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Frei wie ein Adler – Predigt 19.4.20

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Quasimodigeniti , 19.4.2020 Onlinepredigt Manfred Lehnert Trautskirchen, Jes 40,26-31

Liebe Zuhörer und Zuhörerinnen!

Große Bedrängnisse haben diese Menschen erlebt.  Krieg, Gewalt und Verschleppung. Viele sind gegen ihren Willen verschleppt worden in ein fremdes Land, fern ihrer Heimat. Eine einschneidende Krise machen sie durch, an die sich ihre Nachfahren noch Jahrhunderte danach erinnern werden. Voller Angst und Zweifel erleben sie ihre schwere Zeit und fragen sich: Wo ist unser Gott? Weiß er überhaupt, wie es schlecht es uns geht, weit weg von Zuhause?

Die Menschen sind müde geworden damals, diese jüdischen Menschen im babylonischen Exil, so lange vor unserer Zeit. Sie wurden herausgeführt aus ihrem Land in ein fremdes Land. Wir sind ihnen seltsam nahe, wir sind auch herausgeführt aus unserem Land, aus unserem Alltag. Es ist eine andere Art Fremdheit. Wir wurden in keine Fremde geführt. Es ist unsere Heimat, in die wir verbannt sind. Leer und still die Straßen, die täglichen Wege nur eilig und auf das Notwendigste beschränkt. Die Menschen begegnen sich nur noch auf Abstand. Die Hand geben, sich umarmen ist nicht erlaubt. Selbst ein freundliches Lächeln muss hinter einer Maske verschwinden. So wird es bleiben, noch für Wochen, Monate vielleicht. Die Kraft beginnt zu erlahmen. Es ist zum Müde-Werden.

Wir sind nicht die ersten und die einzigen, die müde werden. Es ging schon anderen Menschen zu anderen Zeiten so. Zum Beispiel den jüdischen Menschen im babylonischen Exil  langer vor unserer Zeit. Zu diesen Menschen spricht Deutero-Jesaja seine Worte.

 40, 26 Blickt nach oben! Schaut den Himmel an: Wer hat die unzähligen Sterne geschaffen? Er ist es! Er ruft sie, und sie kommen hervor; jeden nennt er mit seinem Namen. Kein einziger fehlt, wenn der starke und mächtige Gott sie antreten lässt. 27 Ihr Nachkommen von Jakob, ihr Israeliten, warum behauptet ihr: »Der HERR weiß nicht, wie es uns geht! Es macht unserem Gott nichts aus, wenn wir Unrecht leiden müssen«? 28 Begreift ihr denn nicht? Oder habt ihr es nie gehört? Der HERR ist der ewige Gott. Er ist der Schöpfer der Erde – auch die entferntesten Länder hat er gemacht. Er wird weder müde noch kraftlos. Seine Weisheit ist unendlich tief. 29 Den Erschöpften gibt er neue Kraft, und die Schwachen macht er stark. 30 Selbst junge Menschen ermüden und werden kraftlos, starke Männer stolpern und brechen zusammen. 31 Aber alle, die ihre Hoffnung auf den HERRN setzen, bekommen neue Kraft. Sie sind wie Adler, denen mächtige Schwingen wachsen. Sie gehen und werden nicht müde, sie laufen und sind nicht erschöpft.“

Gott gibt uns, wenn wir müde geworden sind, neue Kraft. Das höre und lese ich als

Erstes aus dem Bibelwort heraus. Gott hat den Menschen damals Kraft gegeben, eine Zwangspause zu durchstehen.  Und Gott wird auch uns die nötige Kraft geben.

So eine Kraft wünsche ich uns auch, gerade nach den letzten Wochen, in denen unsere Welt in eine Krise gestürzt ist, wie wir sie noch nie zuvor erlebt haben. Es ist eine Zeit, in der alles, was normal war, plötzlich auf den Kopf gestellt ist.

Es ist eine Zwangspause verordnet worden. Weiterhin nahezu Stillstand. Nur zögerlich wird es zur Rückkehr zur Normalität kommen. Aber was heißt schon Normalität? Ich gehe davon aus, dass die Normalität, die wir vorher als normal und selbstverständlich vorausgesetzt haben, so wie sie war, nicht mehr zurückkehren wird.  Es wird hoffentlich eine andere Form von Normalität sein, an die wir uns gewöhnen werden, vielleicht eine Normalität, die nachhaltiger und umweltschonender ist als die alte Normalität.

