, ist kein fröhliches Liedchen, es ist ein bitterer Gesang ohne happy end. Es ist ein Lied von einer enttäuschten göttlichen Liebe, einer göttlichen Liebe, die in Bitterkeit, Wut und Enttäuschung endet.

Es ist Gott, der über uns Menschen frustriert und enttäuscht ist. Es ist Gott, der so richtig sauer ist wegen uns Menschen.

Es ist Gott, der uns Menschen androht, uns seine Liebe zu entziehen.

Es ist Gott, der alles andere als ein lieber Gott ist.

Dieser Gott kann richtig sauer sein. Dieser Gott gibt sich nicht dafür her, unsere Wünsche und Bedürfnisse zu befriedigen.

Dieser Gott ist nicht die Projektion unserer Wünsche. Der Gott dieses Weinbergliedes kann von uns richtig verletzt werden, und er von uns enttäuscht. Dieser Gott kann uns zum Gegenpart werden. Dieser Gott will von uns Antwort haben und gibt sich nicht damit zufrieden, wenn wir schweigen und alles verdrängen wollen. Dieser Gott findet unseren Lebensunsinn, den wir verbreiten, unerträglich. Ein Gott, dessen Liebe immer wieder von uns enttäuscht wird und der darauf sauer reagiert.

Ja, es stimmt: Jesaja singt ein Liebeslied. Ja, es stimmt: Auch die zornige Reaktion Gottes ist eingerahmt in die göttliche Liebe. Jesaja singt vom Schmerz der göttlichen Liebe, vom Schmerz der Liebe Gottes.

Aber – und das ist mir wichtig: Der Schmerz Gottes wird nicht zugedeckt von seiner Liebe. Wenn wir den Schmerz Gottes wie Jesaja nachspüren, ist Gott abgrundtief weit weg von uns. Der enttäuschte, zornige Gott ist uns fremd, muss uns fremd sein. Und wir sind Gott auch fremd. Da ist keine Nähe. Da ist Gott verborgen und vielleicht sich selbst fremd.

Auch das kennen wir doch vom uns selber. Es gibt Phasen in meinem Leben, in denen ich vom Leben und von mir selber enttäuscht bin, Phasen, in ganz auf mich selbst zurückgeworfen bin, wo ich nur noch mich selber habe. Dann warte ich vergeblich darauf, angesprochen zu werden, angesehen, berührt, herausgeholt zu werden aus meiner Menschen-, Welt- und Gottverschlossenheit. In meiner Einsamkeit höre ich kein Wort und finde keinen Lichtblick.

Wüste, Dornen und Disteln, auch das gehört zu unserem Leben. Enttäuschung, nichts an Hoffnung will wachsen und gedeihen, und auch eine feindlich gesinnte Umwelt,  auch das kann  zu unseren Glaubenserfahrungen als Gotteserfahrungen gehören. Zur Liebe und zum Glauben, das lehrt uns das Weinberglied, gehört auch die Passion, das Leiden, der Schmerz.

Das gehört auch zur Passion Gottes. Gott leidet. Gott leidet nicht nur mit uns. Gott leidet auch an uns. Gottes Schmerz gehört auch zum Glauben dazu, wie unser Schmerz zum Leben dazugehört.

Gott weiß also auf schmerzhafte Weise, , was es heißt, sich umsonst abgemüht und vergeblich geliebt zu haben. Der schmerzhafte Weg, den Gott mit Jesus später gegangen ist, lässt uns ahnen: Für Gott ist kein „Umsonst“ endgültig. Für Gottes Schmerz gibt es kein Zu-spät und kein Aus und Vorbei.  Mit der Passion Jesu zeigt Gott: Gott begibt sich selber ins Leid der Welt, sogar ins selbstverschuldete Leid der Welt. Seitdem haben der Schatten des Umsonst und des vernichtenden Zorns, die Dornen und die Wüste unseres kleinen Lebens und des ungeheuren Leides der Welt nicht mehr das letzte Wort.

Das Lied vom Schmerz und der Liebe Gottes wird weiter gesungen, auch in der Heiligen Schrift. Dort gibt es dann das Lied vom lieblichen Weinberg, den Gott Tag und Nacht behütet (Jesaja 27, 2-5). Und es gibt im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg das Lied vom überraschend großzügigen und seine Liebe völlig unverdient und nicht berechnend austeilenden Gott (Matthäus 20, 1-15).

-4-     Ganz zum Schluss lesen wir am Schluss des Liedes vom Weinberg in Vers 7:

7Wer ist dieser Weinberg? Der Weinberg des Herrn Zebaot, das sind die Bewohner von Israel. Die Leute von Juda, sie sind sein Lieblingsgarten. Der Herr wartete auf Rechtsspruch, doch seht her, da war Rechtsbruch. Er wartete auf Gerechtigkeit, doch hört nur, wie der Rechtlose schreit.

Gott wartet auf Rechtsspruch. Gott wartet auf Gerechtigkeit.

Was  Rechtsbruch und das Geschrei der Rechtlosen bedeuten, dazu brauchen wir keine Auslegung. Das wissen wir alle. Was Recht und Gerechtigkeit in unserer Welt bedeuten, wissen wir eigentlich auch. Wir müssen es nur tun, das Recht einhalten und für Gerechtigkeit sorgen.

Und das wäre dann auch ein gutes Ende des Weinbergliedes:

Wir sind Gottes Weinberg und Gott erfreut sich an den Früchten der Gerechtigkeit und des Rechtes. Amen.

Coronafasten – wenn Corona zu etwas gut ist…

Jesaja 58,1-11  Basisbibel Coronafasten     14.2.21 Trk

Liebe Gemeinde!

Was war das sicher für ein Jubel, als sie aus der babylonischen Gefangenschaft wieder zurückgekommen sind in die Heimat ihres Volkes. Endlich frei! Endlich daheim! Eine regelrechte Aufbruchstimmung tut sich auf. Jetzt wird in die Hände gespukt und alles wieder aufgebaut. So wie wir Deutschen nach dem 2. Weltkrieg.

Und wie wir Deutschen am Volkstrauertag an die Katastrophe der letzten Kriege gedenken, gedenken die wieder heimgekehrten Juden an ganz bestimmten Fastentagen der Katastrophe der Gefangenschaft: Nie wieder darf das geschehen, das wir uns unterjochen lassen! Nie wieder Sklaverei in Babylon! Der Blick geht zuversichtlich nach vorn.

Aber mit den Jahren holt sie der Alltag ein. Ernüchterung macht sich breit. Es geht nicht so, wie sie sich das vorgestellt haben. Die wirtschaftliche Not bringt ihre Pläne ins Stocken. Der Alltag ist hart.

