Von Schwuppdiwupp-Gebeten und ob`s das Beten überhaupt bringt.

Lukas 11,5-13 Beten – was bringt´s?  Rogate 9.5.2021 Trautskirchen

Liebe Gemeinde, und liebe Konfis,

ich wünschte, es wäre so einfach: Ich bete und bekomme prompt, was ich möchte. Ich bitte Gott um etwas und er wird es mir geben. Ich suche etwas, ein kurzes Stoßgebet nach oben, und schon habe ich gefunden, was ich verloren habe. Ich klopfe an bei Gott und prompt wird mir von ihm die Tür aufgetan und ein freundlicher Gott fragt mich: „Manfred, wie schön, dass du bei mir anklopfst! Was kann ich für dich tun?“

Ich stelle mir für einen kurzen Moment vor, es würde wirklich so sein, wie ich es gerade geschildert habe: Jedes Gebet von mir findet seine Erhörung. Ich bitte und bekomme prompt. Kein Gebet ist unerhört! Unerhört wäre das!

Wenn jedes Gebet von mir erhört wird, dann werde ich als Allererstes Gott um das Ende von Corona bitten: Also, Gott, ich bitte dich, mach dem Coronavirus ein Ende, das es von heute auf morgen nicht mehr da ist. Schwuppdiwupp. Kein einziger Coronakranker mehr!

Wenn jedes Gebet von mir erhört wird, dann werde ich als zweites bei jedem Kranken, der mir begegnet, ob unheilbar oder nicht, getrost und heiter Gott um Heilung bitten. Mensch, das wäre doch was! Schwuppdiwupp. Kein Kranker mehr! Ich gehe durch das Krankenhaus, und schwuppdiwupp  die Krankenbetten leeren sich kraft meines Gebetes.

Wenn jedes Gebet von mir erhört wird, werde ich Gott nicht so allgemein um Frieden in der Welt bitten: o Nein, Gott, ich bitte dich, beende jetzt sofort alle Kriege auf dieser Welt. I Schwuppdiwupp! In Syrien und Afghanistan sollen die Waffen einrosten. Schwuppdiwupp! Den Terroristen und den Waffennarren der Welt sollen ihre Waffen zu Bananen werden, wenn sie sie auch nur anfassen. Schwuppdiwupp!

Und Gott, wenn ich schon dabei bin:  Lass die Menschen in der AFD, diese Querdenker und Wutbürger einfach zu Verstand kommen. Schwuppdiwupp!

Na, das schaut doch ganz gut aus, Gott! Auf einmal haben diese Leute Verstand und gehen achtsam mit dem Leben um. Weil das so gut geklappt hat, bitte ich dich, Gott um Verstand und Weisheit für alle Politiker.  Schwuppdiwupp!  Ich bitte dich Gott für die Armen um ein Grundeinkommen, das keiner von Harz4 leben muss und lass die Reichen großzügig werden. Schwuppdiwupp! Wahnsinn, was da alles passiert, nur wenn ich bete.

Ach, dann fällt mir ein, ich kann Gott natürlich auch die Kirchen bitten. Letzten Sonntag waren so wenig Leute in der Kirche. Bitte, lieber Gott. Ab sofort wieder volle Kirchen, interessierte Gemeindeglieder, engagierte Christen und jedes Jahr solch am Glauben interessiere Konfis wie Euch. Schwuppdiwupp!

Wenn jedes Gebet von mir erhört wird,  … Ich geb´s zu, vermutlich hätte ich zuallererst lange vor all diesen Wünschen Gott um das Eine oder Andere für meine Familie und mich gebeten. Bittet, so wird euch gegeben. Warum nicht auch an sich selber und die eigene Familie denken? Also vielleicht doch auch gleich am Anfang: Lieber Gott, ich bitte Dich für den einen oder anderen in meiner Familie… Ach, was ich da Gott bitte, geht keinen sonst was an. Das ist privat.   Pause  –  Also Gott mach mal: Schwuppdiwupp!

Bittet, so wird euch gegeben. Ja, wenn das Beten so einfach wäre!  Schwuppdiwupp!