Diese Epidemie hat unser ganzes Leben zwangsweise zum Stillstand gebracht. Eine Zwangspause, deren Länge und Intensivität wir nicht abschätzen können. Die Verschleppung der jüdischen Menschen, das babylonische Exil dauerte mindestens 50 Jahre. Die Corona-Virus-Epidemie dauert hoffentlich nicht so lange, aber lange genug, dass sie uns an den Nerven zehrt. Lange genug, dass sie an die Grenzen unserer Ressourcen gehen wird. Wir merken, die Masken und Intensivbetten, sind knapp. Vom Pflegepersonal ganz zu schweigen. Aber auch unsere psychischen Kräfte werden vielleicht an unsere Grenzen kommen.

Was damals Babylon war, trägt heute den Namen Corona. Carona oder Babylon, für uns ist  es der Ort, wo wir verzagt sind, ohne Hoffnung, einfach nur müde. Wir kommen auch von Karfreitag her. Auch das ein Symbol für unser Verzagtsein, für unsere Müdigkeit und Erschöpfung. An Ostern haben wir auf eine eindrückliche Weise Ostern ohne Gottesdienste gefeiert.  Stehen wir immer noch weinend und entsetzt am Grab wie die Frauen, die die Botschaft von Ostern hörten, aber schier nicht glauben konnten? Sind wir bei Karfreitag stehen geblieben?  Auch der Weg nach Ostern war für die Jünger ein langer ermüdender Weg, unterbrochen mit Rückschlägen, aber auch mit vielen Zeichen der Hoffnung, dass das Leben schon weitergehen wird.

 

Was uns mit Corona widerfahren ist, ist vielen Menschen zu allen Zeiten der Welt auf unterschiedliche Weise widerfahren: Das babylonische Exil war der Tiefpunkt für die jüdischen Menschen in ihrem Glauben damals. Karfreitag war für die Jünger Jesu ein genauso großer Tiefpunkt ihres Glaubens. Auch Corona kann für uns ein Tiefpunkt sein. Wir können aber viele kleine und große Zeichen der Hoffnung sehen:

Wir haben Ostern trotzdem gefeiert – als Zeichen der Hoffnung, dass das Leben weitergeht.

Wir Menschen schaffen es, trotz des Kontaktverbots in Verbindung zu bleiben.

Nachbarn sprechen plötzlich wieder miteinander, fragen, wie geht es: Braucht ihr Hilfe?

Die Landjugend bietet an, für Einsame und Kranke einkaufen zu gehen.
Die Politiker gehen mit den Herausforderungen dieser Krise sorgsam um und haben Respekt verdient. Alles Zeichen der Hoffnung.

 

Natürlich gibt es auch andere Zeichen, Zeichen, dass es ernst ist.

Immer mehr Menschen haben sich mit dem Virus angesteckt. Es gibt schmerzliche Verluste.
Bei vielen Menschen steht die Existenz auf dem Spiel. Auch wirtschaftlich.
Menschen haben Angehörige verloren und konnten sie noch nicht mal richtig beerdigen.
Kindern waren bislang Schule und Kindergarten verschlossen.
Menschen in den Altenheimen und Krankenhäusern waren und sind isoliert und einsam.

Aber ich hoffe darauf, dass es so nicht bleibt. Die Zeiten werden sich wieder ändern. So wie sich die Zeiten vom Exil in Babylon und dem Zeit des Todes Jesu am Karfreitag geändert haben, werden sich auch diese Zeiten wieder ändern.

Schauen wir uns nun diesen uralten Worte aus dem Jesajabuch als ein Hoffnungsbild an, als ein Hoffnungsbild für Menschen, die es 50 Jahre aushalten mussten, verschleppt zu sein, und denen es 50 Jahre verboten war, die Heimat aufsuchen.

Was hat diesen Menschen damals Hoffnung gegeben? Was hat ihnen Kraft gegeben, mehr als 50 Jahre durchzuhalten?

Ich habe ein Hoffnungsbild gefunden, das mit den Sternen über dem Himmel und den Schwingen des Adlers am Himmel zu sehen ist. Darüber bin ich ins Nachdenken und Sinnieren gekommen:

Ich sehe den Adler vor mir über den Himmel schweben mit Adlersflügeln.