Der Prophet, wir nennen ihn Tritojesaja, tritt auf.  Gott rührt sein Herz an, lässt ihm keine Ruhe, bis er die Menschen im Namen Gottes aufrüttelt:

581Ruf, so laut du kannst, halt dich nicht zurück! Lass deine Stimme erschallen wie ein Widderhorn! Halt meinem Volk seine Verbrechen vor, den Nachkommen Jakobs ihre Vergehen.2Sie befragen mich Tag für Tag und wollen wissen, was mein Wille ist. Als wären sie ein Volk, das Gerechtigkeit übt und das Recht seines Gottes nicht missachtet! Sie fordern von mir gerechte Entscheidungen und wollen, dass ich ihnen nahe bin.

Und dann zitiert Tritojesaja das jüdische Volk selber wie es mault:

3Und dann fragen sie mich: Warum achtest du nicht darauf, wenn wir fasten? Warum bemerkst du nicht, wie wir uns quälen?

Statt froh und dankbar zu sein, dass sie wieder im verheißenen Land leben dürfen, jammern und klagen sie. Mir kommt das bekannt vor: Jammern und klagen, das können auch wir Franken. Aber zurück zum jüdischen Volk: Kaum zurück aus dem babylonischen Exil jammern und klagen auch sie. Es geht ihnen ja so schlecht. Sie jammern Gott die Ohren voll: Sie fordern von ihm ihr vermeintliches Recht. Ist es nicht unser Recht, dass du Gott uns hilfst, dass es uns wieder besser geht?

Und darauf antwortet Tritojesaja im Auftrag Gottes:

Ich antworte: Was tut ihr denn an den Fastentagen? Ihr geht euren Geschäften nach und treibt eure Untergebenen zur Arbeit an!4Ihr fastet nur, um Zank und Streit anzuzetteln und mit roher Gewalt zuzuschlagen. So wie ihr jetzt fastet, findet eure Stimme im Himmel kein Gehör.5Meint ihr, dass ich ein solches Fasten liebe? Wenn Menschen sich quälen, den Kopf hängen lassen wie umgeknicktes Schilf und in Sack und Asche gehen? Nennst du das Fasten, einen Tag, der dem Herrn gefällt?

Nennst du das Fasten?  Das “Fasten” beim Volk Israel nach der Rückkehr aus dem Exil schaut anders aus als das Fasten 2021 bei uns Christen.Damals war das “Fasten” des jüdischen Volkes ein Ausdruck der Not und des Mangels im Volk! Nach der Rückkehr aus dem Exil hatten sie nichts, zu mindestens lebten sie nicht im Überfluss. Die Fastentage damals sind Tage der Trauer und der Klage: Menschen quälen sich, lassen den Kopf hängen wie umgeknick-tes Schilf und gehen in Sack und Asche.

Was aber ist falsch an ihrem “Fasten”? Die Fastentage erinnern an die Katastrophe der Gefangennahme und der Gefangenschaft. Aber anscheinend wurden sie nicht mehr so verstanden. Sie haben ihren Sinn verloren. Die Menschen damals haben den Sinn dieser speziellen Feiertage nicht mehr verstanden, diese Feiertage sind zu leeren und hohlen Ritualen verkommen – darum bleiben sie wirkungslos. Eigentlich tun sie im Alltagsleben genau das ihren Mitmenschen an, was sie damals vor Jahren selber erlitten haben und woran ihre Fastentage erinnern. Ihr Fasten ist sinnentleert und hohl. Die Menschen wissen nicht einmal mehr, warum und wozu sie diese Fastentage frei haben!

Damals zur Zeit Tritojesajas hatten sich die “Fastentage” sogar in ihr Gegenteil verkehrt: Wie könnt ihr – während ihr anscheinend eurer Gefangenschaft und Unterdrückung gedenkt, selber eure Mitmenschen unterdrücken? Wie könnt ihr gnadenlos eure Geschäfte machen, den alltäglichen Kleinkrieg gegeneinander führen?

Wir haben auch unsere Fastentage und Feiertage, zum Teil völlig sinnentleert. Aber darauf will ich heute nicht eingehen. Seit März 2020 und weit über heute hinaus befinden wir uns in einem zwanghaften Dauer-Fasten. Ob wir wollen oder nicht, wir müssen seit vielen Monaten fasten und verzichten. Nicht freiwillig, sondern mit staatlichen Auflage, Gesetzen und Verboten leben wir 2020 und 2021 in einem Dauerfasten und Dauerverzicht. Wir leben in erheblichen Einschränkungen. Wir müssen kein Klopapier horten, und die Lebensmittelvorräte reichen allemal. Aber keine Schule, kein Kindergarten, für viele keine Arbeit und vor allem immer auf Abstand zum Mitmenschen mit Maske. Das ist unser Fasten heute!

Seit März 2020 und sicher weit bis in die Mitte das Jahres 2021 hinein müssen wir uns erheblich  einschränken. Ich nenne es mal das Doppeljahr von Corona.

Ich finde, dieses Jahr des Verzichts, diese sechzehn oder achtzehn Monate, in denen wir uns einschränken müssen,

dieses Doppeljahr von Corona stellt vieles in Frage:

Worauf kommt es an?

Welche Wünsche willst du dir noch erfüllen?

Welche Träume hast du auf Eis gelegt.

Was bedeutet dir wirklich etwas?

Und wo hast du dir selbst nur etwas vorgespielt – und den anderen?

Ich finde, dieses Jahr des Verzichts,

diese sechzehn oder achtzehn Monate, in denen wir uns einschränken müssen,

dieses Doppeljahr von Corona stellt die Frage nach dem wahren Wert unseres Miteinanders.

Was wäre für dich die Krönung deines Lebens?

Was ist dir am Ende wirklich wichtig?

Wollte ich tatsächlich noch einmal Kreuzfahrten machen, an Orte, die ich eh schon kenne?

Einmal noch mit dem Flugzeug fliegen, die Schönheit der Korallen im Meer sehen? Oder die Schönheit der Gletscher Islands?

Noch einmal die Welt besehen? Und da dabei die Welt verpesten?

Angesichts der Todeszahlen überlege auch ich neu,

wie ich meine Prioritäten aufstelle:

Was bleibt von den Lebensträumen?

Was ist mir wirklich wichtig?

Dieses Jahr des Verzichts,

diese sechzehn oder achtzehn Monate, in denen wir uns einschränken müssen, dieses Doppeljahr von Corona stellt jeden und jede von uns in Frage:

Verschleudere nicht deine Resourcen und die Resourcen der Welt? Geh achtsam mit deinem Leben und deiner Welt um!

Das ist die Predigt, die ich mir selbst predigen will:

Das Leben ist zu kurz, um Unnützes zu pflegen.

Das Leben ist viel zu schön, als dass man sich verzetteln könnte.

Du hast zu wählen. Du wirst dich entscheiden müssen.

Diese Corona- Fastenzeit, die sich keiner freiwillig aussucht, hilft dabei,

noch einmal in uns hinein zu hören:

die Prioritäten neu aus zu richten,

die Dinge ins rechte Licht zu stellen,

und auch die Träume zu bewerten.