Mir ist Wolfgang Niedecken eingefallen, mit seiner Kölschen Band BAP hat er schon 1982 das Lied auf kölsch gesungen:                                     Lied kurz anspielen

Wenn et Bedde sich lohne däät

Ich trage eine Übersetzung ins Hochdeutsche vor:

„Wenn das Beten sich lohnen täte, was meinst du wohl, was ich dann beten täte. Ohne Prioritäten, einfach so wie es käme finge ich an. Nicht bei Adam und nicht bei Unendlich, trotzdem jeder und jedes käme dran. Für all das, wo der Wurm drin, für all das, was mich immer schon quält, für all das, was sich wohl niemals ändert. Klar – und auch für das, was mir gefällt. … für das Wetter und die Stunden mit dir, die zu kurz. Ich täte beten, was das Zeug hält, ich täte beten auf Teufel komm raus, ich täte beten für was ich gerade Lust hätte, doch für nichts, wo mir wer sagt: „Du mußt! …

Ich täte beten für Sand im Getriebe, und jede Klofrau bekäme Riesenapplaus. … Täte die Rubel bremsen, die rollen, Kronjuwelen verbannen auf den Schrott, ließe alle Grenzen und Schranken verschwinden, jeden Speer, jedes Gewehr, jedes Schafott.

Vielleicht beneide ich auch die glauben können, doch was soll das, ich jage doch kein Phantom. Gott, wäre Beten bloß nicht so sinnlos…“

BAP steht stellvertretend für so viele Menschen, die sich ernsthaft fragen:  Na, ob sich das Beten wirklich lohnt? Sehr viele Menschen stehen dem Glauben distanziert gegenüber. Für sie ist Beten logischerweise auch eine etwas fragwürdige Angelegenheit: „Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ob Beten sich wirklich lohnt? Beten bringt´s das?““ Mit dieser Haltung steht BAP nicht allein. Und der Sänger Wolfgang Niedecken hält sich das Beten als Möglichkeit ja noch offen. Vielleicht, singt er, kommen wir ja mal zu dem Punkt, wo Beten sich vielleicht doch lohnen „dät“.

Andere Menschen beten gerne und viel. Und sind auch fest davon überzeugt: Beten bringt´s. Beten bewirkt etwas. Wenn wir am Ende sind mit unserem Latein und unserer Weisheit, dann, sagen sie, können wir nur noch beten.

Ich gestehe, ich bin skeptisch, wenn ich diesen Satz höre:  Da hilft nur beten! Nicht in dem Sinn: Ich möchte etwas. Bitte Gott. Er schweigt. Ich bete wieder und wieder und dann mit Verstärkung mit anderen. Und gemeinsam bringen wir Gott dazu, unser Gebet zu erfüllen. So möchte ich Beten nicht verstehen. Wir können schon Gott ernsthaft bitten, auch miteinander. Aber wenn Gott unser Gebet nicht erhört, ist es gut. Geben wir vor allem dem anderen nicht die Schuld: Du hast halt nicht ernsthaft gebetet oder nicht genug gebetet. Irgendwann ist Schluss mit dem Beten. Und ich muss es akzeptieren, wie es ist. Irgendwann muss ich Amen sagen: So sei es nun. Amen.

Bittet, so wird euch gegeben! Ich merke, auf diesen Satz reagiere ich selbst zwiespältig. Ich glaube es ja tatsächlich. Beten lohnt sich. Ich glaube es ja tatsächlich: Da ist ja wirklich jemand da, der mein Gebet hört. Aber dieser jemand erhört in den seltensten Fällen mein Gebet und schon gar nicht sofort.

Bittet, so wird euch gegeben! Vor diesem Satz schrecke ich zurück. Klingt nach: Gebet und Schwuppdiwupp!

Manchmal habe ich Gebet als so eine Art Schwuppdiwupp-Gebet verstanden. Manchmal habe ich so schwuppdiwupp-mäßig gebetet. Manchmal habe ich, wie es BAP im Lied formuliert hat, auch „auf Teufel komm heraus“ gebetet. Aber gerade denn, wenn ich was mit dem Gebet schwuppdiwupp-mäßig erzwingen wollte, habe ich es oft genug erlebt: Schwuppdiwupp  – Ätschibätsch! Gott läßt sich nicht nach meinen Wünschen und Vorstellungen verbiegen.

Gott sei Dank! Gott steht uns für Schwuppdiwupp -Gebete nicht zur Verfügung. Er greift nicht ein, nur weil ich so gerne hätte.

So  höre ich bei diesen Satz Jesu immer einen Nachsatz mit: „oder auch nicht“:

Bittet Gott, und er wird euch geben, oder auch nicht mit! Sucht, und ihr werdet finden, oder auch nicht. Klopft an, dann wird euch die Tür geöffnet.  Oder auch nicht!

Ja, ich weiß, Jesus will uns mit diesem Satz Mut machen zum Gebet: Traut Euch zu Gott zu kommen mit eurem Gebet. Gott hört euer Gebet und Beten bewirkt etwas bei Gott!

Ich selber kann es momentan glauben: Im Beten steckt auch heute eine Kraft, die etwas bewegen kann. Eine Kraft, die etwas verändern kann. Eine Kraft, die in unserem Leben das, was in uns zerbrochen ist, wieder heilen kann. Achtsames Beten hilft uns, auf Gottes Wirken in unserem Leben zu achten. Beten weckt in uns Kräfte, gerade dann, wenn wir am Ende unserer Möglichkeiten sind.