31 „Aber alle, die ihre Hoffnung auf den HERRN setzen, bekommen neue Kraft. Sie sind wie Adler, denen mächtige Schwingen wachsen. Sie gehen und werden nicht müde, sie laufen und sind nicht erschöpft.“

Ein kraftvolles Bild, aber ich spüre auch die Müdigkeit eines ganzen Volkes, das nicht mehr kann und will. Es fühlt sich nicht wie ein Adler. Es fühlt sich eher wie ein Huhn unter lauter Hühnern. Ich spinne diesen Gedanken weiter:

Manchmal fühle ich mich wie ein Huhn zur Bodenhaltung verdonnert, eingegrenzt und eingezäunt.

Wie ein Vogel, unfähig zu fliegen,

flatternd, hin und her suchend, pickend, immer auf der Suche nach einem Korn.

Manchmal fühle ich mich wie am Boden eingesperrt,

unfähig mich groß zu bewegen,

eingesperrt von Ausgangsbeschränkungen und den Erwartungen anderer.

Und sie reden mir ein,

ein Huhn zu sein, ein Huhn unter vielen Hühnern, die alle denken und picken wie ich.

Manchmal wird mir alles zu viel oder auch zu blöd

und ich möchte einfach meine Ruhe habe,

Ein Abstand und gewisse Distanz zu den Zwängen und Notwendigkeiten dieser Welt

Das täte mir gut!

Manchmal habe ich das pickende Tun und Machen eines Huhnes satt,

bin sogar des Zuhörens müde

und der Forderungen leid.

Manchmal wird alles um mich herum zu laut, das Geschrei der anderen nervt.

Alle stürzen auf mich ein,

alle zerren an mir zerren und jedes Huhn will etwas von mir:

Erledige das, tue das, vergiss nicht den,

lass das sein, sprich zu diesem

und schweige zu jenem.

 

Manchmal fühle ich mich so kraftlos wie ein Huhn am Boden.

Hilflos den Zwängen und Anforderungen um mich herum ausgeliefert,

ohnmächtig, aus meiner Rolle als Huhn herauszuschlüpfen,

und dann möchte ich wie ein Vogel fliegen,

zuerst wie ein Spatz, oder Rotkehlchen mit den Flügeln unaufhörlich schlagen.

Aber dann entdecke ich zu meiner großen Freude,

ich bin ein Adler!

 

Und ich beginne

wie ein Adler meine Flügel ganz weit auszubreiten,

Ein paar Mal schwinge ich zaghaft mit den Flügeln,

bis ich dann doch tatsächlich abhebe

und frei bin von aller Bodenhaftung.

Und ich spüre mit jedem Flügelschlag

Wie die Kraft wächst und neue Kräfte mir zukommen.

 

Meine weiten Flügel tragen mich ohne Anstrengung in den Himmel.

Frei wie ein Adler drehe ich hoch oben im Himmel meine Runden,

mühelos schwebend, mühelos kreisend.

 

Und bin ich oben, beginne ich mich von allem lösen, was mich belastet  und noch belastet,

Die Sorgen auf der Arbeit, die Probleme mit dem Chef, die Sorge um die anderen.

Auch diese Corona-Epidemie mit all ihren Folgen.

 

Ich lasse alles hinter mir.

Nichts schränkt mich ein.

Nichts kann mich am Boden fesseln.

Es gibt keine Grenzen.

Alle ist mir möglich,

ich bin frei wie ein Adler.

Frei wie ein Adler in der Luft, über den Wolken seine Runden dreht,

wo die Freiheit grenzenlos scheint.

Frei wie ein Adler hoch oben im Himmel,

entscheide ich selbst, wie nahe ich der Welt mit ihren Sorgen kommen will,

Ich habe es selbst in der Hand,  genauer, in den Schwingen,

ein Flügelschlag und ich drehe ab.

Niemand kann mich zu irgendetwas zwingen.

 

Frei wie ein Adler hoch oben im Himmel drehe ich hoch oben meine Runden.

und wenn ich nach unten sehe mit scharfem Adlerauge,

sehe ich alles mit anderen Augen,

aus anderer Perspektive, mit mehr Überblick.

Und ich sehe plötzlich keine Probleme mehr

und keine Herausforderungen,

sondern erkenne Zusammenhänge und Lösungen

und ich weiß, wo ich eingreifen muss.

Oder wo ich es lasse.