Was habe ich erreicht? Was will ich noch erleben?

Ich habe schon von Menschen kurz vor dem Ruhestand gehört, die den Traum von Kreuzfahrten aufgegeben haben, weil sie den jungen Menschen nicht ihre Zukunft verbauen wollen.

Nicht nur im Alter stehen wir vor solchen Entscheidungen.

Auch in jungen Jahren tut es gut,

sich die Zeit zur Besinnung

zu organisieren,

einzurichten.

Etwas weniger Fernsehen, mehr Sport und Bewegung.

Auch als junger Mensch kann man mal

auf einen Friedhof gehen,

ein Buch lesen,

sich zu bilden und weise zu leben,

all das kann helfen – und vieles andere mehr,

damit wir uns auf das bleibend Wichtige besinnen.

Was will ich im Leben noch erreichen?

Wofür hat es sich zu leben gelohnt?

Da ist es eine gute Übung, Gewohnheit zu unterbrechen,

den Rhythmus des Lebens umzulenken,

einmal etwas anderes zu denken und zu tun.

Ernährung          bewusste Entscheidungen treffen:

All das ist gemeint, wenn wir fasten;

genauer gesagt – und mit den Worten Tritojesajas:

richtig fasten. In sich gehen.

Sich an die Brust schlagen

und den Puls fühlen:

Wo ist echt Bedarf?

Was macht Sinn?

Wo engagiere ich mich?

Hören wir noch mal diese Worte des Propheten:

6Löst die Fesseln der zu Unrecht Gefangenen, bindet ihr drückendes Joch los! Lasst die Misshandelten frei und macht jeder Unterdrückung ein Ende!

7Teil dein Brot mit dem Hungrigen, nimm die Armen und Obdachlosen ins Haus auf. Wenn du einen nackt siehst, bekleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Nächsten!

8Dann bricht dein Licht hervor wie die Morgenröte, und deine Heilung schreitet schnell voran. Deine Gerechtigkeit zieht vor dir her, und die Herrlichkeit des Herrn folgt dir nach.

9Dann antwortet der Herr, wenn du rufst. Wenn du um Hilfe schreist, sagt er: Ich bin für dich da!

Hören wir, was Gott hier zusagt und verspricht: Ich bin für euch da! Aber nicht, wenn ihr beim Fasten eure Mitmenschen bescheißt!  Ich, Gott, bin für euch da, bei eurem Fasten, wenn es dabei gerecht zu geht. 

In eurem gerechten Tun verkörpert sich Gott. Darum sagt der Prophet:

Schaff die Unterdrückung bei dir ab, zeig auf niemanden mit dem Finger und unterlass üble Nachrede. 10Nimm dich des Hungrigen an und mach den Notleidenden satt.

Das Tun des Guten ist wichtiger als religiöse Wahrheiten.

Tue das Gute! Das sind klare Ansagen und Herausforderungen – die auch für uns heute auch unter völlig veränderten Lebensumständen genau so aktuell sind:

Löst die Fesseln der zu Unrecht Gefangenen, bindet ihr drückendes Joch los! Lasst die Misshandelten frei und macht jeder Unterdrückung ein Ende!7Teil dein Brot mit dem Hungrigen, nimm die Armen und Obdachlosen ins Haus auf. Wenn du einen nackt siehst, bekleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Nächsten   (V6+7).

In all dem, was Tritojesaja gerechtes Tun, das Tun des Guten nennt, verkörpert sich das, was wir Gott nennen.

Wenn Gott da ist, dann darf es keine Unterdrückung geben. Und Unterdrückung kann viele Facetten: jedes Ausgrenzen von Menschen ist eine Form der Unterdrückung. Ausgrenzen heißt: jemanden die Lebensmöglichkeiten beschneiden, jemandem die Luft zum Atmen nehmen.

Wenn Gott da sein soll, dann dürfen wir uns auch im Blick auf die Lebensmittel nicht uns unseren Mitmenschen entziehen. „Unser tägliches Brot gib uns heute“ beten wir und damit beten wir ausdrücklich dazu: alle Menschen mögen genug zu essen haben, nicht nur du und ich, die gerade Nahrung in Fülle haben. Und das gilt sogar für den Impfstoff. Er soll gerecht verteilt werden und Impfdränglern eine Absage erteilt werden, selbst wenn sie Landrat oder Bischof sind.

Kurz und knapp gesagt: Gott ist da,  indem wir – gemeinsam, aber auch jede und jeder einzeln – die Gegenwart Gottes und seine liebevolle Zuwendung zu uns Menschen verkörpern, indem wir ihr einen Körper, ihre Gestalt geben.  Das können wir ganz wörtlich verstehen, liebe Gemeinde: Wir verkörpern die Liebe Gottes auf dieser Welt.

Das Elend in der Welt werden wir nicht abstellen – aber die Liebe Gottes gewinnt dort eine sichtbare Gestalt durch uns, wenn wir andere ‘unser Herz finden’ lassen. Dann ist Gott da, dann geschieht Gott. Dann lässt Gott sich bei uns auch finden.

Lass die Menschen in Not “dein Herz finden” und du findest Gott.  Gottes Liebe verkörpert sich in uns Menschen.

Aber wie übersetzen wir das in unsere Zeit, in unser Leben, in unseren Alltag? –

Wir können beten, dass Gott für Gerechtigkeit in dieser Welt sorgt und dass er Menschen das Thema aufs Herz legt! Und Gott wird sich von uns finden lassen.

Wir können bewusster einkaufen und unseren übermäßigen Konsum überdenken. Jeder von uns hat täglich Kontakt mit Sachen die von ausgebeuteten Menschen erstellt wurden: Socken die wir tragen, Schokolade die wir essen, T-Shirts die wir kaufen,…  Und Gott wird sich von uns finden lassen.

Wir können Geld in Menschen investieren, z.B. durch eine Kinderpatenschaft statt es auf dem Bankkonto zu bunkern. Und Gott wird sich von uns finden lassen.

Wir dürfen kreativ werden und auf ganz unterschiedliche Weisen Armut und Ungerechtigkeit bekämpfen Und Gott wird sich von uns finden lassen. Gott wird sich verkörpern in unserer Liebe, in unserem gerechten Tun auf Erden.

Gottes Liebe verkörpert sich in uns Menschen. Diesen Satz können wir auch in das Leben  unserer Gemeinden übersetzen: Als Gemeinde sind wir nicht bloß für uns da, dass es uns gut geht, dass Gott uns behütet und mit allem versorgt, was wir brauchen. Nein, als Gemeinde sind wir immer für einander und für andere Menschen da. Das können Mitmenschen im unmittelbaren Umfeld sein: Einander besuchen, auch die, die wegen Corona sich nicht aus ihren Häusern trauen. Auf außenstehende Menschen achten, gerade wenn sie alt, einsam, krank sind. Immer wenn das in einer Gemeinde getan wird, berührt das das Herz vieler Menschen: Das finden sie gut und dadurch  finden sie sogar Gott in unserer Mitte.