Aber das können wir nicht herbeizaubern. Schwuppdiwupp! Es ist auch durch noch so ausgefeilte Gebetsübungen nicht herzustellen.  Wir haben es nicht in der Hand, ob und wie Gott auf unsere Gebete antwortet. Ob das Beten was bringt, hängt nicht von uns ab.

Wenn wir Menschen  zu Gott beten,  erfahren wir beides: Dass Gott mein Gebet erhört oder auch das andere: Dass er mein Gebet anscheinend nicht erhört.

Ihr kennt vielleicht auch solche Erfahrungen mit Gebet:   Ich bitte und merke beim Bitten, dass es nicht ins Leere geht. Ich bete und ich spüre dabei Gottes Nähe, die mich trägt, die mir die Kraft gibt, etwas durchzustehen, noch während ich nach einem Weg suche. Viele von uns kennen solche intensiven Gebetserfahrungen. Ich bete und merke, da geht eine Tür auf, da tut sich etwas. Mein Gebet wird erhört. Da steckt Kraft drin, Power. Da geschieht was!

Aber bestimmt kennt ihr auch diese anderen Erfahrungen mit dem Gebet:  Ich bitte und bete und spüre nur Leere und Bodenlosigkeit. Ich kann nicht mehr bitten. Ich höre nur ständig die Fragen in mir laut werden: Wie kann das Schreckliche nur geschehen? An Corona sterben mit 32? Oder wie können sich Menschen dies alles antun? Gewalt, Hass, bis Mord und Totschlag bis hin zum Holocaust. Wie kannst Du Gott das zulassen?  Mein Gott, wo bist du überhaupt? Und ich bete und merke, die Tür bleibt verschlossen. Ich renne gegen eine Tür an und sie bleibt verschlossen.

Es sind gegensätzlichen Erfahrungen, die wir im Leben auf ganz unterschiedliche Weise machen. Ich möchte als Christ beides sagen, möchte beides tun können:

a) Ich möchte das Beten nicht aufgeben. Ich spüre ein unendliches Gottvertrauen, eine unglaubliche Gelassenheit, in  die mich Jesus hineinnimmt, wenn er sagt, „Bittet, so wird euch gegeben!“   Ich möchte dieses schlichte Gottvertrauen immer wieder neu spüren, wenn ich Gott um etwas bitte. „Euer Vater im Himmel weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr es im Gebet aussprecht!“ Beten lohnt sich. Selbst wenn es anders kommt als gedacht.

b) Aber gleichzeitig möchte ich die Dunkelheiten in meinem Leben nicht verschweigen, in denen ich nicht mehr bitten kann, nur noch klagen oder schweigen; wo mir jede Bitte leer erscheint, kraftlos, ohnmächtig. Es gibt doch solche Zeiten im Glaubensleben vieler Christen und anderer religiöser Menschen, wo wir nur noch eines hoffen können:  dass Gott da ist, auch wenn wir ihn nicht spüren in unserem Schreien, Klagen und  Verstummen.  Und diese Zeiten gehören genauso zu den Glaubenserfahrungen, in denen ich durch das Gebet Kraft und Mut schöpfe und sich tatsächlich in mir etwas zum Guten verändert.

Es gibt eben auch das Schweigen Gottes.  Manchmal schweigt Gott. Am Kreuz hat Jesus dieses Schweigen Gottes aushalten müssen: „Mein Gott, warum!“ Da hat Gott geschwiegen!

Jesus kennt also auch die andere Seite des Gebetes. Deshalb würden wir seine Geschichte vom bittenden Freund gründlich falsch verstehen: Wenn du Gott genug nervst, wird Gott deine Wünsche so erfüllen, wie du dir das wünscht. So nicht. Das wird auch am Ende klar.

Am Ende sagt Jesus etwas, was wir gewöhnlich übersehen, überhören, überlesen: Gott gibt uns im Gebet nicht Kraft, Mut, nicht Heil oder das, was wir uns wünschen. Gott gibt uns            seinen Geist.

„Wie viel mehr wird der Vater im Himmel

den Heiligen Geist denen geben, die ihn darum bitten.«

Wenn wir beten, wird er uns seinen Geist geben. Sein Geist wird uns helfen, einen Weg zu finden. Sein Geist wird uns zeigen, wo unser Beten Sinn macht und wo es besser ist zu schweigen.. Und wenn wir selber nicht mehr beten können aus lauter Verzweiflung, wird sein Geist für uns beten.

Amen.

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