Und unabhängig von dem, was unten ist,

genieße ich es, einfach über den Dingen zu schweben,

einfach zu sein.

 

Frei wie ein Adler hoch oben im Himmel bekomme ich neue Kraft für die Aufgaben, die da unten auf mich warten.

31 „Aber alle, die ihre Hoffnung auf den HERRN setzen, bekommen neue Kraft. Sie sind wie Adler, denen mächtige Schwingen wachsen. Sie gehen und werden nicht müde, sie laufen und sind nicht erschöpft.“

 

Und nun machen wir einen Perspektivenwechsel: Schauen wir als Adler hoch oben im Himmel herunter zu uns Menschen hier unten auf der Erde:

 

, 26 Schaut den Himmel an: Wer hat die unzähligen Sterne geschaffen? Er ist es! Er ruft sie, und sie kommen hervor; jeden nennt er mit seinem Namen. Kein einziger fehlt, wenn der starke und mächtige Gott sie antreten lässt.“

Schaut,

sagt uns der Adler hoch oben im Himmel.

Hier oben kann ich es ganz deutlich sehen:

 

Ihr Menschen da unten

Mit eurem Gedanken-Karussell

 

Schaut, wie wichtig ihr euch nehmt

Wie ihr euch für unentbehrlich haltet.

Und Sondertagungen haltet

Und Krisensitzungen für unverzichtbar haltet,

selbst für nicht systemrelevante Menschen.

 

Schaut

Wie klein ihr Menschen seid und unbedeutend

Wie klein selbst eure Hochhäuser und Finanztürme sind.

 

Schaut

Wie klein selbst eure Kirchen und Dome sind

Und was gestern so wichtig war,

seht wie unwichtig und belanglos es heute ist.

 

Schaut, so wird es mit den ach so wichtigen Themen von heute sein.

Irgendwann wird Euch Corona unwichtig geworden sein

Und anderes drängt sich Euch in den Vordergrund.

In 10 Jahren sind die Probleme von heute die Probleme von gestern,

erledigt und vergessen.

Seht, was heute ewig zu sein scheint, ist irgendwann vorbei.

 

Schaut,

wie klein und relativ eure Menschen-Gedanken sind,

heute hier, morgen dort

wie ihr das große Ganze nicht begreifen können,

wie auch ganz unten auf eurem Standort.

 

Schaut

Die Sterne im Kosmos sind Gottes Werk.

Sie sind keine Götter, wie die Menschen um euch glauben.

Sie sind Sternenstaub wie alles auf dieser Welt, das euch in Beschlag nehmen will.

 

Schaut

Die Sterne sind keine Götter, auch die Dinge heute, die euch zu Sternen werden wollen:

Gesundheit um jeden Preis nicht,

Geld und Macht ebenso nicht,

Konsum auch nicht, Wohlstand und Erfolg auch nicht.

Nicht einmal das unverhoffte Glück auf Erden macht euch glücklich.

 

Schaut

Worauf es ankommt im Leben:

Dass ihr Menschen kennt, die euch lieben

Und ihr sie auch.

Dass eure menschlichen Beziehungen so gut gepflegt sind,

dass ihr euch in Krisenzeiten darauf zurückziehen könnt.

 

Schaut

Worauf es ankommt im Leben:

Dass eure Arbeit und euer Dasein

Euch Sinn gibt und ihr Sinnvolles tun könnt in eurem Leben.

 

Schaut

wer systemrelevant ist in Krisenzeiten:

nicht die Finanzmanager und Banker,

nicht die großen Stars und Champions,

nicht die Prominenten und Selbstdarsteller,

sondern die Menschen,

die an der Kasse, an der Mülltonne, im Altenheim, im Krankenhaus

ihren Mann bzw ihre Frau stehen.

Menschen, die da sind für andere.

 

Woher können wir also Kraft schöpfen in schwierigen Zeiten:

Wenn wir an die Sterne denken, die uns daran erinnern, was wirklich wichtig ist auf Erden. Wir bekommen wie Adler Flügel, wir bekommen Abstand und Distanz zu dem, was uns gerade in Beschlag nimmt.

 

Was immer auch für dich und mich momentan Babylon oder Corona bedeutet und in Beschlag nimmt,

diese Zeit wird auch vorbei gehen

und wir werden die Kraft bekommen, diese Zeit zu durchstehen.

Amen.