Dann strahlt im Dunkeln ein Licht für dich auf. Die Finsternis um dich herum wird hell wie der Mittag.11Der Herr wird dich immer und überall führen. Er wird dich auch in der Dürre satt machen und deinen Körper stärken. Dann wirst du wie ein gut bewässerter Garten sein, wie eine Quelle, die niemals versiegt.  Amen

„Dornen, Steine, Ackerboden – von der Landschaft unserer Seele“

Lukas 8,4-8   7.2.21 Trautskirchen


Das Gleichnis vom Säen auf verschiedenen Böden

4Eine große Volksmenge versammelte sich um Jesus, und aus allen Orten strömten die Leute zu ihm. Da erzählte er ihnen ein Gleichnis:5»Ein Bauer ging aufs Feld, um seine Saat auszusäen. Während er die Körner auswarf, fiel ein Teil davon auf den Weg. Die Körner wurden zertreten, und die Vögel pickten sie auf.6Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden. Die Körner gingen auf und vertrockneten schnell wieder, weil sie keine Feuchtigkeit hatten.7Ein weiterer Teil fiel zwischen die Disteln. Die Disteln gingen mit auf und erstickten die junge Saat.8Aber ein anderer Teil fiel auf guten Boden. Die Körner gingen auf und brachten hundertfachen Ertrag. «Dann rief Jesus noch: »Wer Ohren zum Hören hat, soll gut zuhören.«


Liebe Gemeinde!

Wenn Jesus Geschichten erzählt, dann spielen die oft mitten im Alltag seiner Zuhörerinnen und Zuhörer. Dann haben die Leute sofort vertraute Bilder vor Augen oder einen vertrauten Duft in der Nase, oder sie hören Geräusche und Klänge, die sie gut kennen. Wir hören diese Geschichten heute sicher anders, weil die Bedingungen sich geändert haben. Wir leben und arbeiten ganz anders als die Menschen um Jesus damals. Und trotzdem haben diese alten Geschichten eine enorme Kraft, unser Herz und unsere Sinne anzusprechen. Schaut mal, welche Bilder oder Klänge in Euch auftauchen, wenn Ihr die folgende alte Geschichte neu hört.


Stell dir vor, Jesus geht mit dir über die Felder um Trautskirchen herum spazieren. Und während ihr beide da so lauft, räusperst du dich und traust dich Jesus etwas zu fragen.  „Du, Jesus, hör mal, ich fand das Gleichnis vom Sämann schon spannend, das du vorhin erzählt hast! Nur haben wir heutzutage große Bulldogs und Sämaschinen. Dein Bauer mit Saatschürze, der so großzügig die Samenkörner ausstreut, ist etwas altmodisch. Wir machen das längst nicht mehr so.“ Und Jesus antwortet dir: „Da hast du recht, da hat sich in der Landwirtschaft viel verändert. Aber weißt du was, so Ecken und Fluren kennt ihr auch. Geh mal mit.“

Und dann bleibt er an einem Landschaftsfleck stehen. „Stell Dir mal einen Bauern vor, der bald im Frühjahr hier über dieses Feld geht und aussät.“ – „Da brauch ich nicht viel Phantasie“, sagst du. – „Genau“, sagt Jesus, „Du weißt, wie das ist. Also, dieser Bauer nimmt sein Saatgut und geht über seinen Acker und wirft es mit vollen Händen in alle Richtungen.“ – „Moment mal“, sagst du „das würde ein kluger Landwirt nicht so machen. Der würde schon gucken, wo er das kostbare Saatgut hinwirft.“ – „Ja!“ lacht Jesus. „Genau! Du hast völlig Recht! Jeder vernünftige Landwirt würde das so machen. Aber der, von dem ich Dir erzähle, der macht das anders. Der wirft das mit vollen Händen in alle Richtungen.“ – „Das klingt nicht sehr vernünftig “, meinst du etwas irritiert. „Stimmt“, sagt Jesus. „Aber so ist er nun mal, dieser Bauer! Misst nicht genau ab, rechnet auch nicht nach, der schüttet das, was er zu geben hat, einfach so über die Erde.“ Du schaust ein bisschen verständnislos und Jesus fragt dich freundlich: „Und jetzt sag mir mal: Was passiert, wenn einer das Saatgut so übers Land wirft?“ – „Das ist doch klar“, sagst du, „es landet längst nicht alles da, wo es was bringt!“ – „Ganz genau!“, sagt Jesus. „Jetzt schau Dir mal den Boden an, auf dem wir gerade gehen. Wo wird hier was wachsen um uns herum?“ – „Ist auch klar“, sagst du, „da vorne ist guter Mutterboden, da wird einiges wachsen. Da drüben sind nur Steine, da wächst schon mal gar nichts. Und da hinten, da sind die dichten Sträucher und die Disteln, da ist keine Luft, kein Licht. Da kommt nichts. Ja und hier natürlich auch nicht. Da ist der Wanderweg, da laufen jeden Tag zig Leute drüber, da wird der Boden immer neu festgetreten – keine Chance.“ – „Ja!“ sagt Jesus. „Und genau so ist das bei vielen Leuten, wenn ich ihnen vom offenen Himmel erzähle. Da sind zum Beispiel manchmal Leute, die wissen immer schon alles von Gott. Die kennen ihn ganz genau, als wenn sie gerade mit ihm gefrühstückt hätten. Die wissen ganz genau, wie Gott ist und was er will und was man machen muss, wenn man ihm nahe sein will. Die sagen um Beispiel: Gott ist nur bei denen, die zur richtigen Gemeinschaft gehören und die die richtigen Sätze unterschreiben. Er liebt nur die, die sich an die Regeln halten. Und wenn einer die Kurve nicht kriegt, wenn er irgendwie aus der Bahn geworfen ist, dann hat er halt Pech gehabt, dann ist er draußen. Haben wir doch immer schon so gelernt! Sagt unsere Tradition schon immer! Wo kämen wir denn hin, wenn das aufgeweicht wird? Verstehst Du? Das ist wie auf so einem festgetretenen Weg.

Und dann komme ich hier plötzlich und erzähle ihnen von einem Vater im Himmel, unter dessen gütigem Blick wir alle leben und der seine Sonne aufgehen lässt über Gerechte und Ungerechte. Das prallt so was an denen ab.“ – „Ich verstehe“, sagst du.

„Oder“, sagt Jesus, „oft sind da auch Leute, die wissen schon von vornherein, dass das alles nur Unfug sein kann, was ich erzähle. Die sagen: Was Du da sagst, das ist ein schöner Traum, eine Illusion. Schau Dir die Welt doch an, schau Dir an, was die Wissenschaft alles rausgefunden hat! Da ist kein Platz für Deinen gütigen Vater im Himmel. Der ist ein Märchen.“

– „Na ja“, sagst du, „das kann man ja noch verstehen.“ – „Ja“, antwortet Jesus. „Aber auch da merkst Du, dass sich das bei vielen so verfestigt hat wie der Boden hier unter unseren Füßen. Da ist keine Offenheit mehr für was Überraschendes, da ist kein Spalt, wo ich vielleicht etwas Neues hineinlegen könnte, einen neuen Gedanken, eine neue Erfahrung mit diesem Gott, oder wenigstens ein bisschen Offenheit dafür, dass es vielleicht doch mehr geben könnte als man erforschen und nachweisen kann. Um dann einfach mal zu schauen, was passiert.“ – „Verstehe“, sagst du ziemlich nachdenklich. Und du betrachtest schweigend den Weg, auf dem ihr beiden gerade weitergeht.

Der Weg macht eine kleine Biegung und Jesus sagt weiter: „Und dann begegnen mir Leute, da habe ich das Gefühl: eigentlich würden die gerne einen Spalt ihrer Seele öffnen, um da ein Körnchen reinzulassen. Aber sie trauen sich nicht. Weil sie schon zu viel erlebt haben. Sie haben sich schon mal geöffnet,  – und sie haben es bitter bereut. Irgendjemand hat ihnen weh getan, irgendwer hat sie enttäuscht oder verletzt. Vielleicht mehrere Male. Vielleicht sogar jemand aus ihrer Gemeinde oder Kirche. Irgendwer hat ihr Vertrauen missbraucht oder sie bloßgestellt oder alleingelassen oder irgendwas anderes. Es gibt so viele Wege, einen Menschen zu verletzen. Und jetzt sagen diese Leute: Das passiert mir nicht noch mal! Eher mauer ich mir das Herz zu, als dass ich da noch mal jemanden dran lasse! Ich mach mich nicht mehr verwundbar!“ – „Tja“, sagst du, „auch das verstehe ich gut.“ – „Na klar“, sagt Jesus. „Nur, wenn Du das machst, wenn Du eine Mauer um Dein Herz baust, um es zu schützen, dann hältst Du eben nicht nur das von Dir fern, was gefährlich ist. Du wehrst auch das ab, was Dir gut tun könnte, was Dich befreien könnte, was Dich heilen könnte!“ – „Die Steine da“, sagst du. „So ähnlich ist das dann.“ – „Ganz genau“, sagt Jesus. „Und das tut mir immer besonders weh, wenn ich sehe, wie Menschen das abblocken, was sie heilen könnte.“ – „Als wenn einer zu seinem Arzt sagen würde: Mach bloß nichts bei mir, Du willst mich ja sowieso nur vergiften“, sagst du. „Genau so“, sagt Jesus. „Schönes Bild!“ Und ihr beide betrachtet schweigend die Steine, während sie weitergehen …

Der Weg wird jetzt ein Stück steiler. Und Jesus sagt: „Und dann treffe ich manchmal Leute, die sind ganz offen und interessiert, und wenn ich mit denen rede, dann merke ich: da kommt was rüber, da kommt was an, die nehmen gerne was in sich auf und würden es gerne wachsen lassen. Aber dann triffst Du sie eine Weile später wieder und merkst: Da sind inzwischen tausend andere Dinge passiert, und die sind alle wichtiger. Irgendwas zu Hause, irgendwas bei der Arbeit, irgendwas Schönes oder Spannendes oder auch Schreckliches, die sind voll mit tausend Sorgen und Geschichten, da ist überhaupt kein Platz für einen neuen Gedanken, der sich da langsam entfalten könnte. Denn was ich den Leuten bringe, das muss langsam wachsen. Wie die Saat auf Deinen Feldern! Das braucht Zeit und das braucht auch Platz – und einiges an Aufmerksamkeit! Und da muss immer wieder neu das Licht der Sonne dran. Wenn das so zugewuchert wird, dann geht es ruckzuck ein.“ – „Genau wie da drüben unter den Büschen und Dornen“, sagst du. „Da käme auch nichts hoch, das wäre direkt vorbei.“ – „Ja“, sagt Jesus, „wie da drüben!“ Und ihr beide betrachtet die dornigen Büsche, an denen ihr beide gerade vorbeigeht …

Langsam senkt sich der Weg wieder ein bisschen. „Ich glaube, mir wird einiges klar“, sagst du. „Aber sag mal: Ist das nicht sehr enttäuschend, wenn da einfach nirgendwo was wächst, da nicht und da nicht und da auch nicht …“ – „Sicher“, sagt Jesus. „Aber jetzt schau dich hier noch mal um!“ – Du bleibst stehen, guckst sich um, zuckst die Achseln. „Hilf mir mal auf die Sprünge. Ich weiß grad nicht, was Du meinst.“ – „Wir haben uns jetzt die ganzen Stellen angesehen, wo nichts aufgehen würde“, sagt Jesus. „Jetzt schau mal da vorne hin! Und dort!“ – „Oh ja“, sagst du erfreut. „Fruchtbare Erde!“ – „Und zwar eine ganze Menge“, sagt Jesus. „Und du kennst dich selber aus, dir brauch ich nicht zu erzählen, was passiert, wenn da was drauf fällt!“ – „Wenn´s regnet,“ sagst du, „dann geht das alles wunderbar auf! In guten Jahren hast du da eine reiche Ernte!“ – „Ja“, sagt Jesus, „und genau das erlebe ich auch immer wieder: Dass was aufgeht! Dass was fruchtet in den Herzen der Leute! Dass etwas Neues wächst. Und das ist dann nicht nur für die Menschen selber, in denen das geschieht. Das geht weiter! Viel weiter! Und dann weiß ich ganz genau: Es ist richtig, es lohnt sich, mit vollen Händen auszuteilen! Es wird immer wieder etwas auf fruchtbaren Boden fallen.“ Du nickst. Und ihr beide bleibt stehen und betrachtet eine Weile das ganze fruchtbare Land um euch herum …

Ihr beiden habt inzwischen fast den ganzen Weg zwischen den Feldern hinter euch und schweigt eine Weile nachdenklich vor euch hin. „Was ist?“ fragt Jesus. „Wo bist Du gerade?“ – Du schaust ihn an und sagst: „Ich überlege gerade, was für ein Boden ich wohl bin.“ – „Und?“ fragt Jesus. – „Also, ich wäre ja gerne guter, fruchtbarer Boden, durch und durch, von oben bis unten. Aber wenn ich mal ganz ehrlich hinschaue, dann merke ich: ich hab von allen vier Böden was in mir drin. Ich hab was von den dornigen Büschen und Disteln, ich merk selber, wie das immer wieder wuchert, wie ich voll bin mit tausend Dingen, und dann ist da kein Platz. Dann höre ich heute was Spannendes und morgen oder übermorgen ist es schon wieder weg. Oder ich denke: Ja, genau, so könnte man leben, das könnte man doch mal probieren! Und am nächsten Morgen denke ich schon wieder: nee, das geht doch nicht, kann man doch nicht machen …“ – „So ist das“, sagt Jesus.

 „Und ein paar Sachen hab ich ganz tief in mir drin – da lass ich auch keinen ran.“ – „Auch den guten Sämann nicht“, sagt Jesus. – „Nee, auch den nicht“, sagst du etwas verlegen. – „Ich weiß,“ sagt Jesus.

 „Und das mit dem festgetretenen Weg … da weiß ich nicht so richtig … da muss ich noch mal drüber nachdenken.“ – „Ja,“ sagt Jesus. „Auch da wirst Du was finden.“

 „Also hab ich was von allem,“ sagst du. „Von den Steinen, von den Dornen, vom Weg …“ – „… und vom fruchtbaren Boden!“ ergänzt Jesus. „Vergiss den nicht!“ – „Und was mach ich jetzt damit?“ fragst du. „Etwas ganz Wichtiges hast schon gemacht“, sagt Jesus. „Du hast ehrlich hingeschaut. Jeder Mensch hat alle vier Böden in sich. Wenn auch unterschiedlich verteilt.

Und wenn Du das gesehen hast, dann ist wichtig: Starr nicht auf die unfruchtbaren Böden! Verzweifle nicht an den Dornen in Deiner Seele! Mach Dich nicht fertig wegen der Steine um Dein Herz! Miss nicht ängstlich aus, wie viel wovon da ist! Das bringt nichts. Sondern kümmere Dich um das fruchtbare Stück Land in Deiner Seele! Was kann auf diesem Boden wachsen? Das ist die einzig wichtige Frage! Du kannst die unfruchtbaren Ecken in Dir nicht mit Gewalt entfernen – das geht nicht! Aber wenn Du das fruchtbare Land in Dir kultivierst, wenn Du es pflegst, wenn Du es wertschätzt, dann kann es sein, dass die fruchtbare Erde sich in Dir ausbreitet – und die anderen Bereiche zurückgehen.“ –„Und was ist, wenn ich da nicht gar nicht so viel finde?“ fragst du. Jesus schaut dich an und sagt: „Weißt Du, was das Wichtigste an dem ist, was ich Dir gerade erzählt habe? Wichtig an meiner Geschichte ist nicht nur das Ende: die große Ernte. Genauso wichtig ist der Anfang: `Ein Sämann ging auf seinen Acker, um zu säen. Und er warf das Saatgut mit vollen Händen über das Feld.´ Und das tut er heute. Und morgen. Und übermorgen. Und in zwei Wochen. Und in fünfzig Jahren – über dem Feld Deiner Seele! Immer wieder neu! Und er lässt sich nicht davon entmutigen, wenn so viel davon immer wieder liegen bleibt. Er wartet geduldig, bis etwas aufgeht. Es wird etwas aufgehen! Es ist schon etwas aufgegangen! Und es wird noch mehr aufgehen! Verlass Dich drauf!“ Du schaust Jesus noch eine Weile nachdenklich an. Dann nickst du, drückst Jesus die Hand, verabschiedest dich von ihm und gehst deines Weges. Und ich bin sicher: Du tust das nachdenklich, aber auch fröhlich und irgendwie befreit und gelöst.


Und wir, wir dürfen uns in diesem Menschen an der Seite Jesu gerne wiederfinden mit der ganz individuellen Landschaft unserer Seele, mit den ganz verschiedenen Ecken und Flächen, die da sind. Und unter dem gütigen Blick Gottes können wir unsere eigene Seelenlandschaft genauso ehrlich betrachten. Und noch einmal genauer hinschauen: Was ist da an fruchtbarem Land in mir? Was wartet vielleicht nur darauf, dass es Frucht bringen kann?  Was ist schon längst dabei, zu wachsen – und ich habs noch gar nicht gesehen? Und: Was kann ich selber tun, um das fruchtbare Land in mir zu pflegen und zu kultivieren? Was kann Dünger sein für das Feld meiner Seele? Vielleicht, wenn ich mit Leuten rede, immer wieder, die mich auf gute, neue Gedanken bringen. Vielleicht, wenn ich ein Buch lese, das nicht einfach nur wiederholt, was ich sowieso schon denke und weiß. Vielleicht, wenn ich eine regelmäßige geistliche Übung einhalte, die meinem Rhythmus entspricht und die mich für einen Moment aus den tausend anderen Dingen herausholt. Dünger frür ,meine Seele ist für mich eine tägliche einfache Dankesübung:  Ich notiere mir früh am Morgen, drei Dinge, auch kleine Dinge, für die ich dankbar bin.

Dünger für meine Seele kann Musik sein, die etwas in mir öffnet. Oder manchmal schon, wenn ich für eine Weile ganz achtsam durchs Leben gehe und schaue, was mir da entgegenkommt. Es kann auch eine Aufgabe sein, die ich übernehme und die meinen Blick verändert auf die Menschen, die ich da treffe – und auf mich selbst. Was kann Dünger sein für das fruchtbare Land in Euch? Achtet mal darauf in der kommenden Zeit! Und freut Euch an allem, was Ihr da entdeckt! Und wo wir’s selbst nicht hinkriegen, den Boden unserer Seele zu öffnen für Gottes heilsame Liebe, dann lasst uns ihn bitten, das selbst behutsam zu tun! Und: lasst uns ihm dafür danken, dass er nicht müde wird, sein Saatgut auszuteilen, verschwenderisch und ohne zu rechnen!


Amen

Amanda und Rut und unsere Lebensperspektiven

Rut1,1-19     31.1.21  Trk

Am 20. Januar wurde Joe Biden in sein Amt als amerikanischer Präsident eingeführt. Viele haben diesen historischen Moment im Fernsehen, im Radio oder in den sozialen Medien verfolgt. Die Inszenierung war groß und würdevoll. Nicht der Präsident stand im Mittelpunkt, sondern die Demokratie und die Werte, die Amerika geprägt haben und eine Basis bilden, um den Herausforderungen der Gegenwart zu begegnen und gemeinsam in die Zukunft zu gehen.

Besonders beeindruckt hat mich die die junge Poetin Amanda Gorman mit ihrem Gedicht: The Hill we climb

Der Hügel, den wir erklimmen.

Das Gedicht beginnt mit den Worten:

„Wenn es Tag wird, fragen wir uns,

wo wir Licht zu finden vermögen,

in diesem niemals endenden Schatten?“

Es geht in ihrem Gedicht um Licht und Schatten, um einen Lichtblick, um Lebensperspektive des amerikanischen Volkes. Eigentlich geht es um Licht und Lebensperspektive der ganzen Menschheit.

Amanda Gorman verbindet ihre eigenen persönlichen Erfahrungen mit Licht und Hoffnung aller Menschen.

Sie erinnert als Tochter einer schwarzen, alleinerziehenden Frau an den amerikanischen Traum, genauso wie an den Traum Martin Luther Kings und die Vision, „ein Land zu bilden, das sich allen Kulturen, Farben, Charakteren und menschlichen Lebensverhältnissen verpflichtet fühlt“

Ihre Worte sind prophetisch – im Wissen um die Vergangenheit und die Probleme der Gegenwart richtet sie den Blick nach vorn:

„Wir schließen die Kluft, weil wir wissen, dass wir, um unsere Zukunft an erste Stelle zu setzen, zuerst unsere Unterschiede beiseitelegen müssen. Wir legen unsere Waffen nieder, damit wir unsere Arme nacheinander ausstrecken können.“-

Aus ihrem Bild eines geeinten Amerikas spricht eine große Sehnsucht, aber auch Hoffnung: Und so schließt ihr Gedicht mit den Worten:

„Wenn der Tag kommt, treten wir aus dem Schatten heraus, entflammt und ohne Angst. Die neue Morgendämmerung erblüht, wenn wir sie befreien. Denn es gibt immer Licht, wenn wir nur mutig genug sind, es zu sehen, wenn wir nur mutig genug sind, es zu sein.“

Das berührt mich.

Es gibt immer Licht, wenn wir nur mutig genug sind es zu sehen und es zu sein

Und es führt mich zum Buch Rut, Predigttext für heute. Das Buch Rut erzählt von Licht und Hoffnung, von der Lebensperspektive einer anderen Frau, Rut

Nachlesen können Sie die Geschichte im 1. Kapitel des Buches Rut. Jetzt erzähle ich den Predigttext:

Verschiedene Personen spielen eine Rolle: Zunächst Elimelech, der Mann von Noomi, ihr Söhne Machlan uns Kiljan, dann ihre Schwiegertöchter Orpa und Rut und ganz am Schluss spielt ein kleiner Obed eine Rolle in der Familiengeschichte. Alles sprechende  Namen, aber dazu später bei Gelegenheit mehr dazu.

1.Aufbruch mit Verlusten – und kam Ende wenig Lebensperspektive

Elimelech „Gott ist mein König“ ist ein frommer jüdischer Mann, der an seinen Gott glaubt und ihn tatsächlich für seinen König hält. Seine Glaube sagt ihm: Mein Gott sorgt für mich und meine Familie. Und so reagiert er auch relativ gelassen, als er merkt, dass im jüdischen Land eine Hungersnot sich anbahnt. Er lebt in Bethlehem, Brothausen.

Elimelech betrachtet die völlig vertrockneten Weizenhalme der Felder, nimmt eine vertrockneten Halm in seiner Hand. Er trägt ihn zu seiner Frau Noomi, legt ihn auf den Tisch und sagt: Sieh Dir das an, Noomi, meine Liebliche. Der Weizen vertrocknet. Wir werden in absehbarer Zeit nicht genug zu essen haben.

Entschlossen blickt er auf: Wir gehen woanders hin. Gott wird uns einen Ort zeigen, wo wir leben können, Lass uns gehen. Auch wenn der Ort, wo wir zu Hause sind, Bethlehem „Brothaus“ heißt: Hier gibt es kein Brot. Und ohne Brot ist „Brothaus“ nicht mehr unser Zuhause.

Wenig später schließt Elimelech das Haus ab und zieht mit Noomi und den beiden Söhnen Machlan und Kiljan los. Beides sprechende Namen: Machlan der Kränkliche, Kiljan, der Gebrechliche. Elimelech vertraut darauf, dass auch seine kränklichen und gebrechlichen Kinder eine Lebensperspektive haben. Elimelech lässt die vertraute Heimat zurück. Die vier gehen ins Ausland zu den Moabitern. Eigentlich sind es die Feinde des jüdischen Volkes. Aber die Moabiter haben ein Herz für diese hungernde jüdische Familie.  Dort im Ausland finden sie genug. Sie bleiben. Es gibt Essen und einen überschaubaren Alltag.

Aber dann stirbt Elimelech. Übrig bleiben Noomi als Witwe und zwei Halbwaisen. Und jetzt? Die Söhne, inzwischen alt genug zum Heiraten, treffen die Entscheidung: Wir heiraten in der Fremde. Wir bleiben bei den Moabitern. Es geht uns hier gut. Auch wenn wir nicht so gesund und leistungsfähig sind, wird Gott für uns sorgen. Wir können arbeite und haben eine Lebensperspektive.

Noomi ist zufrieden, es gibt Essen und erneut einen überschaubaren Alltag. Schade, dass die Ehen ihrer Söhne kinderlos bleiben. Und dass ihr Mann Elimelech fehlt, schmerzt. Aber dann sterben auch die beiden jungen Männer Machlan und Kiljan. Von der ursprünglichen

Familie bleibt nur eine übrig: nur Noomi. Als Witwe in der Fremde. Die Verluste ihrer beiden Söhne tun so weh. Und der Blick in die Zukunft auch: Wer wird für sie sorgen? Hier im Ausland gibt es kein Netzwerk für sie, die Übriggebliebene, für die Fremde in der Fremde. Und erneut und verschärft lautet die Frage: Habe ich noch eine Lebensperspektive? Wie kann es weitergehen? Eigentlich gibt es für mich keine Hoffnung, keinen Lichtblick mehr. Noomi ist nahe dabei, sich aufzugeben.

2. Erneuter Aufbruch aus Hunger – bitter und wie ein Albtraum

Noomi gibt sich einen Ruck und steht auf. Sie

geht zurück. Den Ausschlag gibt ein Gerücht: Gott gibt wieder tägliches Brot – seinem jüdischen Volk. Bethlehem ist wieder „Brothaus“. Bethlehem hat wieder Brot. Vielleicht auch für Noomi?

. Sie macht sich auf,

steht auf, wird aktiv, bricht auf, bricht ihre Situation auf.

Ihre Schwiegertöchter Orpa und Rut hat sie im Schlepptau.

Unterwegs kommt Noomi ins Grübeln. Ja, sie stammt aus Bethlehem. Sie hat dort noch Verbindungen.

Sie wird eine Chance haben. Doch die fremden Witfrauen? Sie werden dort so verloren sein wie Noomi es

in der Fremde war. Noomi bleibt stehen. Sie muss die beiden Frauen wieder zurückschicken. Und das tut sie. Mit den besten Wünschen und einem Abschiedskuss.

Aber die beiden jungen Frauen, Orpa und Rut,

weigern sich. Sie beteuern lauthals: „Wir wollen bei Dir bleiben.“ Sie sind bereit, das Vertraute hinter sich

zu lassen um der einen Vertrauten willen. Doch Noomi widersetzt sich. Keine Zeit für Gefühle. Hier muss

pragmatisch gedacht und gehandelt werden. Und so malt Noomi den Frauen klipp und klar vor Augen: Mit

mir habt ihr keine Zukunft, keine Lebensperspektive. Noomi unterstreicht: Mit ihr mitzugehen bedeutet, Gott gegen sich

zu haben. Denn so erlebt Noomi ihre Situation, so deutet sie sie: Gott war anscheinend gegen sie, ihr Leben ist anscheinend auf ganzer Linie gescheitert. Kein Brot. Kein Mann. Keine Söhne. Keine Hoffnung. Keine Zukunft. Alles hat ihr Gott genommen. Bitter, hebräisch „mara“, ist ihr Leben. Nennt mich nicht mehr Noomi, die Liebliche, nennt mich Mara, die Bittere! Sagt sie den beiden Frauen.

Zum Albtraum ist mein Leben geworden. Ich habe keine Lebensperspektive , keine Hoffnung. Das ist nichts für euch jungen Frauen!

3. Rut bindet sich fest an Noomi und begleitet sie nach Bethlehem

Diesmal gibt Orpa nach, Orpa, die wörtlich heißt „Die den Rücken kehrt“ dreht Noomi den Rücken zu und kehrt heim.

Aber Rut, wörtlich die Freundin oder Gefährtin erweist sich als treue Freundin und Lebensgefährtin. Sie hängt sich an Noomi. Ein drittes Mal schickt Noomi Rut weg: „Geh zurück, schnell, lauf Orpa nach!“

Doch Rut weigert sich. Rut hat sich entschieden. Sie bleibt bei Noomi. Wie ernst es ihr ist, macht Rut mit einer großen Selbstverpflichtung deutlich:

„Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk,

und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der

HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.“

Mit großer Ernsthaftigkeit bindet Rut ihr Leben an das von Noomi, hängt sich an sie, als wollte sie sagen: Ich lasse

dich nicht, du segnest mich denn. Soll heißen, ich darf mitgehen, bei dir bleiben Tag und Nacht bis zum

Ende. Und Rut besiegelt ihre Entscheidung mit einem Schwur bei dem Gott, den Noomi als feindlich

gesinnt erlebt. Rut weiß, was sie hinaufbeschwören könnte. Und sie tut’s trotzdem. Oder gerade deshalb.

Es ist ihr bitterernst. So kehrt Noomi als Witwe mit nichts außer einer Geschichte des Scheiterns und des

Verlustes und einer fremden Frau, die selbst bereits Witwe ist, nach Bethlehem zurück. Mit nichts in den

Händen außer der Hoffnung auf Brot und einem sozialen  Netzwerk, das sie hoffentlich irgendwie tragen wird.

Pläne? Ein Fremdwort. Leben von Tag zu Tag ist angesagt. Wann hört es endlich auf? Wann wird sie

wieder gerne vom Tisch aufstehen?

4. Zwei Neuanfänge

So kehrt Noomi zurück: als „Rest“ ihrer ursprünglichen Familie. Mitten in ihrer Perspektivlosigkeit sieht sie nicht, was kommt. Und doch ist es längst angelegt: eine bessere Zeit. Denn immerhin: Ein Rest kehrt zurück. Und mit einem Rest hat Gott in seiner Geschichte mit Israel, mit den

Menschen immer wieder etwas vor. Dem Rest gilt seine besondere Liebe. Der Rest bildet den Sauerteig

für einen Neuanfang. Und ein Zweites ist angelegt: Obgleich fremd, kommt Rut mit. Und diese Fremde

wandert ein. Nach Bethlehem. In das Volk Gottes. In den Stammbaum Davids wandert sie ein und so in

den Stammbaum Jesu. Rut wird als moabitische Frau Teil der Geschichte Gottes mit seinem Volk und allen Menschen.

6. Noomi, Obed und die Zukunft

All das bekommt Noomi nicht mit. Wie auch? Sie steckt ja mittendrin. So wie wir. Noch ehe die nächsten 10 Jahre vergangen sind, am Ende des Buches Rut, wird erzählt, wie Noomi einen kleinen Jungen auf dem Schoss hält, Obed, den Sohn von Rut. Bestimmt hat Noomi dem Obed

Geschichten erzählt. Von früher. Zum Beispiel wie sie nach Bethlehem zurückkam. Wir hören Noomi

erzählen: „Nur ich allein war übriggeblieben. Wozu?“ „Na um auf mich aufzupassen!“, ruft ihr Enkel Obed, wörtlich „Verehrer“begeistert. Noomi lacht. „Damals hab ich mir doch nicht vorstellen können, noch einmal einen solchen

Schatz verehren darf! Jedenfalls habe ich unterwegs nachgedacht: Ich geh nach Hause, nach

Bethlehem zurück. Allein.“ „Biste aber nicht!“, quakt Obed dazwischen. Noomi nickt versonnen. „Hast

recht, bin ich nicht. Deine Mutter, die Rut hing an mir wie eine Freundin und wollte unbedingt bei mir bleiben.

Unbedingt! Bei Gott hat sie es geschworen. Und dann blieb sie bei mir, bei Tag und bei Nacht.“ „Und bei

mir und bei Papa und in Bethlehem und bei Gott.“, ergänzt Obed begeistert. Noomi nickt. „Es war so gut,

dass sie ihren Sturkopf durchgesetzt hat! Sonst gäbe es dich nicht. Und mir ginge es bestimmt schlechter.

Wer hätte das damals gedacht, dass alles so gut werden würde!“ In dem Moment tritt Obeds Mutter Rut

vor die Tür und ruft: „Zu Tisch!“ Und aus dem Haus dringt der Duft von frischem Brot.

7. Das Besser hat längst angefangen. Unsichtbar, doch gegenwärtig.

Tatsächlich: Es werden kommen vom

Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes. Und es

wird gut sein. Menschen werden gerne vom Tisch aufstehen, weil sie sich auf das freuen, was vor ihnen

liegt. Wann wird das sein? Wann bekommen wir einen Vorgeschmack, wann wird es besser? Wenn ich

von unserem Predigttext her denke: Das hat schon längst angefangen. Und das Gerücht, das gute

Gerücht vom Brot, von Leben und Zukunft dringt auch uns entgegen. Der Geruch, der Duft von frischem

Brot, weht hinein in unser Mittendrin mit all seinen Rückschlägen und Verlusten. Und dieser Duft lockt.

Von daher: Vielleicht ist es an der Zeit, sich aufzumachen. Mal sehen, was werden wird. Mal sehen, wen

wir mitbringen werden dorthin, wo aller Hunger gesättigt wird. Mal sehen, wann er uns aufgeht, der

Sauerteig von Gottes Güte, der Kern vom guten Ende. Denn der steckt unsichtbar, doch gegenwärtig

auch in unserem Mittendrin. Amen.

IV. Zum Schluss noch einmal Amanda Gorman:

Wenn der Tag kommt, treten wir aus dem Schatten heraus,

entflammt und ohne Angst.

Die neue Morgendämmerung erblüht, wenn wir sie befreien.

Denn es gibt immer Licht,

wenn wir nur mutig genug sind, es zu sehen,

wenn wir nur mutig genug sind, es zu sein.